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Vom Wesen ägyptischer Tempel (Teil 4) von Merienptah

Religiöse Landkarte
Zusammengefasst stellen Grundriss und Aufbau eines Tempels also einen ganzen Kanon von kosmischen Regeln dar.
So ist der Tempel also vom Eingang zum Allerheiligsten nach einer „imaginären“ Ost-West-Achse ausgerichtet, die dem Sonnenlauf folgt.
Nebeneingänge für Priester, also die Wege für den täglichen Kultablauf, liegen im rechten Winkel zu dieser göttlichen Achse und bilden eine weltliche Nord-Süd-Achse, die sich an der Fließrichtung des Nils orientiert, der in Kemet ja die Hauptverkehrsader der menschlichen Welt darstellt.
Der Fussboden des Tempels steigt vom Hof zum Allerheiligsten in mehreren Stufen, an den Urhügel erinnernd, an und mit der Erhöhung des Bodens nimmt die Höhe der Decken und Durchgänge ab. Der Boden symbolisiert die fruchtbare Erde und die Decke den sternenübersäten Himmel. Tragende Teile wie Säulen und Türstürze stellen die Vegetation dar, die vom Boden in den Himmel wächst und somit beide Sphären miteinander verbindet.
Das Allerheiligste mit der Kultbildkammer liegt auf der Mittelachse im hinteren Tempelbereich am weitesten vom Eingang entfernt.
Die Götterbarke wird in einem Kultraum vor dem Allerheiligsten aufbewahrt und die täglichen Opferhandlungen finden davor in einem eigenen Raum statt.
Fenster gibt es nicht um der chaotischen Außenwelt keinen Weg ins Innere zu bieten, somit ist das Innere des Heiligtums, außer bei Heiligtümern des Sonnenkultes, immer in Dunkelheit gehüllt.
Auch müssen bei den Ritualen immer erst die äußeren Türen verschlossen werden, bevor die Inneren geöffnet werden können um keinen direkten Durchgang von außen nach innen zu ermöglichen.
Und zu guter Letzt ist der Tempel noch von einer oder mehreren Mauern umschlossen, die ihn komplett von der Außenwelt abschotten und jeden unbefugten Blick ins Innere verwehren. Auch darf der Tempel niemals von Unbefugten betreten werden, nur die Priesterschaft hat Zugang zu seinem Inneren.
Und innerhalb der Priesterschaft entscheidet der Priestergrad wie weit sich der Priester dem „Sitz der Gottheit“ nähern darf.

Amun-Tempel Luxor
Am Tempel von Luxor sieht man gut wie der Dromos eines kemetischen Tempels aussehen sollte. Eine Allee von Sphingen und Baumreihen begleiten die Strasse, die direkt auf die durch einen Pylon gebildete Tempelfront führt. Vor dem Tempel stehen Obelisken (einer fehlt hier) und verschiedene Statuen…

Zugang zum Allerheiligsten haben nur die ranghöchsten Priester und deren direkte Stellvertreter, aber das genauer zu erläutern würde jetzt auch zu weit führen.

Bereits die Grundsteinlegung eines kemetischen Tempels ist ein mythologisierter Vorgang und Gegenstand eines uralten Rituals, das unter Anwesenheit und Mithilfe der Göttin Seschat selbst ausgeführt wird.
Mit dem „Spannen des Strickes“ wird Ausrichtung und Umriss des zu gründenden Baues bestimmt.
Unter den Ecken werden Grundsteinbeigaben verborgen, die den Bau vor bösen Einflüssen von außen bewahren sollen. Diese beigaben bestehen aus Gefäßen mit Opfergaben wie Speiseopfern, übelabwehrenden Amuletten und Modellwerkzeugen. Dazu kommen auch Täfelchen mit dem Namen des Tempels, seines Besitzers und des Erbauers.
Nach der Vollendung des Baues wird dann die kultische Reinigung des Tempelgeländes vollzogen und mit der Zeremonie der „Mundöffnung“ die magische Verlebendigung des Baues und seine Verwandlung in einen Achet, einen Götterhorizont, bewirkt.
Erst damit erlangt der Bau seinen funktionsfähigen Zustand als Wohnstätte der Götter und kann an seinen Herrn übergeben werden.
Wichtig dabei ist auch die „Taufe“ des Tempels, denn jedes Heiligtum hat einen eigenen Namen.

Nach der Namensgebung kann der normale Kultbetrieb im Tempel beginnen, der an jedem Tag nach dem gleichen Muster abläuft.
Das häufigste Ritual ist das täglich dreimal vollzogene Kultbildritual. Es hat seinen Ursprung in den Diensthandlungen der Dienerschaft im herrschaftlichen Haushalt und umfasst die vollständige Versorgung des Kultbildes, also des Hausherren, von seiner Reinigung und Bekleidung bis zur Versorgung mit Speise und Trank.
Weitere tägliche Rituale sind das Morgenritual, bei dem die Gottheit geweckt wird und bei der das „Tagesprogramm“ durchgegangen wird (wie ein Briefing des Hauspersonals in einem herrschaftlichen Anwesen) sowie das Abendritual bei dem der Hausherr des Tempels das „Tagesresümee“ zieht und für die Nacht vorbereitet wird.

Der Kalender Kemets ist so angefüllt mit Götterfesten, dass die Routine der täglichen Zeremonien sehr häufig durch besonders festliche Handlungen bereichert wird. Dies sind insbesondere das 5 Tage andauernde Neujahrsfest, das Eintreffen der Nilschwemme, das Hervorkommen der Sopdet, das 17 tägige Opetfest, das Sokarfest, das große Ipipfest, das schöne Fest vom Wüstental und zu guter Letzt die Epagomenen, die letzten fünf Tage des Jahres.
Dazu kommen noch die monatlich stattfindenden Reinigungsfeste, die Feste zum Jahreskreis und unzählige weitere Feiertage wie die tempelinternen Mysterienspiele zu Ehren des Osiris, bei denen der gewaltsame Tod und die Auferstehung des Osiris szenisch dargestellt werden.
Bei derartigen feierlichen Anlässen werden auch die Kultbilder aus dem Tempelinneren ans Tageslicht gebracht und auf Prozessionen durch ihre Herrschaftsgebiete geführt.
Heutzutage beschränken sich derartige Prozessionen auf Umrundungen des Tempelhauses innerhalb des Tempelbezirkes, in alter Zeit führten sie durch die ganze Stadt und einige sogar über noch größere Distanzen.

Zu diesen Anlässen werden die Kultbilder aus ihrem steinernen Naos herausgehoben und in einen kleinen hölzernen Tragschrein oder in die Kajüte einer tragbaren Götterbarke platziert.
An langen Tragestangen kann diese schwere Barke von einer größeren Anzahl Priester angehoben und aus dem Tempel ins Freie getragen werden. Diese Barke muss während der Prozession in bestimmten Abständen auf vorbereiteten Sockeln abgestellt werden um den tragenden Priestern und der „reisenden Gottheit“ eine Verschnaufpause zu gewähren. Dies sind die bereits erwähnten Barkenstationen, in denen der Gottheit auch Opfergaben (Erfrischungen) dargebracht werden.
Diese Feste werden auch von Musik und Tanz begleitet um die Gottheit auf ihrer Reise zu unterhalten.

Der normale Tagesablauf im Tempel ist neben den Kulthandlungen natürlich weitaus weniger festlich und von ganz alltäglichen und weltlichen Arbeiten geprägt.
Die Hauptaufgabe der Priesterschaft besteht in der Vorbereitung der Opfergaben und der Reinigung der Tempelräume und des Kultgeschirrs, also ganz normaler Hausarbeit. Weiterhin müssen die Außenanlagen und Gärten gepflegt und die Gebäude instand gehalten werden. Von diesen Tätigkeiten leitet sich auch die geläufigste Amtsbezeichnung der Priester Hem-netjer, also „Gottesdiener“ ab.
Weiterhin wird in der Tempelschule, die zum Tempelarchiv gehört, die nächste Generation der Priesterschaft ausgebildet. Dort werden auch unsere alte Schriften aufbewahrt, restauriert oder gegebenenfalls erneuert in dem sie kopiert werden.
Somit ist ein Tempel auch eine Bibliothek und ein Wissensspeicher.
Und in der angeschlossenen Tempelwerkstatt werden von den Priestern Kultgeschirr und Ritualgegenstände hergestellt, die für den täglichen Betrieb vonnöten sind sowie Grabstelen für das kemetische „Volk“ und andere Gegenstände des Totenkultes.

Karnak-Tempel
In einer anderen Halle des Karnaktempels sieht man wie die Decke dunkelblau bemalt ist um den Himmel zu symbolisieren…

Der gesamte Tempelbezirk ist also keinesfalls ein Gebetshaus für Gläubige sondern ein verkleinertes Modell der Welt oder gar des Kosmos und ein lebendiger und geschäftiger Ort des Kultbetriebes und des täglichen Lebens in dem die Priesterschaft, als Dienerschaft der Gottheit, dafür Sorge trägt, dass es dem Hausherrn an nichts mangelt und dieser sich somit seiner Aufgabe im Immerwährenden Schöpfungsprozess widmen kann.

Der Tempel ist die von der Außenwelt abgeschirmte Wohnstatt der Gottheit, vergleichbar mit einer herrschaftlichen Privatresidenz, einem königlichen Palast, in dem der Hofstaat den täglichen Ablauf und die Versorgung des Königs gewährleistet und kein Ort für „das Volk“ welches diesen Ort nicht betreten darf.
Das unterscheidet die kemetischen Tempel von dem was man sich heutzutage unter einem Tempel vorstellt, in dem die Gläubigen sich dem Göttlichen nähern und ihre Gebete verrichten, ähnlich einer christlichen Kirche. Mit einem solchen öffentlichen Kultbau hat der kemetische Tempel rein gar nichts gemeinsam.

Dies soll nun erst mal genug sein und einen kleinen Türspalt öffnen um doch mal einen neugierigen Blick in unsere für die Augen der Öffentlichkeit verschlossenen Heiligtümer gewähren.
In unseren Tempeln läuft entgegen aller Gerüchte nichts Geheimnisvolles und Okkultes ab, sie sind normale religiöse Bauten mit ihrem ganz eigenen Innenleben und Kultablauf, mit eigener Priesterschaft und eigenen Gesetzen und Regeln, der Außenwelt verschlossen aber dennoch nicht entrückt.

Damals wie heute, der Nil in Ägypten

29.03.15-Editorial

Hallo zusammen,
nach  der nächtlichen Umstellung hat uns nun auch die Sommerzeit wieder.
Wirklich frühlingshaftes hat das Wetter allerdings derzeit nicht. Draußen türmen sich die Wolken und es prasseln immer wieder Regenschauer herunter.
Doch wie heißt es so schön? „April, April. Der macht halt, was er will.“ Und bis der April beginnt, sind es ja auch nur noch wenige Tage.

Für das heutige Update habe ich passend für die nasskalte Übergangszeit, in der Erkältungen  immer noch gerne lauern,  einen Pflanzensteckbrief für den Sanddorn, einem der besten Vitamin C-Lieferanten unserer Breiten.
Außerdem gibt es heute den vierten und letzten Teil von Merienptahs Artikelreihe „Vom Wesen ägyptischer Tempel“.

 

Auch heute wünschen wir Euch viel Freude beim Lesen, und natürlich freuen wir uns auf Eure Kommentare und gerne auch Beiträge für unser Blog.

 
LG
Siat

Gedanken zu Ostara von Solveig

Heute begehen wir das Fest der Tag- und Nachtgleiche.
Ein Äquinoktium ist lt. Wikipedia der Moment, an dem die Sonne bei ihrer scheinbaren Jahresbewegung auf der Ekliptik den Himmelsäquator überschreitet.  Die Schnittpunkte von Ekliptik und Äquator werden Frühlings- und Herbst- bzw. Widder- und Waagepunkt genannt.

Die Tag- und Nachtgleichen sind Sonnenfeste.
Licht und Dunkel sind gleich stark. Es herrscht Ausgewogenheit, Gleichgewicht zwischen Tag und Nacht.
In diesem Punkt steckt die gesamte Fülle der Möglichkeiten.
Alles kann sich entwickeln – nach der einen oder der anderen Seite (come to he dark side, we have the cookies!).

Der Name des Festes könnte lt. Wikipedia auf Ostara oder „Eostre“, dem angelsächsischen Namen der teutonischen Göttin der Morgenröte, zurückgehen.
Lautgeschichtlich besteht „Os-tara“ aus zwei Silben.
„Os“ wäre demnach Mund-Schoß-Erde-Geburt-Entstehung.  Und „tar“ würde „zeugen“ bedeuten.
Ostara hieße demnach Erd-Zeugung.
Auch Osten beinhaltet die gleiche erste Silbe. Im Osten geht die Sonne auf, dort wird sie geboren.
Andere Quellen führen den Wortstamm auf Isis/Astarte/Ishtar zurück.

Zu Ostara sind die Felder bestellt.
Der Keim im Boden beginnt zu wachsen. Erste grüne Spitzen zeigen sich. Das Neue schafft sich seinen Raum.

Auch für uns Menschen ist die Zeit der Innenorientierung vorbei. Wir wenden den Blick nach außen und suchen neue Herausforderungen. Die Handwerksburschen gehen auf die Wanderschaft. Für das Jungvolk kommt die Zeit des „Liebäugelns“, oder neudeutsch des Flirtens. Neue Bindungen formen und festigen sich, neues Leben darf entstehen.

Im Ritual bitten wir nun um fruchtbaren Boden für unsere Werke oder bündeln die Energie, um das Wachstum magisch zu intensivieren.
Vorchristliche Symbole wie Ei (=> Wiedergeburt, Ursprung des Lebens) und Hase (=> besonders fruchtbares Tier) verbinden uns mit den Bräuchen vorangegangener Generationen. Schon früher wurden die Eier rot – in der Farbe des Blutes und des Lebens – gefärbt.

Rote Eier, Schoko-Osterhasen und Hefekranz finden sich auch heute auf unserem Gabentisch.
Lasst uns im Geiste unserer Vorfahren die Gaben des Frühlings feiern und uns daran laben. Vergesst jedoch nicht, den hohen Wesen und den Geistern des Ortes ihren Anteil abzugeben.
Auf dass es uns (und ihnen) wohl bekommen möge!

Vom Wesen ägyptischer Tempel (Teil 3) von Merienptah

Der heilige See von Karnak. Der See ist der grösste seiner Art und diente der Waschung der Priesterschaft, für sämtliche Reinigungsriten und für Bootsfahrten für den Gott. Ohne See oder Teich (mag er auch noch so klein sein) ist ein kemetischer Tempel unvollständig und nicht funktionsfähig…

 

Weiterhin gehören zu den meisten Tempelkomplexen sogenannte Barkenstationen.
Dies sind Ruheplätze für die Götterbarke bei ihren Prozessionen im Tempelgebäude selbst oder außerhalb der Tempelumwallung.
Diese Gebäude sind Stätten bei denen die Gottheit während einer Prozession ausruhen kann, aber sie haben auch einen nicht zu verachtenden Wert für die Priester, die die nicht gerade leichte Kultbarke während dieser Prozessionen auf ihren Schultern tragen müssen.
Grundsätzlich genügt zu diesem Zweck ein Baldachin oder zeltförmiger Unterstand. Oftmals werden diese Einrichtungen jedoch zu kleinen Heiligtümern ausgebaut. Sie treten in verschiedenen Forman auf.
Die erste Station auf dem Weg der Kultbarke ist meist der Säulensaal des Tempels selbst, der ja den Namen „Saal des Erscheinens“ trägt. Besonders das erhöhte oder durch einen weiteren Säulenabstand besonders betonte Mittelschiff dieses Saales kann als Säulenkiosk und somit als Barkenstation gelten.

Nach ähnlichem Prinzip ist die zweite Station im Tempelhof gestaltet, wo ja auch gelegentlich ein Säulenkiosk oder Baldachin steht. Im Gegensatz zur Barkenstation im Erscheinungssaal sind hier, in einer nach kemetischer Vorstellung bereits potentiell feindlicheren Umgebung, die Interkolumnien zwischen den Säulen durch Schrankenwände verschlossen, die einen direkten Einblick verhindern sollen. Bei hölzernen Baldachinen werden zwischen den Haltepfosten des Daches aus dem selben Grund Tücher gespannt die erstens Schatten spenden und zweitens die ruhende Gottheit vor den Blicken Unbefugter beschützen.

Als dritte Station ist der Säulenkiosk zu verstehen, der bei einigen Tempeln direkt vor dem Hauptportal errichtet wird und seine Rückwand an die Tempelfassade lehnt. Diese Kioske heißen auf ägyptisch Hajit, also „Hütte“ oder „Häuschen“.
Es sind entweder echte Säulenkioske, deren Außensäulen durch halbhohe Schrankenwände miteinander verbunden sind und nur einen Durchgang auf der Hauptachse haben oder sie bestehen aus parallelen Säulenreihen (meist vier), die an der Front und den Seiten komplett offenbleiben und die nur bei Prozessionen durch zwischen die Säulen gespannte Tücher geschützt werden.
In größerer Entfernung zum Heiligtum stehen meist weitere solche Stationskioske. Häufig nehmen die außerhalb des eigentlichen Tempelbezirkes gelegenen Barkenstationen die Form eines kleinen Tempels an in dem die Gottheit bei längeren Prozessionen auch über Nacht verweilen kann.

Hinter dieser Wand befindet sich das Hauptsanktuar des Amun-Tempels von Karnak. Alexander der Grosse hat diesen Schrein errichten und sich auf seinen Wänden vor dem Gott Amun abbilden lassen. Aus Respekt vor dem uns noch immer heiligen Ort hab ich nur die Aussenseite des Sanktuars fotografiert…

Als letzter Bestandteil eines kemetischen Tempelkomplexes müssen noch die Mammisi genannten Geburtshäuser (ägyptisch: Per-meset) genannt werden.
Diese sind zwar im Allgemeinen genau wie der eigentliche Haupttempel der gesamten Göttertriade geweiht, speziell richten sie sich aber an den weiblichen Partner der Götterfamilie und deren Kind.
Sie stehen innerhalb der Tempelumwallung, meist an der zum Haupttempel führenden Prozessionsstraße, rechtwinklig zu dessen Achse ausgerichtet.
Sie bestehen gewöhnlich aus einem dreiräumigen Sanktuar, das allseitig von einem mit Schrankenwänden verschlossenen Säulenumgang umgeben ist, der das Dach stützt.
Diese Bauform orientiert sich an den „Wochenlauben“ Kemets in denen die Frauen in alter Zeit ihre Kinder zur Welt brachten. Geburtshäuser sind gewissermaßen Prozessionsstationen, in die an bestimmten Festtagen die Götterprozession einzieht, um hier die Geburt des jungen Gottes zu feiern.

Diesem groben Muster des Bauplanes folgen alle Tempelbauten Kemets, die Großen wie die Kleinen.
Von Ort zu Ort wird dieser Masterplan den lokalen und kultischen Gegebenheiten angepasst, aber grob gesehen bestehen alle Tempel aus einer relativ hohen äußeren Umfassungsmauer, Prozessionsstraße, zweiter Mauer mit Tempeltor, Hof, Säulensaal, Opfertischraum und Sanktuar, umgeben von einigen Kult- und Lagerräumen.
Das Tempelhaus ist eingebettet in Gärten mit Blumenbeeten, einem Teich und dem Geburtshaus und im äußeren Bereich liegen noch einige Gebäude für Verwaltung, Werkstätten und Lager.

Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht folgen die kemetischen Tempel der heutigen Zeit doch ebenfalls diesem festgelegten Bauplan, allerdings weit weniger Monumental als die antiken Vorläufer und aufs Wesentliche zusammengeschrumpft. Der Schwerpunkt der Ausgestaltung hat sich mehr auf das Innere der Tempel verschoben, so dass die Außenansichten relativ unscheinbar gehalten werden. Dennoch sind auch in den modernen kemetischen Tempeln alle wichtige Kulträume und Nebengebäude vorhanden, genauso wie Gärten und ein Teich umgeben von einer abschottenden Mauer.
Auch der Kultbetrieb in den Tempeln der Neuzeit hat sich mehr auf das Innere verlagert und Prozessionen sowie Erscheinungsfeste finden ausschließlich im Inneren der Umfassungsmauer statt, so dass die Tempelbauten von außen nicht als solche in Erscheinung treten.

Das ist das Eingangstor in der Umfassungsmauer vor dem Chons-Tempel von Karnak. Das äussere Portal sozusagen. Dieses Tor bildet die Grenze zwischen der Welt der Menschen und der göttlichen Residenz. Dem normalen Volk war der Weg durch das Tor verschlossen, nur die Priesterschaft und der König durften dieses Tor durchschreiten oder der Gott wenn er sich in einer Prozession den Menschen zeigte…

Der kemetische Tempel ist nicht nur, wie man gerne glauben möchte, eine Bühne für den Kultbetrieb. Nein, für den Kemeten ist er weitaus mehr als das.
Wir sehen unsere Heiligtümer auf einer anderen, mythischen Ebene.
Wie bereits erwähnt ist der Tempel als Wohnstätte der Götter ein ins Diesseits herübergeholter Teil jener anderen Welt, in der die Götter wohnen und in dem andere Gesetze gelten.
Diese göttliche Sonderwelt im Hier ist nun interessanterweise als ein verkleinerter und abstrahierter oder kondensierter Kosmos gestaltet, der dem Vorbild des kemetischen Weltbildes folgt.
Diese kosmographische Eigenschaft eines Tempels, die „Welt“ darzustellen, führt jedoch nicht zu einem modellhaften Nachbau des kemetischen Weltgebäudes.
Assoziationen werden durch subtile Hinweise oder durch entsprechende architektonische Zitate und durch die Thematik des Dekorationsprogrammes heraufgerufen.

Der kemetische Tempel ist eine heilige Stätte des „Ersten Males“, also ein Urhügel auf dessen Grund der Urgott verborgen war, um dann am Weltanfang aus dem Urozean aufzutauchen um zum ersten Mal den Prozess der Schöpfung in Gang zu setzen.
Dieses Bild entspricht auch der natürlichen Situation eines Tempels der auf einer Anhöhe, und mag sie noch so klein sein, errichtet ist.
In Fällen wo die natürlichen Gegebenheiten keine Anhöhe bieten, wird extra für den Tempelbau vorher ein Hügel künstlich aufgeschüttet und in eine abstrakte Form eines Urhügels gebracht. Erhalten bleibt der Urhügelaspekt in übertragener Form auch in der erhöhten Lage der hinteren Tempelteile, besonders des Sanktuars, das jeweils auf einer auch noch so flachen Terrasse über alle vorderen Tempelräume erhöht steht.
Die letzte Ausformung des Bildes eines Urhügels finden wir im Naos.
Da in seinem Inneren das Kultbild der Gottheit geborgen wird, nimmt er die abstrakte Form eines solchen Urhügels an.
Er besteht aus hartem Gestein und ist von einem pyramidenförmigen Dach bekrönt, das ebenfalls als eine Darstellung des Urhügels aufzufassen ist. Darunter, quasi im Inneren des Urhügels, befindet sich dann die Aushöhlung, in der die Gottheit in ihrem Kultbild wohnt.

Ein Blick in die grosse Säulenhalle des Amun-Tempels von Karnak. Die Säulen stehen auf (einst schwarzen) Basen, die die fruchtbare Erde symbolisieren und stellen selbst zusammengeschnürte Bündel aus Pypyrusstengeln dar, die den Himmel tragen…

Auch in der Dekoration der Tempel Kemets tritt der Aspekt der aus dem Ursumpf hervorragenden Erde in der dunklen Farbe der Bodenbeläge hervor, in der schwarzen Bemalung des Sockelfeldes der Wanddekoration oder in der Darstellung eines Papyrussumpfes im untersten Teil der Wände. Im untersten Bildregister der Wanddekorationen treten dann auch meist Nil- und Fruchtbarkeitsgötter in Erscheinung, die quasi aus dem fruchtbaren schwarzen Untergrund ihre Gaben hervorbringen.
Das Motiv der aus dem Grund emporwachsenden Pflanzen kehrt schließlich in der Form der Säulen wieder, die einen Säulensaal in einen imaginären Pflanzenwald verwandeln oder einen heiligen Ort mit einem schützenden Papyrusdickicht umgeben.
So wie der Boden des Tempels den Untergrund der fruchtbaren Erde darstellt, werden die Decken zu einer Wiedergabe des Himmels.
Ihre Grundfarbe ist daher blau und sie sind mit einer Unzahl von gelben oder weißen fünfzackigen Sternen bedeckt. Auch sind über den Hauptdurchgängen Bilder von fliegenden Geiern und Falken angebracht, gelegentlich breitet sogar die Himmelsgöttin Nut ihren Körper über die Decke einiger Räume aus.

Auch in der Ausrichtung der Tempel und der Anlage des an die Wände angebrachten Bildprogrammes wird die natürliche Orientierung des Gebäudes bedacht, so schmücken die nördliche Hälfte des Baues Darstellungen mit den unterägyptischen Kennzeichen und die Südliche die oberägyptischen Pendants.
Grundsätzlich werden handelnde Personen auf den betreffenden Wandflächen in ober- und unterägyptischem Ornat dargestellt und auch die Wappenpflanzen der beiden Landesteile tauchen auf den zu ihnen gehörenden Wänden auf. Ebenso sind die bildlichen Darstellungen im Inneren der Tempel immer auf den Kultvollzug und die Aufrechterhaltung der Maat ausgerichtet.
Die Darstellungen auf den Außenwänden hingegen haben meist die Unterwerfung der Isfet, also den Kampf gegen das Chaos zum Thema. Dies verdeutlicht dass der Tempel der chaotischen Außenwelt den Zugang versperrt und in seinem inneren der perfekte Zustand der Maat herrscht.

Allerdings haben heutige kemetische Tempel an ihren Außenfassaden keine bildlichen Darstellungen mehr und die Außenanlagen sind auf ein Minimum reduziert, auch sind die Gebäude an sich weitaus weniger monumental und demzufolge viel kleiner als ihre antiken Vorgänger.
Die Fassaden sind in einem unscheinbaren weiß getüncht und nur an den „Schwachstellen“, also an den Türdurchgängen und den Oberkanten der Umfassungsmauern und denen der Wände mit kaum sichtbaren Schutzsymbolen versehen. Somit fallen die heutigen kemetischen Heiligtümer dem unwissenden Betrachter kaum ins Auge.
Weiter gehe ich an dieser Stelle auf das komplizierte Dekorationsprogramm jetzt mal nicht ein, da es den Rahmen dieser „kurzen“ Übersicht sicherlich sprengen würde.

Durch diese Ordnungssysteme (und viele weitere Regeln) wird der Tempel maatgerecht in die Weltordnung eingepasst und somit zu einer symbolischen Wiedergabe der göttlichen Schöpfung.
Seine Nordhälfte ist Unterägypten und seine Südhälfte Oberägypten, seine Ostseite der Bereich des Morgens, der aufgehenden Sonne zugewandt, und der Westen ist der Bereich des Sonnenuntergangs.
Allerdings können diese ganzen Regelungen, die Architektur und die Dekoration betreffend, bis zu einem gewissen Grad den realen Gegebenheiten untergeordnet und angepasst werden, wenn es notwendig ist. So stimmt die imaginäre Ost-West-Ausrichtung der Tempelachse nicht immer akkurat mit der geographischen Ausrichtung überein. Jedoch wird innerhalb des Tempels durch die Darstellung der Himmelsrichtungen dieser „Fehler“ korrigiert und seine tatsächliche Achse wird zur Wahrheit, wohingegen die reale Ausrichtung ihre Bedeutung verliert.
Das Bild wird somit zur Realität und der Tempel schafft sich durch die ihm innewohnende göttliche Kraft seine eigene Wahrheit.

 

Ende Teil III

22.03.15-Editorial

Frigg als Ostara; Künstler/Artist: Wägner, Wilhelm. 1882. (Nordisch-germanische Götter und Helden. Otto Spamer, Leipzig & Berlin. Page 124) ; Quelle: Wikimedia.org (Klick Bild)

 

Hallo zusammen,

nun ist er endlich da: Der Frühling!
Wir hoffen, dass Ihr ein schönes Ostara-Fest hattet und auch die partielle Sonnenfinsternis genießen konntet.
Hier in Franken hatten wir wolkenlosen Himmel und somit einen freien Blick auf das Spektakel, so man sich die Zeit nehmen und darüber hinaus noch eine der Spezial-Brillen ergattern konnte.
Viel sehen konnte man ohne Brille natürlich, aber die Veränderung der Lichtverhältnisse und das Absinken der Temperaturen waren dennoch wahrzunehmen und speziell.
Hier hab ich noch ein paar Bilder für Euch, auf der Ihr die Sonnenfinsternis als kleine Spiegelbilder (auch spiegelverkehrt  😆 ) sehen könnt 😉

Die Verfinsterung hat begonnen. Die Spiegelung könnt Ihr rechts oben über der Sonne sehen, kurz vor den Zweigen.
Die Verfinsterung hat begonnen. Die Spiegelung könnt Ihr rechts oben über der Sonne sehen, kurz vor den Zweigen. ©Siat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Höhepunkt der partiellen Sonnenfinsternis.  Ein wenig lassen sich vielleicht die Stimmung und die Lichtverhältnisse erahnen. Das Spiegelbild der Sonnenfinsternis seht Ihr zwischen Baum und Haus. © Siat
Der Höhepunkt der partiellen Sonnenfinsternis.
Ein wenig lassen sich vielleicht die Stimmung und die Lichtverhältnisse erahnen. Das Spiegelbild der Sonnenfinsternis seht Ihr zwischen Baum und Haus. © Siat

 

Fast am Ende angekommen.  Das Spiegelbild seht Ihr fast in der Mitte unterhalb der Sonne in Baumnähe.
Fast am Ende angekommen.
Das Spiegelbild seht Ihr fast in der Mitte unterhalb der Sonne in Baumnähe. © Siat

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit dem Einbruch des Frühlings ist es auch kommendes Wochenende wieder soweit: Die Uhren werden alle wieder eine

Quelle: helles-koepfchen.de

Stunde vorgestellt und wir einer Stunde beraubt.
Nutzen wir also noch die paar Tage, an denen wir normal schlafen können.  😉

Nun zum heutigen Update:
Heute findet Ihr den dritten Teil von Merienptahs Artikel-Reihe „Vom Wesen ägyptischer Tempel“.
Solveig lädt uns wieder dazu ein, an ihren Gedanken teilzuhaben, die sich natürlich um Ostara drehen: Gedanken zu Ostara.
Für unsere Kategorie „Im Allerheiligsten“, in der es um alles rund ums Ritual gehen soll, findet Ihr heute passend zum Frühlings-Fest der hinduistischen Großen Göttin (Frühlings- oder Chaitra-Navratri) einen von mir vom Englischen ins Deutsche übersetzten Hymnus, das Devi Mahatmyam Stotra Ashtakam.

Ich wünsch Euch viel Vergnügen beim Lesen und wie immer freuen wir uns auf Eure Kommentare, Anregungen, Kritiken und Beiträge 😉

LG
Siat