Vom Wesen ägyptischer Tempel (Teil 1) von Merienptah

Die Götter Kemets residieren nicht in einem weit entfernten Olymp, sondern (zumindest zeitweise) auf der Erde selbst inmitten der Menschen.
Die Tempel, also ihre Residenzen, sind aber als Teil einer anderen Welt den Menschen verschlossen.

Der kemetische Tempel ist ein Per-netjer, ein Haus für den Gott im vollsten Wortsinn. Die Tempel werden auch als Achet, als Horizont, bezeichnet; als ein Ort an dem die Gottheit erscheint, genau wie die Sonne bei Sonnenaufgang am Horizont erscheint.
In dieser „Exklave“ des Himmels leben die Götter in ihren Bildern. Ihre Kultbilder sind in gewissem Sinn die Körper der Götter auf Erden. Nicht ohne Grund heißt demnach in den Tempelannalen die Herstellung eines solchen Kultbildes „die Geburt des Gottes“.

Alle in der Tempelumwallung, also dem von einer hohen Mauer umschlossenen und den Blicken der Menschen entzogenen Tempelbezirk, zusammengeschlossen Einrichtungen haben letztlich die Aufgabe die im Tempel wohnenden Götter zu beschützen, zu pflegen und zu versorgen.
Die Kultbilder führen im Tempel ein elitäres, geheimnisvolles und von dem sie verehrenden Volk völlig abgeschirmtes Dasein.
Nur an bestimmten Götterfesten werden sie herausgetragen, um eine „Erscheinung“ zu feiern.
Fragen und Wünsche des Volkes an die Götter werden an solchen Tagen durch die Priester direkt den Gottheiten übermittelt und in Form von Orakeln beantwortet.

Gelegentlich sind an den Rückseiten der Tempel, also genau gegenüber der Stelle, an der sich im Inneren das Kultbild befindet, Kultstellen in Form von Scheintüren, Stelen oder Schreinen eingerichtet, von dem aus der im Tempel residierende Gott von außen erreicht werden kann.
Es gibt jedoch auch noch eine weitere Möglichkeit am Dasein der Gottheit im Tempel teilzuhaben und förmlich in die Götterresidenz „einzudringen“ und sogar dort mit der Gottheit zu „wohnen“, nämlich durch die Stiftung einer persönlichen Statue, die dann im Inneren des Tempelhauses aufgestellt wird und somit an den dort abgehaltenen Kulthandlungen teilnimmt.
Demzufolge ist das Innere der kemetischen Tempel nicht nur von Kultbildern, sondern auch von einer Vielzahl von Bildern bevölkert, die von Stiftern aus der normalen Bevölkerung stammen.
In diesen Bildern lebt, wie in den Kultbildern der Götter auch, der Ka der stiftenden Person und kann wie jene in den Genuss der ewiges Leben im Kreise der Götter verheißenden Rituale gelangen.
Hinzu kommen noch Weihegeschenke (kleine Tonfiguren und dergleichen), die die Bevölkerung als Dank für göttlichen Beistand den Tempeln stiftet.
Diese Figuren und Geschenke überfüllen allmählich die Innenräume der Tempel so sehr, dass sie von Zeit zu Zeit immer wieder ausgeräumt werden müssen.
Votivgaben können jedoch als Eigentum der Gottheit nicht zerstört werden, sondern werden innerhalb des Tempelbezirkes in großen Gruben rituell „beigesetzt“.
(In den alten Tempeln Kemets wurden solche Depots von den Archäologen entdeckt, diese sind für sie wahre Schatzgruben. Im Bereich des Karnak-Tempels wurde das bisher größte dieser Depots entdeckt, dort kamen über 17.000 Bronzestatuetten und 751 größere Statuen aus Stein zutage.)

Auch außerhalb der Tempelmauern fehlt es nicht an volkstümlichen Kultplätzen wie Höhlen, heiligen Tälern, Inseln oder Hügeln an denen das Volk mit den Göttern in Kontakt tritt und ihnen Opfergaben darbringt. Auch die privaten Wohnhäuser der Kemeten besitzen meist kleinere Kultstätten oder Schreine für die Schutzgottheiten der Familie.

Dass der Kemet ein derart aufwendiges System der Götterpflege auf sich nimmt, ist dadurch zu erklären, dass durch diese Umsorgung der Götter der ausgeglichene Zustand der Maat, der lebensspendenden Ordnung, hergestellt wird.
Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn Menschen und Götter gegenseitig ihren Beitrag dazu leisten, der Mensch durch Opfer und Kult, die Götter durch Erhaltung des Lebens und der Schöpfung. Wird dies nicht getan, versinkt die Welt in Chaos und Not, dann herrscht Isfet.
Die Durchsetzung der Maat auf Erden, also von Gerechtigkeit und Kult, obliegt dem König oder seinen direkten Stellvertretern. Erbauung und Unterhalt der Tempel gehört nicht in die Kompetenz einer weltlichen Lokalverwaltung, sondern ausschließlich in die Verantwortlichkeit des Königs, dessen Name allein in den Weiheinschriften erscheint. In den Tempelinschriften sind daher auch keine Verweise auf die Namen von Architekten oder einfache Priester zu finden, die die Pläne für den Bau und seine Ausstattung entwarfen.

Der kemetische Tempel ist in der Regel einer bestimmten Gottheit oder einer Göttertriade (Mutter, Vater, Kind) geweiht.
Wer sich einem solchen Heiligtum nähert folgt einer steingepflasterten Prozessionsstraße die meist von der Anlegestelle am Fluss bis zum eigentlichen Tempel führt.
Dieser Dromos ist von seitlichen Mauern abgeschirmt oder von Reihen von Sphingen begleitet, oft säumen auch Baumreihen diese zum Heiligtum führende Allee.
Dieser Zugangsweg endet für den nicht befugten Besucher normalerweise am Eingang zum eigentlichen Tempelbezirk, dem Per des Gottes, mit einem Tor in der Umfassungsmauer.

Grundriss des Horus-Tempels in Edfu, Ägypten. Schautafel an einer Miniatur-Rekonstruktion im Ägyptischen Museum Berlin. Bild: © Siat
Grundriss des Horus-Tempels in Edfu, Ägypten. Schautafel an einer Miniatur-Rekonstruktion im Ägyptischen Museum Berlin. Bild: © Siat

Dieser Zugang wird bei großen Tempeln von zwei Pylontürmen flankiert vor denen oft monumentale Stand- und Sitzbilder aufgestellt sind, die gelegentlich eigene Namen tragen und als Mittler zwischen Menschen und Göttern eigene Opfer empfangen.
Diese Prozessionsstraße setzt sich hinter dem Eingangstor fort und führt geradlinig auf das meist durch ein weiteres Portal geschützte Tempelhaus zu.
Kleinere Nebentempel wie zum Beispiel Geburtshäuser oder Barkenstationen und kleine Kapellen säumen den Weg.
Zu beiden Seiten der Straße und den eigentlichen Tempel an allen Seiten umschließend, erfüllt ein dichtes Gedränge von Bauten aller Art das Innere des Tempelbezirkes.
Einen Großteil der Fläche nehmen Magazin- und Lagergebäude ein, in denen die Rohstoffe untergebracht werden, die für den Tempelbetrieb benötigt werden. Dazu kommen administrative Einrichtungen wie Büros, Verwaltungsgebäude und Archive der Tempelverwaltung sowie Wohnhäuser für diejenigen Priester, die (zumindest zeitweise) direkt im Tempelbezirk untergebracht werden müssen. Oftmals gehören auch noch Werkstätten, in denen nicht nur Kultgegenstände und Statuen angefertigt werden, sondern in denen auch viele andere Handwerke vertreten sein können (beispielsweise eigene Schlachtereien und Tempelbäckereien) zu den Gebäuden die das gesamte Tempelareal zu einer richtigen kleinen Stadt in der Stadt machen.
Selbstverständlich fehlen neben diesen eher weltlichen Einrichtungen auch nicht solche, die enger mit dem Kult verbunden waren. So besitzen größere Tempel Bibliotheken für die religiöse Literatur und Schulen für die Ausbildung von Schreibern, Ärzten und Priestern. Diese Schulen stehen in engem Zusammenhang mit dem Lebenshaus, dem Per-anch, in dem die alten Schriften kopiert und aufbewahrt werden und in dem die Priester nicht nur Einsicht in die religiöse und wissenschaftliche Literatur nehmen, sondern auch jene Riten vollziehen, die zur Erhaltung des Lebens nötig sind.

 

Ende Teil 1

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