Archiv der Kategorie: Geschichte und rekonstruiertes Heidentum

(Neu)Heidentum und Rechtsextremismus von Siat

Hallo zusammen,

heute möchte ich aus aktuellem Anlass ein paar Gedanken zum Thema (Neu)Heidentum und Rechtsextremismus teilen.

Wer bisher nicht mitkommen haben sollte, was der letzten Tage so los gewesen ist, der möge sich den Artikel der Nornirs Ætt „Nazi-Druide“ „Burgos“ alias „Hasspredix“ und die „Heidenszene“ , sowie die Nachrichten HIER, HIER, HIER und HIER durchlesen J .

Burghard B. alias „Burgos von Buchonia I.“, der sich als „keltischer Druide“ und „Neffe des Merlin“ ausgibt (und laut eigener Aussage eigentlich über 2.500 Jahre alt ist), war schon längere Zeit auf Grund seiner rassistischen, menschenverachtenden, diskriminierenden und zur Gewalt aufrufenden Äußerungen aufgefallen und bekannt.
Sowohl außerhalb, als auch innerhalb des Internets sind seine Kontakte sehr weitläufig, und gehen sowohl weit in die rechte, aber auch weit in unsere heidnische „Szene“ hinein, die sich, bedauerlicher Weise, oft genug noch immer nicht von derlei Gestalten distanzieren, und klare Positionen beziehen.

Nichts Neues unter der Sonne
Dabei ist das „Problem“, das „wir Heiden“ mit Nazis und Rechtsextremismus nun faktisch einmal haben, nichts Neues.
Als ich vor gut 15 Jahren die Möglichkeiten und die Weiten des Internets entdeckte und in den Kontakt mit der heidnischen Szene kam, wurde mir erst mal langsam bewusst, wie „kompliziert“ sich das Geflecht „(Neu)Heidentum“ und „Rechtsextremismus“ darstellt.
Durch den Missbrauch, den das Heidentum durch die Nazis vor allem in den 30ger und 40ger Jahren hier in Deutschland massiv ausgesetzt war, und der sich bis in unsere heute Zeit durchzieht, wurde nicht nur dem germanischen, sondern dem Heidentum im Gesamten, ein großer Schaden zugefügt, der weder wegdiskutierbar noch unübersehbar ist.

Von der Gesinnung her äußerst fragwürdige Gestalten wie der selbsternannte Nazi-Druide gibt es (bedauerlicher Weise) in unserer, eh schon von bunten Zeitgenossen wimmelnden, „Szene“, genügend.
Ich denke da beispielsweise an Geza v. N., dem ich „damals“ in verschiedenen Foren (u.a. Wurzelwerk und unserem Mutterforum Paganforum) begegnete (und der, trotz ausgesprochenem Hausverbots immer wieder versucht, sich Mitgliedschaft in unserem Forum zu verschaffen!), und der heute aktiv in der AfD mitmischt, und natürlich auch weiter seine fragwürdigen Ansichten in seinen Machwerken (=Büchern) veröffentlicht.

Das Problem, das „wir“ mit rechten, rassistischen und völkischen Ideologien haben, ist also schon etliche Jahr(zehnt)e alt und bekannt.
Das bedauerliche, problematische und ärgerlicher ist aber, das viele von „uns“ das gar nicht wirklich als „Problem“ wahr(zu)nehmen (scheinen), und/oder diese ganze „unschöne“ Thematik lieber ignorieren und unter den Teppich kehren!
Frei dem Motto:
„Was ich nicht sehe, das gibt es nicht!“ – „Was gehen mich die Probleme anderer (Heiden) an?“

Vom Kuschelkurs und dem Weggucken
Ich gehe völlig konform mit Martin M., der in seinem Artikel „“Nazi-Druide“ „Burgos“ alias „Hasspredix“ und die „Heidenszene“ schreibt:

„Vielleicht noch ärgerlicher ist andererseits, dass längst nicht alle auf „unserer“ Seite (also Heiden, die keine Nazis sind) klare Position gegen Rechtsextremisten wie „Burgos“ beziehen, und damit Nazis und Rassisten leichtfertig die Deutungshoheit über das, was die Öffentlichkeit über Heiden zu sehen bekommt, überlassen.
Sehr ärgerlich ist, dass nicht-rassistische Heiden mit dem mutmaßlichen Terroristen und schon damals als solchem erkennbaren völkischen Hetzer kuschelten.“

Es spiegelt meine Erfahrung und Beobachtung wieder, dass sich heute noch viel zu wenig (Neu) Heiden deutlich gegen Rechtsextremismus, gegen Fremdenhass, gegen Diskriminierung und menschenfeindliche Ideologien abgrenzen.
Sich nicht klar zu positionieren ist AUCH eine Positionierung, die denjenigen zu einer „Deutungshoheit“ verhilft, die am lautesten brüllen und dadurch auffallen.
Ironischer Weise wird sich dann allerdings darüber beschwert, wenn das (Neu)Heidentum gleich Rechtsextremismus dargestellt wird.

Mir begegnet immer wieder die Aussage in heidnischen Kreisen: „Man sollte alle Meinungen anhören. Und die Gelegenheit nutzen, Aufklärung zu betreiben.“
Ganz ehrlich? – Hassreden, Aufruf zu Gewalttaten gegen Andersdenkende und –gläubige, Diskriminierung…
Das sind meiner Ansicht nach keine Meinungen, sondern Statements, bei denen das Diskutieren so sinnvoll ist, wie das Reden mit einer Mauer!
Ich betrachte das als vollkommene Zeit- und Energie-Verschwendung, solchen Menschen, ihren Plattitüden und Parolen eine Platz zu bieten.

Aber so einfach, wie es klingt, finde ich es trotzdem nicht.
Was die einen oder anderen vielleicht als etwas fragwürdig erachten könn(t)en ist, dass ich trotz allem allerdings der Ansicht bin, dass wir Raum für Vorurteile und Ängste schaffen sollten.
Der Grund ist folgende Beobachtung:
Wenn ich an die letzte Zeit zurück denke, in der die Pegida und Parteien wie die AfD stark geworden und unglaublichen Zulauf bekommen haben, dann halte ich ein Verhalten, das unsere Politiker und Medien fast durchweg an den Tag gelegt haben, für grundweg falsch:
Die (wenn vielleicht auch z.T. absichtlich geschürten) Ängste, Vorurteile, Sorgen und Befürchtungen der Bevölkerung einfach nur abzutun, und jeden, der sie äußert einfach mal pauschal als rechtsradikal, rassistisch, fremdenfeindlich, oder auch nur „dumm“, „ungebildet“ usw. abzukanzeln, statt sich die Zeit zu nehmen, und den Aufwand (JA! Das ist einer!) zu betreiben, sich ernsthaft mit den Menschen, und das was sie bewegt, auseinander zu setzen!

Was ich in unserer Politik und in unseren Medien beobachte, ist eine Unwilligkeit, sich mit unbequemen Fragen und Problemen auseinander zu setzen, und schnelle und einfache Lösungen und Antworten finden zu wollen, und diese zu bevorzugen, statt ehrlich zu sein und dazu zu stehen, das es durchaus Probleme gibt und geben kann, das Dinge ihre Zeit brauchen und es die schnellen Antworten, die vermeintlich „alternative Parteien“ anzubieten scheinen, nicht gibt.

Unsere Welt ist komplex!-Und genauso komplex können (und müssen!) daher auch nur die Antworten sei!
Und je komplexer etwas ist, desto mehr Zeit benötigt das Ganze.
Und ich denke, dass es unter anderem dieses „nicht ernst Nehmen“, dieses Verlachen und „Abkanzeln“ ist, was „uns“ früher oder später einfach um die Ohren fliegen MUSS!
Die Wahlen, die uns dieses Jahr bevorstehen, werden es vermutlich zeigen.
Menschen, die sich nicht ernst genommen fühlen, suchen sich jemanden, der ihnen zuhört, der sie unterstützt und der ihnen (ggf.) (einfache) Lösungen bietet.
Das ist ein psychologischer Fakt, den unsere Politik und auch unsere Medien in den letzten Monaten und Jahren schlicht zu ignorieren scheinen, und damit, meines Erachtens, wichtige Chancen verpassen, den Entwicklungen entgegen zu wirken und sie zu beeinflussen.

Weil ich der Meinung bin, das man, wenn man bei den Menschen etwas erreichen möchte, diesen auch das Gefühl geben muss, das man ihnen zuhört und das man sie ernst nimmt, versuche ich in der Tat den sehr schmalen Grat mit unserem Forum zu gehen, rigoros gegen Hass- und Hetzreden, Gewaltverherrlichung und –aufrufen, u.ä. vorzugehen, aber noch soweit „offen“ zu sein, dass noch kritische Auseinandersetzung und Diskussion möglich ist.
Bedauerlicher Weise scheint auch der Wille zu kritischer Auseinandersetzung und Diskussion in den letzten Monaten und Jahren immer weiter abzunehmen, und einer „Friss (meine Meinung) -oder stirb!“-Mentalität Platz zu machen.

Ich finde Diskurs, Auseinandersetzungen und Diskussionen ein unglaublich wichtiges Mittel, um Aufklärung zu betreiben, und um den derzeitigen Entwicklungen entgegen zu treten.
Sich passiv in eine Ecke zu verkriechen, die Augen zu verschließen vor den offensichtlichen Problemen, die wir überall in der Gesellschaft haben, und zu hoffen, das alles schon gut ausgehen wird, spielt den „Feinden“ von Freiheit, Vielfalt, Demokratie und Rechtsstaat mehr in die Hände, als sich den Diskussionen und Problemen zu stellen.

Falsch verstandene Offenheit
Ich bin ein Fan von Offenheit.
Doch offen zu sein für Diskussion, für kritische Auseinandersetzungen mit unserem Staat(sgebilde), mit unserer Politik und unserer Gesellschaft, für Diskurs und (gerne auch heiße) Diskussionen bedeutet jedoch lange nicht, dass man keine Grenzen ziehen kann, darf, soll oder gar muss! Im Gegenteil!
Offenheit für solche Dinge bringt die Verantwortung mit sich, ganz klar Position zu beziehen, ganz klare Grenzen zu zeihen und auch „STOP!-Bis hierher und nicht weiter, Freundchen!“ zu sagen.

Ich halte das, was in den letzten Jahren innerhalb des Heidentums oft zu beobachten war und ist, für eine falsch verstandene oder praktizierte Offenheit, weil oft genug eben keine klaren Grenzen gezogen worden sind.
Wie z.B. beim Nazi-Druiden „Burgos“, der bei der, von Heiden organisierten, Kundgebung und Versammlung in Fritzlar dabei war, und geduldet wurde.
Oder Literatur-Empfehlungen an Suchende und/oder Interessierte, deren Autoren dem rechten, völkischen und/oder rassistischen Spektrum zugeneigt sind oder diesem angehören (z.B. wenn es um Runen geht, die Bücher eines Gezas v.N.).
Das sind Dinge, wo meines Erachtens klare Positionierungen wichtig und notwendig sind.
D.h., dass man bei Demonstrationen, wie in Fritzlar, solche Gestalten wie Burghard B. z.B. des Platzes verweist, oder dafür sorgt, das der Hintergrund von Autoren klar dargelegt wird usw. .

Wenn WIR uns nicht klar positionieren, keine ganz klaren Grenzen setzen und klar machen, wer „zu uns“ gehört, und wer nicht, überlassen wir es Gestalten wie Geza v.N. oder Burghard B. wie wir von Nicht-Heiden wahrgenommen werden.
Wer, wenn nicht WIR, hat in der Macht, das Bild des (Neu)Heidentums in Deutschland zu gestalten?

Problematische Berichterstattung
Das Bild des (Neu) Heidentums in Deutschland scheint sich in den letzten Jahren leider nicht wesentlich geändert zu haben.
Hört Normalbürger den Begriff „Heide“, wird die Denke meist immer noch automatisch in eine (oder mehrere) der (sehr stark vereinfacht) vier möglichen (Haupt-)Richtungen gelenkt:

  1. „Ah! Du bist also ungläubig!“
  2. „Mit Nazis will ich gar nichts zu tun haben!
  3. „Schau an! Ich auch!
  4. „Aha… Davon hab ich noch nie was gehört.“

Was mittlerweile hinzukommt, ist eine äußerst fragwürdige Differenzierung zwischen „Neuheidentum/Neopaganismus“ (wahlweise auch ein anderes „neo“/„neu“, wie in den letzten Tagen „Neu“-/„Neo“-Druide) und „Heidentum“.
Wobei sich da leicht getan und argumentiert wird, das „Neu“/“Neo“heiden diejenige sind, die dem rechten Spektrum zuzurechnen seien, und dagegen die (im Großen und Ganzen „unpolitischen“) Heiden abzugrenzen seien.

Diese, in meinen Augen unhaltbare, Differenzierung halte ich deshalb für problematisch, weil unser heutiges Heidentum nur „neu“ (= „neo“) sein KANN.
Die meisten Neuheiden praktizieren heute ein Heidentum, das unserer heutigen Zeit Rechnung trägt und diesem angepasst ist.
Darüber hinaus ist es einfach auch ein Fakt, dass die neuheidnischen Pfade, die sich auf vorchristliche Kulte und/oder Religionen beziehen, in den aller wenigsten Fällen in einer ununterbrochenen Linie überliefert, und uns ihre Worte und Praktiken vollständig erhalten worden wären!
Dh. das was „wir“ rekonstruieren können, muss auch mit Dingen unserer eigenen Mutmaßungen, Schlussfolgerungen und/oder Kreativität gefüllt werden, weil es niemanden gibt, den wir dazu befragen können. Aber das bedeutet eben, dass es nicht mehr dem entspricht, was „unsere“ Altvorderen praktiziert haben, und somit eine Neuschöpfung unserer Zeit ist!
Ich betrachte jeden, der anderes behauptet mit äußerster Skepsis, und ich kann nur jeden/r andere/n ans Herz legen desgleichen ebenso zu tun!

Davon vollkommen abgesehen muss bei solchen Überlegungen auch berücksichtigt werden, dass es heidnische Ausrichtungen bzw. Wege gibt, die sich erst in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten oder Jahrhunderten entwickelt haben, bzw. die erst von (inspirierten) Menschen ins Leben gerufen wurden.
Dazu gehört zum Beispiel Wicca oder die gesamte Bandbreite der Göttinnenspiritualität.
Fakt ist, auch wenn es da Heiden und Heidinnen gibt, die mir da heftig wiedersprechen werden, dass diese Pfade nicht uuuuuuuuuurrurururururalt sind, und bis in die Steinzeit in ganz genau DIESER Weise zurückverfolgbar sind! Sie sind in DIESER Zeit geboren worden und haben sich in DIESER Zeit entwickelt.
Sie sind faktisch und in wahrsten Sinne des Wortes, neu!

Im Prinzip bedeutet die Schlussfolgerung, das alles, was sich „Neuheidentum“/“Neopaganismus“ (oder ähnliches) nennt, sei gleichzusetzen mit Rechtsextremismus, rechten Terror usw., diejenigen in eine Rechte Ecke zu stellen, deren gewählter, spiritueller Pfad erst sich erst in „unserer Zeit“ entwickelt hat.

Ich weiß nicht, ob dies Organisationen wie der Amadeu-Antonio-Stiftung, die verantwortlich für die Seite „Netzt gegen Nazis“ ist, und die derlei fragwürdige Definitionen der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, bewusst ist, oder ob sie diese Tatsache einfach nur zu Gunsten eines bequemen Feindbildes ignorieren.

Doch das Problematische an der Berichterstattung ist eben nicht nur das, was durch fragwürdige Definitionen aus der Linken Szene kursiert, sondern eben, wie bereits geschrieben, natürlich auch das Bild, was „wir“ durch unsere (Nicht)Positionierung in diesen Fragen liefern.
Wollen wir das Bild und die „Beurteilung“ dessen, wer und was „wir“ Heiden sind ändern, dann führt kein Weg daran vorbei, AKTIV zu werden, ganz klare Position zu beziehen, und uns auch der Öffentlichkeit zu stellen, in Diskurs und in die Diskussion zu gehen.
Genauso wichtig ist es aber auch, das wir uns, unseren Umgang mit Nazis, rechtsextremistischen und völkischen Ideologien, Rassismus, Fremdenhass usw. hinterfragen, und in unseren Reihen aufzuräumen.

Gute Beispiele für klare und konsequente Linien geben da Nornirs Ætt, Celtoi e.V., aber auch der Eldaring e.V. und der VfgH (Verein für germanisches Heidentum), und auch wir werden im PanPagan weiter unsere Linie gegen Rechts, gegen Hass und Gewalt vertreten.

 

In diesem Sinne
liebe Grüße
Siat