The bearded men from the Orient - A Christmas Satire

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      Umo schrieb:

      Gehst du davon aus, dass es in der Zukunft an jeder Ecke so viele heidnische Tempel geben wird, wie heute Kirchen und es so einfach sein wird, sich eben einen anderen heidnischen Tempel zu suchen?


      Nein, natürlich gehe ich davon nicht aus. Doch dank des Internets und dank Social Media erreichen täglich Gebete den Ukrainer Tempel des Juppiter-Perunus, aus aller Herren Länder. Und man kann sich am Bau des Tempels beteiligen durch Spenden. Und dieses Recht steht jedem zu.

      Umo schrieb:

      Und noch mal: Wenn du erfahren hast, dass Gebete und Wünsche am ehesten an einem bestimmten Ort erhört werden, würdest du dann nicht alles daran setzen an diesen Ort zu kommen, wenn du in einer Notlage bist?

      Ich gehe vermutlich wieder von völlig anderen Voraussetzungen aus als du.
      Wenn du Brauchtumspflege um ihrer selbst willen betreibst, quasi L'art pour l'art, weil's irgendwie schön und romantisch ist, ein Ritual zu machen, wobei es gleichgültig ist, ob das Ritual irgendetwas bewirkt oder nicht, dann ist das eine ganz andere Intention als die, die religiöse Menschen haben.

      Religiöse Menschen wenden sich Religionen zu, weil sie Hilfe suchen. Mehr oder weniger verzweifelt. Da geht es um Angst, den Winter nicht zu überleben weil die Ernte nicht aufgehen könnte, Angst, vernichtet oder vertrieben zu werden weil der Kriegsgott nicht auf der eigenen Seite ist, Angst um die eigenen Kinder, die sterben könnten, weil sie keinen göttlichen Schutz haben, der über sie wacht, die Hoffnung, von einer schrecklichen Krankheit geheilt zu werden, ect.. (<- hier mal nur solche Beispiele, die auf Heiden zutreffen, damit du nicht meinst, dass sei nur eine Christensache.)

      Es kam und kommt ja nicht von ungefähr, dass Menschen ihr gesamtes Vermögen für die Pilgerfahrt zu einem weit entfernten Heiligtum investierten, auf dem Weg dahin die Strapazen der Reise und die hohe Wahrscheinlichkeit unterwegs überfallen, ausgeraubt und getötet zu werden auf sich nahmen.
      Sie haben zu Hause zu beten und zu opfern vermutlich schon seit Jahren probiert und es hat vermutlich nichts gebracht bzw. sie wollen nicht riskieren, dass die vermiedenen Mühen weniger bringen als das größere Opfer, das sie durch ihre Reise zum Heiligtum auf sich nehmen.


      Was du hier beschreibst trifft natürlich zu, dennoch muss ich sagen, dass ich es nicht für erstrebenswert halte, dass mit dem erneuten Interesse für die heidnischen Religionen auch derartige Vorstellungen neu belebt werden. Tatsächlich spielt Angst keine unbedeutende Rolle, auch in der heidnischen Religion. Ich bin da kein Befürworter von, das rührt allerdings daher, dass ich eine epikuräische Weltanschauung habe.

      Tatsächlich glaube ich nicht fest daran, dass die Rituale wirklich etwas bewirken. Man kann es nie wissen, aber ich versteife mich darauf. Nur als Zerstreuung sehe ich sie dennoch nicht, für mich sind sie sehr wohl sakral und ich führe sie mit dem nötigen Ernst aus. Teilweise um ihrer selbst Willen, ja, doch eben auch, weil ich sie als Teil meines kulturellen Erbes betrachte, weil ich sie der Pflege Wert finde, weil ich die alten Götter einfach gern habe und weil ich das Gefühl habe, dass ich so mit ihnen für einen Augenblick verbunden bin, dass ich für einen Augenblick ihrer Glückseligkeit teilhaftig werden kann. „Do ut des” mag vielleicht mehr oder weniger eine Art heidnisches Credo sein, doch ich mag es nicht wirklich, das gebe ich zu, ich folge da lieber dem epikuräischen Weg und verehre die Götter um ihrer selbst Willen.

      Umo schrieb:

      Und spätestens da sind wir an dem Punkt, an dem das "Pöh, wenn die Priester mich nicht lassen, mache ich das eben selbst im Wald oder zu Hause" nicht mehr geht. Auf manches haben die Priester eben das Monopol.


      Ja und nein. Dass der Tempelpriester im Tempel der Gottheit die Opferriten leitet, finde ich eigentlich ziemlich normal. Er ist tagtäglich im Tempelbereich und in der Nähe der Gottheit, er kennt die Gottheit und weiß, was sie mag und nicht mag. Kurz: Er ist nun einmal der Spezialist, was die Riten anbelangt. Klar kann daraus Missbrauch entstehen, ist daraus bereits Missbrauch entstanden. Aber wie Merienptah zum Beispiel auch schrieb, kann Missbrauch ja leider überall geschehen... Für mich ist der Priester ein Ritualmeister, aber nicht mein Beichtvater. Er ist der Gottheit geweiht und ihr Diener.

      Umo schrieb:

      Und sei es auf das letzte: Die Begräbnisriten für dich so durchzuführen, dass du sicher sein kannst, es im Jenseits gut zu haben.
      Da geht das "Pöh, mache ich halt selbst" besonders schlecht.


      Mein Begräbnis geht nur meine Verwandten etwas an. Ich geselle mich nach meinem Tod zum Kollektiv der Ahnen unserer Familie und die Verehrung unserer Ahnen geht nur uns (also meine Familie) etwas an, keinem anderen, genauso wie unsere Ahnen auch nur uns Segen bringen, weil wir sie verehren. Da haben Priester gar nichts weiter zu suchen.

      Umo schrieb:

      Siehe oben. Wenn du verzweifelt die Erlösung von einer Krankheit suchst oder die Rettung deines sterbenden Kindes, dann ist Religion keine Brauchtumspflege.
      Nur Individuen und ganze Gesellschaften, die ihre Grundbedürfnisse erfüllt haben, die satt, zufrieden und sicher sind und deren einziges unerfülltes Bedürfnis im Wunsch nach Zerstreuung und Unterhaltung besteht, die können die Götter gute Männer sein lassen.
      So ist das sicher in der momentan westlichen Welt vorherrschend und so war es sich auch im römischen Imperium in der Blüte seiner Macht. (Nicht umsonst hängt denen immer noch der Ruf der Dekadenz an.)


      Nun, in dem Falle lobe ich mir die Dekadenz. Gegen Verzweiflung und Not helfen Epikur oder die Stoiker besser, wie ich finde.

      Umo schrieb:

      Das Bedürfnis ist jedenfalls in allen Kulturen vorhanden, und wenn die gängige Religion das nicht abdecken, entstehen Strömungen, die das statt dessen tun. Seien es Gruppen, die dann als häretische Sekten angesehen werden, Mysterienkulte, Geheimbünde oder ähnliche Vereinigungen.


      ... oder eben Philosophien.

      Umo schrieb:

      Wie, ohne diesen Einfluss, wollen organisierte Neuheiden denn ihre Forderungen nach der Anerkennung ihrer Religion durchsetzen?


      Das sind nicht meine Forderungen, daher kann ich diese Frage nicht beantworten. Derzeit wird uns Religionsfreiheit gewährt und hier im Osten gibt es ohnehin nicht so viele theistische Menschen. Vergiss nicht, ich erhebe ja banale Brauchtumspflege und Folklore zur Religion --> keins von beiden bedarf der Anerkennung.