Kemetische Tempel in Deutschland, Österreich und der Schweiz

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      Agnosco wrote:


      So ähnlich ist es auch bei den Griechen und Römern gewesen. Die Tempel waren nicht Gebetshäuser im Sinne von Synagogen, Kirchen oder Moscheen, sondern den Gottheiten als Heimstatt geweiht. Für sie und weniger für die Gläubigen wurden die Tempel errichtet.


      Ja, das trifft den Kern der Sache sehr gut. Das ist eine sehr kurze und präzise Erklärung, warum ein Tempel nicht "das gleiche" ist wie eine Kirche.

      Wäre es zu weit gegriffen, hier auch eine Unterscheidung im Anspruch der der Religion zu sehen?
      Oder könnte man auch sagen:
      Christentum und Islam haben beide den Anspruch, "alle Völker" von ihrer Religion zu überzeugen. Alle Menschen sollen dabei in ein persönliches Verhältnis zu ihrem Gott treten, sei es "Jesus als Erlöser annehmen" oder "sich den Geboten Allahs unterwerfen". Folgerichtig sind ihre Kultorte solche, in denen alle Menschen den Dienst verrichten sollen (allerdings gibt es auch hier einen Anspruch der kultischen Reinheit, siehe Waschung vor der Moschee, und manche Christen betupfen sich zumindest symbolisch mit Weihwasser)
      Weder die Ägypter noch die Religio Romana hat einen ähnlichen Anspruch. Nicht jeder Mensch muss oder sollte überhaupt mit jeder Gottheit in ein persönliches Verhältnis treten: es genügt völlig, wenn Könige oder Priesterschaft es stellvertretend für ihr Volk tun.
      Als "Privatmensch nähert man sich einer Gottheit anlassbezogen, und auch dann nutzt man oft die Vermittlerfunktion der Priesterschaft. (immerhin hat man es mit potentiell gefährlichen und rachsüchtigen Wesenheiten zu tun, das überlässt man vielleicht lieber den Expertinnen und Experten)
      Und eine echte persönliche Frömmigkeit spielt sich an Hausaltären oder in der Natur ab, abseits des öffentlich finanzierten Kults. (gab es nicht im römischen und griechischen Kult auch dezentrale Opferstätten z.B. an Wegkreuzungen für Hekate?)


      Interessant wird dann natürlich noch einmal der Vergleich mit Gallien und den Kelten insgesamt.
      Können wir den römischen Autoren glauben, dass hier die Kultstätten in der Natur lagen? Immerhin fehlen doch große steinerne Tempelbauten, welche die Kelten technologisch selbstverständlich hätten realisieren können?
      Gibt es desweiteren Hinweise darauf, ob der Zugang zu diesen Kultstätten ähnlich Tabu und beschränkt war wie der Zugang zu einem römischen oder ägyptischen Tempel? Ich kenne hier leider die Quellenlage nicht so gut...
      Nick, kannst du das beantworten?
      Nun, die Quellen bezüglich der keltischen Religion vor der römischen Einwanderung sind, ausgenommen von archäologischen Funden ziemlich überschaubar. Da die Kelten selbst nichts aufgeschrieben haben müssen wir uns gänzlich auf Caesar, Poseidonios, etc. verlassen. Wahrscheinlich ist, dass es durchaus Heiligtümer in Form von Tempeln gab. Da die Kelten jedoch in Stämmen lebten ist eine übergeordnete Priesterschaft eher unwahrscheinlich. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass Riten häufig in der Natur z.B. an Bäumen, Quellen, etc. lagen.

      Ma wrote:

      Wäre es zu weit gegriffen, hier auch eine Unterscheidung im Anspruch der Religion zu sehen?


      Nein, wäre es nicht. Du hast völlig richtig erkannt, dass sich das Christentum und der Islam von den paganen Kulten erheblich unterscheiden, auch in der Frage der Missionierung und der Dominanz der eigenen Religion. Aber die Aufzählung der Unterschiede, die es übrigens auch im erheblichen Ausmaß zwischen den Buchreligionen gibt, endet damit nicht. Die Stellung Gottes ist eine völlig andere, als die der paganen Gottheiten. Zudem werden die Gottheiten im Monotheismus völlig überhöht dargestellt. Das beruht aber vermutlich auch auf dem Streben nach Dominanz.

      Das sich Rituale und Geschichten ähneln kann in manchen Fällen Zufall sein, kommt aber oft daher, dass man sich manches von anderen Religionen abgeschaut hat. Dass kann von der Gebetshaltungen über Gebräuche, heilige Orte bis hin zu Feiertagen und Festen reichen.

      Natürlich war in den paganen Kulten, die Aufgabe von Priestern anders definiert, als z.B. im Christentum. Aber in ein persönliches Verhältnis mit den Gottheiten konnte dennoch jeder treten. Am Tempel, wie Ma'en richtig angemerkt hat, übernahm das der Priester. Neben dem Hauskult hatte aber jeder die Möglichkeit die Gottheiten in neuen Eigenschaften zu verehren. Wenn also jemand der Meinung war, das ihm Juno vor einem Brand bewahrt hat, konnte und durfte er ihr als Juno der Retterin einen Tempel oder Schrein erbauen. Auch dann, wenn Juno in dieser Eigenschaft bisher noch nie verehrt worden ist. Ebenso war es möglich lokalen, kaum bekannten Gottheiten Schreine zu errichten und sie zu verehren.

      Ma wrote:

      es genügt völlig, wenn Könige oder Priesterschaft es stellvertretend für ihr Volk tun.


      Das war vor allem beim Polis- und Staatskult der Fall, aber auch bei den großen Festen bedeutender Gottheiten.

      Natürlich gab es auch individuelle Anlässe, um sich an die Götter zu wenden. Doch oftmals wandte man sich ihnen nach dem Motto zu, zu geben damit gegeben werden kann und zu nehmen, um wiederum geben zu können. Es ging und geht bei den Opfergaben also nicht um eine Art Bestechung, sondern um Respekt, Ehrerbietung und Austausch.

      Und es stimmt, was du schrieben hast, Ma'en. Es gab in der freien Natur, vor allem an Straßen und Wegen unzählige Schreine zu Ehren der Gottheiten. Vorbeiziehende Wanderer konnten dort Ruhe finden und verweilen, ein Gebet sprechen oder ein kleines Opfer darbringen. Wer es eilig hatte, ging einfach vorbei und warf der Gottheit eine Kusshand zu. Letzteres lässt einen schönen Einblick auf den Umgang mit den Göttern zu, der also auch recht locker sein konnte und wohl auch von Empathie geprägt war.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Die Archäologen in Ägypten feiern einen Erfolg nach dem anderen. Erst finden sie 59 Särge in der Totenstadt nahe Kairo, jetzt eine Mumie in einem seltsamen Kokon und dann auch noch eine Mumie der eine goldene Zunge eingelegt wurde. Warum weiß man noch nicht, aber spannend ist das allemal.

      Wer Interesse hat, sollte mit den Stichworten eine Suchmaschine bemühen, da ich leider Links nicht gespeichert habe.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Hi Agnosco,

      Danke für die Hinweise, aber ich kann mir da natürlich ein paar Bemerkungen nicht verkneifen. Sorry.

      Die Funde in Sakkara sind unglaublich toll und interessant, aber sie sind jetzt eigentlich nicht so besonders oder unerwartet: Dass an dieser Stelle noch viele Grabstätten unter dem Sand liegen war eigentlich zu erwarten. Ich finde es gut, dass die Kampagne von fast ausschließlich einheimisch ägyptischen Forscherinnen und Forschern geleitet wird. Und ich hoffe, dass zusammen mit den neuen Funden auch das neue Museum in Gizeh die verdiente internationale Aufmerksamkeit erhält - das ist nämlich ein tolles Projekt, finde ich. So sehr ich den alten Museumsbau in Kairo am Tahrir liebe, es war doch eine rechte Rumpelkammer...

      Und die Mumie mit der goldenen Zunge ist doch wohl offensichtlich. Ich verstehe nicht, warum das so aufgebauscht wird??
      Jeder Mensch, der auch nur den Hauch einer Ahnung vom ägyptischen Jenseitskult hat, kennt doch den Zweck der Mumifizierung an sich: dem Ka einen ewigen Körper fürs Jenseits geben. Und wenn im diesseitigen Körper etwas fehlt oder kaputt ist, dann kann man das bei der Mumie einfach mit einer Prothese ersetzen, es wirkt dann magisch genauso gut. Eine Mumie mit z.B. einem hölzernen Zeh ist schon lange bekannt. Der Ersatz durch Prothesen hat sogar ein Vorbild an oberster Instanz... wenn man weiß, welches Körperteil Isis bei Osiris ersetzen musste * :D
      Und warum aus Gold? Naja, wenn man es sich leisten kann ist es halt die beste Wahl, denn Gold ist das "Fleisch der Götter".


      liebe Grüße

      Ma'en



      * Das erinnert mich jetzt wieder an diesen Witz zum Thema Osiris:
      "Tja ja, 70 Tage lang haben sie den Sargdeckel nicht schließen können!" **



      ** Das ist natürlich eine unanständige Anspielung auf das Stehvermögen eines Fruchtbarkeitsgottes und die 70tägige ägyptische Trauerzeit

      Ma wrote:

      Danke für die Hinweise, aber ich kann mir da natürlich ein paar Bemerkungen nicht verkneifen. Sorry.


      Du musst dich nicht dafür entschuldigen, dass du dich zum Thema äußerst. Genau dafür ist das Forum schließlich eröffnet worden.

      Dass du dich in diesem Thema besten auskennst und diese Ausgrabungen verfolgst, wundert mich nicht. Andere sind da aber sicher nicht so nah dran, weshalb ich das hier mal reingesetzt habe.

      Prothesen bzw. der Ersatz von Körperteilen ist im alten Ägypten tatsächlich nicht neu. Es gab schon ein Gebiss aus Elfenbein, das aber eher zu Repräsentation dienten und weniger dafür geeignet waren, mit ihrer Hilfe Speisen zu verzehren. Falls ich mich richtig erinnere, soll einmal sogar versucht worden sein, das Rückgrat zu ersetzen.
      Daher ist es erstaunlich, dass dies gerade bei Tutanchamuns Herz nicht versucht wurde. Es fehlt bekanntlich, da es bei einem Unfall so schwer beschädigt worden sein soll, dass es nicht mehr konserviert werden konnte.

      Bei der goldenen Zunge haben die Wissenschaftler bereits eine entsprechende Hypothese und ich nehme an, dass deine Gedanken in die gleiche Richtung gehen. Ich befürchte, dass wir uns noch einige Zeit gedulden müssen bis die Archäologen sich endgültig festlegen.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.