Kemetische Tempel in Deutschland, Österreich und der Schweiz

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      Hey Merienpath,
      ich hätte ein paar Fragen bezüglich des Kemetismus:

      1. Warum dürfen nur Priester den Tempel betreten und keine "gewöhnlichen" Gläubigen? Sind Priester bessere Menschen oder sollen Gläubige keinen Bezug zu ihren Göttern haben?

      2. Weswegen ist die Bestattung so wichtig für das Leben nach dem Tod?
      Wenn ein Mensch zu den Göttern hielt und die moralischen Grundsätze befolgt, ist es doch unwichtig wie er bestattet wird? Immerhin hat er darauf keinen Einfluss.

      Entschuldigt bitte diese Fragen. Mit dem Kemetismus kenne ich mich nicht wirklich aus?

      LG

      Nick 01 wrote:

      Hey Merienpath,
      ich hätte ein paar Fragen bezüglich des Kemetismus:

      1. Warum dürfen nur Priester den Tempel betreten und keine "gewöhnlichen" Gläubigen? Sind Priester bessere Menschen oder sollen Gläubige keinen Bezug zu ihren Göttern haben?

      2. Weswegen ist die Bestattung so wichtig für das Leben nach dem Tod?
      Wenn ein Mensch zu den Göttern hielt und die moralischen Grundsätze befolgt, ist es doch unwichtig wie er bestattet wird? Immerhin hat er darauf keinen Einfluss.

      Entschuldigt bitte diese Fragen. Mit dem Kemetismus kenne ich mich nicht wirklich aus?

      LG


      Hallo Nick,
      ich kann nicht im Namen von Merienptah antworten, aber ich kann dir ein bisschen erklären, wie die altägyptischen Begründungen zu dem Thema sind... ob und wie diese bronzezeitlichen Ideen heute noch gelebt werden können oder sollen steht auf einem anderen Blatt.
      (Disclaimer: Meine Ausführungen beziehen sich dabei im Wesentlichen auf die Situation im Mittleren und Neuen Reich... natürlich hat sich im Verlauf der altägyptischen Geschichte auch so einiges geändert und es gab verschiedene, voneinander abweichende theologische Vorstellungen. Und wir wissen heute nur das, was zufällig überliefert wurde. Also kann ich nur *eine* ägyptologische Interpretation beschreiben, nicht etwa *die* altägyptische Sichtweise)

      1. Priester sind ranghohe Menschen, die sich eine gewisse Stellung erarbeitet haben. Das macht sie zu angesehenen Mitgliedern der Gesellschaft, aber nicht zu besseren Menschen.
      Was glaubst du denn tun die Priester in den Tempeln, in den Allerheiligsten vor den Götterstatuen? Mit den Göttern einen vertrauten Plausch halten und deren Segnungen genießen? Nein, meistens sind die Priester am putzen, aufräumen, essen servieren, ankleiden und schminken... vielleicht tragen sie auch einmal Gedichte vor und machen Musik. Wenn der Tempel eine Heimstatt für eine Göttin bieten soll, so sind die Priester in erster Linie ihr Personal.

      Ein altägyptischer Tempel war eine staatliche Institution. Es ist Aufgabe des Pharao, die Göttinnen und Götter zufrieden zu stellen, damit sie das ganze Land segnen und nicht ihren Zorn gegen die Menschen richten. Diese Aufgabe erledigt der Pharao indem er Tempel stiftet und eine Priesterschaft finanziert, die als Stellvertreter des Pharao den Kult vollziehen.
      Man kann es auch so sehen: Wenn ein Kelte mühsam zu einer heiligen Quelle pilgert und eine kostbare Brosche als Opfergabe hinein wirft...da zahlt ein Ägypter einfach seine Steuern und ist beruhigt in dem Wissen, dass der Staat sich zentral um das Wohlwollen der Götter kümmert.
      Denkt bei Ägypten ein wenig an Japan und das dort viel ausgeprägtere Gemeinschaftsdenken. Das "wir" zählt mehr als das Individuum... das erfasst das Mindset glaube ich besser.

      Warum darf das Volk nicht in den Tempel?
      Das ist eine Sache der "Wab", der kultischen Reinheit. Das Innere des Tempels soll in einem möglichst perfekten Zustand der Ordnung und Reinheit gehalten werden, nur so ist er der Gottheit ein würdiger Aufenthaltsort. Der Tempel ist das Schlafzimmer der Gottheit, nicht der Audienzsaal. Da darf nicht einfach jeder Depp reinlatschen. Oder anders ausgedrückt: seine größten Fans, die unbedingt ein Autogramm haben wollen... denen begegnet man gerne auf dem roten Teppich aber man hat sie weniger gern im eigenen Schlafzimmer.

      Sollen die Leute etwa keine persönliche Beziehung zu ihren Gottheiten haben?
      Tja, das kommt nun ein wenig auf die Epoche an. Aus dem Alten und Mittleren Reich haben wir tatsächlich nicht so viele Funde und Texte der "persönlichen Frömmigkeit" - auch wenn es im Volk sicherlich entsprechende Bräuche und Vorstellungen gab. Ab dem Neuen Reich ändert sich das und wir kennen auch zahlreiche Textzeugen, die vom privaten Glaubensleben berichten. Tempelkult und persönliche Frömmigkeit ergänzen sich, sie schließen sich nicht aus.
      Zum einen gab im offiziellen Kult durchaus Möglichkeiten, die Gottheiten persönlich zu treffen. Das waren vor allem die Festtage mit ihren Prozessionen. Wer wissen will, wie das so ablief, möge sich einfach ein katholisches Heiligenfest ansehen, bei dem irgendeine Statue oder Reliquie durch die Stadt getragen wird... genau so.
      Und es gab auf der Rückseite der Tempel meistens noch einmal einen Hintereingang und Götterstatuen, zu denen man hin konnte (siehe Karnak)... in späterer Zeit sogar Reliefs mit Ohren an der Rückwand (siehe Kom Ombo) (das Allerheiligste liegt ganz hinten im Tempel. Also kann die normale Bürgerin räumlich am dichtesten zur Gottheit gelangen, wenn sie sich an die Rückwand des Tempels stellt... logisch)
      Und natürlich kann man den Göttern nicht nur im Tempel begegnen. Da wohnen sie vielleicht, aber da sind sie ja nicht eingesperrt! Man begegnet der Gottheit in der Natur, oder in Tieren, oder im Traum, oder an kleinen Tempeln, die in abgelegenen Felsgrotten sind. Oder an Schreinen im privaten Haus.

      2. Weswegen ist die Bestattung so wichtig?
      Weil der Ka (eine Art Seele...) eine physische Heimat, eine Art künstlichen Körper im Diesseits braucht.
      Meiner Meinung nach ist in den altägyptischen Texten eines nicht klar definiert: wird ein Ka vernichtet, wenn er keine Mumie und keine Statue im Diesseits mehr hat? Oder verliert er lediglich die Verbindung?
      Ich persönlich interpretiere das so: Ein Ka, der das Totengericht besteht und ins Reich des Osiris aufgenommen wird, der kann dort ewig weiter leben. Selbst wenn sowohl der Körper als auch die Erinnerung in Form von Abbild und Statuen zerstört sind: Wenn die Göttinnen und Götter dich aufnehmen, das genügt völlig.
      Wer jedoch einen Totenkult im Diesseits besitzt: eine Mumie, ein Grab, eine Kapelle, eine Statue oder auch nur jemanden, der das Totengebet spricht... derjenige ist nicht nur ein Ka, sonder auch ein Aach, ein "wirkmächtiger" Totengeist. Der hat noch eine Verbindung zum Diesseits, an den erinnern sich die Lebenden, der kann den Horizont überschreiten und sich sowohl in dieser als auch der jenseitigen Welt aufhalten. (Horizont heißt auf ägyptisch "Aachet", die Begriffe sind verwandt)


      Hilft das weiter?


      liebe Grüße

      Ma'en

      Ma'en wrote:

      Wenn der Tempel eine Heimstatt für eine Göttin bieten soll, so sind die Priester in erster Linie ihr Personal.


      Ma'en wrote:

      Warum darf das Volk nicht in den Tempel?
      Das ist eine Sache der "Wab", der kultischen Reinheit


      Sehr schön erklärt, Ma'en, vielen Dank, große Klasse.

      So ähnlich ist es auch bei den Griechen und Römern gewesen. Die Tempel waren nicht Gebetshäuser im Sinne von Synagogen, Kirchen oder Moscheen, sondern den Gottheiten als Heimstatt geweiht. Für sie und weniger für die Gläubigen wurden die Tempel errichtet.

      Sicher kann man sagen, das man es schön findet, wenn Gott die Gläubigen in seine Kirche oder Moschee einlädt, doch mit dem Gedanken einen Tempel als Heimstatt der Götter zu errichten und zu respektieren ist schon eine besondere Form der Ehrfurcht verbunden. In meinen Augen kommt damit ein ganz besonderer Respekt zum Ausdruck.

      Darin liegt auch ein Grund, warum nur die Priester und die Tempeldiener Zugang erhielt. Natürlich gab es auch Ausnahmen, z.B. der Tempel in Delphi oder ein zumindest beschränkter Zugang zum Tempel der Vesta in Rom.

      Der Zutritt war zumindest bei einigen Tempeln auch an klare Regeln gebunden, wie z.B. eine gewisse Zeit der Enthaltsamkeit, es durfte zuvor kein Fleisch gegessen und keine Therme besucht werden. Nur das Bad in einer Quelle oder die heimische Reinigung waren erlaubt. Damit sollte die Reinheit jenes Menschen gewährleistet werden, der den Tempel betrat.

      Was ich geschrieben habe, ist natürlich nicht eins zu eins auf Ägypten übertragbar. Jede Region und jeder Kult hatte und hat seine eigenen Besonderheiten.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Dies war im Gallo-römischen Cultus vollkommen anders. Ich finde es sehr interessant, inwieweit sich die gallische Ausprägung der Religio Romana von der "klassischen" unterschied, obgleich es auch viele Gemeinsamkeiten gab, sind dennoch deutliche Unterschiede zu erkennen.