Kemetische Tempel in Deutschland, Österreich und der Schweiz

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      Hatte mich mit dem Hinweisschild etwas ungeschickt ausgedrückt, aber meine Frage hatte schon einen Sinn.

      Ich wollte nur wissen, ob die Tempel für jeden Passanten erkennbar sind. In der Antike und im Altertum (uuuuh, Ägypten ist so schön alt) war dies im Regelfall gegeben.

      Verstehe ich Dich jetzt richtig Merienptah, ist dies heute nicht mehr so. Da hat sich in der gewollten Außendarstellung bzw. -wahrnehmung etwas geändert. Sicher habt ihr dafür gute und zu respektierende Gründe. Kannst Du uns zu diesen etwas sagen?
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

      Artjom schrieb:

      Schulraum? Ihr unterrichtet dort auch?

      Ja, wir unterrichten auch. Im Tempel lernen angehende Priester und Schreiber alles was sie wissen müssen um später ihre Pflichten zu erfüllen.

      Agnosco schrieb:

      Ich wollte nur wissen, ob die Tempel für jeden Passanten erkennbar sind. In der Antike und im Altertum (uuuuh, Ägypten ist so schön alt) war dies im Regelfall gegeben.

      Verstehe ich Dich jetzt richtig Merienptah, ist dies heute nicht mehr so. Da hat sich in der gewollten Außendarstellung bzw. -wahrnehmung etwas geändert. Sicher habt ihr dafür gute und zu respektierende Gründe. Kannst Du uns zu diesen etwas sagen?

      Ägypten ist alt, ja... Ob deswegen ein "uuuuh" angebracht ist muss jeder für sich selber entscheiden. Ich find sowas jetzt nicht zwangsläufig nötig.

      Was jetzt die Hinweisschilder angeht, die gabs auch im Altertum nicht. Es war auch völlig unnötig auf die Tempel hinzuweisen, da sie allein aufgrund ihrer Größe und ihrer Architektur bereits von weitem als das zu erkennen waren was sie sind.

      Zu den Gründen warum wir agieren, wie wir es tun hab ich schon oft was gesagt. Kurz zusammengefaßt; wir Kemeten sind hierzulande nunmal seit geraumer Zeit in einer fremden Umgebung ansässig, und in der Fremde ist es oftmals sinnvoller nicht weiter aufzufallen und nicht anzuecken. Auch wenn die Zeiten heute hier was religiöse Belange angeht relativ tolerant sind, war das nicht immer so und es muss auch zwangsläufig für die Zukunft nicht so bleiben. Zumindest kann das niemand garantieren.
      Demzufolge ist es für den Zusammenhalt und Fortbestand Kemets ratsam eben relativ unauffällig zu sein...
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606

      Ja das macht durchaus Sinn....während unbedarfte den durchschnittlichen Asatru grademal vielleicht als etwas überdrehten Hippie sehen könnts bei einer organisierten Religion wie Kemet gleichmal zu "Sekte" und "Satanisten" Rufen kommen....und das brauchts dann halt einfach echt nicht.

      Und sein wir uns mal ehrlich, ins Landschaftsbild passts halt auch so gar nicht, was wieder den Verein fürs verschönern der gemeinde ärgern könnte. in 5 worten zusammengefast "Just not bloody worth it".
      ΜΟΛΩΝ ΛΑΒΕ
      Hallo Merienptah, ich weiß jetzt nicht, was Du in dem »uuuuh« gesehen hast, aber ich dachte, dass es durch meine angefügte Anmerkung unmissverständlich wird. Sei versichert, dass ich so alte Traditionen, eine so großartige Geschichte vollumfänglich achte.

      Die Gründe, warum ihr recht zurückgezogen agiert, kann ich nachvollziehen. Letztlich ist es auch euer Recht, dass für Euch so zu entscheiden.

      Für mich ist die Beobachtung interessant, dass viele Heiden von der Religionsfreiheit schwärmen, die uns allen zuteilwird. Sieht man aber genauer hin, scheint nicht alles Gold zu sein was glänzt.

      Über die einseitigen Zugeständnisse des Staates an die Kirche, wurde hier schon hinreichend geschrieben. Aber Solveig berichtete davon, dass sie jahrelang berufliche Nachteile befürchtete, wenn sie sich offen als Heidin engagiert hätte. Ich kann mir vorstellen, da z.B. von Arbeitgebern im Internet viel recherchiert werden kann, dass mitunter wirklich problematisch ist. Es gibt auch andere Rückmeldung, wonach man sich lieber etwas bedeckt hält. Merienptah beschriebt ein Beispiel, was in die Richtung geht, dass man nicht weiß, was folgen würde, wenn der momentane Zustand der Religionsfreiheit einmal enden sollte.

      Selbstverständlich gibt es keine Garantien, für eine zukünftige Dauerhaftigkeit der Religionsfreiheit, doch auch die Gegenwart scheint nicht ganz so frei von Problemen zu sein, wie man gern annehmen möchte. Vor diesem Hintergrund verstehe ich natürlich, wenn eine Religion auf eine offene Darstellung verzichtet. Aber schade ist es trotzdem, weil die meisten Menschen gar nicht erfahren, dass die alte ägyptische Religion, noch immer ziemlich lebendig ist.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

      Agnosco schrieb:

      Aber schade ist es trotzdem, weil die meisten Menschen gar nicht erfahren, dass die alte ägyptische Religion, noch immer ziemlich lebendig ist.


      Nun, dafür gibt es aber solche Foren wie dieses, wo die richtigen Leute eben auch erfahren, dass die kemetische Religion eben noch praktiziert wird... und eben nicht nur am Nil.

      Und um den Erhalt der Religionsfreiheit sind ja nicht nur wir Heiden bemüht, sondern zum Beispiel auch die Agnostiker und Atheisten. Ich glaube kaum, dass es denen gefallen wird, wenn wieder eine Religion diktiert wird. Und derer sind nicht wenige, schon allein hier bei uns im Osten.


      Zum Thema organisierte Religion wollte ich noch anmerken, dass man bei den alten Germanen aber auch so einige Sakralgesetze kannte, wie zum Beispiel das Bad der Nerthus oder die Fesselung beim Betreten des Semnonenhains. Ich finde es natürlich toll, dass das Heidentum sich solcher Beliebtheit erfreut, doch irgendwie scheinen viele auch ihre Wunschvorstellungen von Freiheit auf das Heidentum zu projizieren. Klar, wenn man das Christentum als Religionsmaßstab heranzieht, dann erscheint das Heidentum zunächst sehr frei, denn heidnische Glaubenssätze oder Katechismen sind bis dato nicht bekannt. Einem alten Heiden hingegen muss das Christentum eher regellos erschienen sein, da man die Kirchen immerzu betreten kann, man immer und überall zum Gott der Christen beten kann und ihm nahe sein kann, ohne Einweihungen oder rituelle Reinigungen, ohne jedes Mal ein Opfer nach den überlieferten Vorschriften darbringen zu müssen usw.

      wolfpack-alpha schrieb:

      Ja das macht durchaus Sinn....während unbedarfte den durchschnittlichen Asatru grademal vielleicht als etwas überdrehten Hippie sehen könnts bei einer organisierten Religion wie Kemet gleichmal zu "Sekte" und "Satanisten" Rufen kommen....und das brauchts dann halt einfach echt nicht.

      Ach wenns sich nur um "Satanisten-" oder "Sekten"-Rufe handelt tut das nicht wirklich wem weh. Das "Sekten-Dingen" wird uns ja sogar innerhalb des Heidenkreises von einigen vorgeworfen...
      Schwieriger wirds halt in Zeiten, in denen ein religiöser Kurs vorgegeben ist. Wenn wir dem nicht folgen, was wir ja nicht tun, kann es schnell gefährlich werden.
      Hatten wir alles schon. Deswegen ist halt Vorsicht die Mutter der Porzellankiste.

      Agnosco schrieb:

      Für mich ist die Beobachtung interessant, dass viele Heiden von der Religionsfreiheit schwärmen, die uns allen zuteilwird. Sieht man aber genauer hin, scheint nicht alles Gold zu sein was glänzt.

      Ja, das Gesetz gewährt heutzutage ein Recht auf Religionsfreiheit. Ich sag dazu: "Papier ist geduldig".
      Auch wenns heutzutage schon um ein vielfaches einfacher ist als noch vor ein paar Generationen, ist die Gesellschaft noch lange nicht so offen wie der Gesetzgeber das gerne hätte.
      Entweder wird man als "Spinner" abgetan, was zwar nicht nett aber auch nicht schlimm ist, oder aber es wird ausgegrenzt.
      Ich bin in ner ner stark christlich geprägten Umgebung aufgewachsen und dort als "Heidenkind" beschimpft und verprügelt worden weil ich eben nicht wie die anderen Kinder in der Christenlehre saß und Sonntags eben nicht in die Kirche ging. Klar ist aufgefallen dass meine Familie kein Weihnachten feiert und auch dafür gabs Häme.
      Klassenkameraden durften nicht mit mir spielen und und und... Die Liste ist lang...

      Als ich älter war und durchsickerte dass ich eben kein "normaler" Christ bin, passierten auch die krassesten Dinger. Beim Besuch einer Kirche hinderte mich z.Bsp. eine alte Dame daran durch die Tür ins Innere zu kommen. Sie stellte sich mir in den Weg, spuckte vor mir auf den Boden und nannte mich "Götzendiener". Also nur weil Gesetze etwas vorschreiben, ist das noch lange nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Und das sind die heutigen "sicheren" Zeiten. Früher hat man unsere Tempel angezündet und so weiter wenn wir aufgeflogen sind...
      Wir sind fremd und werden sobald das sichtbar wird auch genau so behandelt. Gesetz hin, Gesetz her...

      Agnosco schrieb:

      Selbstverständlich gibt es keine Garantien, für eine zukünftige Dauerhaftigkeit der Religionsfreiheit, doch auch die Gegenwart scheint nicht ganz so frei von Problemen zu sein, wie man gern annehmen möchte. Vor diesem Hintergrund verstehe ich natürlich, wenn eine Religion auf eine offene Darstellung verzichtet. Aber schade ist es trotzdem, weil die meisten Menschen gar nicht erfahren, dass die alte ägyptische Religion, noch immer ziemlich lebendig ist.

      Die, die es wissen müssen wissen es auch. Bei den anderen ist es wirklich besser, wenn sie es nicht wissen.
      Wer weiß schon wohin die Reise geht? Ich bin mir ziemlich sicher dass sich in näherer Zukunft hier mal wieder so einiges ändern wird, und ich glaub nicht dass das dann tolerantere Zeiten werden.
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606

      Hallo Merienptah,
      Danke für Deine Vorstellung der kemetischen Tempel in Deutschland, in denen ihr auch ausbildet. Jetzt habe ich eine Frage. Im Gustav-Lübcke-Museum in Hamm ist heute die Mumienausstellung eröffnet worden. Da spielt das Alte Ägypten natürlich eine wichtige Rolle. Nur reiche Ägypter konnten sich sicherlich eine Mumifizierung mit allem drum und dran leisten. Dennoch habe ich soviel verstanden, dass die Erhaltung des toten Körpers als Heimstätte für Ka und Ba extrem wichtig und wünschenwert war, um als Osiris wiedergeboren werden zu können. Wie haltet ihr Kemeten es denn damit? Das stelle ich mir als große Herausforderung vor.
      BB
      Hermetian

      Hermetian schrieb:

      Das stelle ich mir als große Herausforderung vor.

      Ist es aber eigentlich gar nicht.
      Kaum vorzustellen, aber inhaltlich hat sich der kemetische Totenkult nicht besonders doll verändert, in der praktischen Umsetzung allerdings gibts doch einige gravierende Unterschiede zur alten Praxis.
      Also Mumienbegräbnisse gibts logischerweise heute keine mehr. Macht hier im Norden auch nicht viel Sinn, es ist hier für "unsere" Art der Mumifizierung einfach zu feucht. Die ganze Müh` wäre einfach umsonst, sobald wir den mumifizierten Körper hier irgendwo bestatten würden würde er trotzdem vergehen.
      Obendrein ist es auch einfach ein Fakt dass selbst wenn wir wollten, wir nicht dürfen.

      Die Begräbnisse heutzutage werden rituell sozusagen zweigeteilt.
      Ein bis zwei Wochen nach dem Tod wird der Leichnam ganz "normal", also den hier vorgegebenen Regeln entsprechend bestattet (Erdbestattung, keine Einäscherung!!!). Das hat natürlich zur Folge dass er "vergehen" wird. Diese Körperbestattung spielt bei uns eine eher untergeordnete Rolle und da sind meist auch nur die allerengsten Verwandten anwesend oder eben nichtkemetische Freunde, sonst niemand.

      Wichtiger ist die "Osirisbestattung", siebzig Tage nach dem Tod. Die entspricht dann der Trauerfeier mit allem was dazu gehört.
      Dabei wird eine geweihte Kopie des zu Osiris gewordenen Verstorbenen, also eine kleine mumiengestaltige Figur (ähnlich den Ushebtis aus alter Zeit) stellvertretend für den Körper beigesetzt. Das Ganze gestaltet sich in etwa wie eine altägyptische Bestattung im Miniaturmodell.
      Wir hoffen dass diese Osirisbestattungen ungestört erhalten bleiben um Ka und Ba den benötigten Körper zu bieten.

      Auch wenns so aussehen mag ist das allerdings keine neuzeitliche Erfindung, lediglich eine Weiterentwicklung alter Praktiken. Schon in den Pyramiden- und Mastabagräbern des Alten Reiches sind "Ersatzköpfe" und "Ka-Statuen" des Verstorbenen beigesetzt worden um im Fall der Fälle, also falls der Leichnam doch irgendwie zerstört worden sein sollte, einen Erstaz bereitzustellen der dann magisch belebt wird.
      In späteren Zeiten wurden oftmals eine Vielzahl von Figuren oder gar Statuen dem Grab beigegeben, die auch nur diesem Zweck dienten.
      Wenn nur eine einzige davon, mit dem richtigen Namen beschriftet, die Zeiten überdauert ist für Ersatz gesorgt falls dem echten Körper etwas geschieht.

      Wir haben lediglich die Örtlichkeiten getrennt an denen beide bestattet werden, da es uns momentan unmöglich ist den echten Körper zu bewahren und wir ihn leider dem Verfall preisgeben müssen, hat sich der Schwerpunkt mehr zu den Osirisbestattungen hin verschoben.

      Zudem kann sich jeder Kemet auch noch zusätzlich zu dieser Form der Bestattung im Tempel eine Totenstele anfertigen lassen, die dann nach seinem Ableben im Tempel aufbewahrt wird, so bleibt der Name des Verstorbenen auch noch erhalten falls dem Osirisgrab etwas geschieht, und er kann im Tempel an den Opferungen teilhaben.

      Wie du siehst ist die Herausforderung gar nicht so groß wie es im ersten Moment aussieht.
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
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      King Lear, W. Shakespeare 1606