Blickpunkt Verschiebung von "was ist das Heidentum nicht" hin zu "was hat das Heidentum zu bieten"

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    Agnosco schrieb:

    Ja, Merienptah, Du sprichst einige Probleme an, die mit dem Bau eines Tempels einhergehen. Selbstverständlich ist es richtig, dass dann bei den vielen Glaubensrichtungen im Heidentum, diese ihre eigenen Tempel errichten müssten. Aber natürlich steht es jedem Stifter frei, so wie es oftmals die Römer taten, auch einen Gott mit einem bestimmten Zusatz ein Heiligtum zu erbauen.

    Ja und gerade wegen dieser Probleme halte ich es für relativ unwahrscheinlich, dass das eines Tages mal in die Tat umgesetzt werden könnte.
    Auf die "römische Weise" mag das durchaus für einige Richtungen ne Möglichkeit sein, aber das funktioniert auf diese Art eben nicht für alle "Heiden".

    Agnosco schrieb:

    Schön zu hören, dass die Kemeten Tempel pflegen. Gibt es eigentlich in Deutschland ein kemetisches Heiligtum, und ist dieses zugänglich (Tag der offenen Türen z.B.)?

    In Deutschland gibts kemetische Tempel, aber sind die eben nicht für jedermann zugänglich. Das mit den "offenen Türen" stellt da ein nicht zu unterschätzendes Problem dar... ;)
    "Das ist die Seuche dieser Zeit,
    Verrückte führen Blinde"


    King Lear, W. Shakespeare 1606

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    War ja nur eine Frage, fee, die bestimmt gestattet ist.

    Alles klaro, Merienptah, ist auch nicht schlimm, aber hätte es die Möglichkeit gegeben, so ein Heiligtum einmal anzusehen, wäre ich bestimmt irgendwann aufgetaucht. Gerade weil ich viel schreibe und für meine Manuskripte ständig auf der Suche nach neuen Eindrücken bin.
    Mir war natürlich bekannt, dass schon im Altertum und in der Antike die ägyptischen Tempel nicht frei zugänglich waren. Von daher respektiere ich diese Regelung natürlich. Es hätte aber auch sein können, dass sich diesbezüglich etwas geändert hat. Meine Frage war also nicht respektlos gemeint.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

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    Merienptah schrieb:

    Wir Kemeten haben Tempel, eben aus uns heraus und für uns erbaut.
    Und selbst die, obwohl bereits vorhanden und einsatzfähig, wären für heidnische Gemeinschaftsprojekte vollkommen ungeeignet weil sich unsere Kulte total unterscheiden. Wir haben ganz andere Regeln, wir feiern gänzlich andere Feste als beispielsweise WICCA oder Asatru, Celtoi und Co. Diese Tempel sind für "die Heiden" völlig nutzlos, eben weils kemetische sind.


    Agnosco hat die Frage ja bereits gestellt und genau wie er dachte ich mir schon, dass da nicht Hinz und Kunz ins Heiligste der Heiligen gelassen wird. Die meisten heidnischen Heiligtümer waren keine Gebetshäuser, sondern Wohnstätten der Götter. Doch wenn einer von uns, die wir Heiden, aber nicht direkt kemetische Heiden sind, einem eurer Tempelgötter aus welchem Grund auch immer ein Opfer bringen würden wollen bzw. dass wir dem Tempelpriester bezahlen für seinen Dienst und für die Opfergabe, damit er dies in unseren Namen brächte - denn mir ist schon klar, dass man bei euch als Nichtpriester wohl auch nicht selbst opfern darf, da eure Götter natürlich nur auf die alten kemetischen Formeln reagieren und auf die richtigen Kulthandlungen (sowie vermutlich die meisten der alten Götter), wäre das denn möglich? Ich meine, das war ja nun nicht so unüblich zu heidnischer Zeit. Dem Gott Swantevit auf Rügen soll auch der dänische König seinerzeit einen goldenen Kelch geschenkt haben, und jener war weder ein Wende und eigentlich nicht einmal ein Heide.

    Was den Tempelbau anbelangt, so hast du mich missverstanden. Ich hatte da überhaupt nicht an ein Gemeinschaftsprojekt gedacht, sondern lediglich an eine Privatinitiative so wie in Poltawa. Ich meinte, dass die beste Öffentlichkeitsarbeit für die heidnischen Gemeinschaften einfach die wäre, dass eben Heiligtümer errichtet werden und in Betrieb genommen werden. Das muss nicht EIN Tempel für alle Heiden sein, obwohl wie gesagt auch zum Beispiel jeder im Heiligtum von Jupiter Perunus in Poltawa ein Opfer bringen kann bzw. vom Priester bringen lassen kann. Ich meine: wir sind doch alle Polytheisten und glauben an die Existenz mehrerer Götter. Klar, aus sentimentalen Gründen mögen viele den Göttern der eigenen Vorfahren oder des eigenen Landes den Vorzug geben, doch „fremde” Götter kann man entweder als noch unbekannte Götter oder als die eigenen Götter unter anderen Namen (und mit anderen Riten verehrt) betrachten. Das heisst ja darum noch lange nicht, dass man als Heide verpflichtet ist, allen Götter zu opfern oder sie zu verehren... ich nehme einmal an, dass auch nicht jeder alte Kemete oder Römer wirklich allen Göttern seines Pantheons opferte, sondern vorzüglich nur die ihm nahestehenden?

    Agnosco schrieb:

    Die Frage ist also, ob es um die Pflege alter Tradition geht (bis ins Detail bei dem Opferritus), oder darum einen Glauben zu praktizieren. Ich meine, nicht jeder, der (heidnische) Traditionen pflegt oder deren Feste feiert, ist gleich ein Heide oder gehört deshalb dazu.


    Für mich ist „die Pflege alter Tradition” die Definition des Heidentums. Ich wüsste gar nicht, wie ich die Frage, an was ich denn glaube, überhaupt beantworten könnte...

    Der Verein, von dem ich sprach, pflegt den Brauch des Vergodendeels, bei dem die letzte Garbe der Roggenernte auf dem Feld stehen gelassen, geschmückt und umtanzt wird. Dabei werden je nach Region entweder der Wode, Waude oder die Frau Gode/Wode angerufen, er oder sie solle das Futter für sein/ihr Pferd holen. Diese letzte Garbe soll eine reiche Ernte im nächsten Jahr garantieren. Dieser Brauch erscheint wie das Spiegelbild des Erstlingsopfers vieler alter Völker, bei denen die ersten Früchte und/oder auch Tiere des Frühlings den Götter geopfert werden. Inwieweit das Vergodendeel tatsächlich bereits von den heidnischen Vorfahren der Deutschen gepflegt wurde... das kann ich nicht sagen. Der Name „Wode” deutet natürlich auf Wodan (Odin) hin, Vergodendeel soll auch "Frô Gwoden deel" heißen, also "Teil für Herr Wodan"... aber das ist alles nicht gesichert, leider. Aber trotzdem obliegt dieser Brauch, ob germanisch oder aus heidnischer Zeit, deutlich einer magischen/animistischen Denkweise und keiner christlichen.

    Mich persönlich faszinieren solche Bräuche einfach enorm, sowohl wegen des fantasievollen, heidnischen anmutenden Teils, wie auch einfach aus dem Grund, weil sie eben zu unserem Kulturgut gehören.

    Aber ich weiß schon, was Du meinst: Ob die Mitglieder dieses Vereins tatsächlich glauben, dass die kultische Verehrung dieser letzten Garbe zu einer erfolgreicheren Ernte im Folgejahr führt... Ich vermute eher nicht. (Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass sie sich dabei unwohl fühlen würden, wenn sie den Brauch jetzt plötzlich wieder fallen lassen würden.)

    Gut, jetzt kann man sich natürlich fragen: Warum sollte man sich die Mühe machen, alte Opferriten bis ins Detail zu rekonstruieren, womöglich noch Althochdeutsch, Wendisch, eine keltische Sprache, Latein oder Altgriechisch zu lernen, wenn man im Endeffekt doch nicht wirklich an die Götter glaubt? Früher erhielten sich alte Kulte sicherlich auch, weil sie zum Teil eben auch identitätsstiftend waren, auch wenn das heute eher unliebsamer zu sein scheint. Aber für einen Athener gehörte es nun aber wohl zu seinem „Athenersein”, um an den Panathenäen teilzunehmen, genauso wie es zu seinem „Griechischsein” gehörte, an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Für die sieben Nerthusstämme war der Umzug dieser Göttin sicherlich auch identitätsstiftend. Auch wenn es heute anscheinend in der Pagan Community nicht so erlaubt zu sein scheint, könnte auch hier das Heidentum einem eine Identität geben. Des Weiteren wurde ja bei den Heiden nicht immer festgelegt, wie man sich die Götter nun genau denken soll. Als Wesen, die sich von den Menschen nur durch ihre ewige Jugend und Unsterblichkeit unterschieden, wie das aus den Mythen hervorgeht? Als Allegorien natürlicher Phänomene, wie die Stoiker dies lehren? Als glückselige Bewohner anderer Welten, wie die Epikureer behaupten? Oder gar als Menschen aus der Vorzeit, die ob der nützlichen Erfindungen, die sie gemacht haben, von den folgenden Generationen zu Göttern gemacht wurden? All dies erscheinen mir doch berechtigte Gründe zu sein, die Götter zu verehren: die Göttin Athene-Minerva kann man verehren und sie sich als die in der Mythologie beschriebene Weisheitsgöttin denken, die vor Kriegen schützt und Weisheit schenkt; man kann sie sich aber auch als einstmals sterbliche Frau denken, die das Weben erfunden hat und sie als solche ehren und dankbar für ihre Gaben sein, aber ohne eben zu erwarten, dass sie jetzt noch im Leben eingreifen kann, usw. ... es wurden ja - soweit ich weiß - keine Beichten abgenommen und kein Katechismus gelehrt, gelernt und geprüft. Wichtig war das Festhalten an den vorväterlichen Bräuchen, auch wenn diese nicht mehr gänzlich verstanden wurden oder sogar abgewandelt (Menschenopfer durch Puppen aus Stroh oder Wolle ersetzt).

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    Agnosco schrieb:

    Meine Frage war also nicht respektlos gemeint.

    Hatte ich auch nicht so aufgefasst... ;)

    Artjom schrieb:

    Doch wenn einer von uns, die wir Heiden, aber nicht direkt kemetische Heiden sind, einem eurer Tempelgötter aus welchem Grund auch immer ein Opfer bringen würden wollen bzw. dass wir dem Tempelpriester bezahlen für seinen Dienst und für die Opfergabe, damit er dies in unseren Namen brächte - denn mir ist schon klar, dass man bei euch als Nichtpriester wohl auch nicht selbst opfern darf, da eure Götter natürlich nur auf die alten kemetischen Formeln reagieren und auf die richtigen Kulthandlungen (sowie vermutlich die meisten der alten Götter), wäre das denn möglich?

    Sicher, das ist natürlich möglich. Wenn du einen unserer Priester damit beauftragst wird er das gerne für dich tun.

    Artjom schrieb:

    Was den Tempelbau anbelangt, so hast du mich missverstanden. Ich hatte da überhaupt nicht an ein Gemeinschaftsprojekt gedacht, sondern lediglich an eine Privatinitiative so wie in Poltawa. Ich meinte, dass die beste Öffentlichkeitsarbeit für die heidnischen Gemeinschaften einfach die wäre, dass eben Heiligtümer errichtet werden und in Betrieb genommen werden. Das muss nicht EIN Tempel für alle Heiden sein,

    Sorry das hatte ich dann tatsächlich missverstanden. Ich war jetzt von einem Gemeinschaftsprojekt ausgegangen...
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    Verrückte führen Blinde"


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    Merienptah schrieb:

    Sorry das hatte ich dann tatsächlich missverstanden. Ich war jetzt von einem Gemeinschaftsprojekt ausgegangen...


    Oh, Du brauchst dich wirklich nicht zu entschuldigen :-).

    Und gut zu wissen, dass man auch als Nicht-Kemete euren Göttern opfern darf. Man weiß ja nie, was die Zukunft bringt. Gibt es denn viele kemetische Tempel in Deutschland? Oder anders gefragt: Welche kemetischen Götter haben denn einen Schrein in deutschen Städten?

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    Artjom schrieb:

    Welche kemetischen Götter haben denn einen Schrein in deutschen Städten?

    Rein theoretisch eigentlich alle...

    Also es gibt einige größere Tempel, in denen immer eine sogenannte Triade als Hausherren Verehrung findet, meistens eine Gruppe aus Mutter-, Vater-, Kindgott.
    Hier ums Eck im Tempel zum Beispiel die Triade aus Amun-Ra, Mut und Chons.
    Zusätzlich zu den Hausherren werden in den Tempeln aber auch sogenannte "Gastgötter" in eigenen Schreinen verehrt.
    Gibt auch zu den größeren Tempeln zugehörige Kapellen für Einzelgötter, aber die werden nur bei bestimmten Festen betrieben und nicht wie die großen Tempel rund um die Uhr. :yu:

    Durch die Gastgötterschreine und die kleinen Einzelkapellen ist die Gesamtheit der Götter ziemlich umfassend vertreten. Und gibts keinen festen Schrein für einen Gastgott (also sozusagen sein eigenes Zimmer im Haus), gibts zusätzlich zu diesen noch freie Gastgötterschreine (Gästezimmer), die ganz nach Bedarf der einen oder anderen Gottheit zur Verfügung gestellt werden können.

    Somit hat rein theoretisch jeder Gott einen Schrein :yes2:
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