Blickpunkt Verschiebung von "was ist das Heidentum nicht" hin zu "was hat das Heidentum zu bieten"

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    Agnosco schrieb:

    Ich habe mal im Internet irgendwo gelesen, dass das Heidentum ein Deutschland eine anerkannte Religionsgemeinschaft wäre.

    :blink: Wo war das denn her? Der/die jenige(n), die das verbreiten/verbreitet haben, haben offenbar keine Ahnung davon, wie das in Deutschland mit "institutionalisierten" Religionen funktioniert! :rolleyes:
    Eine "Anerkennung" als Religion oder als Religionsgemeinschaft gibt es (in Deutschland!) schlicht und ergreifend nicht.
    Diese Diskussion ("Wir müssen uns dafür engagieren, dass das Heidentum (ja, welches denn bitte?!-Anm. von mir) in Deutschland ENDLICH als Religion anerkannt wird!"- oder ähnliche Varianten) verfolge ich schon eine gefühlte Ewigkeit im WWW.
    Und genauso ermüdend und ärgerlich ist die Fakten-Resistenz mancher Heiden diesbezüglich. :rolleyes:
    Es läuft hier schlicht und ergreifend nicht nach "Religion" oder "Nicht-Religion", sondern nach "ReligionsGEMEINSCHAFT", bzw. Körperschaft des ÖFFENTLICHEN Rechts.-Ein Status, der in Deutschland an (Religions-)Gemeinschaften verliehen werden kann, wenn gewisse Voraussetzungen erfüllt sind. Aber dazu müssen sich Religionsgemeinschaften erst mal in z.B. körperschaften des PRIVATEN Rechts (z.B. eingetragene Vereine (e.V.´s)) organisieren.
    Und da liegt ja dann gleich wieder der Hase im Pfeffer: Natürlich kann sich Heid´organisieren wie er/sie/es möchte, ABER so eine Körperschaft (egal ob privat- oder öffentlich-rechtlich) hat dennoh nicht das Recht sich hinzustellen und das Alleinvertretungsrecht für ALLE (in Deutschland lebenden) Heiden für sich zu beanspruchen! Nur und ausschließlich für die Heiden, die sich in dieser Körperschaft zusammen gefunden haben.

    Aber ich schweife selbst vom eigentlichen Thema des Threads ab. ;)
    Sorry.

    LG und einen schönen Abend
    Siat
    Von den Hohen erschaffen
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    Die Drachen
    ©Siat



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    ANB´s
    Hm..... ich find's nach all den Jahren immer noch schwierig zu definieren was "wir Heiden" denn nun sind. Letztendlich sammeln sich unter diesen Überbegriff eine Vielzahl an verschiedenen Religionen, Strömungen, Weltbildern und Spiritualitäten. Wahrscheinlich ist es vielfach leichter zu sagen was wir nicht sind als was wir sind.

    Für mich stellt sich die Frage warum wir uns überhaupt definieren müssen. Die Religionsfreiheit, die ich sehr schätze und die ja auch im Gesetz verankert ist, wird ja nicht davon bestimmt ob ich erklären kann was genau einen Heiden ausmacht. Sie erlaubt mir zu glauben und zu leben was immer ich spirituell für richtig erachte (so ich damit keine anderen Gesetze breche).

    Die Vielfalt, die das Heidentum so interessant macht, setzt eben auch einer gemeinsamen Definition Grenzen. Ich kann gut damit leben das ein wild zusammengewürfelter Haufen von Individualisten, jeder auf seinem eigenen Weg mit seiner eigenen spirituellen Weltsicht, sich unter dem Dachbegriff "Heide" sammelt und niemand genau erklären kann was denn nun genau so ein "Heide" ist.

    Ich find's aber schon wichtig klar zustellen dass ich, nur weil Ich Odin oder Hel kenne, damit nicht gleichzeitig ein Brauner bin. Ich kann daher gut verstehen das gerade die Asatru, die damit ja immer wieder in einen Topf geworfen werden, so klar und deutlich sagen was sie nicht sind.

    Liebe Grüße
    Wölfin
    Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

    Hamlet (I, 5)
    Ich stimme Dir im Grunde zu, Siat. Gelesen habe ich das übrigens im Astru-Forum, ein Beitrag von 2015.

    Ich denke schon, dass Du den Nagel auf den Kopf triffst, wenn Du feststellst, dass es nicht um die Anerkennung einer Religion geht. Wie denn auch, wer will das entscheiden?

    Es geht um die Anerkennung als Religionsgemeinschaft. Islamische Verbände wie der DITIB streben dies an. Darüber gibt es auch Streit. Die Zeugen Jehovas haben viele Jahre dafür gekämpft und erhielten, wenn ich richtig informiert bin, in NRW den Status einer Kirche. Um in dieser Frage voranzukommen, haben die Zeugen sogar den Rechtsweg beschritten. In 13 Bundesländern sind sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

    Den Weg bis zur Körperschaft des öffentlichen Rechts hast Du richtig beschrieben. Schon da zeigt sich, was für eine gewaltige Strecke vor den Heiden liegen würde, wenn sie dieses Ziel ins Auge fassen.

    Was die Alleinvertretung betrifft, die Du ansprichst, die gibt es auch nicht in den Kirchen. Bekanntlich sind nicht alle Christen kirchlich gebunden und diese können und werden dann auch weder von der katholischen, noch von der evangelischen Kirche vertreten. Das ist ein selbstverständlicher Vorgang und bei den Heiden würde dies nicht anders sein.

    Das andere Religionen und Glaubensgemeinschaften den Status der anerkannten Religionsgemeinschaft anstreben, hat gute Gründe. Dort sind keine Dummköpfe am Werk, die wissen, was sie tun und warum sie in dieser Frage tätig werden.

    Ja, wir haben das Glück in Freiheit, auch in einer Phase der Religionsfreiheit zu leben. Doch diese Zeit kann man nutzen, um sich strukturell besser aufzustellen. Im Moment scheint mir, ist man noch zu sehr mit sich und seinem engsten Kreis befasst. ›Think big‹ ist nicht angesagt. Das Bewusstsein, auch für folgende Generation verantwortlich zu handeln, und die Einsicht in gewisse Notwendigkeiten, wird sich aber auch bei den Heiden hoffentlich noch entwickeln.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

    Sternenwoelfin schrieb:

    Hm..... ich find's nach all den Jahren immer noch schwierig zu definieren was "wir Heiden" denn nun sind. Letztendlich sammeln sich unter diesen Überbegriff eine Vielzahl an verschiedenen Religionen, Strömungen, Weltbildern und Spiritualitäten. Wahrscheinlich ist es vielfach leichter zu sagen was wir nicht sind als was wir sind.


    Warum immer die Verneinung? Warum nicht einmal positiv denken/sprechen? Was sind wir, die Heiden? Das zu erklären, sollte uns nicht zuviel Mühe machen. Schließlich geht es doch um unseren Kult, Glauben, Religion. Ich will nicht ständig erklären, was ich nicht bin, sondern für was ich stehe, was mein Glaube ausmacht und was er mir gibt und was ich ihm gebe.

    Ja, alle lieben die Buntheit der Heidenszene, doch wie alles im Leben, hat auch diese Medaille zwei Seiten. Es macht dann eben mehr Mühe zusammenzufinden und es bräuchte dazu eine wirklich praktizierte Toleranz. Verschiedenheit und neue Ideen und Einflüsse können sehr schön sein, manchmal aber auch anstrengend. Das genau sind sie, die Heiden, das Heidentum, die paganen Kulte.

    Positiv sprechen bedeutet in meinen Augen auch, einmal darüber zu reden, was die Heiden eint, was sie gemeinsam haben. Probiert mal die positive Schiene aus und versucht dabei ganz bewusst, auf die Verneinungen, auf das Negativum zu verzichten. Ihr werdet staunen.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
    Hallo Agnosco,

    Agnosco schrieb:

    Die Zeugen Jehovas haben viele Jahre dafür gekämpft und erhielten, wenn ich richtig informiert bin, in NRW den Status einer Kirche. Um in dieser Frage voranzukommen, haben die Zeugen sogar den Rechtsweg beschritten. In 13 Bundesländern sind sie als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt.

    Die Zeugen haben den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechtes und sind damit quasi den Kirchen gleich gestellt.
    Auch die Zeugen können nicht weiter gehen, weil den Status, den die Kirchen haben noch aus der Zeit der Weimarer Republik und damit in der Weimarer Verfassung begründet ist. Alle "jüngeren" Glaubensgemeinschaften werden diesen Kirchen halt durch die Verleihung der Körperschaft des öffentlichen Rechts eben (rechtlich) gleichgestellt, können (Kirchen)Steuern erheben usw. usf..
    Es geht quasi für eine Glaubensgemeinschaft nicht weiter, als zur KöR. ;)

    Agnosco schrieb:

    Den Weg bis zur Körperschaft des öffentlichen Rechts hast Du richtig beschrieben. Schon da zeigt sich, was für eine gewaltige Strecke vor den Heiden liegen würde, wenn sie dieses Ziel ins Auge fassen.

    Ach, ich denke, davon sollte man sich nicht abschrecken lassen. ;)
    Wenn eine heidnische Gemeinschaft (organisiert halt eben in einem Verein) diesen Weg beschreiten wollen würde, würde ich das durchaus unterstützen (auch vollkommen unabhängig davon, ob ich selbst diesem angehöre oder nicht).

    Agnosco schrieb:

    Was die Alleinvertretung betrifft, die Du ansprichst, die gibt es auch nicht in den Kirchen. Bekanntlich sind nicht alle Christen kirchlich gebunden und diese können und werden dann auch weder von der katholischen, noch von der evangelischen Kirche vertreten. Das ist ein selbstverständlicher Vorgang und bei den Heiden würde dies nicht anders sein.

    *lach* Das ist mir schon klar, dass es die (EIGENTLICH) selbst nicht bei den Christen gibt. ;)
    Und dennoch gibt´s halt immer wieder die KomikerInnen, die sich das "Recht" herausnehmen, oder schlicht und ergreifend denjenigen, die sich zwar so bezeichnen, aber eben nicht einer Gemeinschaft angehören, eben als "keine echten Christen" bezeichnen.
    Auch das haben wir, in Grün, im Heidentum. ;)
    ("Wie, Du bist weder in einem Coven noch bist Du durch einen echten BTW Coven initiiert? Also bist Du auch keinE echteR Wicca!", "Wie, Du glaubst an DIE Große Göttin und DEN Großen Gott, und willst die griechischen/kemetischen/germanischen/keltischen/xy Götter und Göttinnen in dieser und jener Weise feiern? Dich kann man nicht ernst nehmen!", "Wie, Du verehrst Deine Göttheiten in einem Schrein/Tempel Zuhause und nicht in der Natur? Du bist keinE echteR Heide!"... Beispiele können beliebig fortgesetzt werden).

    Ich erlebe es in letzter Zeit sehr häufig, dass die Menschen ungern zu differenzieren scheinen. Dabei wären so viele unnötige Konflikte vermeidbar, wenn man einfach bei sich bleiben würde, statt für alle zu sprechen. ;)

    Agnosco schrieb:

    Das andere Religionen und Glaubensgemeinschaften den Status der anerkannten Religionsgemeinschaft anstreben, hat gute Gründe. Dort sind keine Dummköpfe am Werk, die wissen, was sie tun und warum sie in dieser Frage tätig werden.

    Oh, ich hoffe, das ist nicht so rüber gekommen, als würde ich diese als Dummköpfe ansehen.
    Im Gegenteil.
    Ich kann solcherlei Bestrebungen durchaus sehr gut nachvollziehen und stehe solchen sehr offen gegenüber. ;)

    Agnosco schrieb:

    Im Moment scheint mir, ist man noch zu sehr mit sich und seinem engsten Kreis befasst. ›Think big‹ ist nicht angesagt. Das Bewusstsein, auch für folgende Generation verantwortlich zu handeln, und die Einsicht in gewisse Notwendigkeiten, wird sich aber auch bei den Heiden hoffentlich noch entwickeln.

    Ich denke, das wird auch einfach der Tatsache geschuldet sein, dass das Heidentum bzw. die heidnischen Pfade wie wir sie heute finden können im Vergleich noch Recht jung sind.
    Da wird ein "auf sich selbst konzentriert sein" auch noch vollkommen normal sein. Solche Entwicklungen brauchen Zeit. Und vor allen Dingen verlaufen solcherlei Entwicklungen ja auch nicht alle gleich, sondern unterscheiden sich ja auch alle sehr, sehr stark.
    Ob sich solche Einsichten entwickeln. Who knows. Ich meine, es haben sich ja mittlerweile schon einige heidnische Vereine organisiert. Ich bin gespannt, wie sich diese vielleicht auch noch in den nächsten Jahren entwickeln werden :D


    LG
    Siat
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    Ich verspüre ehrlich gesagt kaum das Verlangen, eine in der Öffentlichkeit sichtbare Heidengemeinschaft zu etablieren, weil ich eben wie gesagt finde, dass meine heidnischen Interessen bereits durch andere Vereine, historischer oder volksbrauchtümlicher Natur, vertreten werden. Der Kern des Heidentums bildeten die von altersher überlieferten Riten. Eigentliche Spiritualität war eine Option, kein Muss. Aus diesem Grund fühle ich mich auch eher mit Mitgliedern von Heimatkundevereinen verbunden als mit den meisten Heiden, deren Tun und Lassen zum Beispiel im Internet, auf Youtube offenkundig wird. Und ich habe auch keine Lust, mich als Nächster in der stetig länger werdenden Reihe der um Toleranz Schreienden anzustellen. Religionsfreiheit wird uns durch unsere Demokratie gesichert, und sollte Letztere in Gefahr sein, dann gibt es noch viele, viele andere Dinge, um die man sich Sorgen machen sollte. Ich bin in dieser Hinsicht Selbstbewusst genug, um mein Ding durchzuziehen. Ich begrüße und unterstütze private Projekte wie die Tempelbauten in Italien oder der Ukraine, begrüße es noch mehr, dass sich Heiden suchen und treffen, aber jetzt um gegenüber dem Rest der Welt irgendein Statement zu machen... das wird mir dann alles schon wieder zu politisch. Wir sind keine bedrohte Minderheit. Wir sind im Prinzip nicht einmal eine Minderheit, denn wir sind nicht die einzigen Heiden, nur weil wir uns da explizit zu bekennen. Ein Religionswissenschaftler oder Anthropologe würde vermutlich jeden dritten oder vierten Deutschen als 'Heiden' einstufen. Schon allein der Umstand, dass die meisten von uns Geburtstage feiern, macht uns zu Heiden. Da musste ich letzte Woche dran denken, als einige Kolleginnen auf Arbeit entdeckten, dass einer unserer Kollegen, ein Iraner, Geburtstag hatten und ihm überschwänglich gratulierten. Ich habe mich da zurückgehalten, weil ich um seinen islamischen Glauben wusste (er hatte im Sommer am Ramadan teilgenommen) und nicht wusste, inwiefern Geburtstage feiern für ihn Götzendienst ist. Am nächsten Tag brachte er eine Torte mit, die seine Frau am Abend zuvor schleunigst gebacken hat... Da hat er sich ja auch aus Höflichkeit unseren von den Heiden ererbten Brauch des Geburtstagsfestes unterworfen. Das Heidentum lebt nämlich von seinen Bräuchen und Traditionen, nicht von irgendwelchen Weltbildern. Es gab zu heidnischen Zeiten so viele Weltbilder nebeneinander (mythologisches, philosophisches, naturphilosophisches usw.), weil es keine große Rolle spielte. Es gab keine andere verkündete Wahrheit, als die, dass in den von den Vorfahren ererbten Bräuchen der Schlüssel zur Weltordnung lag und zu einem guten Auskommen zwischen Menschen und Göttern. Daher fände ich es viel sinnvoller, sich damit zu beschäftigen, was es denn regional noch alles für Bräuche gibt und dass man sich daran beteiligt, diese zu pflegen oder neu zu beleben. Und das wäre sehr wichtig und sinnvoll, dass wir das tun. Schon der Kaiser Julian soll sich darüber gewundert haben, wie schnell die Menschen aus seiner Umgebung es verlernt hatten, wie man richtig opferte (war nämlich nichts mit „Mache, was sich für dich gut anfühlt”...), und dabei waren die heidnischen Kulte zu seiner Zeit noch nicht einmal verboten! Als dies aber mehr und mehr geschah und es den Menschen mehr und mehr verboten wurde, Opfer darzubringen, da verschwand die heidnische Religion, die es seit Jahrhunderten gegeben hatte. Stückchenweise ist sie uns erhalten geblieben, aber eben nur Stückchenweise. Das Christentum wird nicht so leicht verschwinden, da der Kern der christlichen Religion der Glaube ist und nicht der Ritus. Und daher würde ich mir für das Heidentum eher das wünschen, dass mehr Menschen einsehen, dass es bei den Religionen der alten Völker Europas nicht nur um persönliche Spiritualität ging (obwohl es auch diese gab), sondern eben auch um die Pflege der gemeinsamen Traditionen. Mir ist klar, dass ich ein unliebsames Thema anspreche, gerade weil für viele Heiden von heute das Heidentum die Religion ohne Zwänge ist und keiner etwas davon hören möchte, dass er Pflichten habe, doch wenn wir uns nicht um unsere regionalen Bräuche kümmern, sondern uns darauf verlassen, dass ein Fan deutschen Brauchtums in Schanghai oder in Dubai oder in Kamerun das tun wird, dann werden diese Bräuche wohl eher aussterben (weil ich nicht denke, dass es diese Personen gibt...). Man braucht sich ja darauf nicht zu beschränken, denn hier kommt ja tatsächlich die Flexibilität des Heidentums zur Geltung: man braucht sich nicht auf regionales Brauchtum zu beschränken. Man kann darüber hinaus noch so vielen Göttern und Geistern huldigen, wie man möchte und wie man das zeitlich schafft. Oder es ist auch Platz für Synkretismus dar. Ich bin nach wie vor ein glühender Verehrer der griechisch-römischen Gottheiten und vor allem der römischen Religion, doch da ich nicht in Rom selbst wohne oder dort herkomme, hat für mich der regionale Festkalender mehr Gewicht, was aber nicht heißt, dass dieser bei mir mindestens romanisiert ist.

    Kurz: Für mich sind das wichtigste am Heidentum die Pflege der heidnischen Riten und Bräuche und ich finde, dass diese eben schon durch Heimkunde- und/oder Geschichtsvereine abgedeckt werden. Ich würde daher einen Anschluss an solche Vereine, um regionales Brauchtum zu pflegen, als die vernünftigere Alternative sehen zu einem eigenen Heidenverein.

    Neu

    Nein, Siat, da ist nichts in den falschen Hals gekommen. Ich habe deinen Post nicht so verstanden, dass Du andere als Dummköpfe siehst. Vielmehr wollte ich mit meinem Beitrag nur zum Ausdruck bringen, dass es kluge Leute gibt, die sich etwas dabei denken, wenn sie Strukturen aufbauen. Deine Beispiele, wo andere kritisch und einseitig hinterfragt werden, zeugen in der Tat nicht von großer Toleranz und stehen natürlich wie ein Hindernis im Weg.

    Du hast auch sicher recht, wenn Du anmerkst, dass das ›neue‹ Heidentum noch nicht so alt ist und Zeit benötigt. Das wird so sein, und dennoch plädiere ich immer dafür, zu anderen zu schauen und von ihnen zu lernen. Dadurch können Wege abgekürzt werden.

    Deine Meinung, Artjom, hat natürlich auch seine volle Berechtigung. Wenn Du solche Strukturen nicht möchtest, nicht brauchst, dann ist das halt so. Den Kreis, was und wer alles zum Heidentum gehört, gewollt oder durch Zufall, ziehst Du für meinen Geschmack allerdings etwas zu weit.

    Wie ich aber schon in meinem vorherigen Post geschrieben habe, wir sollten uns angewöhnen positiver zu denken. Es geht nicht um Proteste. Es geht auch nicht um meckernde Minderheiten, was auch bloß wieder negativ wäre. Die Chance liegt nicht darin ›gegen‹ jemanden oder gegen etwas zu sein, sondern ›für‹ und in diesem Fall für die Heiden.

    Etwas seltsam fühlt sich für mich deine Anmerkung zu ›Heimkunde- und/oder Geschichtsvereine‹. Ihre Aufgabe ist eine andere, als das Heidentum an sich. Es darf nicht verkannt werden, dass in Museen oder anderen Anlagen die Tempel, Schreine oder nachgebildeten Kultplätze den Heiden für ihre Rituale oder Zusammenkünfte nicht zur Verfügung stehen. Zumindest sind mir keine solchen Beispiele, die zudem als allgemein gültig betrachten kann, bekannt. Etwas andere sind freilich die in der freien Natur erhaltene Kultplätze.

    In Griechenland versuchten die Helenen, die alten Tempel für ihren Kult zu nutzen, was abgelehnt wurde. Ich habe dafür sogar ein gewisses Verständnis, denn heute sind dies geschützte Kulturgüter. Andererseits denke ich, wird die Bausubstanz durch religiöse Kulte nicht beschädigt. Aber natürlich können sie auch neue Tempel bauen, was sie glaube ich, in Thessaloniki bereits getan haben.

    Interessant ist deine Anmerkung, dass Du private Initiativen zum Tempelbau begrüßt. Dazu hattest Du schon einmal angemerkt dass man das auch in Deutschland machen könnte. Fragt sich nur, wie das geschafft werden soll. Da muss ein Grundstück her, ein Bauherr die Planung und Verantwortung übernehmen, Geld zum Erwerb, zum Bau und für Pflege und Unterhalt gesammelt werden. Über eine Stiftung? Die müsste jemand gründen. Oder man ruft einen Verein ins Leben, der dann Spenden sammelt. Das darf er nur, wenn er ein eingetragener Verein ist und vom Finanzamt, die Gemeinnützigkeit erhältt. Dafür benötigt man engagierte Leute, und wie Du siehst, sind auch für deinen Vorschlag schon mal weiterführende Strukturen notwendig. Es sei denn, es tritt ein reicher Mäzen auf, die es aber mit dieser Interessenlage eher selten gibt. Es ist also nicht ganz so einfach, ohne Strukturen etwas aufzubauen. Da stößt man schnell an Grenzen.

    Pagane Kulte würde ich ohnehin nicht als gelebten Individualismus sehen. Es gab sowohl individuelle, als auch eine gemeinschaftliche Aspekte. Das gehört auch zur heidnische Tradition. Übrigens hatten Kulte und Religionen schon immer den Sinn, Gemeinschaft und Zusammenhalt zu erzeugen.
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    Einen Verein mit dem konkreten Ziel, einen Kult zu stiften und ein Heiligtum zu errichten, begrüße ich natürlich.

    Agnosco schrieb:

    Etwas seltsam fühlt sich für mich deine Anmerkung zu ›Heimkunde- und/oder Geschichtsvereine‹. Ihre Aufgabe ist eine andere, als das Heidentum an sich.


    Ich dachte an einen Heimkunde-Verein in Sachsen-Anhalt, der jedes Jahr zur Erntezeit den alten Brauch des ”Vergodendeel„ zelebriert, bei dem die letzte Garbe auf dem Feld stehenbleibt als Opfergabe für einen Geist, vielleicht sogar für Wodan oder Frîja.

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    Ich glaube ja dass es wenig Sinn macht für "die Heiden" einen Verein o.ä. zu gründen, auch macht es relativ wenig Sinn für "die Heiden" einen Tempel zu errichten.

    Selbst wenn das dann eine Art Pantheon werden würde, wem würde er gehören?
    Ein Grundstück, ein Gebäude braucht einen Besitzer, einen Verantwortlichen, einen der die Instandhaltung gewährleistet, einen der den Betrieb aufrecht erhält, einen der die Steuern bezahlt, einen der Strom, Abwasser und Müll bezahlt usw...
    Ich glaub ehrlich gesagt nicht dass "die Heiden" sich da auf einen gemeinsamen Nenner einigen können und werden. Ich glaube ja "die Heiden" könnten sich nicht mal auf nen gemeinsamen Putzplan einigen.

    Ganz einfach weil es "die Heiden" als Einheit nicht gibt und weil sich die heidnischen Religionen, Gemeinschaften, Strömungen untereinander erheblich voneinander unterscheiden; sei es in der Kultpraxis, in der inneren Struktur oder sonstwie. Außer dem einen kleinen gemeinsamen Nenner, dass Heiden eben keiner der drei abrahamitischen Religionen angehören seh ich da nix was sie gemeinsam hätten.
    Da ein Gemeinschaftsprojekt zu starten und dann auch auf Dauer am Laufen zu halten, halte ich persönlich für unmöglich. Ehrlich das wird nix. Meine Meinung.

    Wenn sich heidnische Gemeinschaften etablieren und auf Dauer halten wollen müssen sie so Projekte wie Tempel o. ä. jeder für sich und an seine eigenen Bedürfnisse angepasst starten.

    Wir Kemeten haben Tempel, eben aus uns heraus und für uns erbaut.
    Und selbst die, obwohl bereits vorhanden und einsatzfähig, wären für heidnische Gemeinschaftsprojekte vollkommen ungeeignet weil sich unsere Kulte total unterscheiden. Wir haben ganz andere Regeln, wir feiern gänzlich andere Feste als beispielsweise WICCA oder Asatru, Celtoi und Co. Diese Tempel sind für "die Heiden" völlig nutzlos, eben weils kemetische sind.
    Ich wüsste nicht wie man so ein Gemeinschaftswerk unter einen Deckel kriegen sollte, auch zweifle ich stark an, dass es für sowas überhaupt ne Notwendigkeit gibt.

    Muslime und Christen agieren auch nicht gemeinsam, sie sind jeder für sich jeweils eine Religion (mit was weiß ich wie vielen Untergruppierungen) die jede ihrem eigenen Weg folgt und warum sollten sich dann beispielsweise Asatru und Celtoi, die ja auch zwei verschiedene Religionen sind, auf einen gemeinsamen Weg einigen? Und wie sollte das funktionieren? Macht keinen Sinn für mich...
    Nur weil sie als Gemeinsamkeit haben eben keine Abrahamiten zu sein???
    Das ist ein bisschen wenig für ein einigendes Band...
    Also da haben Christen und Muslime definitiv mehr Gemeinsamkeiten und selbst die kriegen es nicht hin mal etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

    Ich denke jede Gemeinschaft sollte für sich einen Weg finden und dem dann folgen, anders kann das nix werden.
    Is meine eigene ganz bescheidene Meinung dazu...
    "Das ist die Seuche dieser Zeit,
    Verrückte führen Blinde"


    King Lear, W. Shakespeare 1606

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    Hi, Artjom, ich weiß jetzt nicht, wie der Heimkunde-Verein arbeitet, welche Prioritäten er setzt. Ich kenne dies von Kulturistikgruppen, die zum Beispiel, das Leben der nordamerikanischen Indianer nachstellen. Die gehen dabei richtig tief in die Materie, was ich bewundere. Da stimm jedes auf der Kleidung jedes gestickte Ornament, jede Zeichnung auf dem Tipi. Natürlich führen diese auch, kultische Tänze auf. Jedoch, sie pflegen nur die Tradition, sie spielen mit entsprechender Ernsthaftigkeit Indianer, wollen für einige Stunden oder Tage dem Alltag entfliehen. Mit der Pflege heidnischer Bräuche, indem sie sich zu diesen Glauben bekennen würden, hat das in den allerwenigsten Fällen etwas zu tun. Obwohl mir diese Aktivitäten sehr gefallen, werfe ich diese mit dem Heidentum nicht durcheinander.
    Mag sein, dass sich mancher von der Spiritualität des indianischen Glaubens in den Bann ziehen lässt. Aber darin liegt sicher wahrscheinlich nicht die hauptsächliche Motivation. Nun weiß ich nicht, wie es sich in dem Verein verhält, den Du genannt hast. Die Frage ist also, ob es um die Pflege alter Tradition geht (bis ins Detail bei dem Opferritus), oder darum einen Glauben zu praktizieren. Ich meine, nicht jeder, der (heidnische) Traditionen pflegt oder deren Feste feiert, ist gleich ein Heide oder gehört deshalb dazu. Die Arbeit dieser Vereine ist in meinen Augen eine feine Sache und äußerst wertvoll.

    Ja, Merienptah, Du sprichst einige Probleme an, die mit dem Bau eines Tempels einhergehen. Selbstverständlich ist es richtig, dass dann bei den vielen Glaubensrichtungen im Heidentum, diese ihre eigenen Tempel errichten müssten. Aber natürlich steht es jedem Stifter frei, so wie es oftmals die Römer taten, auch einen Gott mit einem bestimmten Zusatz ein Heiligtum zu erbauen.

    Schön zu hören, dass die Kemeten Tempel pflegen. Gibt es eigentlich in Deutschland ein kemetisches Heiligtum, und ist dieses zugänglich (Tag der offenen Türen z.B.)?
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.