Blickpunkt Verschiebung von "was ist das Heidentum nicht" hin zu "was hat das Heidentum zu bieten"

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    Die Norweger (Asatrufellesskapet Bifrost) haben es geschafft, mit nur 380 Mitgliedern als Religionsgemeinschaft offiziell anerkannt zu werden. Aufgrund der Gesetzeslage können sie juristisch bindende Handfastings abhalten. Mit der Anerkennung haben sie Zugang zu Mitteln, die ihnen ein eigenes Versammlungshaus ermöglichen. Das kommt jedoch nicht von alleine. Da gibt es Leute, die vorne dran stehen und immer wieder anschieben, damit etwas geschieht. Auch den mühevgollen Behördenkram muss irgendwer erledigen. Da hilft es, wenn man nicht alleine in der Landschaft steht.

    Bei uns in Deutschland würde es schon eine Menge bewirken, wenn die Medien-Berichterstattung ein wenig ausgewogener wäre. Wenn wir jedoch von den Journalisten die Bereitschaft zur seriösen Recherche verlangen, ist es auf unserer Seite notwenig, Einblicke zu gewähren und Interviews zu geben. Das bedeutet dann auch, mit dem Klarnamen öffentlich präsent zu sein, wovor ich in der Vergangenheit immer wieder zurückgescheut bin.

    Das bedeutet jedoch, das Feld all jenen zu überlassen, die nur dumpfe Vorurteile klopfen wollen. Deshalb halte ich es für wichtig, dass es heidnische Organisationen gibt, die sich auch untereinander vernetzen und unterstützen. Im Verbund ist es leichter, etwas zu erreichen, und auch leichter, mutig zu sein.

    Dass wir in unserer Religionsausübung frei sind, ist wunderbar. Doch das muss nicht so bleiben. Wenn wir nicht bereit sind, für unsere Rechte einzustehen, können wir sie auch ganz schnell wieder verlieren.

    Artjom schrieb:

    Solveig schrieb:

    Wenn wir nicht bereit sind, für unsere Rechte einzustehen, können wir sie auch ganz schnell wieder verlieren.


    Das verstehe ich nicht ganz.


    Ich verstehe Solveig im Sinne von Cuncta fluunt - Alles fließt. Nichts ist von Dauer, und möchte man etwas behalten, weil es einem wertvoll erscheint, muss man sich darum kümmern, es pflegen, dafür einstehen.

    @Solveig, so ähnlich sehe ich die Problematik auch. Eine Vernetzung würde einige Vorteile mit sich bringen, die Du sehr schön beschreibst. Du sprichst aber auch richtiger weise die damit einhergehenden Nebenwirkungen an, z.B. dass es Leute geben müsste, die vorangehen, sich der Organisation und dem anderen Krempel widmen. Da ich mit Vereinsarbeit einige Erfahrung habe, weiß ich, dass es natürlich immer Leute geben wird, die die Möglichkeiten solcher Strukturen gern nutzen, sich ihren Interessen widmen, aber nicht mitarbeiten. Das ist auch völlig legitim, genau so, wie es auch in Ordnung ist, dass jemand solche Strukturen nicht möchte. Der Aufbau und der Erhalt solcher Strukturen, wird also immer an einem überschaubaren Personenkreis hängen bleiben. Aber auch das ist völlig normal.

    Der Klarname ist natürlich unabdingbar, wenn man öffentlich auftritt und mit Medienvertretern spricht. Das dies trotz der Religionsfreiheit oftmals nicht so einfach ist, liegt auch an der weit verbreiteten Intoleranz und Arroganz. Ich denke, dass viele Heiden befürchten nicht mehr ernst genommen, oder als Spinner abgetan zu werden, wenn bekannt wird, dass sie sich nicht im religiösen Mainstream bewegen. Ich kann das auch gut verstehen, da durch das Internet sich auch Arbeitgeber schnell mal über Mitarbeiter oder Bewerber erkundigen.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

    Artjom schrieb:

    Es fällt mir irgendwie schwer, der Diskussion zu folgen, weil ich nie das Gefühl hatte, dass meine religiösen Rechte gefährdet seien.

    Naja ich würde mal sagen, dass sie das auch im Moment nicht sind. Allerdings ist das kein Zustand, der zwangsläufig für immer so bleiben muss.

    Die aktuelle religiöse Toleranz hierzulande ist eine Errungenschaft, die keine Selbstverständlichkeit ist. Dessen sollte man sich immer bewusst sein.
    Es gab Zeiten in denen es um religiöse Toleranz weitaus weniger gut bestellt war und es ist nicht ausgeschlossen dass es sich mal wieder in eine weniger tolerante Richtung entwickeln könnte.
    Ich persönlich vertraue zum Beispiel nicht darauf, dass es für immer so bleiben wird wie es jetzt ist.
    "Das ist die Seuche dieser Zeit,
    Verrückte führen Blinde"


    King Lear, W. Shakespeare 1606

    Genau so sehe ich das auch, Meri. Vor 10 Jahren hatte ich noch ernstliche Bedenken, mich öffentlich zu engagieren, weil ich im Job Nachteile befürchtet habe. Ob ich die wirklich gehabt hätte - das werde ich rückwirkend nicht mehr herausfinden.

    Seither hat sich aber viel getan. Ich trete heute öffentlich auf - mit Namen, Wort und Bild. Das hängt zum einen mit meinem Alter zusammen. Beruflicher Erfolg ist nicht mehr so kritisch, wenn Du die 60 erst mal hinter Dir hast. Ich habe jetzt Zeit und Lust, mich zu engagieren. Zum anderen hat sich die Stimmung gewandelt. Sehr viele Leute, auch in gehobenen Positionen, tun irgendwelche schräge energetische Sachen. Ich empfinde das Umfeld als deutlich toleranter gegenüber früher.

    Natürlich kann sich das wieder ändern. Der Zeitgeist führt hin zu stärkerer Polarisierung. Die Extreme gewinnen, die Mitte dünnt aus. Man ist für oder gegen etwas. Eine Auseinandersetzung mit einerseits/andererseits gibt es kaum mehr.

    Diese generelle Strömung kann längerfristig Auswirkungen auf die Toleranz gegenüber unserer Religions-Ausübung haben. Für die Asatru hat sie es allemal, denn sonst wären sie nicht so überaus beschäftigt, sich gegenüber der extremen Rechten abzugrenzen. Würden sie nicht immer wieder dagegen aufstehen, wären längst alle Symbole ihres Glaubens verboten. Das fände ich unendlich schade, denn obwohl ich selbst keinen trage, ist mir der Thorshammer lieb und wert.
    Ich stimme euch zu, dass Religionsfreiheit uns alle etwas angeht und dass es diese nicht zu verspielen gilt.

    Nur hätte ich wenig Lust, auch zu einer, im öffentlichen Bild wahrgenommen weiteren meckernden Minderheit zu gehören, die irgendetwas einfordern... Ich weiß nicht, ob ihr schon einmal von der Aktion „Heiden, vereinigt euch!” oder irgendwie so gehört habt, die vor ein paar Jahren an einem Denkmal zu Ehren des Bischofs Bonifatius, der seinerzeit die Donareiche fällte (der Frevler!), quasi den Aufstand geprobt... Klar mir gefällt diese Statue auch nicht und würde ich dort in Fritzlar leben, dann würde ich mich vermutlich auch beschweren. Aber um extra dahin zu fahren? Da gibt es doch bessere Orte. Und übrigens finde ich es auch ein kleines bisschen undankbar. Es gibt in Deutschland einige schöne öffentlich errichtete Tempel oder Denkmäler, die das Heidentum ehren. Ich denke da an die gallorömischen Tempel für Mars, Merkur und Diana in Rheinland-Pfalz und Baden-Würtemberg, an das Opfermoor in Niederdorla in Thüringen, an die Frau-Holle-Statue(n) auf dem Meißner in Hessen, der Tempel im Freilichtmuseum bei Groß Raden, der Hertha-See und die Swiatowid-Statue und die Porenut-Statue auf der Insel Rügen, die Blanke Helle in Berlin, die Wotan-Statue in Hannover oder jene in Thale... Nur weil diese Bauten und Statuen für viele Menschen lediglich historische und künstlerische, keine kultische Bedeutung haben, heißt es doch nicht, dass wir jene nicht für unsere Zwecke nutzen können. Sorry, aber ich finde, man kann als Heide in Deutschland recht zufrieden sein.
    Es geht glaube ich, gar nicht darum, zu meckern und eine Demo-Kultur zu etablieren. Ich denke vor allem an zwei Punkte. 1. Religionsfreiheit ist keine selbstverständliche dauerhafte Errungenschaft. 2. Falls sich mal diesbezüglich etwas ändern sollte, hätten die Heiden, mal vom Wahltag und eben diesen Demos, keine Möglichkeit mitzureden, oder Rechte einzufordern.

    Ich habe mal im Internet irgendwo gelesen, dass das Heidentum ein Deutschland eine anerkannte Religionsgemeinschaft wäre. Weit gefehlt. Es gibt vereinzelte Vereine, die als Vorstufe/Meilenstein auf dem Weg zur anerkannten Religionsgemeinschaft angesehen werden könnten, aber mehr auch nicht. Also gibt auch keine offiziellen Ansprechpartner, niemand der Interessen vertritt oder schützt. Es ist in Deutschland nun mal aber so, dass bestimmte Strukturen erwartet werden, bevor man ernst und anerkannt wird. Ob es uns nun gefällt oder nicht, so ist es eben.

    Die Heiden werden sich überlegen müssen, welchen Weg sie gehen wollen. Gerade Solveigs Beispiel, dass sie sich nicht getraut hat, öffentlich zu wirken, zeigt doch, dass trotz aller Freiheit, noch längst nicht alles in dem Topf ist, wo es kochen soll.

    Natürlich braucht so eine Entwicklung nicht nur engagierte Leute, sondern auch Zeit. Ich denke, dass irgendwann die verschiedenen Strömungen und Kulte ernsthaft miteinander reden müssen.

    Wer nicht aufbricht, wird auch nie ankommen.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.