Lampenfest

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      Hallo Meri,
      in dem Neujahrsthread hast Du Euer Lampenfest erwähnt.
      Magst Du darüber etwas erzählen? Was genau feiert Ihr ? Und wie zelebriert Ihr das?
      Vom Namen leite ich natürlich ab, dass Lampen bzw. Lichter/Kerzen eine wesentliche Rolle dabei spielen. ;)
      Aber was ist die Bedeutung dieses Festes oder dieser Festzeit?


      Herzliche Grüße
      Siat
      Von den Hohen erschaffen
      zu lernen, zu lehren, zu wachen
      Geboren in der Sterne Welten
      Wandern und wandeln sie
      Die Drachen
      ©Siat



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      ANB´s
      Huhu Siat,

      klar, kann ich machen. Erstmal zu der Entstehung dieser Tage. Der Besonderheit dieser Tage liegt die Ungenauigkeit der verschiedenen Kalendersysteme Kemets zu Grunde.
      Der Verwaltungskalender Kemets kannte damals 12 Monate zu je 30 Tagen was ein Jahr von 360 Tagen ergibt. Deshalb werden 5 "Fülltage" an das Jahresende angehängt um die normale Jahreslänge von 365 Tagen zu erreichen. Also das ist erstmal der banale Ursprung dieser besonderen Tage. Diese Zusatztageregelung gibts heute noch im koptischen und äthiopischen Kalender.

      Da diese Tage ursprünglich zu keinem der zwölf ägyptischen Monate gehörten, gehören sie auch nicht zum Jahr. Ihre kemetische Bezeichnung lautet Heriu renpet, also "die über dem Jahr", besser bekannt sind sie aber wohl unter der griechischen Bezeichnung Epagomenen, was in etwa "die Nachfolgenden" bedeutet.
      Auch wenn wir mittlerweile unsren Kalender reformiert haben und die Heriu renpet nun die letzten 5 Tage des letzten Monats im Jahr sind haben sie ihre religiöse Besonderheit beibehalten.

      Der Sage nach, sollen diese Tage so entstanden sein:

      Ganz am Anfang der Schöpfung gab es nur 5 Götter im Universum, der Allschöpfer und Sonnengott, seine beiden Kinder Schu und Tefnut und deren Kinder Kinder Geb und Nut.
      Das Geschwisterpaar Geb und Nut entbrannte in Liebe füreinander was ihrem Großvater missfiel. So befahl er Schu und Tefnut diese Liebschaft ihrer Kinder zu unterbinden. Schu verwandelte sich in einen Lufthauch und schob sich zwischen das liebende Paar und hob sine Tochter hoch in den Himmel, Tefnut als Feuchtigkeit legte sich auf schwer auf ihren Sohn und drückte ihn zu Boden. So wurde Geb zum Gott der Erde und Nut zur Göttin des Himmels. Laut Anordnung des Allschöpfers sollten sie sich an keinem Tag des Jahres begegnen dürfen.

      Dieser Zustand blieb eine ganze Weile so. Während Der Sonnengott weiter am Universum bastelte und die Schar der Götter vergrößerte, formte Geb die Berge und Täler der Erde und Nut von Traurigkeit übermannt, füllte mit ihren Tränen Flüsse und Ozeane. Der Gott Djehuti (Thot) war von Mitleid für die Liebenden erfüllt und so ersann er einen Plan. Er überredete den Zeitgott Heh zu einem Würfelspiel. Heh verlor insgesamt 5 Tage an Djehuti und dieser schenkte sie Geb und Nut.

      So verlässt an diesen Tagen Nut den Himmel und steigt herunter auf die Erde zu ihrem Geliebten. Und so wie es in solchen Geschichten nunmal läuft, wurde Nut schwanger. Jahrs drauf gebar sie an jedem der Tage, die ihr gehörten ein Kind. Am ersten Usir (Osiris), am zweiten Heru (Horus den älteren), am dritten Sutech (Seth), am vierten Aset (Isis) und am fünften Nebethat (Nephthys).
      So war eine Familie aus neun Göttern entstanden, die in unsere Mythologie als die große Neunheit einging, welche das bestehende Universum erschuf und es leitet und lenkt.

      In diesen 5 Tagen liegt der Ursprung allen Seins, da alles was heute unsere Welt ausmacht aus den Göttern hervorging, die an diesen Tagen geboren wurden.
      Deswegen die hohe kultische Bedeutung für Kemet.

      Gefeiert werden diese Feste aber eher wenig, weil diese 5 Tage eine sehr gefährliche Zeit sind. Wenns geht verläßt man das Haus nicht und verbringt die Zeit still mit seinen Lieben. An diesen fünf Tagen ist die Maat empfindlich gestört, da die Himmelsgöttin Nut sich nicht an ihrem Platz befindet. Der Himmel ist unbewacht.
      Sie gelten als Tage der Dunkelheit in denen Dämonen und Geister auf der Erde wandeln können.
      Da kommen die Lichter ins Spiel.

      Damit jeder der sein Haus an diesen dunklen und gefährlichen Tagen dennoch verlassen muss, den Weg nach Hause wieder findet, damit die Dunkelheit nicht Besitz von einem ergreifen kann und damit die Geister der Dunkelheit nicht in die Häuser eindringen können werden überall Lichter entzündet. Um den Geistern der Dunkelheit keine schattigen Ecken zu bieten werden in jedem Raum vier Lichter entzündet, in jeder Ecke des Raumes eins, darüberhinaus werden in jeden Fenster nach Sonnenuntergang Lichter aufgestellt die den Weg nach Hause leuchten sollen.

      Alles in Allem ist das eine sehr stille Zeit. Und wenn die 5 "Chaostage" an denen die Maat gestört ist (theoretisch ist an diesen Tagen alles möglich) überstanden sind und wenn Nut am Ende des 5. Tages wieder an ihrem Platz ist, beginnt ganz Kemet beim nächsten Sonnenaufgang freudig die Feierlichkeiten zum Neujahr...

      LG
      Meri
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606

      Sehr schön, vielen Dank!
      Eine Zeit zwischen den Jahren, wo Geister ihr Wesen treiben können und Gottheiten das Licht der Welt erblicken, überhaupt viel Licht gebrannt wird... da muss ich doch an die europäischen Rauhnächte denken! Wer noch?
      Hallo Meri,
      vielen Dank für Deine Erläuterung :)

      Merienptah wrote:

      Gefeiert werden diese Feste aber eher wenig, weil diese 5 Tage eine sehr gefährliche Zeit sind. Wenns geht verläßt man das Haus nicht und verbringt die Zeit still mit seinen Lieben. An diesen fünf Tagen ist die Maat empfindlich gestört, da die Himmelsgöttin Nut sich nicht an ihrem Platz befindet. Der Himmel ist unbewacht.
      Sie gelten als Tage der Dunkelheit in denen Dämonen und Geister auf der Erde wandeln können.
      Da kommen die Lichter ins Spiel.


      Gibt es denn neben den Lichtern noch weitere Rituale an diesen Tagen? z.B. um den Erhalt der Maat in diesen chaotischen Tagen zu gewährleisten bzw. dafür zu sorgen, dass auch nach diesen fünf Tagen die Maat wieder gefestigt/etabliert wird?
      Werden die Götter und Göttinnen, deren Geburtstage diese sind, denn an diesen Tagen mit Ritualen geehrt, oder ist das auch eher unüblich bzw. unangebracht?

      Liebe Grüße und hab einen schönen Abend
      Siat
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      @Meri

      Ich finde es irritierend, dass ausgerechnet im Juni, wenn die Sonne auch in Ägypten die grössten Tageslängen ermöglicht, also die Tage eigentlich hell sind, Tage von Dunkelheit und Chaos stattfinden. wahrscheinlich spielt da auch meine Vertrautheit mit den europäischen Rauhnächten als Zeit von Dunkelheit und Chaos eine Rolle, bei denen ja tatsächlich die Tageslänge sehr kurz ist. in Ägypten ist der Unterschied ja nun mal erheblich kleiner, zur Sommersonnenwende ist dort der Tag etwa 14 Stunden lang, in Köln sind es knapp über 16 Stunden, während es zur Wintersonnenwende in Ägypten etwa 10 Stunden, in Köln aber nur knapp 8 Stunden sind.

      Bleibt mir also nur zu vermuten, dass das mit der Dunkelheit in Ägypten symbolisch gemeint ist.

      Man wartet also während des Lampenfestes darauf, dass der Nil endlich über die Ufer tritt, um die Felder zu düngen und bewässern, die die Lebensgrundlage sind. Wahrscheinlich konnte man beim Blick auf die Vorräte zu diesem Zeitpunkt auch schon bei einigen Lebensmitteln sehen, dass sie zur Neige gehen würden, wenn nicht in den nächsten Wochen die Aussaat für die nächste Ernte in die Erde gebracht würde um dann zu reifen. Ist die “Dunkelheit“ also Ausdruck für die Existenzangst, die sich konkretisieren würde, wenn die Nilschwemme ausbleibt?
      Hallöchen...

      Siat wrote:

      Gibt es denn neben den Lichtern noch weitere Rituale an diesen Tagen? z.B. um den Erhalt der Maat in diesen chaotischen Tagen zu gewährleisten bzw. dafür zu sorgen, dass auch nach diesen fünf Tagen die Maat wieder gefestigt/etabliert wird?
      Werden die Götter und Göttinnen, deren Geburtstage diese sind, denn an diesen Tagen mit Ritualen geehrt, oder ist das auch eher unüblich bzw. unangebracht?


      Ja Rituale gibt es. Der ganze "Lichterzauber" ist Brauchtum, könnte man sagen, also für den normalsterblichen Kemeten zu Hause.
      In den Tempeln findet an diesen Tagen allerdings eine Menge statt. Alle sechs Stunden, beginnend bei Sonnenaufgang, finden Zeremonien und Opferungen statt, um die Geburtstage der jeweiligen Gottheit zu feiern. Das ist von Tag zu Tag in der Ausführung ziemlich unterschiedlich da zu Ehren Seths zum Beispiel gänzlich andere Rituale abgehalten werden als zu Ehren Osiris'.

      Überdies werden Stundenrituale, begleitet von liturgischen Gesängen, abgehalten bei denen die Maat gestärkt wird um das drohende Chaos abzuwenden.
      Im stündlichen Wechsel von Sonnenunter- bis Sonnenaufgang sprechen Vorlesepriester ihre Gebetstexte zur Festigung der Maat und Abwehrformeln um Apep (Apophis) und Isfet fernzuhalten, auf daß Ra am nächsten Morgen wieder aus der Duat aufsteigt und der Tag die drohende ewige Nacht verdrängt.
      Dazu kommen am fünften Tag Bitten und Opferungen an Nut um sie dazu zu bewegen, ihren Gatten zu verlassen und ihren rechtmäßigen Platz am Himmel wieder einzunehmen.

      Also man kann sagen in den Tempeln herrscht zu dieser Zeit Hochbetrieb, rund um die Uhr.
      Naja und danach kommen noch die 5 Neujahrstage an denen nur geringfügig weniger Betrieb ist.

      Eule wrote:

      Bleibt mir also nur zu vermuten, dass das mit der Dunkelheit in Ägypten symbolisch gemeint ist.


      Richtig, das hat nichts mit einer dunklen Jahreszeit zu tun wie hier in den Rauhnächten. Die Tageslänge variiert in Kemet, wie du schon sagtest, übers Jahr weniger stark als hier im Norden und spielt bei uns deshalb auch eine weitaus geringere Rolle.
      Hier steht das Wort "Dunkelheit" tatsächlich stellvertretend für die Angst dass eben nach diesen Tagen der Unsicherheit der Normalzustand nicht wieder hergestellt werden könnte, sofern Apep und Isfet "den Sieg" davontragen, Nut ihren Platz am Himmel nicht wieder einnehmen kann und somit die Maat unterliegt.
      Dann stünde sozusagen die gesamte Schöpfung auf dem Spiel, Apep würde zum Weltenherrscher und Ra mitsamt der Neunheit vernichten, Isfet würde Chaos und Zerstörung ins Universum tragen und somit die gesamte Schöpfung auslöschen.

      Diese Tage zwischen den Jahren sind definitiv von der Furcht vor der völligen Vernichtung geprägt, was am Ende ja wieder absolute Dunkelheit bedeuten würde, und die Freude über die Göttergeburtstage wird davon völlig dominiert. Die Abwehr von Apep und Isfet hat weitaus höhere Priorität als die Riten zur "Erscheinung" der fünf Gottheiten.

      Dieser bedrückenden, andächtigen, düsteren Stimmung der Heriu renpet steht dann ab Sonnenaufgang des Wepet-renpet (Neujahr) die Jubelstimmung mit Freuden- und Lobgesängen, opulentem Blumenschmuck und all den anderen Festivitäten gegenüber, die den Sieg der Maat preisen und feiern, und damit das Neue Jahr begrüßen.
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606