Römischer Tempel in der Ukraine

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      Römischer Tempel in der Ukraine

      Guten Abend,

      im Jahre 980 ließ Fürst Wladimir I. in Kiew ein hölzernes Idol mit silbernem Kopf und goldenem Bart zu Ehren des Donnergottes Perun errichten. Heute, etwas mehr als tausend Jahre später, entsteht in der ukrainischen Stadt Poltawa, 340 km östlich von Kiew, wo 1709 Zar Peter I. den Schwedenkönig im Großen Nordischen Krieg besiegte, ein Tempelkomplex zu Ehren des Iuppiter „Perunus“ und anderer Götter. Nicht als historische, sondern tatsächlich als religiöse Stätte.

      Weitere Informationen und Bilder sowie Videomaterial findet sich unter folgendem Link:
      templvm.org/his_vision_goals.html

      Persönlich finde ich das ein sehr aufregendes Projekt, gerade weil es auch veranschaulicht, wie wohl auch früher im römischen Imperium Lokalgottheiten „auf römische Weise“, in hellenistisch-römischen Tempeln und Statuen verehrt wurden. Daher finde ich es gut, dass die Erbauer trotz des durch und durch römischen Charakters des Tempels, diesem doch etwas „Lokalkolorit“ beimessen, indem eben der latinisierte Name der alten Kiewer Hauptgottheit dem Namen Iuppiter beigestellt wurden. (Ob es bei den Beinamen bleibt oder ob auch Feiertage für Perun berücksichtigt werden - insofern diese überhaupt bekannt sind -, das weiß ich leider nicht.)

      Wenn euch dazu etwas einfällt, dann nur heraus damit :)

      Schönen Abend!

      Artjom
      Diese Info finde ich ganz spannend, vor allem, wenn die Pläne so umgesetzt werden, wie angezeigt. Allerdings wundere ich mich auch etwas, da ich dachte, dass zur Zeit in der Ukraine andere Themen wichtig sind. Das Video sieht auch wie ein Spendenaufruf aus. Ich stelle mit zudem die Frage, wer den Tempel nutzen und betreiben möchte. Gibt es in der Ukraine eine starke römisch-heidnische Grupppe? Historisch gesehen, war die Ausdehnung des Römischen Reiches nie bis zum Territorium der heutigen Ukraine vorgedrungen, Handel und Austausch hat es aber sicher gegeben.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Soweit ich weiß, soll in der Ukraine, ähnlich wie in Russland, seit dem Fall der Sowjetunion und der damit einhergehenden Privatisierung staatlicher Betriebe ein ziemlicher Raubtierkapitalismus herrschen: einerseits viel Armut und soziale Unsicherheit, andererseits eben auch unvorstellbarer Reichtum der sg. Oligarchen. Ohne den Erbauer dieses aufregenden Projekts diskreditieren zu wollen, nehme ich an, dass es sich bei ihm wohl nicht um einen armen Schlucker handelt, ungeachtet des Spendenaufrufs... Der Gedanke ist mir auch schon gekommen, dass ein solch kostspieliges Projekt angesichts der Krise in der Ukraine vielleicht unpassend wäre. Doch ich kann mir da auch an der eigenen Nase fassen: den neuen Bundesländern, in denen ich geboren bin, geht es zwar besser als deren ehemaligen ideologisch gleichgesinnten Bruderländern, doch im Vergleich zu den alten Bundesländern sieht es auch nicht so rosig aus. Und ich habe für meinen persönlichen Hauskult, für Statuen und Räuchergefäße, vergleichsweise auch viel Geld ausgegeben. Geld, dass ich eigentlich ja auch hätte Spenden können für eine Schule oder ein Krankenhaus in meiner Heimatstadt...

      Und vielleicht bringt der Tempel dem Land ja auch Glück.

      Der Tempel ist ein privates Projekt, soll aber durchaus allen Anhängern des Heidentums zugänglich sein. Die Cella selbst vermutlich nicht, wie in alter Zeit, aber geopfert kann dort wohl von jedem werden. Wie groß die heidnisch-römische Gemeinschaft in der Ukraine selbst ist, weiß ich nicht direkt, aber die Anhänger der römischen Religion stehen dank des Internets ja weltweit miteinander in Verbindung. Die Ukraine gehörte nicht zum historischen römischen Reich. Es gab hellenistische Städte an der Schwarzmeerkuste der Ukraine. Ich glaube, die modernen Anhänger der römischen Religion nennen den slawischen Raum „Sarmatica“. Vielleicht kann @Corvina dies noch ein wenig kommentieren?
      Allerdings wundere ich mich auch etwas, da ich dachte, dass zur Zeit in der Ukraine andere Themen wichtig sind.

      Es versinkt ja nicht die komplette Ukraine im Krieg und immerhin waren sie auch in der Lage den Eurovision Song Contest auszurichten.

      (Und ganz grundsätzlich bin ich persönlich auch der Meinung, dass es eine nicht zu unterschätzende Aufgabe des "zivilen Menschen" ist gerade und vor allem auch in Zeiten des Krieges statt sich Nationalismus, Gewalt, Angst und Hass zu beugen, die "Zivilsation" aufrecht zu erhalten. Und da gehören Kultur und Bildung nun mal essentiell dazu. Da ich aber beim überfliegen der Tempel-Seite kein wie auch immer geartetes politisches oder gesellschaftliches Statement gefunden habe, nehme man meine Sätze bitte nur als meine ganz persönliche Meinung)

      Zur Historie: im 2. Jh ndZ grenzte das römische Reich bis an die West- und Südküste des schwarzen Meeres, die sarmatischen Stämme gehörten wie die Skythen zu den berühmt-berüchtigten Perserreiter- und "Amazonen"völkern die schon zu hellenistischer Zeit bekannt, gefürchtet und verklärt waren.
      Sarmatische Siedlungsspuren finden sich im römischen Reichsgebiet genauso wie römische Cultus-Nachweise auf sarmatischem Gebiet, z. B. ein Heiligtum des Jupiter Dolchineus auf der Krim.

      Da das antike Rom ja eine der kulturellen Wurzeln Europas ist, "dürfen" Ukrainer selbstverständlich einen römischen Cultus betreiben, sowieso schon, wenn wir Westeuropäer ja auch Buddha-Statuen in unsere Wohnzimmer stellen "dürfen" oder Thai Chi lernen :D
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis sein wollen." Philip Meinhold

      Wetterleuchten wrote:

      ein Heiligtum des Jupiter Dolichenus auf der Krim.


      Hallo Wetterleuchten,

      danke für diese Info, das finde ich ja sehr interessant. Jupiter Dolichenus kannte ich bisher noch nicht. Laut seines Wikipediaartikels soll dieser Gott aus dem Orient im ganzen römischen Reich Verehrung gefunden haben. Auch in Teilen des heutigen Deutschlands... Wenn man sich seine Ikonographie so anschaut, dann wird man schon leicht an Thor/Donar und Perun erinnert. Zumindest was die Doppelaxt angeht.
      Du hast die historische Entwicklung sehr schön beschrieben, Wetterleuchten. Durch die Nähe der Römer gab es sicher viel Handel und damit auch einen kulturellen und religiösen Austausch.

      Die Griechen hatten schon vor den Römern, östlich des Schwarzen Meeres Handel getrieben. Auch damals hatte es schon religiöse Vermischungen gegeben. So wurden viele Jahrhunderte die Götter in immer neuen Formen und Bedeutungen verehrt.
      Das war möglich, weil keine Religion eine andere dominieren wollte, es keinen Alleinvertretungsanspruch gab

      Der Tempelbau in der Ukraine erstaunt mich dennoch. Gern würde ich wissen, wie lange schon die Gruppe der Gläubigen dort existiert.

      Die Doppelaxt, ein Symbol in vielen Kulturen, erinnert mich in erster Linie an die noch ältere minoische Kultur, von vor 1600 v. Chr.

      Was nun die Amazonen betrifft, so habe ich einmal einen Bericht gesehen, wonach man das Grab einer Priesterkönigin in Kasachstan gefunden hat. Diese brachte man sehr schlüssig mit den Amazonen in Verbindung.
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      Agnosco wrote:

      Der Tempelbau in der Ukraine erstaunt mich dennoch. Gern würde ich wissen, wie lange schon die Gruppe der Gläubigen dort existiert.


      Das Versprechen an Iuppiter, diesen Tempel zu errichten, wurde laut der Webseite vor sieben Jahren gegeben. Also schon mehr als sieben Jahre mindestens. Ich kann nicht sagen, inwiefern es eine große römisch-heidnische Gemeinschaft in der Ukraine selbst gibt, da der Verantwortliche des Tempelbaus wohl mit Verehrern der römischen Götter aus der ganzen Welt in Verbindung steht und nicht zuletzt auch mit der Nova-Roma-Organisation.

      Der Tempel entsteht auf Privatgelände und soll der breiten Öffentlichkeit nicht zugänglich sein. Zu Bildungszwecken können Termine vereinbart werden, doch im Großen und Ganzen ist der Tempel für praktizierende Heiden gedacht.

      Neben den überlieferten Riten für den römischen Iuppiter (z. B. die Iden eines jeden Monats bzw. die Vollmonde) wird auch die „Woche des Perun“ gefeiert, die im Rahmen der Feriae Sarmatarum auf den 1. - 5. August festgelegt wurde (ich habe den Erbauer einfach ganz frech über Facebook angeschrieben). Ursprünglich sollte der Tempel am 6. August fertig sein, doch dies wird nun der 6. September. Dann ist Vollmond und dieser Tag war ein Feiertag für den kapitolinischen Iuppiter (der Erbauer des Tempels nimmt statt die festen Monatstage für den Iden die vermutlich ursprünglichen Vollmondnächte).
      @Agnosco (aber eigentlich auch @alle):

      Kleines Update: Die römisch-heidnische Kultgemeinschaft um den Poltawer Iuppitertempel beläuft sich auf vierzig Personen. Interesse ist allerdings bei Heiden weltweit vorhanden. Der Erbauer hat erzählt, dass der Kult um Iuppiter Dolichenus ihn tatsächlich sehr inspiriert hat. Das Kultbild selbst soll nach römisch-hellenistischem Stil gefertigt werden, allerdings auch mit typischen Eigenheiten für Perun, wie eben eine Doppelaxt und sehr vermutlich auch ein goldener oder vergoldeter Bart und ein silbernes oder versilbertes Gesicht wie der Kiewer Perun.
      Vielen Dank Artjom, für die Mühe, die Du bei der Recherche sicher hattest. Ich bin immer noch (im positiven Sinne) sprachlos. Ich hoffe das der Tempel so schön wird, wie er in der Animation schon gezeigt wurde. Soweit ich weiß, liegt Poltawa nicht gerade in einer ruhigen Region. In der Nähe tobt leider immer noch der Bürgerkrieg.
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      Agnosco wrote:

      Soweit ich weiß, liegt Poltawa nicht gerade in einer ruhigen Region. In der Nähe tobt leider immer noch der Bürgerkrieg.


      Vielleicht statte ich dem Tempel nächstes Jahr zur "Woche des Perun" Anfang August einen Besuch ab. Ich werde davor ja sehen, inwieweit mir davon abgeraten wird. Müsste ohnehin den Verantwortlichen befragen, ob ich überhaupt darf (wahrscheinlich schon) und ob es irgendwelche rituellen Reinheitsvorschriften gibt, an die ich mich vorher zu halten habe.