Neujahr in verschiedenen Religionen

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      @ Eule: Konkret nachvollziehbare lunare Kalender sind meines Wissens nicht erhalten. Was wohl auch daran liegt, dass das meist auch "lokale" Kalender waren. Was viel mehr Sinn machte. Was nutzt dir der astronomisch festgelegte Sommeranfang, den die Astrologen am Hofe König XYs festgestellt haben, wenn du im Nordzipfel dessen Reiches wohnst, wo die tatsächliche Witterung die Aussaatzeiten um zwei Wochen verschiebt? Kalender wie wir sie kennen, sind vor allem aus "staatlichen", sprich aus verwaltungstechnischen Gründen geschaffen worden, die das Steuerneintreiben, Truppenaushebungen, Geschäftstermine bezüglich Wahrenverladung und ähnliches möglich gemacht haben, was von Terminen abhängt, die nicht naturabhängig und -vorgegeben sind.

      So wie in der Neuzeit wegen Handel und Reisen mit schnellen Verkehrsmitteln (und des Militärs wegen natürlich) so etwas wie Zeitzonen und Zonenzeit erdacht wurden (damit das verwaltungstechnisch mit den Zügen klappen konnte), die von der natürlichen Sonnenzeit abweichen kann.

      Früher war die ganze Zeiteinteilung viel mehr an natürlichen Gegebenheiten festgemacht. So etwas wie temporale Stunden ist doch viel sinnvoller und lebensnaher gewesen - gerade bei Kulturen weit ab vom Äquator mit deutlich unterschiedlich langen Tagen. Das die Alten Ägypter ihren Tag und ihre Nacht in je 12 h unterteilt haben, hat bei ihrer geografischen Lage Sinn gemacht. Völker näher am Polarkreis wären nicht auf die Idee gekommen, da für sie lebensfern.
      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus
      @Umo

      Ich denke aus meinen posts in diesem thread geht durchaus hervor, dass ich nicht unbedingt nach etwas suche, das dem heutigem Verständnis von Kalendern entspricht.

      Das schwierige dabei ist, einen Begriff zu verwenden, der nicht auf irgendeine Art “vorbelegt“ ist. Halt irgendwas zwischen Jahreskreis und Kalender. Was ist einer Kultur oder Religion so wichtig, dass sie dieses Ereignis als Jahresanfang betrachtet?

      Aus den Erklärungen von Agnosco und Artjom wird beispielsweise für mich deutlich, dass die Römer zunächst einen Jahresanfang hatten, der kultisch begründet war, der dann später mit zunehmendem Bedarf an Verwaltung des Staats auf einen politisch wichtigen Termin verlegt wurde.

      Mir erscheint die “alte“ Version mit dem 1.März interessanter, weil darin möglicherweise ein Stück des religiösen und kulturellen Verständnisses der Römer von Anfang und Ende eines Zyklus liegt.

      Und ich nehme an, dass es noch mehr solche aus Kultur und Religion begründeten Festlegungen gab.

      Obendrein landen wir für die meisten “heidnischen“ Religionen und Kulturen, die hier im Forum vertreten sind, bei einem Zeitrahmen bis höchstens ins 9./10. Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Da sind die Römer oder das Reich Alexander des Grossen in ihrer räumlichen Ausdehnung eher Ausnahmen, besonders da, wo die Sonne im Jahresverlauf grössere Unterschiede hatte, waren Kulturen und Religionsgemeinschaften sehr viel kleinräumiger.

      Ich suche also sozusagen nach heidnischen Gegenstücken zum christlichen Kirchenjahr, das ja auch nicht mit dem 1.Januar beginnt, sondern mit bestimmten religiösen Festen verbunden ist, je nach Richtung ist das mal der Vorabend des 1. Advent, mal der 1.September. Für praktizierende Christen ist Neujahr am 1. Januar die “weltliche“ Regelung, eben mit den von dir beschriebenen Funktionen für Geschäftsleben, Steuern etc, während der religiöse Termin eben eine spirituelle Bedeutung für sie hat.

      Eule schrieb:

      Ich denke aus meinen posts in diesem thread geht durchaus hervor, dass ich nicht unbedingt nach etwas suche, das dem heutigem Verständnis von Kalendern entspricht.


      Hatte ich auch nicht so verstanden. Worauf ich hinaus wollte war, dass irgendwelche fixe Punkte in der Zeit, wie wir sie heute durch unsere Zeiteinteilung kennen, damals wohl nicht so wichtig waren.

      Selbiges mit dem Jahresanfang: Wo fängt ein Kreis oder eine Spirale an, wenn man die Zeit als solche sieht und nicht als linearen Verlauf, wie heute meist?
      Hinzu kommt dann noch, dass es schlecht einen gleichbleibenden Fixpunkt an einem Jahresanfang - sprich neu begonnener Zählung - geben kann, wenn man da noch ab und zu den einen oder anderen Schalttag und sonstige "Zeiten zwischen den Jahren" reinquetscht, um die Zählung wieder astronomischen Gegebenheiten anzupassen.

      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus
      Das sehe ich ähnlich wie Umo. Darin liegt wohl auch der Grund, weshalb es oftmals gar kein Neujahr in unserem Sinne gegeben hat. Ich könnte mir vorstellen, dass astronomische Daten oftmals wichtig waren, oder die Tage, wo die Aussaat, die Ernte o.ä. begann.

      @Artjom: Vielen Dank, für deinen sehr schönen Beitrag zu den Jahren vor 153 v.Chr. in Rom.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Mehr oder weniger unabhängig vom konkreten Datum: Als wichtiges Ereignis wird sicherlich häufig die Wiedergeburt der Sonne (bzw ihres göttlichen Ausdrucks) angesehen werden.
      Nach heutigem Verständnis würde das sicher als der Beginn angesehen werden, die Geburt. Aber wenn es eine Wiedergeburt ist, kann die natürlich auch mit dem Tod beginnen. Da macht also auch das neuheidnische keltische Neujahr Sinn.
      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus
      Ich bring mal noch die Celtoisicht mit rein:

      Abgesehen von der Tatsache, dass natürlich in unseren Kreisen sich keiner dem Gläschen Sekt mit Nachbarn und Familie beim kalendarischen Jahreswechsel verweigert, spielt bei Celtoi der 4 Jahreskreis eine Rolle. Den man allerdings nicht mit Frühling Sommer Herbst und Winter gleichsetzen kann.

      Das astronomische Jahr hat zwei Hälften, eine günstige (Sommer) und eine ungünstige (Winter), an dessen Ende bzw Beginn ist ein Hochfest. Ein Neujahr gibt es in dem Sinne nicht, sondern ein steter Wechsel von günstig und ungünstig. Entstanden ist das natürlich aus der neuheidnischen ungenügenden Keltenrezeption, die die irischen Feste als besonders "keltisch" herausstellte.

      Fakt ist allerdings, dass diese Hochfeste weder originär "keltisch" noch ausnehmend irisch sind - sie bilden den grundlegenden Jahreskreis Mitteleuropas, sind genauso bei Germanen wie Sachsen bis in die Neuzeit auszumachen. Volkskundler weisen bis in die 1930er Jahre die bäuerliche Zweiteilung des Jahres nach (Sommer wie Winter), an deren Enden bzw Beginn eben die Maifeste bzw Totensonntag, Allerheiligen stehen.

      Das zieht sich tatsächlich sehr weit zurück - der gallische Colignykalender weist genauso diese Eigenheit auf wie Beschreibungen Widukinds bei den heidnischen Sachsen. Die Fixierung auf ein festes Datum ist allerdings dann den allgemeinen julianischen bzw gregorinischen Kalendern geschuldet - haben mit den kirchlichen Kalendern jedoch nichts zu tun.

      Das Spätwinterfest Imbolc/Maria Lichtmess, bzw Petri Stuhl/Maus-Motten-Fest und die Festivitäten inmitten dem Sommer (heute noch an sehr vielen Kirmesveranstaltungen auszumachen) beschreiben einfach die Grundlagen unserer vergangenen Struktur einer agrarischen Gesellschaft.

      Das fühlt sich auch spirituell sehr gut an, weil es einfach eine Beziehung zu der europäischen Herkunft erhält und ein zu Hause gibt. (Ohne Grenzen und Volksschwurbel). Wir vermeiden auch große spirituelle Neukonstruktionen und feiern einfach die Wechsel.


      Eine Anmerkung noch zu Lunarkalendern. Die sind tatsächlich sehr selten, der Islam hat einen solchen. Ein reiner Lunarkalender macht aber auch im Agrarbereich keinen Sinn, weil dann irgendwann die Ernte im kalendarischen Winter liegen würde. Man muss eher unterscheiden zwischen Lunar ausgerichteten Lunisolarkalendern und mathematischen Lunisolarkalendern, wie es der heitige Gregorianische einer ist.

      Kelten und Germanen hatten, anders als vermutlich die Bronzezeit vorher, einen lunar ausgerichteten Lunisolarkalender. Bei den Germanen fand die Synchronisation mit dem solaren Jahreslauf durch die Rauhnächte statt, bei den Galliern durch Schaltmonate in 5 Jahreskreisen und Metazyklen.
      Hallo Eule,
      Dein Beitrag ist zwar schon ein Weilchen her, aber ich geb dennoch mal meinen Senf dazu.
      Bei mir ist es etwas "komplizierter" *G*
      Da ich ja meinen etwas eigenen Weg habe, der von drei Strömungen beeinflusst ist (Sanatana Dharma, Celtoi und Kemet), habe ich da keine "feste" Religion.
      Indien selbst hat, je nach Region verschiedene Neujahrsbeginne, die lunar ausgerichtet, und daher variabel, sind , aber gleichzeitig einen relativ (!) festen Bezug zu landwirtschaftlichen Ereignissen haben.
      Z.B. das neuntägige Navratri-Fest, das zu Ehren von Ma Durga viermal im Jahr, und zwar am Vollmond um die Sonnenfeste (FTUNG, SSW, HTUNG, WSW) herum gefeiert wird. So fallen das Frühlings-wie Herbst-Navratri, die beide die bedeutendsten Feste sind, je nach dem, wann der Vollmond ist, entweder an das Ende oder in die Zeit der Frühlings-(Vasanta Navratri) bzw. Herbsternte (Sharada-Navratri).
      Wobei die Grundlagen dafür in verschiedenen, vedischen Schriften zu finden ist.
      Ein anderes Fest, Divali, wird in manchen Regionen Indiens deswegen als Neujahrsfest gefeiert, weil es den Abschluss des Wirtschaftsjahres darstellt.
      Andere Gegenden Indiens, richten das Neujahrsfest wiederum solar aus und haben dafür ein fixes Datum. Diese fallen dann in den April bzw. August.

      Ich selbst habe den Beginn des neuen Jahres auf Divali gelegt.
      Es wird am Schwarzmond etwa 20 Tage nach dem Herbst-Navrati (und somit dem Beginn der Dunklen Jahreshälfte) gefeiert und gilt auch als Fest der Ahnen.
      Hier trifft es sich mit "meinem" Samhain-Fest, das für mich ebenfalls ein Neumond-bzw. Schwarzmondfest ist.
      Sharada-Navratri ist für mich... wie das Öffnen des Tores in die dunkle Jahreszeit, während Divali das Eintauchen in die dunkle Jahreszeit und den Beginn eines neues Zyklus darstellt.

      Vasanta-Navratri öffnet wiederum das Tor in die helle Zeit des Jahres, und hat damit für mich damit ebenfalls eine wichtige Bedeutung, aber nicht im Sinne eines "Neujahrsfestes".

      So weit erst mal in stark verkürzter Form :)


      LG
      Siat
      Von den Hohen erschaffen
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      Hallo Eule...

      Hab den Thread hier gar nicht gesehen.... *schäm*
      Auch wenns bissl spät, will ich doch noch was dazu sagen, damits da zu keinen Missverständnissen kommt.

      Also der 21. Juni (oder die Sommersonnenwende) ist nicht unser Neujahrstag.
      Unser Neujahrsfest beginnt am 16. und geht bis zum 20. Juni.
      Das richtet sich ursprünglich nach der Nilflut und dem Erscheinen des Sirius am Himmel. Früher stimmte das Zeitlich in etwa überein, heute liegen allerdings gut fünf Wochen zwischen den beiden Ereignissen (Die Nilschwelle beginnt etwa am 20. Juni und der Sirius erscheint heutzutage am 2. August).
      Das sind mittlerweile beides separat nochmal eigene Feiertage in unseren Festzyklus.

      Durch unsere Kalenderreform (kompliziertes Thema - hab ich im Kemetbereich schonmal irgendwo erklärt) die unseren Kalender dem Gregorianischen angeglichen hat, sind fixe, leicht umrechenbare Monatslängen entstanden.
      Neujahr beginnt am 1. Tag des 1. Achet-Monats, und der fällt in eurem Kalender auf den 16. Juni.
      Daß meine Neujahrsgrüße hier meistens zur Sommersonnenwende stattfinden liegt daran, dass eben einen Tag nach Neujahr, wenn ich nach den Ritualhandlungen zum Jahreswechsel wieder "frei" und Zeit fürs Forum hab, zufällig auch Sommersonnenwende ist.
      Also unser Neujahr hat nix mit der Sonnenwende zu tun, sie liegen nur zeitlich sehr nah beieinander.

      So richtig beginnt der Jahreswechsel schon am 10. Juni mit dem Fest der Trunkenheit, dann folgen die Tage zwischen den Jahren (die Lampenfeste) und dann am 16. beginnt das fünftägige Neujahrsfest, danach ist Sonnenwende... Die feiern wir auch, aber sie gehört nicht zum Neujahrsfest und ist auch kein so wichtiger Feiertag.

      Also einen festen Neujahrstag haben wir nicht, das ist eher ein Festzyklus von knapp zwei Wochen Mitte Juni... ;)

      LG Meri
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606