Schlangen im Heidentum

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      Schlangen im Heidentum

      Hi!

      Schlangen spielen in (fast) allen Religionen und Mythologien eine Rolle.

      Ich finde sie besonders spannend, weil sie so ambivalent sind. Sie können für negatives stehen wie verschlingende, unbewusste, chaotische Kräfte, aber auch mit den damit verwandten chtho­nischen Kräften, die ja an sich nicht negativ sind. Daraus hervorgehend können sie dann zu Symbolen von heilenden Energien werden oder für die Lebensenergie an sich (z.B. im Sinne der Kundalini) stehen.
      "Biologisch" können sie positiv besetzt sein, weil sie sich häuten und in Winterstarre Verfallen, also quasi wieder auferstehen. oder als negativ, da sie giftig oder würgend sein können.

      Was sie noch so schwer fassbar macht, ist, dass sie manchmal "verschwimmen" und an ihrer Stelle Echsen und Kröten stehen können (wie in den Märchen mit der gekrönten Schlange oder aber auch eben der gekrönten Kröte). Oder besonders bei den Germanen verschwimmt manchmal auch die Grenze zwischen Schlange und Drache. (Das ist schon fast wieder ein Thema für sich, das der "germanische Drache", der Wurm, ein anderes Wesen ist als der Drache im Mittelmeerraum. Oder gar der Drache in Asien.

      Noch ein Aspekt, der die Fassbarkeit der Schlange erschwert, ist, das die Grenzen fließend sind zwischen dem physisch/biologischen, also der Schlange als konkretem Tier, oder als andersweltliches/mythologisches Wesen, das sich von seinem biologischen Aquivalent unterscheidet oder der Schlange als Analogie und als Symbol. (Zwischenstufen zwischen all dem gibts dann auch noch.)

      Aber auch innerhalb eines Gebietes sind die Grenzen fließend. Ist es jetzt die schlaue Schlange, die über bestimmtes Wissen verfügt, das sonst keiner hat, oder ist es die heimtückische, hinterlistige Schlange? Oder gar die Schlange, die die Erkenntnis besitzt - also quasi göttlichen Status hat - aber trotzdem als negativ angesehen wird, weil sie ihr Wissen weitergibt, und das widerum im Endeffekt als böse/negativ gesehen wurde?


      Und noch ein Aspekt, der mir einfällt, der die Deutung so schwierig macht: Es gibt viele äußerlich ähnliche Schlangen-Symboliken, die inhaltlich nicht gleich sind. z.B. macht es einen Unterschied, ob die Schlange sich um den Stab des Äskulap, des Hermes, oder des Moses windet.

      Und allein bei der Schlange in Bezug auf Heilung: Ist da der Gedanke des similia similibus curentur bei dem die Schlange etwas negatives ist, das die gleichfalls negative Krankheit bekämpft, oder ist die Schlange da im Sinne von Lebenskraft, die auf den kranken Menschen übertragen werden soll?

      Dann ist es noch ein Unterschied, was es für eine Schlange ist: Eine giftige, eine würgende, eine gehörnte, eine weiße, ect. ?
      Philosophie = Liebe zur Weisheit. Nicht: Ich gebe die mir gefälligen Bruchstücke der Erkenntnisse antiker Philosophen in eigenen Worten wieder. Sapere aude!
      Die Ambivalenz kommt vielleicht auch dadurch zustande dass einerseits schlangen ein Sinnbild für Erneuerung und Wandlung sind, wenn sie ihre Haut komplett abstreifen und andererseits wurde die Schlange dann mit der Ankunft des Christentums zum Bild für den menschen verbotenes Wissen, für Hinterlist, der die Unschuld ausgeliefert ist.

      "Eine abgestreifte Schlangenhaut gilt als Glücksbringer" ist mir sowohl in Büchern als auch in Gesprächen schon begegnet, ich kriege allerdings den genauen Kontext (Glück in Liebe, in wirtschaftlichen Dingen, ganz allgemein. ...) nicht mehr zusammen, bin mir allerdings ziemlich sicher dass das entweder auf die britischen Inseln oder vielleicht nach NordFrankreich gehört.

      In den Carmina Gadelica findet sich ein schottisch-gälischer Brauch / Spruch, nach dem am ersten tag des Frühlings eine Schlange ( wohl in unmittelbarer Nähe Bewohnter Gebäude) ihr Winterquartier verlässt, und von der Hausherrin in einer Mischung aus Respekt und Bedrohung zum Abstand halten aufgefordert wird.

      《《 Early on Bride’s morn
      The serpent shall come from the hole,
      I will not molest the serpent,
      Nor will the serpent molest me 》》

      Da wird also in gewissem Sinn ein Revier abgegrenzt - bleib du in deiner Ecke, und ich bleib in meiner, dann müssen wir uns nix tun.

      In Deutschland gibt es einen brauch bei dem eine Schüssel Milch unter dem Hausholunder hingestellt wird - mal als Opfer für die Holle,mal als Dank an die unter dem Holunder lebenden Feen und irgendwo auch als Opfer um eine Schlange von "wertvollerem", sprich den Menschen, insbesondere Kindern und dem Vieh des Hofs abzuhalten.

      Vielleicht ist der Zusammenhang auch in der Tatsache dass Imbolc mit dem Beginn der Lammsaison und damit der Verfügbarkeit von Milch verbunden ist zu suchen. In kleineren lokalen Sagen und Legenden (für Deutschland habe ich das in diversen regionalen Sagen-und Legendensammlungen gefunden, aber auch bei inselkeltischen Sammlungen meine ich sowas gelesen zu haben) taucht immer wieder mal das Motiv einer Schlange auf, die auf einer Weide oder gar direkt im Stall das Milchvieh melkt, so dass den Menschen auffällt, dass die Tiere nicht in der gewohnten Menge Milch liefern.

      Auch wenn man Carmichaels Carmina Gadelica wie viele andere in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene volkskundliche Sammlungen auch mit einer gewissen Vorsicht genießen sollte - es gibt darin noch weiteres mit "Schlangenbezug" das zwar zusammen genommen keine eindeutige Interpretation zulässt, aber sicherlich genau diese ambivalente Mischung aus Bewunderung, Respekt und Angst, die mit Schlangen verbunden ist zeigt.

      Die englische Wikipedia hat einen guten Artikel en.m.wikipedia.org/wiki/Carmina_Gadelica zur Einordnung der Carmins Gadelica - für schottisches und irisches Brauchtum Wird das Werk ähnlich betrachtet wie die Märchensammlungen der Gebrüder Grimm bei uns (an denen ja wie inzwischen klar ist auch inhaltlich "geschraubt" wurde um das ganze kompatibel zur Zielgruppe zu machen), die jedoch trotzdem als mit gebotener Vorsicht und Kritik verwertbare Quelle gelten.

      Was mir gerade in Zusammenhang mit dieser schottischen Schlangen-Geschichte, die ja auf den Morgen von St. Brigid, sprich den 1. Februar und damit auch auf Imbolc verweist in den Sinn kommt: es gibt auch eine Variante in der Darstellung, nach der die Schlange nicht so ganz freiwillig aus ihrem Loch kommt, sondern heraus gejagt wird, und ihr Verhalten danach als Orakel zur Wettervorhersage (Frühlingsbeginn oder weiterhin winterlich und noch nicht geeignet mit dem bestellen der Felder zu beginnen) genutzt wird.

      Die Verbindung zwischen Tierverhalten und Wettervorhersage gibt es zu sehr vielen Terminen im Jahr die für Aussaat oder Ernte relevant sind. Man denke nur an diverse Bauernregeln bei denen das erscheinen oder verschwinden von bestimmten Tieren eine rolle spielt, sowas gibt es auch in deutschen Bauernregeln.

      Ob es eine Verbindung von der schottischen bzw auch irischen Schlange am 1. Februar zum murmeltier des amerikanischen groundhog day am 2. Februar gibt kann ich nur spekulieren - aber das fast identische Datum und die Parallele dass es darum geht was ein Tier tut wenn an diesem Tag Winterschlaf bzw Winterruhe unterbrochen wird, ist schon auffällig.

      Es gibt da kein eindeutiges Fazit, klar wird jedoch dass schlangen als machtvolle, potentiell gefährliche Tiere gelten, und es scheint dass man sich lieber auf Abstand halten und Revier abgrenzen als auf Konfrontation im Umgang mit schlangen verlegen sollte/wollte.

      Eule schrieb:

      Die Ambivalenz kommt vielleicht auch dadurch zustande dass einerseits schlangen ein Sinnbild für Erneuerung und Wandlung sind, wenn sie ihre Haut komplett abstreifen und andererseits wurde die Schlange dann mit der Ankunft des Christentums zum Bild für den menschen verbotenes Wissen, für Hinterlist, der die Unschuld ausgeliefert ist.


      Da frage ich mich immer, in wie weit das denen bekannt/bewusst ist. Ich habe den Eindruck, für den Normalo-Christ ist das ganz einfach: Schlange = Böse.

      Das Interessante zu Schlangen ist ja eher im alten Testament zu finden.
      Besonders der Zaubererwettbewerb zwischen Moses/Aaron und dem Hofzauberer des Pharaos, die ihre Stäbe in Schlangen verwandeln.
      Oder der ehernen Schlange. (Die Erklärungen der Theologen, warum denn da eine Schlange erhöht wurde, klingen für mich immer etwas bemüht und so, als würde die eigentliche Symbolik nicht mehr verstanden werden. Schon im NT nicht mehr. Bzw. als wäre denen schon klar, dass das da bei Moses noch im Zeitalter des Synkretismus eine "ägyptische Schlange" war, dass man das aber besser verschweigt. :D )

      Die Jahwe-Religion hat den Nehuschtan als Lebenssymbol in ihren Kult integriert. Diese Entwicklung wurde vermutlich auch dadurch legitimiert, dass man eine alte Schlangen-Erzählung (s.o. 2.2.) auf den Nehuschtan, der bei Schlangenbissen Heilung versprach, bezog und damit zu dessen Gründungslegende umgestaltete. Jetzt war es Mose, der die eherne Schlange anlässlich einer Schlangenplage einst auf Geheiß Jahwes erbaut hatte.
      Im 8. Jh. hat Hiskia die eherne Schlange zerstört. Warum er dies getan hat, wird nicht gesagt. Falls der Nehuschtan eine ägyptisch geprägte Schlangendarstellung war, entspricht die Zerstörung vielleicht dem Wechsel vom ägyptischen zum assyrischen Herrschaftsbereich und ist als eine Loyalitätsbekundung gegenüber den Assyrern zu verstehen
      Quelle: https://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/nehuschtan-1/ch/f94435bd5822c2c7c1063571316cae00/

      Eule schrieb:


      "Eine abgestreifte Schlangenhaut gilt als Glücksbringer" ist mir sowohl in Büchern als auch in Gesprächen schon begegnet, ich kriege allerdings den genauen Kontext (Glück in Liebe, in wirtschaftlichen Dingen, ganz allgemein. ...) nicht mehr zusammen, bin mir allerdings ziemlich sicher dass das entweder auf die britischen Inseln oder vielleicht nach NordFrankreich gehört.


      Oh, interessant, das war mir neu. Klingt so ein wenig wie Fischschuppen in der Geldbörse.

      Joa, Carmina Gadelica hat zwar schönen, poetischen Inhalt, aber der ist mit Vorsicht zu genießen, sollte man das als volkskundliche oder historische Quelle nutzen wollen.

      Eule schrieb:


      ... taucht immer wieder mal das Motiv einer Schlange auf, die auf einer Weide oder gar direkt im Stall das Milchvieh melkt, so dass den Menschen auffällt, dass die Tiere nicht in der gewohnten Menge Milch liefern.


      Ich frag mich auch immer, woher die Verbindung zwischen Schlange und Milch kommt. Lämmersaison ist da natürlich eine Erklärung. Vielleicht wurde auch irgendeine Verbindung gezogen zwischen Schlangen und Hexen als Milchdieben?
      Philosophie = Liebe zur Weisheit. Nicht: Ich gebe die mir gefälligen Bruchstücke der Erkenntnisse antiker Philosophen in eigenen Worten wieder. Sapere aude!
      Zu Hexen, Schlangen & Milchdieben hätte ich eine zugegeben spekulative Idee. Versiegen des Milchflusses ist lebensgefährlich für das Lamm/Kalb, bzw. mit wirtschaftlichen Verlusten für die menschlichen Nutzer verbunden, also eine äußerst bedrohliche Angelegenheit. Die Ursachen können aber vielleicht nicht immer klar erkennbar sein. Weidetiere konnten auch mal von Schlangen gebissen werden, vielleicht gibt es da Zusammenhänge, nicht nur offensichtliche wie gebissenes Muttertier ist gesundheitlich schwer angeschlagen, stirbt womöglich -> das der Milch "beraubte" Jungtier ist vom Tod bedroht, sondern darüber hinaus auf einer magischen Ebene? In der mittelalterlichen Vorstellung wurden Krankheiten und Gebrechen u.a. von imaginierten Schlangen und Würmern verursacht. Interessant in diesen Zusammenhang ist z.B. der angelsächsische Neunkräutersegen galdorcraeft.de/zs_9kraut_ueb.htm# wo ausführlich über Schlangen, Würmer, fliegende und über Land kriechende Gifte gesprochen wird.
      Schließlich erfolgt der "Angriff" einer Giftschlange ja auch eher "aus dem Verborgenen" heraus, wenn Mensch oder Tier im Unterholz versehentlich drauftreten. Wenn sie die Möglichkeit hat, wird eine Schlange wohl eher versuchen zu flüchten. Wer schon einmal eine Schlange aufgeschreckt hat, kann meist nur noch hinterher gucken, wie sie sich blitzartig am Boden davon schlängelt. Das wirkt schon irgendwie "gruselig".
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis sein wollen." Philip Meinhold

      Wetterleuchten schrieb:

      Zu Hexen, Schlangen & Milchdieben hätte ich eine zugegeben spekulative Idee. Versiegen des Milchflusses ist lebensgefährlich für das Lamm/Kalb, bzw. mit wirtschaftlichen Verlusten für die menschlichen Nutzer verbunden, also eine äußerst bedrohliche Angelegenheit. Die Ursachen können aber vielleicht nicht immer klar erkennbar sein. Weidetiere konnten auch mal von Schlangen gebissen werden, vielleicht gibt es da Zusammenhänge, nicht nur offensichtliche wie gebissenes Muttertier ist gesundheitlich schwer angeschlagen, stirbt womöglich -> das der Milch "beraubte" Jungtier ist vom Tod bedroht, sondern darüber hinaus auf einer magischen Ebene?


      Hm, bei dieser konkreten Sorge - gebissene Muttertiere - würde ich irgendwie auch konkreteren "Aber"-glauben erwarten.
      olche Geschichten wie die, das Schlangen direkt vom Euter der Kühle trinken (also nur Milch rauben ohne der Kuh weiter Schaden zuzufügen) und sich dann selbst in den Schwanz zu beißen und den Berg runterzurollen, dass klingt für mich eher nach Respekt vor der Schlauheit der Schlange oder dem Gedankengang, dass das kein bloßes Tier sei, sondern etwas aus der "magischen" Welt.

      Bei den Krankheiten verursachenden Würmern und Schlangen habe ich bisher gar nicht an Reptilien gedacht, sondern dass die Leute die Vorstellung hatten, das das eben mit dem bloßen Auge nicht sichtbare ... Würmer (= kleine schlangenartige) seien. Mit bloßem Auge noch erkennbare "Würmer" wie diverse Maden, die in offenen Wunden oder Aas leben oder Fadenwürmer, Bandwürmer und Saugwürmer (Egel) kannten sie ja. Da liegt es doch nahe, bei anderen Krankheiten davon auszugehen, dass die verursacht wurden von noch kleineren Lebewesen (Würmern/Egeln/Maden/Schlangen).
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      Das Problem scheint ja auch ein sprachliches zu sein. Das germanische Wurm in all seinen Ausprägungen bezeichnete ja eine ganze Bandbreite an Wesen. Es bedeutete Kriechtier, Schlange, Insekt (nicht nur Made, sondern sogar so etwas wie Heuschrecke, was gar nicht im heutigen Sinne "wurmartig" ist).

      Der Lindwurm ist ja auch eine Tautologie, "die Schlangenschlange", da haben die Leute wohl nicht mehr verstanden, wo ein Wortteil herkam.
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