Neuplatonismus

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      Neuplatonismus

      In diesem Thread möchte ich einmal allgemein den
      Neuplatonismus vorstellen. Ich hoffe der Text ist
      nicht zu lang und halbwegs verständlich.

      Der Neuplatonismus[1] ist die letzte bedeutende
      Strömung der antiken griechischen Philosophie und
      beruft sich vor allem auf Platon, wobei auch auf Ideen anderer
      antiker Geistesströmungen (zum Beispiel des
      Stoizismus) "zurückgegriffen" wird.
      Der Neuplatonismus wurde zudem von
      orientalischen Religionsformen beeinflusst,
      so hielt etwa der Philosoph Jamblichos (latinisiert:
      Jamblichus) die Chaldäischen Orakel für eine
      Art "heilige Schrift".

      Aus neuplatonischer Sicht gibt es ein
      einziges höchstes Prinzip, das oft einfach
      "das Eine" (griechisch: "To Hen") genannt wird und
      das mit dem reinen Guten identifiziert wird. Dieses
      Eine ist es, was die Existenz allen Seienden erst
      ermöglicht. Es ist der Vor-Urgrund.
      Einheit ist die Voraussetzung des Seins.
      Wer daran zweifelt, soll erklären, wie etwas (dieses
      etwas impliziert bereits Einheit) existieren soll, das in
      keiner Hinsicht einheitlich ist, das auch keine
      geeinte Vielheit ist!

      Daraus folgt, dass etwas, welches in einem
      höheren Grade einheitlich ist, auch in einem
      höheren Grade seiend ist. Es gibt in der
      neuplatonischen Philosophie durchaus
      so etwas wie einen "ontologischen
      Komparativ". Die Seele etwa wird als
      in einem höheren Maße seiend
      angesehen als die Materie.

      Das Eine ist absolute Einheit, steht über
      allem Seienden, laut Plotin auch über
      dem Sein selbst, wobei das Porphyrios
      (latinisiert: Porphyrius) schon wieder
      anders sieht. Das Eine ist existent,
      denn es hält alles im Sein. Es ist aber
      auch schon wieder nicht existent, denn
      wenn es Eines und Existentes wäre,
      dann wäre es schon wieder nicht
      absolute Einheit. Man kann vom Einen
      nur sagen, was es nicht ist ("Negative Theologie").
      Wenn man von ihm positive Bestimmungen macht,
      sagt man implizit, dass es noch etwas anderes
      als Eines wäre.

      Der Kosmos ist in der neuplatonischen
      Philosophie untergliedert in verschiedene
      Hypostasen ("Stufen des Seins"). Die
      Zahl der Hypostasen variiert bei verschiedenen
      neuplatonischen Denkern. Eine gewisse
      Grundordnung scheint aber immer
      gegeben zu sein:

      0. Das Eine (Wird oft selbst nicht
      als Hypostase angesehen. Deshalb
      zähle ich es hier als das Nullte)

      1. Der Nus (wird oft mit "Geist" übersetzt,
      was aber nicht ganz unproblematisch ist.
      Er ist laut E. Sonderegger "das System"
      des Universums)

      2. Die Seele (Womit sowohl
      die Weltseele, als auch die Einzelseelen
      gemeint sind)

      3. Materie (Die niederste Stufe. Plotin
      beschreibt die Materie als an sich formlos
      und des Guten ermangelnd)

      Über die Hypostasen entfaltet sich
      das Einheitliche ins Viele und kehrt
      dann wieder zurück[2], denn alles
      Seiende strebt nach dem überseienden
      Guten (Proklos).

      Bedeutende Vertreter des Neuplatonismus:

      Plotin: Der Bekannteste unter
      den Neuplatonikern, wobei Bekanntheit
      hier natürlich relativ ist.

      Porphyrios: Ein neuplatonischer
      Philosoph, der das Christentum
      scharf kritisierte. Im Gegensatz
      zu Plotin hielt er das Eine nicht
      für über dem Sein stehend, sondern
      für reines Sein.

      Jamblichos:
      Jamblichos behauptete,
      dass es das Eine zweimal gebe,
      einmal als völlig Transzendentes
      und einmal als untergeordnetes
      im weitesten Sinne
      schöpferisches Prinzip.

      Imperator Flavius Claudius
      Julianus: Der berühmt-berüchtigte
      "Apostat" auf dem römischen
      Kaiserthron vertrat auch ein stark
      vom Neuplatonismus beeinflusstes
      Weltbild.

      Proklos (latinisiert: Proclus)
      Ein bedeutender neuplatonischer
      Denker des 5. Jahrhunderts.

      Damaskios:
      Das letzte Oberhaupt der 529 von
      Kaiser Justinian geschlossenen
      Akademie von Athen. Im mittlerweile
      größtenteils christianisierten (Ost-)Römischen
      Reich hielt er noch immer am heidnischen
      Hellenentum fest. Im Unterschied
      zu früheren Neuplatonikern nannte
      er das höchste Prinzip nicht mehr
      "das Eine", sondern nur noch
      "das Unsagbare".

      Als neuplatonisch beeinflusst können
      zudem einige christliche Denker aus
      Spätantike und Mittelalter gelten, wie
      zum Beispiel der Mystiker
      Meister Eckhart.

      In der materialistisch geprägten Moderne
      ist der Neuplatonismus nicht gerade
      populär und wird oft als "mystizistische
      Spinnerei" abgetan, falls er überhaupt
      wahrgenommen wird.

      [1] Der Begriff "Neuplatonismus" ist ähnlich
      wie der Begriff "Heidentum"/"paganism" nicht
      ganz unumstritten, trotzdem verwende ich
      ihn hier.
      [2] Dabei sollte man immer beachten, dass
      "Entfaltung" - "Emanation" und "Rückkehr"
      im neuplatonischen Denken keine zeitlichen
      Prozesse bezeichnen.

      Martianus Capella wrote:


      Als neuplatonisch beeinflusst können
      zudem einige christliche Denker aus
      Spätantike und Mittelalter gelten, wie
      zum Beispiel der Mystiker
      Meister Eckhart.


      "Einige Denker und Mystiker" klingt ein wenig so, als sei das ein Randphänomen für ein paar Außenseiter gewesen. Der Neuplatonismus hat die mittelalterliche Theologie und Magie aber ganz entscheidend geprägt. Und nicht nur die christliche.
      Philosophie = Liebe zur Weisheit. Nicht: Ich gebe die mir gefälligen Bruchstücke der Erkenntnisse antiker Philosophen in eigenen Worten wieder. Sapere aude!
      Danke, Martianus.

      Salloustios' "Über die Götter und die Welt" soll eine Zusammenfassung des Neuplatonismus' sein. Trifft das zu? Welche Bücher würdest du empfehlen? Die Enneaden von Plotin hatte ich zwar schon einmal in der Hand, war aber ganz schön sperrig. Die Theologie des Platon liest sich auch nicht 123... obwohl ich von der eine englische Version im Internet gefunden habe.

      Aah, Proklos! Das war für mich derjenige, der mein Interesse vom 5. Jh. vor Christus auf die Spätantike gebracht hat.

      Lg,

      Max

      Maximillian wrote:


      Salloustios' "Über die Götter und die Welt" soll eine Zusammenfassung des Neuplatonismus' sein. Trifft das zu?


      Ich weiß es nicht. Der Name Salloustios sagt mir etwas, aber
      "Über die Götter und die Welt" habe ich nicht
      gelesen.

      Maximillian wrote:


      Welche Bücher würdest du empfehlen? Die Enneaden von Plotin hatte ich zwar schon einmal in der Hand, war aber ganz schön sperrig. Die Theologie des Platon liest sich auch nicht 123... obwohl ich von der eine englische Version im Internet gefunden habe.


      Das erste Buch, das ich selbst über den Neuplatonismus
      gelesen habe, war "Plotin und der Neuplatonismus" von Jens
      Halfwassen. Dieses Buch ist selbst nicht extraordinär leicht
      verständlich und ich habe es auch erst verstanden, als
      ich einiges an Informationen aus dem Internet zum
      Thema Neuplatonismus verinnerlicht habe.
      Falls es leichter verständliche Einführungs- bzw.
      Gesamtdarstellungswerke zum Neuplatonismus
      gibt, so sind sie mir nicht bekannt. Aber wenn man
      dieses Buch einigermaßen gut verstanden hat,
      hat man schon mal gute Grundkenntnisse
      des neuplatonischen Denkens.

      Die Schriften von Plotin und besonders dem
      hochabstrakten Proklos sollte man besser
      erst lesen, wenn man bereits
      ein gewisses elementares
      Verständnis des Neuplatonismus
      aufgebaut hat.