Mithraischer Rekonstruktionismus

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      Mithraischer Rekonstruktionismus

      Vor nicht allzu langer Zeit fand ich heraus, dass es
      tatsächlich Menschen[1] gibt, die anstreben den antiken
      Mysterienkult des Gottes Mithras - so weit wie es halt
      möglich ist - zu rekonstruieren und wiederzubeleben.

      Ich möchte einfach mal in diesem Forum
      die Frage stellen: Was haltet ihr davon?
      Ich selbst habe mir zum Mithraischen
      Rekonstruktionismus noch keine
      abschließende Meinung gebildet.

      [1] Siehe vor allem:
      mithraeum.info
      Hallo Martianus,

      Mithaskult (in diversen (neu-)heidnischen Ausprägungen) scheint aktuell tatsächlich im Trend zu sein bzw. auf gesteigertes Interesse zu stoßen. Dabei reicht die Spannweite von Interessenten, die Mithras als einen von vielen oder in UPG-hafter Weise in ihre sonstige religiöse Praxis integrieren, über eine moderne Form des Revivalismus, der antike Überlieferungen mit modernen Interpretationen vermischt, bis hin zum Versuch, sich dem Thema möglichst quellenbasiert und wissenschaftlich fundiert zu nähern und so viel "authentische" Praxis wie möglich hineinzubringen, sprich: Recon.

      Bei letzterem (auf das Du dich in Deiner Frage beziehst) sehe ich allerdings ein Problem, das eben genau in dieser Quellenlage begründet ist. Rekonstruktionismus ist beim Mithraskult meiner Meinung nach problematisch, da die Überlieferung so lückenhaft ist, daß viel interpretiert, gedeutet und nach bestem Wissen und Gewissen selbst aufgefüllt werden muß. Grund ist die Tatsache, daß es sich beim Mithraskult um einen von mehreren Mysterienkulten des römischen Reichs handelte, dessen "innere" Lehre uns tatsächlich nicht in schriftlichen Quellen erhalten ist, da niemand aus dem inneren Kreis etwas schriftlich fixiert hat - im Gegensatz zu vielen anderen religiösen Texten und Praktiken zur römischen "Mainstream"-Religion, die wir aus der römischen Antike in teils minutiösen Schilderungen kennen.

      Zwar gibt es zum Mithraskult auch antike Schriftquellen, aber es ist unklar, wie diese zu bewerten sind - die meisten stammen von christlichen Autoren, die dem "konkurrierenden" Kult gegenüber kritisch eingestellt waren und ihn sogar des Plagiarismus bezichtigten (tatsächlich gibt es in der christlichen wie in der mithraischen Erlösungsvorstellung viele Parallelen und beide Kulte standen zeitweise in enger Konkurrenz zueinander). Inwieweit die Beschreibung oder Andeutung diverser merkwürdiger Initiationsriten oder anderer kultischer Handlungen also tatsächlich Beschreibungen eines Autors sind, der sie aus erster Hand kennt, oder von jemandem, der den Kult schlechtmachen wollte, oder jemand, der eine symbolische Beschreibung vom Hörensagen kennt und Stille-Post-mäßig in eigenen Worten ausschmückend wiedergibt (wie das auch aus dem Isis-Kult bekannte symbolische Sterben des Initianten), können wir nicht mit Bestimmtheit sagen.

      Für den Mithraskult haben wir deshalb hauptsächlich archäologische Funde, auf die wir uns stützen können und müssen, in erster Linie natürlich die Hunderte von Kultbildern, die in den Mithräen überall im römischen Reich gefunden wurden (auch in unseren Breiten, wie in Nida, dem heutigen Heddersheim bei Frankfurt, das ein Zentrum des antiken Mithraismus in Germania Superior war und wo allein 5 Mithräen gefunden wurden, die leider durch Raubgräberei und "Antiquitätenhandel" im 19. Jahrhundert kaum Fundzusammenhänge in originaler Lage liefern).

      Hierbei sind vor allem immer wiederkehrende Motive, die man im ganzen Reich findet, auffällig, wie die Stieropferszene, das Kultmahl, Verbindungen mit Sol Invictus, die Tierkreiszeichen, die Jahreszeiten, und nicht zuletzt die beiden Begleiter Cautes und Cautopates mit ihrer typischen Körperhaltung der gehobenen bzw. gesenkten Fackel und der überkreuzten Beine. Die Bedeutung all dieser Bilder und Symboliken wird diskutiert und findet breite Deutungsmöglichkeiten (die zum Teil sehr sinnhaft erscheinen, wie die Interpretation, daß die gehobene und gesenkte Fackel die aufgehende und untergehende Sonne symbolisieren, oder die zum Teil sehr abstrus und eindeutig westlich-esoterischer Romantik des 19. Jahrhunderts entspringen, als der Mithraskult eine Art Renaissance erlebte).

      Fakt ist aber, daß wir keine antiken Originalquellen haben, die uns eindeutig sagen, was diese wiederkehrenden Motive genau bedeuten. Wir haben nur Interpretationen, teils wissenschaftlich argumentativ, teils Wunschdenken, und dazu weitere Auffälligkeiten, wie die Tatsache, daß offenbar die Kulthandlungen ein (der katholischen Kirche ähnliches) gemeinsames Kultmahl beinhalteten, daß Mithräen überwiegend unterirdische Räume oder Keller waren, in die hinab eine bestimmte Anzahl Stufen führte, daß in Mithräen durchaus auch andere Götter des römischen Pantheons verehrt wurden (wie gestiftete Weihealtäre und Votivsteine zeigen), wie z.B. Merkur in Nida und andere Gemeinsamkeiten und Auffälligkeiten.

      Mein Fazit ist daher: Man kann durchaus versuchen, sich den Mithraskult für die heutige Zeit zu erschließen und die für sich am plausibelsten Erklärungen und Interpretationen zu finden. Allerdings es als "Rekonstruktionismus" zu betiteln, halte ich angesichts der schlechten Quellenlage und der großen Notwendigkeit zur Interpretation und Lückenfüllung, für nicht geeignet, selbst wenn man einen strikt wissenschaftlichen Ansatz pflegt - hier wird man niemals drum herumkommen, sich selbst zu erklären, was es mit den Einweihungsgraden der Initiaten auf sich hatte, und ganz abgesehen davon, wird man kaum (um nicht zu sagen, gar nicht) einen seriösen Meister finden, der einen in diesen Mysterienkult einweiht und die Initiationen vornimmt. Insofern kann man zwar einen "äußeren" Mithraskult praktizieren, aber das ursprüngliche Mysterium, das die Menschen vor 1900 Jahren in der Antike reihenweise dazu brachte, diesem Kult beizutreten und ihm zu solch großer Popularität verhalf, bleibt uns heute verschlossen, genau wie die Möglichkeit, darin eingeweiht zu werden und die Stufen hinaufzusteigen.

      Insofern ist Mithraismus zwar eine interessante Sache, wie auch die anderen römischen Mysterienkulte um Isis, Jupiter Dolichenus etc., aber ihn 1:1 in der heutigen Zeit wie in der Antike zu rekonstruieren, ist uns deswegen verschlossen, weil das eigentliche Mysterium heute nicht mehr bekannt ist oder nur mit der neuzeitlichen Lupe interpretiert werden kann und weil eine Einweihung darin nicht mehr stattfinden kann.

      Was heutzutage eher funktioniert als Mithraischer Rekonstruktionismus ist Mithraischer Revivalismus (wie auf der von Dir zitierten Website dargestellt), der sich offen zu den Lücken bekennt, diese selbst möglichst sinnhaft und in sich kongruent auffüllt (und auch nicht als antik überliefert verkauft) und diese Form für heutige Menschen lebbar und modern zu machen. Das ist im neuheidnischen Spektrum sicher ein gangbarer und interessanter Weg - aber da Du ja ausdrücklich nach Rekonstruktionismus und nicht nach Revivalismus gefragt hast, habe ich Dir meine ernüchternde Meinung dazu geschrieben ;)

      Vale!
      Corvina
      Abgesehen von Obigem hätte ich auch nur noch einen nennenswerten Einwurf: Das Ganze scheint mir ziemlich isoliert nur auf Mithras bezogen zu sein, wobei ja er wie alle übrigen Gottheiten auch, wenn sie nicht gerade solo dastehen, eigentlich in ein ganzes mythologisches Geflecht anderer Gottheiten etc eingebunden sind. Bei einer derartig zumindest henotheistischen Betrachtung von Mithras von "mithraischem Rekonstruktionismus" zu sprechen halte ich in Anbetracht der ganzen schwierigen Quellenlage und mangels damit verbundener Überprüfbarkeit für dezenten Etikettenschwindel.

      Es ist eine Form von modernem Mithraskult, ob der aber tatsächlich rekonstruktionistisch ist, würde ich auch mangels eigener Kenntnisse offen halten, aber doch stark bezweifeln,auch inwiefern der überhaupt tatsächlich rekonstruierbar ist.
      Ludlul bel nemeqi - Ich will preisen den Herrn der Weisheit
      Hallo,

      vielen Dank für den Link und das Thema.

      Ich habe da ähnliche Vorbehalte wie Corvina: Da das Mysterium, das Herzstück, des Mysterienkults um Mithras fehlt, erscheint mir eine Wiederbelebung sehr schwierig. Vor Jahren habe ich mich sehr für den Mysterienkult um Isis interessiert (derzeit immer noch, übrigens), gerade weil diese Mysterienkult unserem heutigen, vom Christentum geprägten Religionsbild ähnlicher sehen, als die traditionellen Kulte der Heiden. Zum Mysterium der Isis gibt es zwar Überlegungen, jedoch keinerlei Anhaltspunkte. Als "moderner" Isis-Devotee könnte man zwar ihre beiden Feste im März und im Oktober/November feiern, auf Schweinefleisch verzichten, nur noch Leinen tragen, sich (als Mann) den Schädel scheren und nach der stoischen Philosophie leben, wäre damit einem richtigen Isismysten genauso fern, wie der Königin Kleopatra (obwohl natürlich eine solche Lebensweise nicht schlecht wäre und es ein recht guter Versuch wäre, der Isis überlieferungsgetreu zu huldigen).

      Einfacher erscheint mir da die Rekonstruktion oder zumindest die Wiederbelebung eines allgemeinen Sonnenkults, der ja auch in der Spätantike sehr populär war und dessen sich die Soldatenkaiser zunächst bedienten, um ihre Herrschaft zu legitimieren und allen Bürgerinnen und Bürgern des Römischen Reiches einen einenden Reichsgott zu geben (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). In gewisser Maßen bestehen dazu auch noch theologische Ansätze, so in Kaiser Julians Hymnos an König Helios (den Sonnengott).

      LG,
      Max