Die Wanen - Ein Irrtum von Snorri?

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      Die Wanen - Ein Irrtum von Snorri?

      Hallo,

      folgende Passage aus Rudolf Simek´s "Die Edda" hat mich stutzig gemacht:

      Simek schrieb:

      Snorri greift also immer wieder auf ältere Strophen und wohl sogar mitunter auf mündlich tradierte Prosageschichten zurück, er ergänzt seine Informationen aber häufig auch durch eigene Erfindungen. Dass dabei auch Missverständnisse unterlaufen konnten, zeigt seine Auffassung von den Wanen und vom sogenannten Wanenkrieg: Sowohl in der Gyfaginning (Kap. 34) als auch in der breit erzählten Geschichte vom Skaldenmet im 1. Kapitel der Skáldskaparmál bezeichnet er die Wanen (Vanir) als eigenständige Familie der Götter. Aus einer Stelle des Edda-Lieds Völuspá (Str. 2.4), wo das Wort vanir wie anderswo als Synonym für "Götter" verwendet wird, leitet er fälschlich einen Krieg zwischen Asen und Wanen ab; diese Überinterpretation verleitet ihn dann dazu, dieser Familie bestimmte Göttergestalten (wie Njördr, Freyr und Freyja) zuzuweisen, sodass wir diese dank Snorri noch heute als Wanen bezeichnen.

      (Quelle: Rudolf Simek - Die Edda, Verlag C.H.Beck, Seiten 36-37)

      Das ist doch eine eindeutige Aussage! Simek hält die Wanen für einen Irrtum von Snorri Sturluson.
      Gibt und gab es die Wanen also gar nicht?
      So weit würde ich nicht gehen. Simek stellt lediglich Snorris Darstellung als FAMILIEN in Frage.

      Dass das allerdings nun nicht erst auf Snorri erwachsen sein muss, sondern durchaus eine verbreitere Vorstellung sein kann, halte ich für mehr als denkbar. Der Begriff der vanir und die "ganze" Auseinandersetzung taucht ja auch eben in der Völuspá auf. Als Kategorie gab es sie definitiv. Möglich ist es nur, dass sie eben z.B. ursprünglich eine andere Art von Gottheit oder Göttlichkeit bezeichnet haben als eben die aesir.

      Bei letzteren gibt es eben die interessante Neben- oder vielleicht eben Hauptbedeutung "Balken" bzw. "Pfosten". Das stellt man nun neben zahlreiche Funde und textliche Erwähnungen von Kultpfählen, Brettidolen etc ( z.B. Oberdorla, Wittemoor etc) oder eben

      „Zwei Holzmännern auf der Heide draußen gab ich weg mein Gewand;
      Lebend schienen sie, als sie die Lumpen hatten; der Nackte gilt nichts.“
      (Hávamál, 62 (49))

      Dazu tritt dann noch die Betrachtung des Mythos vom Erschaffen des Menschen, Ask und Embla, die eben aus (Treib)Holz gemacht werden, sodass die Überlegung im Raum steht, dass die aesir der Schöpfungsakt auszeichnet und sie vielleicht ursprünglich Ahnherren darstellten.

      Hinzu kommt eben der dritte Begriff des Altnordischen goð, eben "Gott", das zumindest laut Indogermanisten auf ein rekonstruiertes Verb mit der Bedeutung "anrufen" zurückgeht. Es wird nun sicher nicht drei Begriffe mit der schlichten, vollkommen gleichen Bedeutung von "Gott" gegeben haben, das halte ich für recht wahrscheinlich. Hier fehlt uns wohl eher das Wissen um das Detail.

      Die Frage, die Snorri eben eher skeptisch sieht bzw. wohl gar verneint, ist dass die mythologische Darstellung der beiden Kategorien vanir und aesir als Familien eine reine Erfindung Snorris sei. Ich persönlich sehe das nicht so, sondern ergänze es eben um den Symbolcharakter der Familiendarstellung.

      Gleichsam denke ich hier eben an andere Mythenkreise. Immer wieder fällt auf, dass es irgendwann stets zur Darstellung eines Wechsels der Machtstrukturen kommt. Meist geschieht das in Form von Generationenkonflikten, sodass sich Dynastien ergeben. Vater wird von Sohn gestürzt, der wieder vom eigenen Sohn etc. Gerade das ist was die germanische Götterwelt angeht zumindest nicht vordergründig, wenn auch mit den Riesen und deren teilweiser Verwandschaft mit Göttern präsent. Stattdessen tritt vielmehr der Streit zwischen Sippen in den Vordergrund. Der Grund dafür wird denke ich auch zu einem Gutteil in der Gesellschaftsstruktur der germanischen Stämme zu suchen sein.

      Das wiederum ist der Grund für die gern herangezogene, historisierende Deutung des Wanenkrieges als mythologischer Rückgriff auf eine prähistorische Auseinandersetzung zwischen zwei Bevölkerungsgruppen (da wird dann gern die Einwanderung der Indogermanen nach Europa bemüht), dessen Ende dann eben die Verbindung gewesen sei. So weit würde ich selbst nicht gehen, obwohl es möglich sein könnte, für mich nun aber auch tendenziell total irrelevant ist.
      Ludlul bel nemeqi - Ich will preisen den Herrn der Weisheit

      TripTrop schrieb:

      Aus einer Stelle des Edda-Lieds Völuspá (Str. 2.4), wo das Wort vanir wie anderswo als Synonym für "Götter" verwendet wird, leitet er fälschlich einen Krieg zwischen Asen und Wanen ab


      Ich würde das so interpretieren, dass Simek meint, dass Snorri aus zwei Synonymen zwei verschiedene Dinge macht. Das "Wanen" neben "Asen" einfach eine Andeutung für die Götter generell waren (vielleicht bei verschiedenen Stämmen?) und dass Snorri als Dichter da eben "zwei Göttergeschlechter" draus gemacht hat, wobei die Menschen selbst da vielleicht nicht so differenziert haben. In der einen Gegend nannte man Götter eben Asen, in der anderen Wanen, und vielleicht anderswo Alben oder Elben. Als es niedergeschrieben wurde, sollte alles systematisiert werden, denn nach wie vor ist man der Annahme, dass zwei verschiedene Wörter auch zwei verschiedene Dinge in der Realität bezeichnen. Leider ist dem nicht so, die ideale Verbindung "1 Wort = 1 Bedeutung" oder "1 Ding = 1 Wort" gibt es nicht.
      Weitere Stellen im o.a. Buch von Simek:

      Simek schrieb:

      Es folgt die problematische Stelle (23-24), die von einem Krieg der Götter spricht, der gemeinhin als Wanenkrieg fehlinterpretiert wird.

      (Quelle: Rudolf Simek - Die Edda, Verlag C.H.Beck, Seite 50)

      Simek schrieb:

      Der Dichter hat zur Erweiterung der möglichen Sprachschichten neben Menschen und Riesen nicht nur die Alben, sondern auch drei verschiedene Gruppen von Göttern eingeführt, nämlich Æsir, Vanir und Regin; da die Vanir als eigene Götterfamilie sonst erst bei Snorri auftauchen und die Regin gar nicht, sondern vanir und regin wie æsir, god, tifar, höpt, bönd ursprünglich einfach Synonyme für Götter darstellen, wird man die Alvíssmál nicht nur (wie es schon die ältere Forschung tat) ins späte 12. Jahrhundert stellen können, sondern wohl sogar direkt in den Umkreis Snorris, der die Strophen 20 und 30 des Liedes einmal unter dem Titel Alsvínnsmál zitiert

      (Quelle: Rudolf Simek - Die Edda, Verlag C.H.Beck, Seite 68)

      Wenn es nach Simek keine eigenständige Götterfamilie der Wanen vor Snorri gab und der Wanenkrieg eine Fehlinterpretation ist, sowie die Vanir neben den anderen genannten Bezeichnungen lediglich Synonyme für Götter sind.. nun, was bleibt dann noch?

      TripTrop schrieb:

      Wenn es nach Simek keine eigenständige Götterfamilie der Wanen vor Snorri gab und der Wanenkrieg eine Fehlinterpretation ist, sowie die Vanir neben den anderen genannten Bezeichnungen lediglich Synonyme für Götter sind.. nun, was bleibt dann noch?


      Die Götter bleiben ja noch. Und nur weil Vanir und Aesir vielleicht als Synonyme gebraucht wurden, heisst es doch nicht, dass es nicht doch zwei oder mehrere Göttergeschlechter gab? Kann auch sein, dass Vanir eine ältere Bezeichnung für Götter war, eine altmodische, und Aesir eben die geläufigere Bezeichnung? Und daraus hat Snorri dann ein älteres und ein jüngeres Göttergeschlecht erdichtet? Weil der Freyr und die Freyja gelten zwar als Wanen, werden doch aber auch oft Asen genannt, wenn ich mich nicht täusche. Ich muss mich endlich da mal mehr mit beschäftigen!!
      Ja, das ist wirklich eine weitreichende Behauptung die Simek da äußert!
      Wenn es keinen Wanenkrieg gab, keine Götterfamilie "Wanen" .. dann fragt sich doch was es denn dann noch mit den ganzen Geschichten um Austausch Hönir+Mmir gegen Freyr, Freya, Njörd usw auf sich hat.. alles nur Erfindung??? Es würde glatt den ganzen bisherigen Kosmos auf den Kopf stellen wenn es gar keine Wanen gäbe!
      Oder war es ein interner Götterkrieg ohne familiäre Unterscheidungen.. eine Weltanschauung gegen die andere? Eine Art Generationenwechsel? Oder, oder , oder...
      Oder hat Simek schlichtweg Unrecht?
      Die Vanir sind nicht nur bei Snorri belegt, sondern auch in der Liederedda, auch mit Nennung einzelner Wanen wie z.B. eben Freya und auch der Krieg kommt vor. Auch bei eden skaldischen Dichtungen findet sich die Nennung von Wanen. Selbiges gilt dann auch z.B. für Elben usw. Im Skírnismál z.B. fragt Gerðr ob Skírnir denn ein Elb, Ase oder "weiser" Wane sei. Eine Art Wesensunterscheidung scheint es hier schon gegeben zu haben. Insgesamt sind sie aber eben nur in der altnordischen Überlieferung zu finden, was sich anhand allgemein fehlender längerer Textüberlieferungen auf südlicher Seite nicht besonder überraschend darstellt, finde ich.

      Nur bei den Stellen wo sie vorkommen macht sich eben Niemand die Mühe zu erklären Was Wanen eben sind. Es wird als bekannt vorausgesetzt. In der Völuspá kommt auch der sog. Wanenkrieg eben vor. "Wanen stürmten das Feld" etc.. Tja, aber auch da steht nicht WAS Wanen nun eben ausmachen soll.

      Dass sie sich dabei in der Mythologie wie gesagt als Familie wiederfinden halte ich auch weder für überraschend, noch für eine notwendigerweise von Snorri ganz neu eingeführte Deutung. Es lässt sich eben feststellen, dass diese Konflikte in der mythologischen Ausgestaltung geprägt sind von den Strukturen, die die menschlichen Gesellschaften zur damaligen Zeit prägten. Wo es lokale Herrscher im Stile von Königen gab gibt es eben auch mythologisch Könige und Dynastien. Stammeskulturen stellen sich wiederum die Organisation der Götter ganz anders vor, geprägt eben davon, was man so kennt.

      Großes Thema des Wanenkrieges ist ja auch nicht nur einfach der Krieg, sondern dessen Überwindung in der Gestalt, als dass nicht nur einfach Frieden geschlossen wird, sondern dass man miteinander im wahrsten Sinne des Wortes ein Bündnis eingeht, indem wie damals üblich miteinander verheiratet wird. Zugleich werden die Wanen als Zeichen der angedachten Versöhnung - nicht notwendigerweise als Zeichen der Eroberung - in die Reihen der Asen als Untergruppierung aufgenommen.

      Allgemein lässt sich bei den Asen eben erkennen, dass man eben in ihre Reihen aufgenommen werden kann. Ase zu sein hat eben nichts mit Geburtsrecht oder Befähigung von Geburt an zu tun. Wer sich auf unterschiedliche Art und Weise verdient macht in den Reihen der Asen, der wird eben auch zu einem Asen (womit wir uns auch über Apotheose etc streiten können ;) Wie wär's Maximillian? ^^) z.B. eben Loki, vielleicht auch Mimir, aber eben auch alle Wanen. Letztlich wird Ase zu sein damit auch ein Stück weit zu einer Art übergeordneter Kategorie, sodass ich einige Wechsel in der Überlieferung wo ein Gott mal dies und mal das, dann wiederum aber doch Ase ist als recht einfach erklärbar erachte.
      Ludlul bel nemeqi - Ich will preisen den Herrn der Weisheit

      Simek schrieb:

      Aus einer Stelle des Edda-Lieds Völuspá (Str. 2.4), wo das Wort vanir wie anderswo als Synonym für "Götter" verwendet wird, leitet er fälschlich einen Krieg zwischen Asen und Wanen ab; diese Überinterpretation verleitet ihn dann dazu, dieser Familie bestimmte Göttergestalten (wie Njördr, Freyr und Freyja) zuzuweisen, sodass wir diese dank Snorri noch heute als Wanen bezeichnen.


      Folgt man Simek, bedeutet "Vanen" also lediglich "Götter". Dann aber wäre die Strophe Völospa 24 auf die sich Simek bezieht, ohne Sinn:

      Geschleudert hatte Odin übers Heer das Geschoß
      Da wurde Krieg in der Welt zuerst;
      Gebrochen war die Bordwand in der Burg der Asen (= Götter),
      Konnten die kampfspähenden Vanen (= Götter) das Feld betreten.

      Die Asen, also Götter, waren hier doch am Verlieren, ihr Burgwall war gebrochen, die Vanen betraten siegreich den Kampfplatz. Würde "Asen" und "Vanen" je nur dieselben Götter bedeuten, dann hätten danach die Götter gegen sich selbst gekämpft? Das ergibt keinen Sinn.

      Viktor