Eine ungewöhnliche Gallo-römische Gottheit: Oceanus-Cernunnos

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      Eine ungewöhnliche Gallo-römische Gottheit: Oceanus-Cernunnos

      Lieber Forumsmitglieder und -besucher!

      heute habe ich eine Kuriosität für Euch - einen gallo-römischen Synkretismus, wie er typisch ist für die keltisch-römische Mischreligion - den gallo-römischen Cultus als lokale Varietät der Religio Romana, der sich in den romanisierten Provinzen westlich des Rheins entwickelte. Denn "normale" klassische römische Götter kennt ja jeder, das wäre ja langweilig ;)

      Vor zwei Wochen waren wir in Bad Kreuznach, wo sich zu römischer Zeit eine der größten römischen Luxus-Landvillen der Region befand. Der wohlhabende Besitzer arbeitete vermutlich in der 1 Tagesreise entfernten Provinzhauptstadt Mogontiacum (das heutige Mainz) und zog sich dann und wann auf sein "Landschlößchen" zurück, um dort Gäste zu empfangen oder zu relaxen oder Geschäftsfreunde zu unterhalten oder was man sonst so als Superreicher zur römischen Zeit tat. Die mehrstöckige Villa hatte gigantische Ausmaße, allein 50 Zimmer im Erdgeschoß, und natürlich Fußbodenheizung in den beiden repräsentativen Empfangssälen, eigene Thermen und alles andere, was man so brauchte, wenn man sich standesgemäß entspannen wollte - und zeigen wollte, was man besaß, was zu römischer Zeit ja äußerst wichtig war.

      An der Stelle der Villa steht heute die sogenannte "Römerhalle", in der Funde aus der Villa und dem römischen Kastell, das sich nahe des vicus befand, ausgestellt sind. Zu den Besonderheiten zählen zwei Fußbodenmosaike, die zu den besterhaltendsten nördlich der Alpen gehören (nur übertroffen durch das tolle Mosaik der Villa Nennig im Saarland und das Dionysos-Mosaik in Köln).

      Das erste Mosaik zeigt Gladiatorenszenen aller Art, wie man es auch aus Nennig kennt - also typisch römischer Mainstream.

      Das zweite Mosaik zeigt jedoch eine Besonderheit, die wie keine andere typisch ist für diese Region, die von romanisierten Kelten bewohnt war: das Portrait eines Gottes, der als "Oceanus-Cernunnos" angesprochen wird, also eine Synkretisierung des römischen Seegottes Oceanus mit dem keltischen Natur- und Tiergott Cernunnos darstellt.



      Es gibt keine Inschriften, die ihn mit diesem Namen ansprechen, die Ikonographie ist jedoch relativ eindeutig, so daß diese Deutung allgemein akzeptiert wird:

      Oceanus ist mit seinen typisch klassischen, römischen Attributen dargestellt, als bärtiger Mann, der umgeben ist von Fischen, Seefrüchten aller Art und 2 Hippocampi, die seine Begleittiere sind.

      Was jedoch völlig untypisch für ihn ist und niemals außerhalb des keltischen Einzugsgebiets nördlich der Alpen vorkommt, ist, daß er ein Geweih trägt (Römern waren Götter in Tiergestalt oder mit tierischen Attributen ansonsten eher suspekt). Das Geweih besteht möglicherweise, als Konzession an Oceanus, aus Koralle (das ist jedoch nur eine Theorie).
      Was hingegen eindeutig auf eine Verschmelzung mit Cernunnos hindeutet, ist der schlangeförmige Halsreif, ein keltischer Torque, wie er typisch für den einheimischen Gott ist. Diese beiden Attribute - Geweih und Schlangen-Halsreif - sind rein keltische Symbole, die am römischen Oceanus eigentlich nichts verloren haben.



      Deshalb findet sich hier in der "Römerhalle" ein sehr schönes, anschauliches, praktisches Beispiel für die Verschmelzung einheimischer mit römischen Göttern, wie es typisch ist für den gallo-römischen Cultus in unserer Region!

      Welche Beziehung der Besitzer der Villa zu Oceanus hatte (von dem Gott gibt es hier auch noch einen fein modellierten eisernen Türbeschlag), ist nicht bekannt. Das Meer oder die See sind jedenfalls hier im Inland weit entfernt; lediglich die Nahe fließt durch den Ort und der Rhein befindet sich eine Tagesreise entfernt.

      Die Überreste der Villa sind heute im Freigelände der Römerhalle zu besichtigen. Zusammen mit den großen Salinen von Bad Kreuznach ein spannender Ausflugstipp!
      Danke, dass Du das mit uns teilst! Ich finde solche Vermischungen schon allein vom künstlerischen Standpunkt aus immer sehr interessant. Avantgardistisch, könnte man glatt behaupten. Ich habe auf theoi.com Darstellungen des Okeanos gesehen, auf welchen er die Scheren einer Krabbe als Hörner trug.

      Es weist jedenfalls auf die Wichtigkeit des Cernunnos oder Gehörnten Gottes in der Gedankenwelt dieser Leute hin.
      Ja, ich finde diese Vermischungen auch sehr spannend - sie geben gute Einblicke in die religiösen Vorstellungen der Einheimischen in unserer Region zu der Zeit, als hier noch eine römische Provinz war.

      Die Neuinterpretation "klassischer" römischer Götter durch romanisierte Kelten (wie es der Besitzer dieser Villa sicherlich war), erlaubt uns einen Blick in die Götterwelt, die den Leuten hier wichtig war und vermittelt uns gleichzeitig "durch die Hintertür" Informationen über die vor-christliche keltische Gedankenwelt, über die ja leider wenige (nicht-römischen und deshalb objektive oder uminterpretierte) Quellen existieren. Also ein doppelter Nutzen :)

      Die Darstellung des Oceanus mit Krabben- oder Hummerscheren auf dem Kopf ist klassisch römisch und aus vielen Teilen des Reichs bekannt, aber die Tatsache, daß ein hiesiger Gallo-Romane die Scheren als "Hörner" interpretiert und automatisch mit dem Gott gleichsetzt, den er mit Hörnern kennt - Cernunnos - und gleich auch noch dessen andere Attribute wie den Schlangen-Torque übernimmt, ist sehr aufschlußreich.

      Auch, daß ihm diese synkretisierte Gottheit offenbar einen ordentlichen Batzen Geld wert war, denn das Mosaik, das sowohl aus einheimischen als auch aus Italien importierten Steinen besteht (wie Carrara-Marmor), hat mit Sicherheit mehr gekostet, als mancher einfacher Bürger, Arbeiter oder Bauer zu seinen ganzen Lebzeiten je besaß. Also für ihn ein sehr wichtiger Gott!

      Corvina wrote:

      Die Darstellung des Oceanus mit Krabben- oder Hummerscheren auf dem Kopf ist klassisch römisch und aus vielen Teilen des Reichs bekannt, aber die Tatsache, daß ein hiesiger Gallo-Romane die Scheren als "Hörner" interpretiert und automatisch mit dem Gott gleichsetzt, den er mit Hörnern kennt - Cernunnos - und gleich auch noch dessen andere Attribute wie den Schlangen-Torque übernimmt, ist sehr aufschlußreich.


      Genau! Bei Homer sind Okeanos und Tethys die Stammeseltern der Götter und Menschen. Die Gleichung Okeanos-Cernunnos könnte auch darauf hinweisen, dass Cernunnos dem Auftraggeber (und anderen aus der Region) als Vater der Götter und Herr allen Lebens galt. Bisschen wie bei Wicca :)

      Corvina wrote:

      Die Neuinterpretation "klassischer" römischer Götter durch romanisierte Kelten (wie es der Besitzer dieser Villa sicherlich war), erlaubt uns einen Blick in die Götterwelt, die den Leuten hier wichtig war


      Mache ich auch gerade mit den deutschen-wendischen Göttern :)
      Da dieser Gott ja doch sehr spannend und ungewöhnlich ist und wir in der letzten Zeit viel Austausch zu diesem Thema hatten (vor allem auch mit rekonstruktionistischen Kelten), haben wir nun einen ausführlichen Artikel über ihn mit weiteren Hintergrundinformationen geschrieben, den ich Interessierten an dieser Stelle empfehlen möchte :)

      Eine ungewöhnliche gallo-römische Gottheit: Oceanus-Cernunnos

      An ihm läßt sich die Interpretatio Romana und die Flexibilität der gallo-römischen Religion in der Integration einheimischer Gottheiten in den römischen Pantheon sehr anschaulich zeigen.