Gallo-Römische Quellheiligtümer für Sirona und Apollo-Grannus

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      Gallo-Römische Quellheiligtümer für Sirona und Apollo-Grannus

      Salvete, liebe paganen Forumsmitglieder und -besucher!

      Wie ich immer wieder feststelle (auch in anderen paganen Foren) ist das Interesse an antiken Quellheiligtümern in Deutschland groß - und das quer durch die heidnische Bank, bei Anhängern germanischer, keltischer, neudheidnischer, hexischer oder schamanischer Strömungen. Meistens beschränken sich die Auflistungen, die sich in den einschlägigen Threads finden, jedoch auf germanische Quellenheiligtümer aus den Gebieten östlich des Rheins (Germania Magna, für uns Römer ;) ).

      Da eine Reise an die See, nach Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, zu den Holleteichen und Mooren nicht für alle als Tagesausflug zu bewältigen ist (vor allem nicht, wenn man - wie ich - im östlichen Gallien lebt), möchte ich Euch heute ein paar Quellheiligtümer in den römischen Provinzen links des Rheins - aus dem Lande der Treverer - vorstellen.

      Die Suche nach gallo-römischen Quellheiligtümern war ein Schwerpunkt unserer Reisen in diesem Sommer, so daß ich jetzt eine schöne Liste zusammengetragen habe, an der sicherlich auch der ein oder andere von Euch Freude hat! Da es sich um gallo-römische Quellheiligtümer handelt, bei denen von keltischen Vorgängern auszugehen ist (oder die z.T. auch nachgewiesen sind), sind diese Orte vermutlich auch für diejenigen unter Euch besonders interessant, die auf keltischen Spuren wandeln. Die Götter haben aber wahrscheinlich auch nichts gegen Besucher aus anderen Traditionen ;)

      Übrigens: Wenn Ihr auch Quellheiligtümer im Raum Rhein - Mosel - Eifel - Hunsrück - Luxemburg - Saar - Ardennen kennt, dann würde ich mich freuen, wenn Ihr sie in diesem Thread aufführen könntet (@ Neferure, das war auch der Grund, warum ich so interessiert an dem Quellheiligtum an der Ahr war, das Du kürzlich erwähnt hast!)

      Doch genug des einleitenden Geblubbers!


      Sirona-Statue in der Dorfmitte von Hochscheid

      Seit Juli waren wir eifrig dabei, Quellheiligtümer zu suchen (um, wie gewohnt, auf unserer Website Reiseartikel mit Wegbeschreibungen, Hintergrundinfos und Tipps dazu zu verfassen. Denn Sommerzeit ist ja Reisezeit, da geben wir gerne archäologisch und kulturhistorisch interessante Tipps als Alternative zum schnöden Badesee). Dabei haben wir eine Menge spannender Orte ausfindig gemacht, die ich Euch in diesem Thread kurz vorstellen möchte.

      Die meisten der Quellheiligtümer waren dem gallo-römischen Götterpaar Sirona und Apollo-Grannus (Heil- und Quellgötter) geweiht. Beide sind gallische Götter, die im Rahmen der Interpretatio Romana synkretisiert wurden und es im Römischen Reich zu großer Popularität gebracht haben (Apollo-Grannus wurde sogar von Kaiser Caracalla ein eigenes Heiligtum gestiftet).

      Die Göttin Sirona behielt (wie die meisten keltischen Göttinnen, wie z.B. Epona oder Rosmerta) auch unter den Römern ihren keltischen Namen bei und wurde nicht mit einer römischen Göttin (wie der Heilgöttin Hygieia) synkretisiert. Sie behielt ihre Attribute (Sternendiadem, Schlange, die sich um einen Arm windet, Schale mit Eiern oder Früchten in der Hand), während Grannus mit Apollo gleichgesetzt wurde und sogar seine Attribute übernahm (Kithara und Greif). Beide Gottheiten sind in einigen der Quellheiligtümer durch Weihesteine, Statuen und Reliefs gut belegt. Ihre Popularität zeigt sich darin, daß sie an zahlreichen Orten überall im Raum Eifel - Mosel - Hunsrück bis nach Frankreich gefunden wurden.

      Die meisten Quellheiligtümer, die wir besucht haben, waren zur römischen Zeit (Schwerpunkt 1.-3. Jahrhundert) Pilgerstätten und große Heil- und Kurbäder von überregionaler Bedeutung. Sie wurden von Einheimischen (Treverern und zugereisten Bürgern aus anderen Teilen des Reichs) ebenso besucht wie von Durchreisenden, da viele in der Nähe der römischen Fernstraßen (wie der Ausoniusstraße von Trier nach Bingen quer durch den Hunsrück) lagen. Auch aus Trier (Augusta Treverorum), der alten Kaiserstadt - als zweitgrößte Stadt des Römischen Reichs auch "Roma Secunda" genannt, pilgerte man dorthin.

      1. Quellheiligtum Hochscheid

      Bei Hochscheid im Hunsrück, nahe der Ausoniusstraße und dem römischen Straßendorf vicus Belginum, das ein bedeutender Handelsknotenpunkt war, lag tief im Wald auf dem Idarkopf in über 600 Metern Höhe das große Sirona- und Apollo-Grannus-Quellheiligtum. Es war eines der größten, überregional bedeutsamsten Heilbäder überhaupt. Hier wurden Trinkkuren und Heilbäder durchgeführt, es gab Pilgerherbergen, Tempel und zahlreiche Kurräume, Bäder, Thermen, sogar eine Anfahrt für Liegend-Kranke.

      Von hier stammen auch die berühmten Statuen der Sirona und des Apollo-Grannus, wie man sie überall in der Region findet - und wie man sie auch von Bildern aus dem Internet kennt (die Originale stehen heute im Landesmuseum Trier).

      Leider ist ausgerechnet von diesem Heiligtum nichts mehr zu sehen - die Quelle wurde seinerzeit mutwillig verstopft und überflutete die ganze Region, so daß sich dort ein Hochmoor bildete (der Grund, warum die Statuen so gut erhalten sind). Trotzdem lohnt sich eine Fahrt dorthin, da Sirona in zahlreichen Dörfern noch lebendig ist. Auch sollte man den vicus Belginum, der heute ein Archäologiepark ist, unbedingt besuchen - hier wurde ein keltisch-römisches Gräberfeld vor den Toren der Stadt ausgegraben, das über 800 Jahre lang genutzt wurde, erst von Kelten, später von Römern. Deswegen ist dort auf einzigartige Weise der Übergang der keltischen Zeit in die gallo-römische Zeit mit Änderungen der Grabbeigaben und Bestattungskultur dokumentiert.

      Hier gibt es auch einige gut erhaltene keltische Grabhügel!


      Keltische Grabhügel bei Belginum

      Einen ausführlichen Reisebericht unserer Fahrt durch den Hunsrück findet Ihr übrigens hier: "Auf den Spuren von Sirona und Apollo-Grannus durch den Hunsrück".
      Hier beschreiben wir vor allem, wie sehr Sirona (und in zweiter Linie Apollo-Grannus) noch heute in der ganzen Region rund um Hochscheid geehrt werden - es finden sich Statuen in den Dörfern und das Dorfwappen von Hochscheid zeigt das Wasser der Quelle und Apollos Kithara.
      Daneben berichten wir in dem Artikel aber auch von unserem Besuch in der rekonstruierten keltischen Höhensiedlung Altburg bei Bundenbach, die aus vorrömischer Zeit stammt und um die Zeit des Gallischen Krieges aufgegeben wurde. Dieser Teil ist bestimmt auch interessant für alle, die sich für keltisches Alltagsleben in vorrömischer Zeit interessieren.

      2. Quellheiligtum Heckenmünster


      Im Wald auf einem Hügel oberhalb von Heckenmünster im Mauelwald (Vulkaneifel), befindet sich ebenfalls ein gallo-römisches Quellheiligtum von überregionaler Bedeutung. Hier gab es einen Sauerbrunnen und eine Schwefelquelle, die beide in den Tempelkomplex eingebunden waren. Auch hier wurden, genau wie in Hochscheid, Trinkkuren und Heilbäder durchgeführt, es gab ebenfalls Umgangstempel, Herbergen und andere Gebäude.

      Heute sichtbar sind nur noch die beiden Quellen, die in Brunnen und Schutzbauten eingefasst sind. Aus beiden Quellen kann man trinken. Das Kuriose, was sicherlich schon die Kelten dazu inspirierte, hier göttliches Wirken zu vermuten: Bei beiden Quellen handelt es sich um Mofetten, also Quellen, in denen Gasblasen aus der darunterliegenden Magmakammer aufsteigen und zu wildem Blubbern führen (wie man es auch vom Laacher See kennt). Daneben steigt das Schwefelgas auch aus dem Boden auf, was dazu führt, daß in der Umgebung des Schwefelbrunnens immer wieder tote Tiere gefunden werden. Schwefelgeruch durchweht den Wald. Ein mystischer Ort!

      Der Sauerbrunnen ist ganz schmackhaft und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts auch in Flaschen abgefüllt und verkauft. Der Schwefelbrunnen schmeckt, nunja, wie Schwefelwasser so schmeckt - wer empfindlich auf den Geruch und den Geschmack nach faulen Eiern reagiert, sollte Abstand nehmen. Wem es nichts ausmacht, der kann sich am Heilwasser versuchen, dem noch heute unter Einheimischen eine heilsame Wirkung nachgesagt wird.

      Wer noch nie eine vulkanische Mofette am Werk gesehen hat: ich habe sie kurz gefilmt und auf youtube gestellt - den Eindruck, den das in der Antike gemacht hat, kann man sich sicher vorstellen, und das noch im Kombination mit den Schwefeldämpfen und toten Tieren!

      Video: Blubbernde Mofette im Quellheiligtum Heckenmünster

      Es gab im Jahre 2008 Pläne, den Tempel zu rekonstruieren und zum Teil wieder aufzubauen und mit Info-Tafeln zu versehen, um diese wichtige antike Pilgerstätte der Öffentlichkeit besser zu präsentieren. Die dafür erforderlichen Genehmigungen waren erteilt und das Land und der Kreis hatten die erforderliche Summe von 75.000€ zugesagt. Jedoch machte der private Besitzer des Waldes, ein Geschäftsmann aus Idar-Oberstein, einen Strich durch die Rechnung: er witterte Profit und stellte plötzlich fest, daß es durch die zu erwartenden "Touristenströme" sicher zu Ausfällen bei der Jagd kommen würde und verlangte die jährliche Zahlung einer vierstelligen Entschädigung. Diesen Betrag kann die Kommune nicht aufbringen, so daß das Vorhaben eingestellt wurde. Sehr schade!

      Der Ort ist aber trotzdem auf jeden Fall sehenswert.

      Weitere Informationen zu Anfahrt, Hintergründen und Tipps findet Ihr in unserem Reiseartikel zum Quellheiligtum Heckenmünster.

      3. Heilquelle in der Waldkapelle Kaisersesch


      Eine weitere Heilquelle in der Eifel liegt inmitten einer katholischen Waldkapelle in Kaisersesch, nahe der Mosel bei Cochem. Die Kirche wurde auf römischem Fundament erbaut (wahrscheinlich eine Militärstation). Das ebenfalls dort befindliche römische Quellheiligtum wurde in der Kirche in einen Brunnen eingefasst und mit einer modernen Pumpe versehen, die nur auf Knopfdruck Wasser fördert. Hier kann man noch immer Wasser abfüllen, es schmeckt angenehm und dient der Überlieferung nach als Heilmittel vor allem bei Augenkrankheiten.

      Wer an diesem Quellheiligtum verehrt wurde, ist leider nicht mehr zu rekonstruieren, da keine Weihegaben, Inschriften oder Votivsteine gefunden wurden. Nichtsdestotrotz - eine alte römische Quelle.

      Weitere Hintergrundinfos und Wegbeschreibung in unserem Reiseartikel zur Waldkapelle Beatae Mariae Virginis ad silvam.

      4. Sironabad Nierstein

      In Nierstein am Rhein, in Rheinhessen bei Mainz gelegen, befindet sich das "Sironabad" unter der Erde. Es ist nur an jedem 2. Sonntag im Monat geöffnet und kann im Rahmen einer Führung besichtigt werden.

      Hier finden sich - genau wie in Heckenmünster - eine Süßwasser- und eine Schwefelquelle. Das Kuriose hier: Niemand weiß, wo das Schwefelwasser herkommt. Normalerweise tritt Schwefelwasser nur in Verbindung mit Vulkanismus auf. In der Umgebung steht aber Kalkstein an, wie in einem nahegelegenen Steinbruch - und Kalkstein und Schwefel geht nicht miteinander. Man machte Experimente, schüttete Farbe in bekannte Quellen im Umland und auch beim nächsten entfernt gelegenen Vulkan, aber niemals kam die Farbe in der Quelle an. Die Herkunft des Wassers, das sich dort seit über 2000 Jahren seinen Weg sucht, bleibt unbekannt.

      Das Sironabad wurde im 19. Jahrhundert - im Rahmen der Römerromantik - aufgekauft und zu einem "römischen Heilbad" umgebaut, wie man sich damals römische Bäder so vorstellte. Es muß ein reger Badebetrieb geherrscht haben. Leider sind dadurch die römischen Überreste stark überbaut, es finden sich nur noch recycelte römische Ziegel und ein originaler Weihestein für Sirona und Apollo-Grannus in dem unterirdischen Gewölbe, der von einer Julia Frontina aufgestellt wurde. Diese Frau scheint sehr krank gewesen zu sein und hat Heilstätten überall in der Gegend aufgesucht, von ihr finden sich mehrere Weihesteine an verschiedenen Orten.

      Weihestein der Julia Frontina

      Daß das Wasser in Nierstein ihr geholfen hat, beweist die Schlußfloskel "VSLLM" - "Votum solvit laetus libens merito": "sie löste das Gelübde froh, gern und nach Gebühr ein". So etwas stiftete man nur, wenn die Bitte erhört wurde, sozusagen als "Bezahlung" für die Bitte um Heilung.

      Das Wasser aus Süß- und Schwefelquelle kann ebenfalls getrunken werden, im Rahmen der Führung gibt es Becher, mit denen man sich Wasser aus der Quelle abschöpfen kann. Das Schwefelwasser ist, wie üblich, nicht für jeden zu ertragen, anderen Leuten (wie mir) macht es gar nichts aus.

      Über Nierstein gibt es noch keinen Reiseartikel auf unserer Seite, der steht noch in der Pipeline der zu schreibenden Artikel und wird irgendwann in diesem Sommer folgen. Wenn es soweit ist, werde ich den Link in diesem Thread nachreichen.


      Die "großen" Quellheiligtümer und Heilstätten wie Bad Bertrich (Bertriacum), Wiesbaden (Aquae Mattiacae) und Aachen (Aquae Granni, das Apollo-Grannus schon im Namen trägt) habe ich an der Stelle außen vorgelassen.

      Wer auf der Suche nach kleinen, entlegenen keltisch-römischen Quellheiligtümern ist, aus denen man ggfs. sogar noch aus der alten Quelle trinken, wo man vor Ort Rituale durchführen und das Wasser nutzen kann, ist mit den 4 genannten Tipps sicher gut bedient! :)


      Archäologiepark "Keltische Siedlung Bundenbach"



      Ich hoffe, dieser Thread gefällt Euch und hilft allen, die auf der Suche nach heiligen Quellen aller Art sind!

      Wenn weitere Quellheiligtümer hinzukommen (wir reisen ja weiter fleißig durch das Imperium), werde ich diesen Thread entsprechend ergänzen. Und wie in der Einleitung gesagt: wenn auch Ihr keltische oder gallo-römische Quellheiligtümer in der Region kennt, benutzt gerne diesen Thread dafür - wir suchen immer neue Reisetipps!


      Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und vale optime!

      Corvina