Das negative Sündenbekenntnis und die heutige Zeit

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      Nick 01 wrote:

      Hey, auch wenn dieses Thema schon lange her ist, wollte ich den Kemeten unter euch (und allen anderen) noch eine Frage stellen: Inwiefern seht ihr Maat im natürlichen Kreislauf, also der Natur, die die Götter schließlich widerspiegelt und in der sie sich teilweise manifestieren? Dort herrscht kein Prinzip des "Du sollst nicht", sondern alles kommt aus der Natur und geht zu ihr zurück, vergehen und entstehen... Ich glaub ihr wisst was ich meine (kann das nicht wirklich treffend beschreiben). Zumindest fungiert das unabhängig von unsern moralischen Vorstellungen, die wir auch teilweise von der Natur "interpretiert" haben. Ich kann das heute nicht ganz beschreiben, ist ja auch noch früh... ;)
      Mögen die Götter euch behüten!

      Ich finde, das ist eine ausgezeichnete Frage! Ich habe darauf auch keine endgültige Antwort, nur einige Überlegungen.
      Denn da ist schon ein Widerspruch, die Ma'at wird ja in allen ägyptischen Texten immer etwas gutes, etwas angenehmes und wohl geordnetes. Aber die Natur ist das alles nicht.
      Die Natur ist oft chaotisch, grausam, hässlich und ungerecht. Krankheiten, Parasiten, Raubtiere, Gewalt, Leiden, Naturkatastrophen. Das süße Zebrafohlen wird von den Löwinnen erschreckt, gehetzt, mit Prankenhieben blutig geschlagen und schließlich mit einem Biss in den Hals erstickt. Ein niedliches Kaninchen ertrinkt jämmerlich in den Fluten eines überschwemmten Flusses. Ein stolzer Tiger verhungert langsam, nachdem ihm ein gebrochenes Bein das Jagen unmöglich macht. Ein junger Buckelwahl wird von Orcas bei lebendigem Leibe langsam gefressen, indem sie immer wieder Stücke von Fleisch aus seinem Körper reißen. Eine Elefantenkuh versinkt langsam in einem Sumpf, aus dem sie sich nicht befreien kann. Eine Herde Rentiere rennt halb panisch, bis zur Erschöpfung, über die sommerliche Tundra, weil die Stechmücken sie sonst in dichten Wolken umschwirren und keinen Moment in Frieden lassen.
      Ist all das Ma'at? Muss und soll das so sein? Schwer zu sagen.
      In gewisser Weise schon. Wenn wir ein Ökosystem als Ganzes erfassen, dann herrscht darin ein Gleichgewicht. Jedes einzelne Wesen, jedes Tier und jede Pflanze, handelt aus menschlichen Gesichtspunkt amoralisch, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und ohne Rücksicht auf andere Spezies. Aber gegenseitig halten sich die Räuber und Beutetiere in Schach und das Leben kann weitergehen, im ewigen Zyklus von Geburt und Tod, von Werden und Vergehen.

      Meine versuchte Erklärung ist diese: die Ma'at im Sinne einer kosmischen Urkraft und komplexen Struktur ist in der Natur vorhanden, aber die Ma'at im Sinne einer moralischen Handlungsvorschrift gilt für Tiere und Pflanzen nicht. Zumindest nicht die menschlichen Kriterien. Ob es für Tiere eine andere Art der Moral gibt, das müssen sie selbst mit den Göttern ausmachen.
      Göttlichkeit und Gottheiten sind ebenfalls in der Natur repräsentiert, sogar in sehr hohem Maße. Unzählige Tiere werden in den alten Texten als potentielle Ba-Seelen oder Erscheinungsformen von Göttinnen und Göttern benannt. Aber auch Götter sind nur insofern an die menschliche Moralvorschrift der Ma'at gebunden, als sie in Form von oder als Vorbild für Menschen auftreten.

      In der, ich sage jetzt einmal, "engeren" Definition der Ma'at, geht es um die menschliche Zivilisation und Gesellschaft, die sich nach altägyptischer Vorstellung durchaus von der wilden Natur "da draußen" bewusst abgrenzt. Innerhalb dieser Sphäre gelten die Handlungsvorschriften, und zwar für jedes Mitglied der Gemeinschaft, Haustiere inklusive! Die Ägypter erwarteten von einem zahmen Tier, dass es in der Gemeinschaft brav gehorcht und seine Aufgabe erfüllt.
      Belege hierfür: In einer Weisheitslehre wird ein Kind, das gutes Benehmen lernt, mit Tieren verglichen... Die zahme Gans kehrt abends brav in den Stall zurück, das Rind tritt unter das Joch um eine Last zu ziehen. Wenn also diese ihre ursprüngliche Natur ablegen und sich in die Gesellschaft und die Pflicht einfügen, so kann doch auch ein Kind gutes Benehmen und Weisheit erlernen, so der Text
      Anderer Beleg, in der Geschichte vom beredten Bauern frisst ein Esel etwas Weizen vom Feld eines Aufsehers. Dies wird als Diebstahl gewertet, und der Bauer als Besitzer, damit "Vorgesetzter" des Esels, trägt die Verantwortung. Dem Esel werden also menschliche Maßstäbe des Verhaltens angelegt, weil er zahm ist.

      Man könnte also doch irgendwie beides sinnvoll argumentieren. Einerseits ist die Ma'at riesig und allumfassend und jene Kraft, die die geschaffene Welt vor dem strukturlosen Einheitsbrei totaler Entropie bewahrt. In diesem kosmischen Sinne ist die Ma'at aber nicht "gut", sondern durchaus grausam und voller Leid: Da gilt nur die Gesamtheit, der große Zyklus - ob ein Individuum leidet, ungerecht behandelt wird oder vorzeitig stirbt interessiert nicht.

      Andererseits ist die Ma'at eine Vorschrift für die menschliche Gemeinschaft und definiert das Verhalten der Menschen untereinander, und das Verhältnis zu den Vorfahren, zu den Göttinnen und Göttern und auch zu den Haustieren. Dabei gibt es aber eine klare Abgrenzung: die menschliche Gemeinschaft, die von der Ma'at bestimmt wird, grenzt sich nach altägyptischer Vorstellung von der wilden Natur "draußen" ab: Von der Wüste und ihren wilden Tieren, vor den ungezähmten Sümpfen und Flussufern, vom Ausland außerhalb Ägyptens.
      Diese wilde Welt ist durchaus nicht schlecht oder böse, die wilden Tiere und ihre Eigenschaften werden sogar bewundert und vergöttlicht, aber die wilde Welt ist eben nicht die Heimat der Menschen, dort gibt es keine Sicherheit, keinen Schutz durch die Ma'at.

      Naja, soweit erst einmal wie ich die altägyptischen Zeugnisse so deute... ich persönlich sehe unsere heutige Welt viel mehr vernetzt. Es gibt inzwischen so viele Menschen und so viel menschengemachte Zivilisation, dass kein Teil der Natur auf dem Planeten Erde davon unberührt bleibt. Daher muss ein moderne Vorstellung der Ma'at die Verantwortung für die Natur und das Verhältnis zur Natur neu definieren.

      So, das war jetzt schon wieder so viel Text. Ihr merkt, so ganz die letztendliche Antwort habe ich auch nicht...


      liebe Grüße

      Ma'en