rauhnächte

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      Um derlei Quellenorientierte Vorträge zu vermeiden, hab ich mir angewöhnt die Teilnehmer an solchen Themen selbst ein wenig darüber reflektieren zu lassen - immer unter Brücksichtigung des Umstandes, daß die meisten Forumsheiden sich durch Quellen-Exegese meist eher belästigt fühlen. Daher ergeht auch hier immer mein stereotypes Vorwort - ich diskutiere keine Weltbilder und es ist mir völlig wurscht wie sich der einzelne selbiges inszeniert.

      Und nun meine Frage an die Runde - "Wenn die Rauhnächte als Zeit zwischen den Jahren empfunden wird, dann müsste es doch im Rauhnachtsbrauchtum auch einen Neujahrstag geben, der aus dieser Logik heraus, damit verbunden ist, deren Ende also rituell mit einem 1. Tag des Neuen Jahres abschließt - ansonsten hätten wir da ein Verständnisproblem.

      Kennt denn Jemand von euch einen solchen Tag ?

      ps
      Unnötig hinzuzufügen, daß eine nachchristliche Brauchtumstradition (Die berühmten Inhalte), einen solchen Tag ja logischer Weise auch nachchristlich (und zwar weit im Verlauf des Mittelalters) begründen muss - es darf ihn also nicht früher geben - als die vermeintlich mittelalterliche Rauhnachtstradition.
      Hi Artjulain,

      Als ich dich nach deinen Erkenntnissen und Ideen fragte, war ich eigentlich schon an einer "Quellen-Exegese interessiert, weil ich einerseits das Argument, "die Bräuche" sind gar nicht so "uralt" genau so schlüssig finde, wie die nebulösen Mutmaßungen, dass "die Rauhnächte" oder die Wilde Jagd "irgendwie heidnischen" Ursprungs sein müss(t)en. Dass zumindest die Sonnenwenden seit mindestens der Bronzezeit bedeutsam sind, wenigstens als markante Zeitpunkte im Jahresverlauf, ist ja auch unstrittig, mein ich. Darüber hinaus wird's aber nebulös, es fehlen stichhaltige Argumente. Falls sich hier in diesen thread tatsächlich eines verirrt haben sollte, hab ich's überlesen.

      In Sachen stichhaltige Argumente, Erkenntnisse, griffige Theorien, hatte ich eigentlich auf Input durch dich gehofft.
      Mein Weltbild (auch anhand neuer Erkenntnisse) kann ich dann schon selbsständig und unaufgefordert reflektieren. ;)
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis sein wollen." Philip Meinhold
      @artjulain
      Gerade das PanPagan gilt in manchen "Heidenkreisen" als recht quellenlastig und deshalb etwas anstrengend. Wir sind für Quellen immer zu haben ;)
      Handle, ehe es da ist | Lenk es ehe es wirr wird | Der Weise geht zurück den Weg, den die Menschen gingen | um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur | und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.
      Werden die Rauhnächte nicht mit der Perchtennacht abgeschlossen? Mir war irgendwie so, dass die Göttin Holle oder die Göttin Perchta oder mancherorts der Gott Wodan während dieser Zeit unter den Menschen wandert und eine Art von Inspektion der Häuser und ihrer Reinlichkeit hält (oft wird hier ja das Spinnen erwähnt). Und am Ende, in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar, bekommt die Gottheit oder bekommen die Gottheiten ihr Opfer.

      Ich finde diese Rauhnächte irgendwie vergleichbar mit dem „Deipnon“ der Hekate am Monatsende.

      Sagt mal, wo wir beim Thema sind… Feiern wir mit dem 1. Januar nicht ein wenig so wie die Römer immer ihren ersten Kalendertag (den „Kalenden“) feierten??

      Aber um beim Thema zu bleiben… welcher Paradox denn eigentlich?
      Die Perchtennacht ist im Brauchtum Süddeutschlands die letzte Nacht der Rauhnächte vom 5. auf den 6. Januar - auch Oberste Nacht genannt. Der 6. Januar wurde noch in meiner Kindheit verbreitet als "Hochneujahr" oder der "Oberste Tag" bezeichnet, was Heute in einigen Regionen wieder im Kommen ist.

      Der 6. Januar als "Neujahrstag" (wohlgemerkt nicht als Geburtstag Christi sondern als Neujahrstag eines bestimmten Kalenderverständnisses), ist aus keiner frühchristlichen Quelle / Tradition herleitbar. Sein sehr wahrscheinlich vorchristlicher Ursprung ist so zur Zeit auch innerhalb der katholischen Brauchtumsforschung akzeptiert.

      Diese Rauhnachtstradition ist SO originär nur im ehemals elbgermanischen Kulturraum bekannt - der Termin der Rauhnächte (1. Nacht 25. auf 26. Dezember / letzte Nacht 05.auf 06. Januar) orientiert sich an der Proklamation der römischen Wintersonnwende, die durch Kaiser Aurelianus (in seiner Eigenschaft als Pontifex Maximus) an den 25. Dezember gebunden wurde, und reichsweit galt, also auch für die Provinzen die später Teil der elbgermanischen Landnahme wurden.

      Ich habe ja schon geschrieben, daß Heute eigentlich nur noch Uneinigkeit besteht, ob die römische Planetenwoche (und mit ihr auch das gesamte römische Kalendersystem)bereits durch Marbod und seine Vasallenkönige übernommen wurde, oder erst zur Zeit der Diocletianischen Reformen im 3. Jahrh. (einige Elemente der germanischen Planetenwoche (Donar auf den Tag Jupiters) oder der süddeutschen Kalenderbegriffe könnten dafür sprechen).

      Eine Übernahme des römischen Kalendersystems erst durch die christliche Mission ist Heute kein Thema mehr - da eine zeitlich getrennte Übernahme von Planetenwoche, mit ihrem heidnischen Verständnis, und des römischen Kalendersystems als sehr unwahrscheinlich gilt.

      Wenn aber die in Süddeutschland lebenden Elbgermanen ihre Rauhnächte seit spätestens dem 3. Jahrh. nach der römischen WSW berechnet haben (Limesrückzug erfolgte um 260 n. Chr), müssten alle anderen germanischen Völker außerhalb des römischen Kulturkreises, diese Rauhnächte nach wie vor nach der tatsächlichen WSW berechnet haben - hätten sie denn überhaupt solche Rauhnächte gekannt. Es müsste also einen Termin geben, der sich auf etwa den 2. oder 3. Januar überliefert hat.
      Da ein solcher Termin tatsächlich jedoch nur für Thüringen überliefert wurde - Hullerfraansnacht - und auch die Thüringer zur elbgermanischen Kultur zählen, scheinen die Rauhnächte zunächst mal ein elbgermanisches Phänomen gewesen zu sein.

      Was sich allerdings dann im Mittelalter deutschlandweit verbreitet hat, das waren die christlichen 13-Nächte "Dodekahemeron", die im Grund als Antwort auf die Süddeutschen Rauhnächte begründet wurden. Diese christliche "Zeit zwischen den Jahren" verbreitete sich als Teil der kirchlichen Weihnachtszeit (Verlängertes Oktav) über ganz Europa und entwickelte überall ihr eigenes Brauchtum. Da das Brauchtum das aus dem verlängerten Weihnachtsoktav (Dodekahemeron) entstand, in die gleich Zeit wie die süddeutschen Rauhnächte fallen, enstand der Irrtum von den europaweiten Rauhnächten als vorchristliche Gemeinsamkeit. Ein damit zusammenhängender Neujahrstag lässt sich jedoch nur im Brauchtum elbgermanischer Regionen nachweisen - denn die christlichen 13-Nächte beinhalten aus ihrem Oktav-Verständnis ja gar keinen solchen Tag - sie sollten eigentlich ursprünglich nur die beiden Geburtstage Christi miteinander verbinden - daher auch 13-Nächte und nicht 12. (Epiphanias galt vor der Festlegung der Geburt Christi auf den Tag Sol Invictus am 25.Dezember vor allem in der Ostkirche als sein Geburtstag).

      Maximillian wrote:


      Sagt mal, wo wir beim Thema sind… Feiern wir mit dem 1. Januar nicht ein wenig so wie die Römer immer ihren ersten Kalendertag (den „Kalenden“) feierten??


      Mit den Kalenden würde ich den 1. Januar nun nicht unbedingt vergleichen. Mit den Kalenden bezeichnet man den 1. jedes Monats, das ist allerdings weniger eine "spirituelle" oder feierliche Geschichte (auch wenn die Kalenden traditionell der Göttin Juno gewidmet sind), als daß sie eine praktische (bzw. steuerrechtliche) Funktion hatten und mit Fristen für Abgaben und Schuldentilgungen zu tun hatten, die in den kalendaria niedergeschrieben wurden.

      Aber auch der 1. Januar als spezifischer Feiertag innerhalb des Jahres ist (auch wenn ich wenig Ahnung von den Bräuchen der Rauhnächte habe) meiner Meinung nach nicht vergleichbar mit den Rauhnächten.

      Der 1. Januar ist seit 153 v. Chr. der Tag des römischen Neujahrs (davor begann das römische Neujahr im März, was die Verschiebung der römischen Monatsnamen (bis heute) erklärt, die nie angepasst wurden - Dezember = der zehnte, September = der siebte, Oktober = der achte etc.). Das ursprüngliche römische Neujahrsfest am 1. März waren die Matronalia (die auch weiterhin zu diesem Datum gefeiert wurden), hier wurden Mars und Juno Lucina geehrt. Insbesondere für Frauen war es ein wichtiger Feiertag.

      Mit der Verschiebung des Neujahrs auf den 1. Januar gab es kein anderes großes "Neujahrsfest" - aber er war ein wichtiger politischer Tag im römischen Kalender.
      Der 1. Januar ist dem Gott Janus geweiht, dessen Monat traditionell der Januar ist, dem Gott aller Anfänge, Eingänge, Türen und Tore. Demzufolge werden an dem Tag durchaus Neujahrsrituale durchgeführt, die den Gott Janus im Fokus haben, um sein Wohlwollen für das kommende Jahr zu erbitten. Allerdings müssen diese Rituale nicht Punktum am 1.1. durchgeführt werden, sondern können bis zu den Iden durchgeführt werden (13.1.). Das relativiert die Bedeutung des Tages des 1.1. weiter.

      Was wichtiger war am 1.1. war seine politische Bedeutung als Beginn des neuen Amtsjahrs, an dem die neuen Konsuln jeweils ihr Amt antraten. Deswegen war dieser Tag von politischen Ereignissen, wie dem Abhalten von Auspizien geprägt, die das Wohlwollen der Götter für die neu zu ernennenden Konsuln in Erfahrung zu bringen suchten. Es gab in Rom Umzüge von Senatoren und Angehörigen des Ritterstandes und es wurden die offiziellen Amtseide gesprochen. Natürlich war damit auch Volksfestcharakter für das normale Volk verbunden, aber es hatte keinen religiösen Charakter.

      In der Zeit "zwischen den Jahren", beginnend mit dem 17. Dezember gibt es auch im römischen Kalender zahlreiche Feiertage, wie die - extrem wichtigen - Saturnalien, sicher das größte Volksvergnügen und der wichtigste Feierzeitraum des Römischen Reichs (eine wilde, tagelange Kombination aus Weihnachten, Rheinischem Karneval und Weinfest). Am 25.12. ist zudem der Geburtstag von Sol Invictus (Agonalia Sol Invictus), ein wichtiges Fest mit Wagenrennen und Unterhaltung und der Geburtstag des Mithras (Natalis Mithras).

      Wenn ich eine römische Feierzeit benennen sollte (mit auf die Brust gesetzter Pistole), die von ländlichen, volkstümlichen und religiösen Bräuchen zu dieser Jahreszeit geprägt waren, würde ich am ehesten an die Compitalia denken. Diese sind bewegliche Feiertage (die zwischen 17. Dezember bis zu den Nonen des Januar beginnen können).
      Es ist ein sehr familiäres Fest, das vor allem für die Hausgeister (Laren) und andere Ortsgeister (Lares compitales etc.) gedacht ist. Es gibt gemeinsame Mahlzeiten und in der Nacht werden Wollpuppen (für die Familienmitglieder) und Wollknäuel (für die Sklaven) in die Kultnische gehängt und Opfer gebracht. Es gab allerdings auch öffentliche Spiele, was auch die allgemeine Bedeutung des Festes unterstreicht und es wurde später sowohl auf dem Land (wo es ursprünglich herkam), als auch in den Städten gefeiert.

      Da ich allerdings, wie erwähnt, nicht allzu tief mit den Bräuchen der Rauhnächte vertraut bin, kann es natürlich auch völliger Unsinn sein, daß ich sie jetzt mal am ehesten mit den Compitalia in dieser Jahreszeit vergleichen würde. :P
      Ich gebe hier auch mal wieder meinen Senf zum Besten. :whistling:

      Ich habe 2009 mal sämtliche Sonnen Auf- und Untergänge in einer Tabelle auf geschrieben.
      Dabei ist mir etwas Interessantes aufgefallen.

      Es gibt keinen klaren kürzesten Tag ausser man geht in den Sekunden Bereich.
      Aber, und ich halte das für sehr wahrscheinlich, unsere Vorfahren vor Tausenden von Jahren ist das sicher aufgefallen.
      Es sind ca. 11 Tag gleich lang und oh Wunder sie gehen vom 17. 12. bis 26.12. = plus minus Raunächte?
      Das diese Angaben sich von Jahr zu Jahr ein bisschen verändern hat mit der etwas eiernden Rotation unserer Erde zu tun.
      Auf was ich aber hinaus will ist, dass der Sonnen Untergang in den Tagen vom 9.12 bis 12.12 seine frühste Untergangs Zeit erreicht hat um dann am 13.12. bereits wieder später Unterzugehen.
      Mit dem Sonnen Aufgang jedoch ist das ganz extrem Verschoben.
      Vom 27.12 bis 7.1. Verändert sich da so gut wie nix. = Aufgang 8 Uhr 13.
      Erst ab 8.1. wird es offensichtlich das die Sonne auch Morgens früher aufgeht.

      Mich hat das Erkennen der Tatsache, dass die beiden Kurven ( Auf- Untergang) nicht am gleichen Tag ihre Spitze erreich, sondern ca. 20 Tage entfernt, fast umgehauen.

      Ich halte es für wichtig in einer Diskussion über Raunächte auch solches Material anzuschauen.
      Und ich hoffe den Einen oder Anderen Inspiriert zu haben.

      Meine Zahlen sind etwas Ungenau da ich nur Minuten Angaben zur Verfügung hatte und sie sind auf die CH bezogen.

      Vielleicht sollten wir wieder vermehrt die Sonnenbahn verfolgen als unsere persönliche Erfolgsbahn :D

      Herzliche Grüsse

      Io Pan
      @Io Pan
      Derlei Himmelsbeobachtungen sind für alle Neo-Pagane von Bedeutung, die ihr Selbstverständnis eher aus einem kulturellen Zusammnhang "Neolithikum - Bronzezeit - Frühe Eisenzeit ziehen.

      Über die Entwicklung kultureller Jahrskreis-Vorstellungen im Zeitraum von 2.500 v. Chr - 500 n. Chr. haben wir faktisch keinerlei Kenntnis, da mag es jedem Anhänger des Neolithikums oder der Bronzezeit freigestellt sein, welch Erkenntnisse er aus den Zeugnissen dieser Zeitalter für sich zieht.

      Für Neopagane die ihr Selbstverständnis eher aus der Spätantike ziehen, ist das auf Grund der überlieferten europäischen Lunissolar-Kalender mit ihren individuellen Schaltungen (Synchronisierung von Sonnen- & Mondbahn) bereits überholt. Da weiß man einfach, wer wann, wie geschaltet hat, um die Mondbahn an die Sonnenbahn heran zu bringen - und die Elbgermanen haben (Stand der Forschung) offensichtlich im Block nach WSW geschaltet. Dazu benötigten sie 11 1/2 Tage oder 12 Nächte. Das ist ja auch der Grund, warum Hochneujahr mit Sonnnaufgang beginnt.
      Normal begann der antik Tag mit der Nacht, der Monat mit Neumond/Neulicht. Indem die letzte Rauhnacht eigentlich zum 06. Januar gehört, wird dieser Tag geteilt, in eine letzte Nacht und einen ersten Tag = 111/2 Tage.

      Andere germanische Kulturkreise haben völlig anders geschaltet - meist im Sommer, und oft über mehrere Schaltperioden hinweg - Rauhnächte hätten dort eigentlich keinen funktionalen Sinn gehabt, höchstens noch folkloristische Bedeutung aus untergegangenen Bezügen - villeicht eben der Bronzezeit.

      Aber wie gesagt, bisher gab es noch keine belastbaren Belege für eine vorchristliche Rauhnachstradition außerhalb der elbgermanischen Kulturregionen.