Mythen der Archäologie ....

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      So, ich war dort und berichte.
      Kurzfassung: hingehen! Schon allein das archäologische Museum Colombischlössle und Freiburg sind einen Besuch wert. Für 5 € (Erwachsene ohne Ermäßigung) kann man sich die Sonderausstellung ansehen plus die Dauerausstellungen Alamannische Schatzkammer (unbedingt empfehlenswert) und die handwerklichen Errungenschaften der Römer. Letzteres ist z.B. für diejenigen interessant, die schon immer mal das Gewicht eines römischen Kettenhemdes am eigenen Leib spüren wollten oder eine römische Schnellwaage einem direkten Vergleich mit einer modernen Küchenwaage, oder eine römische Amartur aus Bronzeguss mit einer modernen Mischbatterie, unterziehen wollten, anfassen erlaubt.
      Für 7 € gibt's eine Tageskarte, die zum Besuch aller städischen Museen berechtigt. Kultur satt :D
      freiburg.de/pb/,Lde/237910.html

      Jetzt die Langfassung.
      "Feste Rollen seit Urzeiten", überhaupt Geschlechterrollen, sind ein gesellschaftlicher und politischer Dauerbrenner. Auch die Ausstellung hat eine politische Dimension, das machen Regierungspräsidentin Schäfer, Landesfamilienministerin Altpeter und Oberbürgermeister Salomon in ihren Grußworten zum Ausstellungskatalog deutlich. Und wie hoch die Wogen in Sachen angeblich biologisch determinierter Rollen gehen können, konnte man aktuell hier im Forum am Thema Ehe kürzlich ja auch sehen.
      Aber ist das wirklich immer und schon seit der sprichwörtlichen Steinzeit so?

      "Fallen die Begriffe 'Mann - Frau - Steinzeit', tauchen vor dem inneren Auge in der Regel zwei Szenen auf, die wir in Varianten schon unzählige Male in Museen, populärwissenschaftlichen Büchern, Schulbüchern, Filmen oder in den Medien gesehen haben: Männer unter Einsatz ihres Lebens auf gefährlicher Großwildjagd und Frauen, die mit ihren Kindern an der Feuerstelle sitzen und kochen, Felle Schaben oder nähen.
      [...] hier werden mit größter Selbstverständlichkeit statische, geradezu zeitlose soziale Verhältnisse postuliert. Dabei wird suggeriert, dass es sich um 'gesichertes Wissen' handelt, das allgemein vorausgesetzt werden kann [...] Um eine geradezu sensationell erfolgreiche Popularisierung wissenschaftlicher Erkenntnisse kann es sich bei diesem verblüffenden Phänomen jedenfalls nicht handeln: WIssenschaftliche Studien, die dieses vermeintliche Wissen für 2,5 Millionen Jahre Menschheitsgeschichte plausibel belegen würden, gibt es nämlich nicht."
      Prof. Dr. Brigitte Röder: Mit der Steinzeit die Geschlechterwelt erklären? Im Begleitbuch zur Ausstellung

      Ja was erklärt die Ausstellung dann überhaupt?
      SIe erklärt z.B., dass ausgegrabene Gebrauchsgegenstände kein Geschlecht haben. SIe können zugewießen werden, wenn sie mit Menschen zusammen bestattet werden und deren Geschlecht mit anthropologischen Methoden noch feststellbar ist. Und selbst wenn der Gegenstand selbst ein "Geschlecht hat" weil er ein solches darstellt, ist das nicht immer eindeutig. So begegnen dem Besucher steinzeitliche Figürchen von Männern und von Frauen und solche, die sowohl ein männliches Geschlechtsteil darstellen (könnten) als auch einen weiblichen Torso, oder je nach Blickwinkel ein Phallus oder eine schwangere Frau.
      In Bestattungen begegnen uns webende Männer, werkzeugmachende Frauen, Männer, Frauen, Kinder die zeitlebens schwer gearbeitet hatten bspw. in einem hallstadtzeitlichen Salzbergwerk.
      Warum, wieso? Weil Arbeiten oft nach persönlicher Fähigkeit statt nach Geschlecht ausgeführt wurden, aus praktischen Gründen, weil Arbeit eben zu tun ist und wer gerade verfügbar ist, muss ran? Dererlei Fragen lassen sich im EInzelfall schwer beantworten. Aber sie regen zum weiterdenken, weiterforschen an.
      Der Bogen wird von der Steinzeit bis heute gespannt und anhand von Funden wird diesen Fragen nachgegeangen. Thematisiert wird auch die Macht der Bilder, sowohl der, die wir im Kopf haben und automatisch auf frühere Verhältnisse projezieren, als auch z.B. fiktiver Lebensbilder, die nach Funden erstellt werden und von uns Betrachtern geradezu automatisch mit Darstellung "historischer Wahrheit" verwechselt werden. Das hat die Künstlerin Monika Federich anhand einer hallstattzeitlichen Doppelbestattung bei der die Knochen so gut wie vergangen waren, wo aber aufgrund der Beigaben "Fürsten(ehe)paar angenommen wurde, zur Erstellung alternativer Lebensbilder inspiriert, die in der Ausstellung zusammen mit Teilen des Funds präsentiert werden.
      Überhaupt gibt es jede Menge von verschiedenen Museen zur Verfügung gestellte Originale zu sehen.

      Der Begleitband zur Ausstellung - "Ich Mann, Du Frau - Feste Rollen seit Urzeiten?" ISBN-10: 3793051145 -
      vertieft die Themen der Ausstellung und beleuchtet die einzelnen Aspekte ausführlich. Er ist für 19,80 € auch im Buchhandel erhältlich und ebenso empfehlenswert.
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis genannt sein wollen." Philip Meinhold
      Herzlichen Dank an Wetterleuchten. Das belegt auch wieder, daß in einer reichen, freien Gesellschaft wie der unsrigen, die Menschen Tätigkeiten ausüben können, die ihnen am ehesten zusagen und für die sie sich am ehesten befähigt fühlen - nicht die Arbeit, die sie aus Sachzwängen oder Not ausüben müssten.

      Dazu gibt es eindeutige Studien, die die gegenteilig lautenden Thesen der Genderisten und diverser feministischer Strömungen gründlich und vor allem wissenschaftlich widerlegen.

      Zusätzlich ist unsere Welt heutzutage viel komplexer und komplizierter als damals™. Vermutlich auch ein Grund, warum so viele Leute das "einfache Leben" so mystifizieren, glorifizieren und romantisieren. Und warum Dinge propagiert werden (z.B. flächendeckendes Patriarchat oder flächendeckendes Matriarchat), obwohl beides mit großer Wahrscheinlichkeit nie wirklich in dieser Ausprägung existiert hat.

      Konsens und Sachzwänge haben das Leben in der Vorzeit bestimmt. Da bestand keine Notwendigkeit für Patriarchat oder Matriarchat. Beides sehr neuzeitliche Begriffe, bei dem vor allem letzteres ein hauptsächlich politisch verwendetes, ideologisches Theoriengebäude ist, für das wir in der ur- und frühgeschichtlichen Forschung so gut wie keine echten Belege finden.
      Handle, ehe es da ist | Lenk es ehe es wirr wird | Der Weise geht zurück den Weg, den die Menschen gingen | um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur | und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.
      :mrgreen:
      Gut, dass du "Matri-" und "Patriarchat" erwähnst, Drache. Ich glaube, die waren gar nicht thematisiert,und wenn dann eher am Rande. Tatsächlich ging es um Geschlechtsdualusmus und Genderforschung.
      Allerdings meine ich, diese Matri-Patri-Konstrukte hängen direkt mit diesem, unserer Kultur überdeutlich innewohnenden, Geschlechterdualismus zusammen. Es war auch Thema, dass dieser Dualismus gerne rückprojeziert wird auf prähistorische Zustände.
      Im Begleitband wird das übrigens ausführlich thematisiert und zerpflückt, dieses ganze Zeug, dass es evolutionsbiologisch begründet sei mit diesen ganzen nicht rückwärts einparkenkönnenden und Schuhe kaufenden Frauen und ihren männlichen Gegenstücken. Und auch das Märchen vom berufstätigen, sich räumlich orientierenden Jäger und seiner sozialemotionalkooperatven Sammlerinnengattin, der ganze Schmuh halt.
      Gewiss lässt sich Geschlechterdualismus für unsere Kultur bis in die Antike hinein belegen, aber er ist eben ein kulturelles, kein "zeitlos-naturgegebenes" Produkt.

      Da waren für mich ein paar ziemliche Augenöffner dabei, weil sich diese ganzen Projektionen aufgrund der sehr lückenhaften Fundlage kaum belegen lassen. Für die Genderforschung, also die Frage, - was hat esfür Bedeutung (en) und Konsequenzen, einem bestimmten biologischen Geschlecht anzugehören? Oder gibt/gab es Kulturen, in denen biologische Geschlechtszugehörigkeit eher nachrangig war/ist? - da verspricht man sich durch die Archäologie doch einige Daten und Impulse.
      Letztlich ging's ja im Kern um die Frage: welchen Beitrag kann (prähistorische) Archäologie zur Genderforschung leisten?

      Noch ein Nachtrag zur Mystifizierung des sog. "einfachen Lebens damals". Können wir überhaupt beurteilen, ob unsere moderne Welt wirklich -subjektiv- komplizierter ist? Die Hinterlassenschaften nicht schriftlicher Kulturen sind ja jetzt alles andere als selbsterklärend in Bezug auf weltbildliche Vorstellungen damaliger Menschen und welche Komplexitäten damit verbunden waren.

      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis genannt sein wollen." Philip Meinhold

      Wetterleuchten wrote:

      :mrgreen:
      Gut, dass du "Matri-" und "Patriarchat" erwähnst, Drache. Ich glaube, die waren gar nicht thematisiert,und wenn dann eher am Rande. Tatsächlich ging es um Geschlechtsdualusmus und Genderforschung.

      Allerdings meine ich, diese Matri-Patri-Konstrukte hängen direkt mit diesem, unserer Kultur überdeutlich innewohnenden, Geschlechterdualismus zusammen. Es war auch Thema, dass dieser Dualismus gerne rückprojeziert wird auf prähistorische Zustände.

      Genderforschung und extremer Geschlechtsdualismus hängen ganz eng mit dem radikalen Feminismus der 70er und 80er Jahre zusammen. Die Konstrukte der Matriarchatstheorien für die graue Vorzeit übrigens auch. Lustigerweise werden die im heidnischen Bereich oft blind übernommen.

      Im Begleitband wird das übrigens ausführlich thematisiert und zerpflückt, dieses ganze Zeug, dass es evolutionsbiologisch begründet sei mit diesen ganzen nicht rückwärts einparkenkönnenden und Schuhe kaufenden Frauen und ihren männlichen Gegenstücken. Und auch das Märchen vom berufstätigen, sich räumlich orientierenden Jäger und seiner sozialemotionalkooperatven Sammlerinnengattin, der ganze Schmuh halt.
      Gewiss lässt sich Geschlechterdualismus für unsere Kultur bis in die Antike hinein belegen, aber er ist eben ein kulturelles, kein "zeitlos-naturgegebenes" Produkt.

      Klingt interessant. Werde mir den Text mal bei Gelegenheit zu Gemüte führen müssen. Allerdings gibt es auch bei den Evolutionsbiologen und Evolutionspsychologen sehr differenzierte Ansätze. Leider findet man heutzutage in vielen, eigentlich wissenschaftlichen Arbeiten, Einflüsse von Gender-Ideologen, die mit wissenschaftlichen Erkenntnissen gar nichts zu tun haben. Das liegt daran, dass man mit einem "gendertheoretischen Ansatz" schneller an Forschungsgelder kommt. Die Auswüchse werden auf sciencefiles.org thematisiert.

      Da waren für mich ein paar ziemliche Augenöffner dabei, weil sich diese ganzen Projektionen aufgrund der sehr lückenhaften Fundlage kaum belegen lassen. Für die Genderforschung, also die Frage, - was hat esfür Bedeutung (en) und Konsequenzen, einem bestimmten biologischen Geschlecht anzugehören? Oder gibt/gab es Kulturen, in denen biologische Geschlechtszugehörigkeit eher nachrangig war/ist? - da verspricht man sich durch die Archäologie doch einige Daten und Impulse.
      Letztlich ging's ja im Kern um die Frage: welchen Beitrag kann (prähistorische) Archäologie zur Genderforschung leisten?

      Wenn es seriöse wissenschaftliche Forschung ist, dann kann die Archäologie etliche der romantisch-ideologischen Thesen des populären Genderismus entzaubern (in der Archäologie kursieren ja auch so ein paar seltsame Theorien, die sich in den Hirnen der Leute festgesetzt haben, obwohl es keine harten Belege für die Annahmen gibt). Ich unterscheide da zwischen seriöser, wissenschaftlicher Genderforschung und den sogenannten "Gender-Studies" wie sie z.B. an der HU-Berlin betrieben werden (einer ehemaligen marxistisch-leninistischen Kaderschmiede), wo es nur um Ideologie und nicht um wissenschaftliche Forschung geht.

      Wenn man den Leuten, die "Gender-Studies" betreiben, mit harter Wissenschaft kommt, dann wird das gleich als "männliche Wissenschaft" oder "von Männern geprägte Wissenschaft" rundweg abgelehnt. Ernsthafte Gender-Wissenschaftler dagegen würden die archäologischen Aspekte begrüßen und prüfen.

      Noch ein Nachtrag zur Mystifizierung des sog. "einfachen Lebens damals". Können wir überhaupt beurteilen, ob unsere moderne Welt wirklich -subjektiv- komplizierter ist? Die Hinterlassenschaften nicht schriftlicher Kulturen sind ja jetzt alles andere als selbsterklärend in Bezug auf weltbildliche Vorstellungen damaliger Menschen und welche Komplexitäten damit verbunden waren.

      Ja, das können wir durchaus einigermaßen beurteilen, weil wir ältere und aktuelle Forschungen über Völker und Stämme haben, die teilweise heute noch "primitiv" steinzeitlich leben. Das Leben damals™ war sicher nicht einfach. Aber es war nicht so komplex und hatte weit weniger Verordnungen, Regeln, Gesetze, Sachzwänge, Autoritäten etc. als wir heutzutage haben. Je mehr "Zivilisation" auf eine Gesellschaft aufgepfropft wird, desto unübersichtlicher wird es. Das endet dann meist damit, daß diese Zivilisation zusammenbricht.
      Handle, ehe es da ist | Lenk es ehe es wirr wird | Der Weise geht zurück den Weg, den die Menschen gingen | um den Dingen zurückzuhelfen zu ihrer Natur | und wagt nur eines nicht: wider die Natur zu handeln.
      Hi StarFire,

      nur ganz kurz, der Rest wenn ich Zeit hab

      StarFire wrote:

      Genderforschung und extremer Geschlechtsdualismus hängen ganz eng mit dem radikalen Feminismus der 70er und 80er Jahre zusammen.
      Nein. Extremer Geschlechterdualismus hat sehr viel vielfältigere Wurzeln und ist sehr viel älter und in unserer Kultur schon ein bisschen länger verankert als der radikale Feminismus der 70er und 80er. Der ist in Teilen ja auch nur eine Reaktion auf damals zementiert erscheinende dualistische Geschlechterstereotypen. Schau dir doch mal 7.-Sinn-Sendungen aus den 60ern an, in denen Männer erklären, warum sie ihre Frauen nicht ans Steuer ihres Wagens lassen und Frauen erklären, warum sie gar nicht ans Steuer wollten. Oder dass Frauen die schriftliche Erlaubnis ihrer Ehemänner brauchten um erwerbstätig zu sein. Oder geh weiter zurück bis Waltons Mountain oder zu den Frauen, die hart um Wahlrecht, Unizulassung, Militärzugehörigkeit (in den "richtigen", den "männlichen" Waffengattungen) usw. kämpfen mussten. Na, wo steckt da der Jäger und wo das Weibchen am Feuer? Sehr schön kann man dieses Stereotyp auch an den Familien Feuerstein und Geröllheimer beobachten.
      Der radikale Feminismus hat darauf lediglich reagiert. Manche haben aus der Not eine Tugend gemacht und die Fähigkeiten, die mutmaßlich brav am heimischen Feuer sitzende Frauen dadurch erworben haben sollen zu angeblich höher entwickelter emotionaler und sozialer Intelligenz oder sprachlichen Fähigkeiten erhoben. Was natürlich nicht wirklich zu was anständigem führen kann, wenn schon die Prämisse, von der ausgegangen wird, lediglich ein aus (ursprünglich bürgerlich dominierter) Projektion entstandenes Konstrukt ist.


      StarFire wrote:

      Die Konstrukte der Matriarchatstheorien für die graue Vorzeit übrigens auch.
      Die auch auf der oben genannten Projektion aufbauen.

      Lustigerweise werden die im heidnischen Bereich oft blind übernommen.

      Da ist leider was dran. Deswegen -u.a. - finde ich es auch toll und richtig und wichtig, dass es diese Ausstellung gibt. Da gibt es eine Menge Anregungen, als Wahrheiten übernommene Ideen und Mythen auf den Prüfstand zu stellen.
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.

      "Die Nazis haben den Ruf der Nazis so versaut, dass nicht mal mehr Nazis Nazis genannt sein wollen." Philip Meinhold