Überzeugungen leben in der Geschäftswelt

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      So - ich hab eine ganze Weile nachgedacht. Wie lasse ich meine spirituelle Überzeugung in mein Berufsleben einfließen? Ich glaube das Wichtigste ist, dass meine Spiritualität dazu geführt hat, bestimmte Auftraggeber zu meiden oder zumindest vor der Auftragserteilung klar zu formulieren was ich tue - und was nicht.

      Dennoch trenne ich deutlich zwischen alltäglicher Identität, öffentlicher spiritueller Identität, persönlicher Spiritualität.

      Im Alltag spielt meine Spiritualität eine Rolle - aber unterschwellig. In meinen Werten und Überzeugungen.
      Im öffentlichen Rahmen gebe ich offen zu, dass ich ein "spiritueller Mensch" bin ohne das näher zu erläutern.
      Meine persönliche Spiritualität ist das was ich hier bekunde und von mir preis gebe.

      Meine Überzeugungen sind im Prinzip einfach eine Weltsicht - und die prägt halt mein Handeln. Aber ich rede nicht allzu viel drüber.
      Vielen Dank für eure Überlegungen.
      Vor allem etwas, was Du im "Anfänger"-Thread gesagt hast, Alvara, umreißt mein "Problem" ziemlich gut. Ich habe in den letzten 10 Jahren jede freie Minute in meine spirituelle Entwicklung, in Lernen, lesen, Recherchen verwendet. In dieser Zeit habe ich ein umfangreiches Fantasy-Buch geschrieben, in dem ich alles verarbeitet habe, was ich über Magie weiß bzw. was ich für "menschen-möglich" halte. Im Zuge dieses Prozesses habe ich Einsichten gewonnen und das Wesen mancher Dinge auf einer tiefen Ebene begriffen.

      Bloß - in dieser Zeit haben andere Fachliteratur studiert und Karriere gemacht. Ich bin meinem persönlichen Weg gefolgt - und die Zeit möchte ich nicht missen. Doch irgendwie habe ich mich dadurch von den allgemeinen Trends abgekoppelt. Die Welt da draußen "verstehe" ich nicht mehr - die neuen Medien, die Formen der Kommunikation, das Rattenrennen um die meiste Kohle. Das ist mir mittlerweile fremd.

      Jetzt frage ich mich, wie ich mit dem Wissen, das ich mir erarbeitet habe, für mein Auskommen sorgen kann. Ich mag mich nicht damit abfinden, weiterhin jeden "Hurenjob" anzunehmen, bloß weil er meine Miete bezahlt. Letzteres wird immer schwieriger, weil man mir allmählich anmerkt, dass ich nicht mehr hinter dahinterstehe. Das alte trägt nicht mehr, und das neue will sich noch nicht zeigen.

      Ich bin fest überzeugt, dass es auch in meinem Berufszweig, der Erwachsenenbildung, Bedarf an Leuten mit Lebenserfahrung und "esotherischen Einsichten" gibt. Ich muss bloß die Kunden finden, die so etwas zu schätzen wissen. Daran arbeite ich gerade.

      Um Missverständnisse zu vermeiden: ich habe nicht vor, auf "Eso" umzusatteln und künftig gegen Geld Karten zu legen. Ich möchte in meiner Business-Welt bleiben - bloß ein bisschen neben dem Trend schwimmen und mich damit über Wasser halten.
      Hi ihr Lieben...

      so heute bin ich idealistisch und beruflich unterwegs und ich werde alle meine Fähigkeiten brauchen um diesen Tag erfolgreich zu bestehen, ohne mich extra in meinen Überzeugungen outen zu müssen verkörpere ich ersatzweise all das was ich an Informationen zu transportieren habe.

      liebe Grüsse die fee
      >nunNUN(°>
      Ich schließe mich mal Lil-la an.

      Ich bin saufroh, dass eben nicht jeder seinen persönlichen religiösen Glauben offen bei der Arbeit lebt und vor allem auslebt. Ich habe Verständnis dafür, dass man zu seinem Glauben, seinen Überzeugungen stehen und sie vertreten mag, dabei darf man allerdings nicht vergessen, dass man sie eben nicht ins Blaue hinein vertritt, sondern vor Menschen mit ggf. anderen, abweichenden Meinungen, Meinungen, die der eigenen/anderen Meinungen vielleicht entgegen stehen und sie gar herausfordern.

      Zu seiner eigenen Meinung zu stehen heißt immer auch Aufmerksamkeit und ggf. Reaktionen zu provozieren und ganz ehrlich: Meist hab ich bei der Arbeit bzw. an der Uni genug um die Ohren, als dass ich noch Lust hätte das Pech zu haben ausgerechnet dem einen bekennenden Christen, der meint mich missionieren zu müssen (gab es eh schon) vor die Flinte zu laufen. Umgekehrt möchte ich auch nicht lauter "Jesus loves you!"-Hemden oder übereifrige Zettelchenverteiler nach Marke Wachturm treffen. In einer Zeit, wo es scheinbar Mode ist nun verstärkt Glauben - etwas was ich überhaupt in hohem Maße indiskutabel finde - zum allgemeinen Diskussionsgegenstand zu machen bin ich dann doch dankbar dafür bei der Arbeit damit verschont zu werden. Denn ganz ehrlich: Die Qualität so eines Gespräches bleibt dabei gern auf der Strecke. Eine gute Unterhaltung wie auch eine Diskussion braucht einen passenden Rahmen. So sehe ich das auch für das Thema Glaube, dessen Platz ich abseits eines Unternehmens einer Bekenntnisgemeinschaft am Arbeitsplatz einzig aus Studienobjekt sehe.

      Ich bin froh, dass der Kommilitone neben mir kein überzeugter Evangelikaler ist, der vor dem Essen in der Mensa erst einmal ein lautes Tischgebet spricht, dass bei einer Tagung nicht darum gebeten wird sich durch Heilsteine oder Visualisieren im Sinne eines friedlichen Beisammenseins zu erden oder gar eine schamanische Reise bei einer Ausgrabung unternommen wird, um "die Geister des Ortes" zu bereisen, denn bei all dem müsste ich vermutlich kopfschüttelnd doch mal meine Meinung kurz äußern und leider ist es so, dass Diejenigen, die ihre Meinung gern besonders aktiv vertreten das Contra nur schlecht vertragen.

      Ich persönlich genieße Räume ohne den Zusammenprall des unkontrollierten, großen religiösen Diskurses. Dem widmet ich mich lieber kontrolliert hier im Forum. Alles Weitere lebe ich lieber im kleinen, bekannten Rahmen aus. Und wenn es sich bei der Arbeit ergibt, dass man Jemanden trifft, bei dem es "passt", dann kann man diese Person entsprechend einbinden.
      Ludlul bel nemeqi - Ich will preisen den Herrn der Weisheit

      Solveig wrote:

      Die Welt da draußen "verstehe" ich nicht mehr - die neuen Medien, die Formen der Kommunikation, das Rattenrennen um die meiste Kohle. Das ist mir mittlerweile fremd.

      Jetzt frage ich mich, wie ich mit dem Wissen, das ich mir erarbeitet habe, für mein Auskommen sorgen kann. Ich mag mich nicht damit abfinden, weiterhin jeden "Hurenjob" anzunehmen, bloß weil er meine Miete bezahlt. Letzteres wird immer schwieriger, weil man mir allmählich anmerkt, dass ich nicht mehr hinter dahinterstehe.


      Hallo Solveig,

      dieser Satz hat mich wirklich nachdenklich gestimmt. Ich muss zugeben dass ich oftmals genauso denke und auch so meine Schwierigkeiten damit habe "die Welt da draußen" zu verstehen.
      Mein Glaube bestimmt nun mal bewusst und auch unbewusst mein tägliches Handeln, ganz egal ob es sich dabei um privates oder berufliches dreht, denn er gibt mir einen gewissen Moralkodex vor dem ich folge weil ich ihn einfach als "Richtig" erachte.
      Dabei stoße ich aber sehr oft an unsichtbare Grenzen weil "die Welt da draußen" eben nach ganz anderen Regeln funktioniert. Privat ist das nicht so schwer denn da kann ich (meistens) Dinge meiden, die mir missfallen und ihnen aus dem Weg gehen, aber im Berufsleben sieht's da schon ganz anders aus.
      Ich bin Immobilienökonom und arbeite halt im wirtschaftlichen Bereich, wo es außer "Gewinnmaximierung" eigentlich keine weiteren Grundregeln gibt.

      Menschlichkeit, Fairness oder "Kaufmannsehre" sind da Begriffe die höchstens noch in Erinnerungen an Großvaters Zeiten einen Platz haben. Von "Ehrlichkeit" will ich gar nicht erst anfangen, in dieser Sparte wird fast noch mehr gelogen als in der Politik. Heutzutage geht's nur noch darum mit "Ellbogenmentalität" Konkurrenten aus dem Weg zu boxen und die größtmögliche Gewinnspanne zu erreichen. Wenn ich sehe mit welchen Methoden Banken und Versicherungen usw. ihre Immobilien-Geschäfte abwickeln, da kann einem echt schlecht werden.
      Die Mieter und Eigentümer der Objekte, also die Menschen um die es dabei eigentlich gehen sollte spielen in den wirtschaftlichen Überlegungen (also den ökonomischen Betrachtungen) überhaupt keine Rolle. Als Makler arbeite ich gar nicht mehr weil ich das, was da mittlerweile zum Alltag gehört überhaupt nicht mehr mit meinem gewissen vereinbaren kann.
      Dieser Job fällt mir so unsagbar schwer und ich gehe wirklich nicht gern zur Arbeit, aber ich muss. Irgendwoher muss ja mein Geld auch kommen. Miete muss ja bezahlt werden.

      Aber da kann man ja schauen wohin man möchte, "die Welt da draußen" ist so kalt und herzlos, so unfair und brutal dass ich eigentlich mit "ihr" überhaupt nichts mehr zu tun haben möchte.

      Auch dieser ganze technische Schnickschnack, der das Leben eigentlich einfacher machen soll, macht es meiner Meinung nach nur noch komplizierter als es eh schon ist. Das ist alles so schrecklich überflüssig und absolut unnötig. Anstatt zu verbinden vereinsamt diese ganze Kommunikationstechnik die Menschen nur noch mehr weil sie ja gar nicht mehr raus müssen um zu kommunizieren. Was hat das denn alles für einen Wert???

      Und was die Politik so für merkwürdige Blüten treibt, da verbiete ich mir ja mittlerweile sogar das drüber nachdenken. Bei dem ganzen Reglemetierungswahnsinn und der Klientelpolitik möchte man sich ja am liebsten die Haare raufen und schreiend davonlaufen.
      Wo bleibt bei alledem eigentlich der Mensch????

      Also irgendwie ist diese Zeit nicht meine Zeit. Ich bin noch so jung und komme mir manchmal vor wie ein Relikt aus einer anderen Zeit.
      Meine gesamten Wertevorstellungen (ob nun religiös begründet oder nicht) haben in der heutigen Zeit fast keinen Platz mehr und das erschreckt mich bis ins Mark.
      Manchmal wünsche ich mir echt mich in unserem Tempel einzuschließen, die Mauern noch höher zu ziehen und die Tore so fest zu verriegeln dass "die Welt da draußen" niemals hinein kann.
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606

      In meinen Augen ist es eine ungesunde Weltsicht, von einer "Welt da draußen" auszugehen.
      Wenn ich in einem "hier drinnen" bin, eingehüllt (oder gefangen?) in einer persönlichen Weltsicht mit den dazugehörigen Erwartungen oder Werten einer Religion und die Welt da draußen ist, dann erschafft man einerseits ein großes (meiner Meinung nach unnötiges, da energieraubendes) Spannungsfeld und hat gleich zwei Konstrukte: einmal von dem, wie die Welt sein soll (aka religiöse/weltanschauliche Idealwelt) und anderseits von der negativen "Welt da draußen". Anstatt der beiden Konstrukte wäre mir die Anstrengung, die Welt zu erfahren, wie sei tatsächlich ist, lieber.

      Wir sind alle Teil der Welt und bestimmen sie in jeder Sekunde mit. Das sind nicht nur "die anderen da draußen" deren Opfer wir werden. Eine Teilung von "draußen" und "drinnen" ist ein gedankliches Konstrukt, dass bei genauerem Hinsehen nicht standhält, weil es ständig einen Austausch von diesem vermeintlichen Innen und Außen gibt. (Wie kann ich mich über neue Medien beklagen, wenn ich hier gerade via Internet kommuniziere und dieses neue Medium nutze?)

      Das Gefühl der Entfremdung, das sicher jeder Mensch in größerem oder geringerem Maße verspürt, dass haben Menschen aller Generationen schon seit Jahrhunderten verspürt. Die Reaktionen darauf sind nur unterschiedlich. Manche ziehen sich ins Private zurück, manche versuchen die Welt durch Aktionen so zu ändern, dass diese sich ihren Vorstellungen einer für sie idealen Welt annähert, manche versuchen es mit Eskapismus und leben geistig in einer Parallelwelt.

      Die Frage ist da meiner Meinung nach nur, was einem am meisten nutzt und wie weit man tatsächlich gehen will. Ich denke, die wenigsten von uns sind bereit zu wirklich radikalen Lösungen.

      Ich glaube nicht, dass Aktionen wirklich etwas ändern, da ich meine, man kann die Welt nicht ändern, nur sich selbst. Rückzug ins Private oder Eskapismus, davon bin ich ganz sicher nicht frei (ich schätze mal, dass ist ein Wesenszug, den alle hier mehr oder weniger Teilen, und der das Heidentum zum Teil ausmacht). Ich halte es nur für wichtig, dass einem bewusst bleibt, dass das ein Konstrukt ist, was einem schaden kann.
      Philosophie = Liebe zur Weisheit. Nicht: Ich gebe die mir gefälligen Bruchstücke der Erkenntnisse antiker Philosophen in eigenen Worten wieder. Sapere aude!
      Naja, ich denke schon dass man von einem Innen und einem Außen reden kann ohne zwangsläufig ein unnötiges Spannungsfeld zu erschaffen. Immerhin bin ich ja ich, ich bin nicht die Welt um mich herum, was automatisch eine Unterscheidung zwischen diesen beiden bedeutet. Das wiederum kann zu Spannungen führen, muss es aber nicht zwangsläufig.

      Und ein Großteil dieser Welt um mich herum entzieht sich nun mal meinem direkten Einfluss, was mich in die Situation bringt sie nicht formen und beeinflussen zu können sondern nur auf sie zu reagieren. Also bin ich auf eine Art Teil dieser Welt, weil ich in ihr lebe; und zum anderen eben nicht Teil der Welt sondern eben ganz einfach nur ich, weil sie sich meinem direkten Einfluss entzieht…
      Dass wir die Welt in jeder Sekunde mitbestimmen wage ich stark anzuzweifeln oder zumindest muss ich sagen dass diese Mitbestimmung des Einzelnen so gering ist dass sie im Großen und Ganzen nicht wirklich ins Gewicht fällt.

      Das schließt ja nicht aus dass ich die Welt um mich herum erfahren kann, wie sie tatsächlich ist. Ich lebe und bewege mich ja tagtäglich in dieser Welt und sie umgibt mich wann immer ich meinen „geschützten Raum“, also meine Privatsphäre verlasse. Überdies beeinflusst sie auch durch Regeln, an die ich gebunden bin und die sich meiner direkten Einflussnahme entziehen selbst diesen geschützten privaten Raum.

      In diesem Zusammenhang davon zu reden ein Opfer dieser Welt zu sein halte ich für stark übertrieben. Dieses ganze Täter-Opfer (und meinetwegen auch noch Retter)-Gerede halte ich ebenfalls für völlig überzogen, vor allem da die beiden Begriffe „Täter“ und „Opfer“ sehr negativ belegt sind. Dieses allseits bekannte Drama-Dreieck aus Täter, Opfer und Retter wird oftmals sehr überstrapaziert. Man darf dabei nie vergessen dass dieses Erklärungsmodell für Interaktion ein sehr vereinfachtes Schaubild darstellt, mehr nicht.

      Wir alle werden sobald wir zu einer wie auch immer gearteten Handlung ansetzen zu Handelnden, also zu Tätern; und sobald diese Handlungen direkt oder auch indirekt andere Personen betreffen machen wir durch unser Handeln diese automatisch zu Betroffenen, also zu Opfern. Sozusagen sind wir alle Opfer „der Welt da draußen“, da sie uns alle mehr oder weniger stark beeinflusst, ganz egal ob nun positiv oder negativ.
      Somit kommt es immerwährend zu einer Interaktion von Innen und Außen, ohne dass beide zwangsläufig ineinander übergehen müssen. Auch wenn mich die Welt permanent mehr oder weniger stark beeinflusst bin ich weiterhin ich. Ich bin nicht die Welt.

      Ich kann aber von mir persönlich tatsächlich behaupten dass ich von einer „Welt da draußen“ reden kann, da ich mich neben meinem ganz privaten ICH auch noch innerhalb der kemetischen Gemeinschaft bewege, welche für sich wieder eine eigene Welt mit eigenen Regeln und Gesetzen sowie eigenen Moralvorstellungen darstellt. Das mag verwunderlich oder befremdlich klingen doch sind dies tatsächlich zwei vollkommen verschiedene Welten.
      Kemet mit seiner strengen, teilweise erblichen Hierarchie, dem Traditionalismus, dem Konservatismus, der Priesterschaft, der nahezu statischen Ruhe…. usw.
      Das alles steht im krassen Kontrast zu der „Welt da draußen“ mit ihrem demokratischen Liberalismus, ihrer rasant und hektisch voranschreitenden „Modernisierung“, ihrer Konsum- und Geldgier, der manchmal menschenverachtenden Eistellung usw…

      DAS sind zwei vollkommen verschiedene Welten, und dieser Spagat zwischen beiden ist wahrlich keine einfache Nummer. Deswegen hab ich ja gesagt dass ich mich gerne mal für eine Weile hinter unseren Tempelmauern verkriechen würde weil mir die Geschwindigkeit und die Kälte „der Welt da draußen“ manchmal echt den Magen umdreht. Das ist das genaue Gegenteil von dem was in Kemet heilig ist und dem was wir Kemeten leben. Das macht uns auch diese moderne Welt da draußen so unverständlich. Kemet steht für die Erhaltung des Bestehenden und in „der Welt da draußen“ ist das was heute noch maßgebend ist morgen schon hinfällig und überholt.

      Dennoch sind wir gezwungen in diesem Strom der an uns vorbeirasenden Zeit mit zu schwimmen um nicht darin unterzugehen. Aber ich kann immer wieder nur betonen dass es alles andere als leicht ist unsere Werte gegen diesen Strom zu bewahren und sie zu beschützen. Das ist mit einer der Gründe warum Kemet sich allgemein so schwer tut Neuerungen aufzunehmen. Je schneller die Welt um uns herum wird umso mehr klammern wir uns an die überlieferten Traditionen Kemets, um nicht von diesem Strom fortgerissen zu werden. Das Kemet von heute ist genau aus diesem Grund garantiert konservativer, traditionalistischer und stärker von der Außenwelt abgeschottet als das alte Kemet, da geh ich jede Wette ein.

      Wie gesagt, die „Mauern“ um Kemet noch erhöhen, die „Tore“ noch fester verschließen und einfach „die Welt da draußen“ für eine Zeit lang Welt da draußen sein lassen um endlich wieder zu innerer Ruhe zu finden ist sicher nicht nur ein tief gehegter Wunsch meinerseits. Dieser Wunsch ist in Kemet sehr weit verbreitet, wird aber immer ein Wunschbild bleiben, da niemand den Lauf der Welt aufhalten kann. Und wenn wir nicht den Anschluss an die Welt verlieren wollen müssen wir teilweise mit dem Strom schwimmen und den Spagat zwischen beiden Welten eingehen, auch wenn es uns noch so schwer fällt.

      Das schließt auch die Nutzung „neuer Medien“ mit ein, auch wenn sich diese bei uns stark in Grenzen hält. Allein um den Zusammenhalt Kemets zu gewährleisten sind wir gezwungen diese Mittel zu nutzen. Wir Kemeten leben ja nun wie gesagt nicht nur in der Welt unserer Tempel und Weihrauchschwaden, einen ganz normalen Alltag haben wir genauso zu bestreiten wie alle anderen Menschen um uns herum auch. Dieser Alltag trennt uns oftmals allein schon aus beruflichen Gründen auch räumlich voneinander was die Verwendung moderner Kommunikationsmedien notwendig macht, allein um den Kontakt zu halten. Heißt aber nicht zwangsläufig dass wir das unbedingt toll finden.
      "Das ist die Seuche dieser Zeit,
      Verrückte führen Blinde"


      King Lear, W. Shakespeare 1606

      Merienptah wrote:

      Das schließt ja nicht aus dass ich die Welt um mich herum erfahren kann, wie sie tatsächlich ist. Ich lebe und bewege mich ja tagtäglich in dieser Welt und sie umgibt mich wann immer ich meinen „geschützten Raum“, also meine Privatsphäre verlasse.


      Ich glaube, wir sprechen hier von verschiedenen Dingen. Ich spreche von Allem, vom Sein. Das fängt nicht vor der Haustüre an. Wenn du denn eine Schwelle haben willst, dann fängt die im Kopf an, da wo ich versuche, Dinge in begreifbare Muster zu bringen. Muster wie: "Das ist gut, das ist schlecht, das ist alt, das ist neu, das beeinflusse ich, das beeinflusse ich nicht." Das ist meine Sicht der Welt, aber nicht die Welt. Ein anderer sieht die Dinge genau anders herum, sieht das was ich für schlecht halte, als gut an oder sieht in dem, was ich als neu empfinde schon einen alten Hut. Und was ich beeinflussen kann, ist mir meist gar nicht klar, da die Dinge komplexer verwoben sind, als ich es begreife. Mein Nichtstun beeinflusst auch etwas. Meine Entscheidung, etwas zu kaufen beeinflusst zum Beispiel etwas, da ich nicht weiß, was da für Produktionsbedingungen dranhängen. Das ich jemand angelächelt oder angerempelt habe, ohne mir dessen bewusst zu sein, kann zur Folge haben, dass derjenige darauf hin weitreichende Entscheidungen trifft.

      Merienptah wrote:

      Das mag verwunderlich oder befremdlich klingen doch sind dies tatsächlich zwei vollkommen verschiedene Welten.


      Wenn du von "verschiedenen Welten" sprichst, meinst du "soziale Welten", oder? Also soziale Umfelder, in denen verschiedene Werte und Regeln herrschen und wo man verschiedene Rollen einnimmt. Das sind für mich ganz eindeutig Konstrukte.

      Merienptah wrote:

      Dennoch sind wir gezwungen in diesem Strom der an uns vorbeirasenden Zeit mit zu schwimmen um nicht darin unterzugehen. Aber ich kann immer wieder nur betonen dass es alles andere als leicht ist unsere Werte gegen diesen Strom zu bewahren und sie zu beschützen.


      Ich sprache mehr von eben diesem Strom, in dem jeder ein Teil ist, alles mal kurzfristig als Bläßchen auftaucht, dass irgendwann wieder platzt. In diesem Bild steht kein Beobachter (oder Tempel) irgendwo unveränderlich am Ufer, da es kein Ufer gibt.

      Merienptah wrote:

      Dieser Wunsch ist in Kemet sehr weit verbreitet, wird aber immer ein Wunschbild bleiben, da niemand den Lauf der Welt aufhalten kann.


      Warum jagt ihr denn einem Wunschbild nach, obwohl ihr doch wisst, dass es unerreichbar ist?

      Merienptah wrote:

      Allein um den Zusammenhalt Kemets zu gewährleisten sind wir gezwungen diese Mittel zu nutzen.


      Ich glaube hier sind wir an dem Punkt, den ich in meinem letzten Posting ansprach: Es ist alles eine Sache, wie weit man gehen will. Würde eure Gemeinschaft auseinanderfallen, wenn ihr euch moderner Kommunikationsmedien verweigert und zum Beispiel nur per Brief (so richtig auf Papier und mit Postboten und so) kommunizieren würdet oder seid ihr vielleicht doch so sehr Teil der modernen Welt, das euch wie allen anderen in unserer Gesellschaft es recht sinnlos vorkommt das zu tun, wo es doch viel schnellere, bequemere und billigere Lösungen gibt?
      Philosophie = Liebe zur Weisheit. Nicht: Ich gebe die mir gefälligen Bruchstücke der Erkenntnisse antiker Philosophen in eigenen Worten wieder. Sapere aude!