Der religiöse Alltag in den alten heidnischen Kulten.

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      Der religiöse Alltag in den alten heidnischen Kulten.

      Mir ist aufgefallen, dass viele Kulte vermischt werden oder zumindest (in meinen Augen) wild hin- und hergesprungen wird. Für mich ist das ziemlich verwirrend, denn ich bin kein profunder Kenner der nordeuropäischen Götterkulte. Daher hoffe ich darauf, dass sich hier jemand findet, der mir weiterhelfen kann. Ich interessiere mich für viele Fragen:

      - Welches sind die größten Unterschiede zwischen den Kulten der germanischen Völker, der Wikinger und Kelten?

      - Wie sah der religiöse Alltag bei diesen Kulten aus?

      - Welchen Einfluss hatten die Kulte auf die politischen Entscheidungen oder hielten sich diese bis auf die Tatsache, von den Göttern für ihre Unternehmungen Hilfe zu erflehen aus der Politik heraus?

      - Wie konnte jemand Priester oder Priesterin werden?

      Ich würde mich über viele fundierte Antworten freuen, kann aber nicht garantieren, dass ich nicht noch weitere Fragen nachschiebe.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      Sei gegrüßt, Agnosco und danke für die Anregung.

      Nun... da hast du, wenn ich mal so sagen darf, ein ziemlich dickes Fass aufgemacht.
      Selbst die kurze Beantwortung deiner Handvoll Fragen würde ein eigenes Unterforum brauchen.
      Es gibt im Forum viel Berufenere und Beschlagenere als mich, aber als bescheidenen Anfang würde ich gern mal auf die Frage eins Bezug nehmen.

      Nun: Die Verzwickung beginnt hier schon mal damit, dass es "die Germanen" bzw "die Kelten" in dem Sinne nicht gab.
      Die Sammelbgriffe wurden später der Einfachheit halber hunderten Stämmen und Völkern übergestülpt, die sich über ganz Europa verteilten.

      "Also, die Germanen..." "Verzeihen Sie, bitte!" "Ja?" "Meinen Sie jetzt die Adrabaikampoi, die im niederösterreichischen Waldviertel wohnten, oder die Chatten in Hessen, meinen Sie die Heruler, die Rus oder eher die Quaden? Oder die Kimbern in Britannien oder die Vandalen in Afrika?" "Äh...ja..alle die..."

      Außer einigen überregionalen Hauptgottheiten, wie zB den Donnergott, gab es für jeden Stamm unzählige lokale Gottheiten, die oft nur ein einziges Mal auf einer noch dazu romanisierten Votivtafel auftauchen und aber auch abweichende Kulte und Brauchtümer, von denen wir so gut wie nix mehr wissen.
      Dazu kommt, dass die Germanen und die Kelten gar nicht so klar zu trennen sind. Die Ambivareten zum Beispiel, waren auch ambivalent, weil sie, obwohl "Germanen" in Gallien daheim waren und somit auch als Kelten...nun ja,... gelten.

      Wolf Dieter Storl nennt diese Stämme "europäische Waldvölker", weil der wesentliche Unterschied zwischen Ihnen und den Zivilisationen des Mittelmeerraumes war, dass sie eben nicht in Städten, sondern kleinen Dörfern im ansonsten ziemlich waldüberwucherten Euroopa lebten. Wobei einige keltische Stämme sich dann rasch an die stadtähnlichen Oppida gewöhnten, als sie sich mit den Römern kurzschlossen, was die "Germanen" so nicht taten.

      Die Wikinger wiederum nehmen in der ganzen Geschichte eine Sonderstellung ein, weil sie, als bereits ganz Europa christianisiert war, bis ins elfte Jahrhundert hinein heidnisch blieben. Einerseits ist das die Zeit des monotheistischen Einflusses (Odinns Rolle als oberster Vatergott, die Vorstellungen einer germanischen "Hölle", etc) andererseits auch jene des letzten Widerstandes dagegen. (Wenn man von Leuten wie uns heute absieht) Es war die Zeit, in der man, um sich vom Christentum abzuheben, den Mjölnir trug, gleichzeitig gossen die Schmuckerzeuger oft in denselben Form auch gleich Kreuze, und es gab sicher nicht wenige, die den Nazarener neben Freyr und Thor in ihr Pantheon mitintegrierten, nach dem (österreichischen) Motto: Nutzt´s nix, so schad´s nix.
      Was einerseits die Pragmatik der "Wikinger" zeigt, andererseits auch, dass damals alles offenbar noch viel lockerer genommen wurde, als ein paar hundert Jahre später. Die Götter selbst werden sich darüber wahrscheinlich amüsiert haben.

      Wenn Cäsar in seinen gallischen Kriegen sagt, die Gallier seien besonders religiös, dann weil die europäischen "Waldvölker" wohl ihre Religion im Alltag selbstverständlich mitlebten und wohl ernster nahmen als die römischen Patrizier. Auch in der Politik. Die inselkeltischen Könige beispielsweise, vermählten sich symbolisch mit der Göttin des Landes (zB. Eriu in Irland) und hatten für das Wohlergehen desselbigen zu sorgen. Gelang dies nicht, oder wurde der König (auch der Hochkönig, der Ardrig) im Kampf zB verstümmelt, hatte er sein Recht auf die Krone verloren.
      Dazu kann man in der Irisch-Walisischen Sagenwelt einiges finden. (Die Sage von Macha Mongruadh - aus Ulster gehört im weitesten Sinne dazu.)
      Ich denke, damit hab ich eigentlich nichts beantwortet...oder? Naja vielleicht ist es ein Anstoss für Brauchbareres bzw schreib ich weiter, wenn ich mehr Zeit hab, denn einfallen würde mir schon noch einiges.

      Egal, jetzt mach ich mal einen Punkt und überlasse Kompetenteren Mitheiden das Wort... Raginharti hat zum Beispiel sicher was dazu zu sagen. Und ich freu mich darauf, wie das hier weitergeführt wird, weil ich neuigierig bin, was die anderen so zusammentragen.
      Grüße an Alle,
      Euer interessierter Streicher
      Neither country proverbs nor a kings command can keep me out of the woods today - Lily, Legend
      Vielen Dank Waldstreicher, für deine Ausführungen.

      Sorry, ich hatte mich in der Tat nicht präzise ausgedrückt. Natürlich weiß ich, dass es die Germanen als zusammengehörigen Verbund nicht gegeben hat. Ich meinte eher die geografische Lage, wo also jene Stämme lebten, die den Germanen zugerechnet werden.

      Bei den Kelten sehe ich die Unklarheit, wer zu ihnen oder den Germanen gehörte eher nicht. Meiner Kenntnis nach ist sich die Wissenschaft ziemlich einig, wen sie den Kelten zurechnen kann. Bei den Germanen, da ja auch die Goten recht spät aus dem Norden kamen, sieht das natürlich etwas anders aus. Aber ich stimme insoweit zu, dass es keine Art Staatsangehörigkeit gab. Viele Menschen wechselten auch zu einem anderen Volksstamm und das war, schon weil sich die Kulturen nicht grundsätzlich unterschieden, zumeist kein Problem. Dennoch gab es auch ein klares Zusammengehörigkeitsgefühl.

      Was die Glaubensintensität der Römer betrifft, so hielten sich diese für ausgesprochen religiös. Sie glaubten, die Lieblinge der Götter zu sein, denn sonst wären sie wohl kaum so erfolgreich gewesen. Zumindest dachten sie daher, sehr religiös zu sein.
      Die Bereitschaft viele fremde Gottheiten nach Rom zu holen, die Wichtigkeit des Staatskultes und über einhundert religiöse Feiertage im Jahr sind keine zu verachtende Größenordnung. Die Römer nahmen den Götterkult schon sehr ernst, auch wenn es keine Priesterschaft gab, die im Namen der Religio Romana Einfluss auf politische Entscheidungen nahm. Ob dies bei den weiter nördlich lebenden Völkern auch der Fall war, ist daher Inhalt meiner Frage gewesen. Bei den Griechen war es bekanntlich ähnlich, wie bei den Römern, während in Ägypten die Priester wohl vergleichsweise viel Einfluss auf politische Entscheidungen hatten oder nahmen.

      Deine Ausführungen zu den Wikingern fand ich sehr interessant. Dass dort die Grenzen heutzutage verschwimmen, scheint also ein eher moderner Trend zu sein. Aber vielleicht nehme ich da auch nur etwas falsch wahr.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.