Politische Religionen - eine wünschenwerte Zukunft?

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      Meine Befürchtung ist, dass ein Dammbruch eingeleitet wird und der Zug, Religion und Staat strikt zu trennen, ähnlich wie in Frankreich, abgefahren ist. Es wird wie immer sein, lädt man die Geister erst einmal (zur Politik) ein, wird man sie nicht wieder los.

      Davon abgesehen ist sowohl die Unterscheidung zwischen Islam und Islamismus falsch (der Islam macht keinen diesbezüglichen Unterschied), als auch die Meinung, es gebe einen politischen Islam. Das würde voraussetzen, dass es auch einen unpolitischen Islam geben würde, doch diese Religion ist gegründet worden um der Macht und der Politik Willen. Sie ist Politik, sie strebt nach weltlicher Macht, das ist ihr Zweck. Manchmal habe ich den Eindruck, dass über diese Themen Leute mitreden, die sich entweder nie ernsthaft mit dem Islam beschäftigt haben, oder aus Unwissen oder wider besseres Wissens Unsinn erzählen.

      Da der Zug, wie bereits geschrieben abgefahren ist, müssten all jene Religionen die nicht zu den etablierten Buchreligionen gehören, sehr hellhörig werden. Wer nicht mitredet, wird auch nicht wahrgenommen und die Folgen könnten schwerwiegend sein.

      Sicher wäre die Trennung der Religionen von der Politik der bessere Weg, es wird aber wohl eine andere Entwicklung geben.

      wolfpack-alpha wrote:

      Alle Religionen sind politisch, und waren es immer.


      Richtig, aber mal mehr oder weniger und wie es bei den Kelten, German oder Wikinger aussah, wie viel Einfluss dort der Kult auf die aktuelle Politik nahm, ist mir leider nicht bekannt. Vielleicht kann mir das aber hier jemand aber erklären. Das würde mich freuen.

      Was Ägypten betrifft, könnte Merienptah sicher mehr sagen.

      Bei den Griechen und Römern griff die Religion nicht nach politischer Macht. Lediglich im Rahmen des Polis- und Staatskultes. Eine Ausnahme waren noch Orakel, soweit sie Fragen zur Politik gestellt bekamen. Da war natürlich eine Einflussnahme möglich. Dennoch würden Vergleiche zu den Buchreligionen immer hinken.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

      Dennis wrote:

      Ich fände es schön wenn alle- egal ob Christen, Muslime oder sonst wer- mal aufhören würden in einer Gesellschaft wie der Unseren politische Forderungen religiös zu begründen.


      Dem kann ich zustimmen. Aber dennoch können religiöse Menschen politisch sein.

      Ich bin selbst Mitglied einer politischen Partei, aktuell Chefin meines Ortsverbands und als Sachkundige Bürgerin im Stadtrat. Und das hat etwas mit meiner Religion zu tun.
      Tatsächlich hatte ich mich einige Jahre aus der Politik zurückgezogen, weil ich von mir selbst und von den dauernden Streitereien und schwierigen Kompromissen enttäuscht war. Dass ich jetzt wieder "eingestiegen" bin hängt maßgeblich mit meiner Verständnis der Maat zusammen: Ich habe jetzt stabile Lebensverhältnisse, ein Einkommen und ein Haus. Da ist es meine Pflicht, mich für meine Gemeinschaft zu engagieren und Schwächeren zu helfen.
      Klar, ich könnte mich auch in einem Verein oder einer Wohltätigkeitsorganisation engagieren, dass ist eine valide Alternative. Aber aus persönlichen Gründen halte ich meinen Einsatz in der Kommunalpolitik für den effizientesten Weg.
      Ich bin auch in einer Arbeitsgruppe meiner Partei... bei den "Christen und Christinnen"... die sich eventuell bald in die Arbeitsgemeinschaft "Religiöse" umbenennen, das käme mir sehr entgegen.

      Wie geht das nun zusammen? Wie kann ich Dennis zustimmen, dass politische Forderungen nicht religiös begründet werden dürfen, und gleichzeitig aus religiösen Gründen Politik machen?

      Ich meine, es ist gut und richtig, wenn religiöse Menschen Politik machen. Sie dürfen nur keine religiöse Politik machen.

      Sprich: ich muss immer anerkennen, dass eine Demokratie von der Beteiligung aller und dem Kompromiss zwischen verschiedenen Standpunkten lebt. Ich darf nie meine politische Forderung, die ja für die Allgemeinheit gelten soll, mit meinem individuellen Glauben begründen.
      Ein Beispiel, wie ich das meine.
      Ich kann sagen:
      "Tierschutz ist mir wichtig, weil in meiner Religion Tiere heilig sind."
      Ich darf aber nicht sagen:
      "Der Staat muss Tierschutz durchsetzen, weil in meiner Religion Tiere heilig sind."
      Denn meine Religion hat keine Autorität für Menschen, die ihr nicht angehören.
      Ich kann aber versuchen, anderen Menschen zu erklären, warum Tierschutz gut ist... auch jenseits von religiösen Geboten. Ich meine, wenn meine Religion so toll ist wie ich denke, dann sollten ihre Gebote ja auch irgendwie allgemein verständlich und begründbar sein... darum argumentiere ich dann:
      "Tiere können Schmerz und Leid empfinden; Säugetiere sind uns genetisch und morphologisch relativ ähnlich; wir können mit Tieren kommunizieren und eine Beziehung zu ihnen aufbauen, das sehen wir millionenfach an den Hunden, die als Haustiere gehalten werden - warum verdient dann das noch intelligentere und menschenähnliche Schwein keine respektvolle Behandlung?"

      Anderes Beispiel:
      "Ich esse kein Schweinefleisch, weil das in meiner Religion verboten ist"
      Daraus darf jetzt aber nicht folgen:
      "Niemand darf Schweinefleisch essen, weil das in meiner Religion verboten ist"
      Ich kann aber durchaus mit anderen Begründungen arbeiten:
      "Weniger Fleischkonsum ist für Mensch und Natur gesünder; In Kantinen und Krankenhäusern sollte eine ausreichende Anzahl verschiedener Gerichte angeboten werden, um auf individuelle Essgewohnheiten soweit als möglich Rücksicht zu nehmen;"

      Bei den oben genannten Beispielen merkt man in der Praxis gar nicht, dass die ein oder andere Person religiöse Motive hat... da diese Motive ja gar nicht als Argumente herangezogen werden.
      Kontroverser wird es, wenn eine Religionsgemeinschaft ein politisches Statement macht. Dürfen die das?
      Ich finde, ja, das dürfen die. Ein Pfarrer, eine Imamin (und ja, die gibt es.), eine Rabbinerin - die dürfen natürlich zu politischen Themen öffentlich Stellung beziehen, auch im Namen ihrer Religion, wenn ihre Gemeinschaft ihnen diese Sprecherrolle zuerkennt.
      Sie müssen sich dabei eben, genau wie jede Interessengruppe, an die demokratischen Spielregeln halten.
      Sie haben keine größere Autorität, weil sie Religionen sind, und ein Argument hat kein höheres Gewicht weil es "in meinem heiligen Buch steht".
      Meine Forderung, das Krankenhaus müsse mir koscheres Essen servieren hat den selben Stellenwert wie die Forderung einer Veganerin, man müsse ihr veganes Essen servieren.
      Wenn ich Sonntag morgen um 6 die Kirchenglocken läuten will, dann muss die Bevölkerung mit dieser Ruhestörung einverstanden sein, genau wie ich mit dem Rockfestival im Park die Anwohnerinnen und Anwohner nicht über Gebühr stören darf.

      Wenn diese Grundregeln eingehalten werden, dann ist mir die Beteiligung von religiösen Menschen genau wie Religionsgemeinschaften in der Politik höchst willkommen.


      liebe Grüße

      Ma'en

      Agnosco wrote:



      wolfpack-alpha wrote:

      Alle Religionen sind politisch, und waren es immer.


      Richtig, aber mal mehr oder weniger und wie es bei den Kelten, German oder Wikinger aussah, wie viel Einfluss dort der Kult auf die aktuelle Politik nahm, ist mir leider nicht bekannt. Vielleicht kann mir das aber hier jemand aber erklären. Das würde mich freuen.

      Was Ägypten betrifft, könnte Merienptah sicher mehr sagen.
      Was das alte Ägypten betrifft ist eine Trennung von Politik und Religion vollkommen absurd. Ich meine, wie sollte man ein solches Konzept überhaupt für eine Kultur diskutieren, deren Sprache kein Wort für Religion und kein Wort für Politik kennt? Der ägyptische Staat war mindestens bis zur 3. Zwischenzeit, wenn nicht sogar bis zu den Alexander dem Großen, eine religiöse Institution. Der Pharao ist meiner Meinung nach im Kern ein Schamane, der gleichzeitig Stammeshäuptling ist. Heute, für den modernen Kemetismus, ist die Situation natürlich eine völlig andere.
      Natürlich dürfen religiöse Menschen sich politisch engagieren. Da wird dir in einen religiösen Forum wie hier keiner widersprechen. ;)
      Bei religiöser Argumentation denke ich an so geistreiche Aussagen wie der Satz von Gesundheitsminister Spahn, dass Jesus ja Wasser in Wein verwandelt hat und nicht Gras in schwarzer Afghane. In einer Gesellschaft in der nicht alle christlich sind, und auch Christen sich nicht unbedingt alles von der Bibel vorschreiben lassen wollen, finde ich die Aussage ziemlich gaga.
      Jeder Gläubige hat das Recht, sich politisch zu betätigen und das darf er auch wahrnehmen.

      Doch die Geister scheiden sich an dem Punkt, wo Politik für eine Religion gemacht, diese hervorgehoben werden soll oder eine Dominanz angestrebt wird. Weltliche Macht, sollte keine Religion ausüben und das sollte auch nicht ihr Ziel sein.

      Wir haben in unserem Land und in Europa über Jahrhunderte Werte entwickelt und diese zum Teil teuer bezahlt. Für ein vernünftiges Zusammenleben reichen diese völlig aus, weshalb wir keine Regeln benötigen, die eine Religion in ihrem Sinne durchsetzen möchte. Doch welche Religion ist frei von jeglicher Versuchung?
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.