Selbsterniedrigung Bezeichnung Heidentum

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    Ja klar. Da brauchen wir gar nicht bis in die LGBTQ-Beispiele gehen. Schon der Begriff der Hexe wurde in den 1960er Jahren als positive Aneignung von Frauen vereinnahmt.

    Trotzdem muss ich sagen, dass I H den Begriff Heide noch nie als Schimpfwort betrachtet habe. Das andere Heiden da immer so verschnupft reagieren irritiert mich noch heute. Aber vielleicht liegt das daran. Dass ich aus dem säkularen Norden Deutschlands komme? Nicht christlich zu sein ist in der Region in der ich aufgewachsen bin das normalste von der Welt. Schon Protestanten gelten als rückständig, Katholiken noch merkwürdiger. Aber es gilt halt Leben und Leben lassen. Nach Religion fragt man nicht...

    Der Begriff Heide ist für mich daher einfach total wertneutral. Heiden sind eben vernünftige Leute, die nicht an Gott glauben....

    Dass es nun Heiden gibt, die doch was glauben, aber eben an andere Götter war für mich eine spannende Erkenntnis.... Aber sie ändert nix daran, dass ich den Begriff Heide einfach als sachliche Beschreibung eines Nicht-Christen, Nicht-Juden und Nicht-Muslim verstehe. Eben entweder Atheisten oder Andersgläubige....
    Über die Umdeutung hatte ich schon vor längerer Zeit nachgedacht und sie ist wirklich eine Möglichkeit, anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Dennoch habe ich Bedenken, denn ob dann der Sprachgebrauch anderer, also in diesem Fall der Christen und jener die eher zu den Atheisten gehören, dadurch ändert ist zumindest fraglich. Aber bitte, der Versuch macht schlau und das bedarf sicher auch eine gewisse Zeit.

    Doch müsste dann nicht auch mit anderen abwertenden Bezeichnungen für die Gläubigen paganer Kulte genau so verfahren werden, etwa mit "Ungläubiger" oder "Götzendiener"?
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

    Agnosco wrote:

    Über die Umdeutung hatte ich schon vor längerer Zeit nachgedacht und sie ist wirklich eine Möglichkeit, anderen den Wind aus den Segeln zu nehmen.

    Dennoch habe ich Bedenken, denn ob dann der Sprachgebrauch anderer, also in diesem Fall der Christen und jener die eher zu den Atheisten gehören, dadurch ändert ist zumindest fraglich. Aber bitte, der Versuch macht schlau und das bedarf sicher auch eine gewisse Zeit.

    Ja, eine solche Umdeutung ist noch nicht so viel wert, wenn sie nur intern, innerhalb der heidnischen Szene geschieht.
    Für den ganzen emanzipatorischen Effekt muss man es öffentlich machen, in den Medien präsent sein und den öffentlichen Diskurs beherrschen.

    Es ist dann natürlich die Frage, ob das nötig ist. Insgesamt werden Heiden im deutschsprachigen Raum ja kaum verfolgt oder diskriminiert - oder erfahrt ihr das anders?
    Das einzige, was mich ärgert, ist, dass meine Spiritualität oft nicht ernst genommen wird... das sei doch keine "echte" Religion, und würde ich das "wirklich" glauben?
    Aber ich fände es schon gut, wenn das Heidentum mehr in der Öffentlichkeit wahrgenommen würde, denn die Vorurteile können uns durchaus gefährlich werden: Dann, wenn man uns pauschal als Nazis abstempelt, und als Geisteskrank bezeichnet, oder denkt, wir würden im Keller heimlich schwarzmagische Rituale vollziehen und Menschen opfern...

    Agnosco wrote:

    Doch müsste dann nicht auch mit anderen abwertenden Bezeichnungen für die Gläubigen paganer Kulte genau so verfahren werden, etwa mit "Ungläubiger" oder "Götzendiener"?

    Nein, muss man nicht. Bei abwertenden Begriffen hat man beide Möglichkeiten: entweder den Begriff aufnehmen und umdeuten, oder ihn ächten. Zum Beispiel wurde der abwertende und durch die Kolonialzeit geprägten Begriff "Neger" ja recht erfolgreich abgelehnt und aus dem Sprachgebrauch der Allgemeinheit verbannt.
    Es wäre allerdings wichtig, dass sich die Heiden untereinander einig sind, welchen Weg man da jeweils gehen will (und da man bei 5 Heiden erfahrungsgemäß schnell mal auf 11 verschiedene Meinungen kommt, könnte das schwierig werden)
    Ich würde ja für mich die Bezeichnung "Ungläubige" ablehnen, da ich mich explizit als gläubigen Menschen definiere. Aber als "Götzendienerin" habe ich mich schon selbst bezeichnet, ein wenig als Provokation, und gefolgt von der Erklärung, dass eine Statue keine Gottheit ist, sondern ein Haus für eine Gottheit, ebenso wie eine Kirche ein Haus Gottes ist.

    liebe Grüße

    Ma'en
    Natürlich kann man jede abwertende Wortwahl übernehmen und umdeuten, oder auch dann und wann verwenden, um mit Satire und Sarkasmus dem Nutzer solcher Worte vor Augen zu führen, was er da so von sich gibt.

    Wie Ma'en das Wort "Ungläubiger" ablehnt, schwillt mir die Zornesader bei dem Gebrauch des Wortes "Götzendiener". Aber genau betrachtet sind beide Worte aus konfrontativen Gründen gewählt worden. Sie sollen abgrenzen, stigmatisieren, beleidigen, diffamieren und diskreditieren. Zugleich soll eine bestimmte Gruppe als die besseren Menschen dargestellt werden, denn Ungläubige sind ja die anderen und tatsächlich wird diesen mit dieser Bezeichnung eine aufrichtige Religiösität abgesprochen.

    Ich habe zu abwertenden Bezeichnungen eine klare Meinung. Da es mir nicht möglich ist, ständig Ausnahmen zu machen und diese dann noch zu erklären, ziehe ich eben eine Linie durch. Ich nutze für die Gläubigen anderer Religion keine abwertenden Bezeichnungen, also darf ich auch verlangen, mir gegenüber das ebenfalls zu unterlassen. Respekt und Toleranz wird von mir jedem gewährt, der sich auch so verhält.

    Ma wrote:

    Es wäre allerdings wichtig, dass sich die Heiden untereinander einig sind, welchen Weg man da jeweils gehen will (und da man bei 5 Heiden erfahrungsgemäß schnell mal auf 11 verschiedene Meinungen kommt, könnte das schwierig werden)


    Du sagst es und triffst mit dieser Aussage gleich doppelt ins Schwarze. All die klugen Leute in der paganen Szene sind nicht so klug, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Manche begreifen noch nicht einmal die Notwendigkeit. Ist schon ein trauriges Kapitel.
    Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

    Nick 01 wrote:

    Alvara, nur weil es Menschen gibt, die von der christlichen Religion o.ä. überzeugt sind und ihre Werte vertreten, sind sie doch nicht weniger vernünftig.


    Das magst du so sehen, das mag ich genauso sehen. Ich habe hier aber bin der Kultur berichtet in der ich aufgewachsen bin. Eine Kultur der Säkularisierung. Die Aufklärung und das Erstarken der Wissenschaft hat in meiner Region dazu geführt, dass der Glaube ans Übernatürliche und die Annahme der Existenz von supranaturalen Wesenheiten eben als rückständig, irrational, unvernünftig und kindisch galt.

    In meiner Kindheit war Wissenschaft das einzige woran man glauben konnte ohne für einen weltfremden Narren gehalten zu werden.

    Gläubige etablierter Religionen wurden akzeptiert. Man ging davon aus, dass sie das alles auch nicht wirklich glauben, sondern eher eine Tradition wahren oder eben geistig nicht stabil genug sind sie Wirklichkeit zu akzeptieren wie sie ist und daher Trost in Märchen. Zu suchen.

    Heide - im Sinne von nicht gläubig- zu sein war in meiner Kindheit die Norm und eher positiv belegt. Es bedeutete vernünftig, aufgeklärt und diesseitsorientiert zu sein. Eben "modern".

    Christen galten als traditionell aber eben doch noch einer magischen Weltsicht verhaftet.

    Eigentlich habe ich in meiner Kindheit gelernt, dass gläubige Menschen nicht verkehrt sein müssen, aber sie wurden eben doch belächelt oder bemitleidet... Bei den Alten ging das ja noch an. Die waren damit aufgewachsen und wer wollte ihnen auch en Trost des Glaubens nehmen?

    Aber ich mit meiner spirituellen Suche galt als junger Mensch in Familie und auf dem Schulhof schon als etwas merkwürdig.

    Im Religionsunterricht interessiert dabei zu sein war schon extrem uncool...

    Kurz: Atheismus galt in dieser Werl als vernünftig. Spiritualität aller Couleur bestenfalls als Schrulle und schlimmstenfalls als gefährlich....