DICHTERMET UND AWEN - GÖTTLICHE INSPIRATION

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      DICHTERMET UND AWEN - GÖTTLICHE INSPIRATION

      Wie seht ihr das?
      Mir scheint Odinns Inspiration besessener, wilder,
      dunkler, als jene Bragis. Auch dass er den Dichtermet sozusagen geraubt
      hat, unterstreicht diesen Aspekt. Künstler die sich ob ihrer
      Leidenschaft selbst zerstören, am Wahnsinn entlangschrammen und dabei
      Überirdisches schaffen: das ist für mich odinisch.

      Aber vergessen wir nicht, dass der künstlerische Ausdruck viele Seiten
      hat. Die Hindus und sogar die Griechen tun sich da leichter, die haben
      für jede Kunstform eigene Götter.

      Aber ein paar können wir , neben Odinn (Kunst die in die Tiefe der Gesellschaft dringt) und Bragi (Bardentum) auch im keltisch-germanischen Heidentum finden: Bleiben wir jetzt mal nur bei Sprache und Musik:

      Saga (für die großen Erzählungen, die die ewiggültigen Wahrheiten
      der Archetypen und der Märchen, und Sagen aber auch der
      Fantasyliteratur bis hin zum modernen Entwicklungsroman umschließt)

      Brigid mit der hellen aber tiefemotionalen Seite der Inspiration, ähnlich der Mondgöttin

      Aengus Og der für die jungen Lovesongs zuständig ist

      Belenos der wie Apoll der Superstar mit den Superhits ist

      und in gewisser Weise auch Njörd der als Herr der Meere und der Winde darüber (und der Patron der Fischegeborenen) schon ein sehr symphonischer Gott ist.

      And how about Cerridwen - Transformation von Erlebtem und
      Gefühltem in Kunst -- Und sind ihre drei Tropfen aus dem Kessel nicht
      ähnlich der drei Schluck des Odrörir?

      Für mich stehen sie auch für die drei Fundamente inspirativer Arbeit: Weisheit, Wildheit und Liebe : Daraus besteht das Awen.

      Fallen euch noch Beispiele ein?

      Ich hab mir mal ne Aufstellung gemacht über alle Kunstformen...Das sollt ich in einem neuen blog anlegen, wenn ich´s finde.

      Heil euch und stay inspired

      Euer

      Waldsänger - äh -Streicher


      Ein Kleinod, passend zum Thema der Inspiration und Bragis Zauber:

      Bin bei meinem isländisch Lernen über dieses alte, wahrhaft tränenschöne Lied gestolpert.
      Es ist ein sehr trauriger Text von einer Frau, die ihren Geliebten verloren hat.
      Die Dichterin, Rosa Gudmundsdottir (gest 1855) gehört zum Allgemeingut in Island und dieser Text stammt von ihr.

      Ich hab ihn durchgearbeitet beim Übersetzen und hab gemerkt, dass jedes Wort ein klanglicher Edelstein ist. Magisch und voller Kraft.
      Ich sing das Lied seit Tagen immer wieder Somit ist es das erste isländische Poem, das ich auswendig hersagen/singen kann.
      Kann euch den Text mit meiner Übersetzung gern nachreichen, wenns euch interessiert.
      (Ab 1:20 setzt das eigentliche Lied ein.)

      Viel Seelenlicht (und ein paar feuchte Augen vielleicht) beim Anhören
      Euer Streicher
      Meine Antwort in der Pagans Taverne



      Waldstreicher schrieb:

      Siehst du Bragi als eigenständige Gottheit oder als Erscheinungsform Odinns, der uns ja den Dichtermet gebracht hat?


      Ich sehe sowohl Odin als auch Bragi als Aspekte einer göttlichen
      Gesamtheit, die letztlich alles Vorstellbare und noch viel mehr umfasst.
      Mir ist bewusst, dass ich damit von dem üblichen polytheistischen
      Verständnis des Asatrú deutlich abweich, deshalb betachte ich mich auch
      als freifliegend.

      aber auch ohne dies würde ich Odin und Bragi unterschiedlich sehen. Odin
      ist der Typ des ewig wissbegierigen Universalgelehrten. Er hat sich
      nicht nur (mit fragwürdigen Methoden) den Dichtermet zugeeignet, er hat
      auch aus Mimirs Quelle getrunken und die Geheimnisse der Runen
      ergründet, dafür war er bereit, große Opfer zu bringen. Bragi ist
      dagegen Skalde durch und durch. Anders als Odin will er nicht auch noch
      alle anderen Geheimnisse der neun Welten ergründen. Mit den Versen, die
      er schmiedet, fügt er diesen Geheimnissen vielleicht sogar noch neue
      hinzu, ohne sie deshalb lüften zu müssen. Odin würde keine Ruhe geben,
      bis er alle Details herausgefunden hätte.

      Damit will ich es an dieser Stelle mal bwenden lassen, wir sitzen ja hier noch in der Taverne...


      OK, jetzt sitzen wir nicht mehr in der Taverne, deshalb möchte ich Folgendes ergänzen:

      Odins Ausdruck ist meiner Ansicht nach ganz frei von jeder Wertung - männlicher. Er ist mehr von den Elementen Luft und Feuer dominiert. Deshalb assoziiere ich ihn auch nicht mit herbstlichen Qualitäten (unser Ausgangspunkt waren ja die Götterfigunren auf dem Mabon-Altar).

      Bragi wird dagegen von den weiblichen Elementen Erde und Wasser dominiert. Seine Inspiration kommt von innen, er benötigt keinen Dichtermet um sich künstlerisch ausdrücken zu können. Und wenn er dadurch in seinem Ausdruck die vollkommene Perfektion Odins nicht erreicht, so ist es genau dieses Quantum an Unvollkommenheit, die seinen Ausdruck authentisch erscheinen lässt.

      Hier ende ich jetzt erst einmal wieder, denn du hast schon eine Antwort vorbereitet, Streicher.

      Vin sehr gespannt darauf...
      raginharti
      Das Gott ist eine Vielheit.
      Es umfasst alles, es verbindet alles und es vereint alles.

      raginharti wrote:

      Ich sehe sowohl Odin als auch Bragi als Aspekte einer göttlichen
      Gesamtheit, die letztlich alles Vorstellbare und noch viel mehr umfasst.
      Mir ist bewusst, dass ich damit von dem üblichen polytheistischen
      Verständnis des Asatrú deutlich abweich, deshalb betrachte ich mich auch
      als freifliegend.


      Heil und Segen, Raginharti

      Wieder ein Punkt, wo wir uns einig sind. So sehe ich das auch. Schlussendlich lässt sich alles auf die Urgottheiten zurückführen und die Grenzen sind überlappend und grade für uns Menschen nicht verstehbar. Im Odinskreis liegen für mich auch Balder und Hödur und natürlich Hermod. Sie sind eigenständig und doch wieder Erscheinungsformen des Odinischen.

      Was Bragi anlangt ist er mir als klarer Gott der Skaldischen Kunst natürlich nahe. Denn ein gutes Lied muss Assoziationen und Gefühle auslösen, zum Lachen und Weinen anregen, aber keine Analysen liefern.

      Ein Zeitlang war ich verunsichert, da ich an mehreren Stellen die Vermutung gelesen habe, Bragi wäre ein historischer Skalde gewesen, der später vergöttlicht wurde. Und da mir sowas wie Heiligenkult als christliches Spezifikum fremd ist, wusste ich nicht, ob die "Adresse stimmt". Doch mittlerweile sehe ich das entspannt. Dass der Gott der Dichtkunst des Gesanges und der Inspiration existiert liegt auf der Hand, seit der erste Steinzeitmensch seinen Liebeskummer in den Mond geheult hat.

      Wenn ich Bragi sage, dann meine ich diese Gottheit. Wie der keltische Taliesin oder Gwyddion ist er die Kraft die dahinter und darüber steht. Selbst wenn es tatsächlich einmal einen Skalden dieses Namens gegeben haben mag.

      (Wobei Apotheosen durchaus auch im klassischen Altertum ein Thema sind, und später weiter , unter veränderten Vorzeichen vom aufkommenden Christentum zur Diskreditierung der alten Götter verbreitet worden sind, indem irgendwelche Mönchlein schrieben, die Alten hätten sich ihre Götter aus begabten Verstorbenen gebastelt. was ja die Christen nie tun würden :S )

      Aber dort wollt ich gar nicht hin. Wie gesagt, ob ich ihn bei diesem oder einem anderen Namen nenne, er ist mein künstlerischer Vater ever since. Und dafür liebe und ehre ich ihn.


      raginharti wrote:

      Mit den Versen, die
      er schmiedet, fügt er diesen Geheimnissen vielleicht sogar noch neue
      hinzu, ohne sie deshalb lüften zu müssen. Odin würde keine Ruhe geben,
      bis er alle Details herausgefunden hätte.


      Ja, das ist eine gute Antwort.Kunst muss manchmal verkleiden und verschleiern um dem wahren Kern einer Sache näher zu kommen.
      Grade in der Skaldentradition ist das in wesentlicher Punkt, indem für alles mögliche Kenningar verwendet werden, sodass nur Eingeweihte durchblicken. Odin aber ist der Forschende, der Menschengeist, der die typisch menschlichen Eigenschaften trägt. Forschen, Krieg führen, Diplomatie und eben Kultur. Analyse und System. Aber auch Rausch und Extase.
      Da die Kunst generell eine göttliche Größe ist, kann man sie auch nicht auf eine Gottheit allein beziehen, sondern viele Götter sind wohl dafür zuständig.

      Immerhin , wer ist schöpferischer als sie?

      Werd hier mal bei Gelegenheit die Liste mit den verschiedenen Kunstformen und den (für mich dafür ) zuständigen Gottheiten reinstellen.

      Jedenfalls Danke für deine anregende Einbringung, Raginharti
      und bis demnächst
      Streicher