Das erste Ritual

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      Das erste Ritual

      Hallo zusammen,

      vielleicht schaut hier der eine oder andere vorbei, der einmal an einem "echten" Ritual teilnehmen möchte. Das wollte ich auch gern, und als bei einem Abend mit Freunden aus der Mittelalter-Szene zufällig das Thema Asartú aufkam, sprachen wir auch darüber. Und plötzlich waren da noch mehr Leute, die gern einmal einen Schritt weiter gehen wollten. Die naheliegende Lösung : Wir vereinbarten, in nächster Zeit selbst ein Ritual ein echtes Blót - abzuhalten und das taten wir dann auch

      Im Folgenden gebe ich den Ablauf des Blót und die von mir verwendeten Anrufungen und Worte so genau wieder, wie das aus der Erinnerung möglich ist. Ein paar einleitende Sätze verfollständigen das Bild.

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      Blót zum Schnitterfest (Lughnasadh, Lammas)

      Der Spätsommer geht über das Land und er zeigt, was er kann: Die Temperaturen steigen über 30° C, Mähdrescher und Traktorn sind unterwegs, das letzte Getreide einzubringen, Heu und Stroh werden zu Ballen gepresst.

      Am Wochenende nach dem Vollmond im August trifft sich unsere Blótgruppe. Für alle ist es das allererste Mal. Niemand von uns hat bisher je an einem Ritual teilgenommen, aber wir haben uns fest vorgenommen, in Zukunft die Jahreskreisfeste auf diese Weise zu begehen.

      Und heute soll der Anfang sein! Mich haben sie zum Ritualleiter bestimmt und ich bin vorbereitet. In den letzten Wochen haben wir den Ablauf besprochen, ich habe mich mit Literatur eingedeckt, das weltweite Netz ausgeschüttelt und mir aus dem, was herausfiel, Ideen und Teste zusammengesucht. Alle sind wir angespannt, Erwartungen hängen unausgesprochen in der Luft... Es soll ein würdiger Anfang werden, nicht zu lang und nicht zu kurz, soll Lust machen auf mehr, soll etwas Bleibendes hinterlassen...

      Wir betrachten den Ritualplatz: Er ist wundershön vorbereitet, an einem Bachlauf gelegen, über den sich die Zweige alter Bäume recken. in der Mitte steht eine Feuerschale, seitlich davon ein Altar. Auf diesem liegen neben Opfergaben auch persönliche Gegenstände, wie Schmuck und Götterfiguren u. a., die sich mit der spirituellen Energie des Rituals - dem "Heil", wie wir sagen - aufladen werden. Im Hintergrund stehen Götterbilder in einer Dekoration aus Zweigen und anderen Elementen, auch Runen sind zu sehen.

      Brennmaterial und Met stehen bereit. auf einer anderen Feuerstelle neben dem Ritualplatz köchelt das Abendessen. Die Lage im Bachtal lässt früh den Eindruck entstehen, dass die Sonne untergeht.Die Anspannung hat sich etwas gelöst, es ist der rechte Zeitpunkt, wir versammeln uns im Kreis um die noch kalte Feuerschale.

      Als ich die Arme hebe, um den Platz zu weihen, fühle ich mich plötzlich wie ferngesteuert, ich nehme es hin, "etwas" hat begonnen...

      1. Platzweihe

      Vom Altar aus wende ich mich nacheinander nach Norden, Osten, Säden und Westen und rufe die Wüchter und die Mächte der Elemente an:

      Nordhri und Mächte des Elements Wasser: Heiligt diesen Ort und haltet Wacht!

      "Austri und Mächte des Elements Luft: Heiligt diesen Ort und haltet Wacht!

      Sudhri und Mächte des Elements Feuer: Heiligt diesen Ort und haltet Wacht!

      Westri und Mächte des Elements Erde: Heiligt diesen Ort und haltet Wacht


      (Die Zurodnung der Elemente zu den Himmelsrichtungen entspricht eher meinem persönlichen Verstädnnis als dem Standard. Üblicher Weise sind Erde und Wasser vertauscht.)

      Danach noch in Richtung auf die Mitte des Platzes:

      Donar, weihe diesen Ort!


      2. Zünden des Rktualfeuers

      Nach den Worten

      Lasst die Flammen aufsteigen!


      zündet einer der Teilnehmer wie verabredet die vorbereitete Feuerschale.
      (Hier fehlt mir für das nächste Mal noch ein begleitender Programmpunkt, ein Chant, eine kurze Meditation oder so. Tipps werden gern entgegen genommen...)

      3. Anrufung und Einladung der Götter

      In Anrufungshaltung (Algiz-Rune) nach Norden gewandt:

      Heil euch Asen und Vanen!
      Heil den Nornen!
      Heil allem Leben!
      Heil unseren Ahnen!
      Unseren Sippen und Gefdährten
      und denen, die nach uns kommen
      Heil den Elfen der Quellen, der Bäume und der Berge,
      den Geistern von Wasser, Luft, Feuer und Erde!
      Heil den Geistern von Ort und Zeit!
      und Heil unserer Mutter Erde!


      Wir haben uns darauf verständigt, immer eine Göttin und einen Gott zu unseren Festen einzuladen, heute sollen es Sif und ThorDonar sein:

      Holde Sif mit dem goldenen Haar,
      die du die Früchte des Feldes reifen lässt!
      Mutter von Mut, Macht und Stärke!

      Mächtiger Thor, Donnerer, Sohn der Erde!
      Beschützer der Götter und Menschen!
      Spender fruchtbringenden Regens!

      Wir laden euch ein, seid unsere Gäste,
      besucht und zur Ehre unser heiliges Fest1


      4. Festrede

      (Die Festrede ist an die Teilnehmer gerichtet und soll allen noch einmal in Erinnerung rufen, worum es in dem jeweiligen Fest geht.)

      In dem Jahreskreis, der als Rad mit acht Speichen dargestellt wird, ist diese Zeit den Erntebegin geweiht. In alter Zeit begann genau jetzt die Getreideernte und damit die Erntarbeit überhaupt.
      Im Skaldskapamál der jüngeren Edda kommt das in Symbolen zum Ausdruck: Sifs goldenes Haar, das hinterlistig von Loki geschoren wird, symbolisiert die goldenen Ähren auf dem Feld, die in der Hochsommerhitze geschnitten werden. Doch T'hor zwingt Loki dazu, den Schaden wieder gut zu machen. Dieser wendet sich an die Söhne des Zwergen Ivaldi, die kunstfertige Schmiede sind. Sie schmieden für Sif neues goldenes Haar, dass sofort wieder anwächst. So sorgt Thor, der Freund der Menschen und Herr über das Wetter, dafür, dass aus den Kräften von Sonne und Erde neues Korn spießt, Jahr für Jahr.
      Auch wenn die meisten von uns heute keine Bauern mehr sind, ernten wir doch noch immer, was wir früher im Jahr gesäht haben. Jetut ist die Zeit, diese Ernte gewissenhaft und mit volem Einsatz einzubringen, bewertet wird später, wenn wir wieder in desem Kreis stehen. Bis dahin möge Sif uns Ernteheil gewähren und Thors Wohlwollen und Schutz möge uns begleiten!


      5. Weihen des Thorshammers

      (Bei Asatrú-Ritualen wird für Weihehandlungen gern ein Thorshammer verwendet, der zuvor in einem Ritual geweiht wird. Ähnlich dem Athame der Wicca dient er der Lenkung von Energien.)

      Ich gebe jetzt Runen vor, die von den Teilnehmern in einem Singsang intoniert werden, so dass ein schwebender Runenklang über dem Platz entsteht:

      ᚠ - Fehu

      Hammer der Lebenskraft, dein Schlag soll das Feuer des Lebens entfachen!


      ᚺ - Hagalaz

      Hammer des Heils, dein Schlag weihe Ende und Anfang!


      ᛏ - Tiwaz

      Hammer der Gerechtigkeit, dein Schlag bringe die göttliche Ordnung zurück!

      Thor, weihe diesen Hammer!


      6. Weihen des Trinkhorns

      (Für das nachfolgende Sumbel wird ein Trinkhorn gebraucht. Ich weihe es weil es so gut funktioniert hat - in gleicher Weise wie den Thorshammer.)

      ᚲ - Kenaz

      Möge der Trunk aus diesem Horn das Lich des Geistes erstrahlen lassen!


      ᛈ - Perthro

      Möge die Macht dieses Horns gleich dem Kessel der Fülle nie versiegen!


      ᛜ - Ingwaz

      Möge der Schluck aus diesem Horn den Gedanken Reinheit und Reife bringen!


      7. Sumbel

      (Das Sumbel ist ein ritueller Umtrunk, bei dem das Horn von einem Teilnehmer zum anderen Weitergereicht wird und jeder einen Trinkspruch ausbringt.)

      Meine Rolle als Ritualleiter beschränkt sich darauf, den Met zu weihen und die Runden anzusagen. Ich gebe den Inhalt der Trinksprüche hier nicht wieder.

      In der ersten Runde wird auf die Götter getrunken, in unserem Fall auf Balder, Frigga, Sif Thor und die Wanen. Dabei werden eigene Worte, selbst verfasste Gedichte und Edda-Zitate verwendet.
      In der zweiten Runde wird auf die Ahnen und auf Wesenheiten der niederen Mythologie getrunken. Die Beiträge der Teilnehmer sind durchweg sehr persönlich.
      In der dritten Runde wird kein inhaltlicher Bezug vorgegeben. Auch diese Runde ist sehr persönlich , u. a. beschenken sich Teilnehmer untereinander.

      Nach der letzten Runde ist ein ordentlicher Schluck Met im Horn verblieben. Mit den Worten

      Diesen Met weihe ich der Mutter Erde, mit Dank an ihre Gaben an uns.

      gieße ich den Met ins Gras...

      8. Blót

      (Das Blót, die Opferung, ist die wohl heiligste Handlung im Asatrú. Jedem Teilnehmer ist freigestellt, ob er opfern will oder nicht. Man kann Bitten oder Dank an einzelne oder alle Götter laut aussprechen, flüstern oder nur in Gedanken übermitteln.)

      Zu Beginn werden die persönlichen Opfergaben auf den Altar gelegt und von mir mit dem Thorshammer geweiht. Alle Teilnehmer haben kleine Opfergaben vorbereitet, die sie mit ihren Wünschen und ihrem Dank dem Feuer übergeben. Auch hier gebe ich den Inhalt des Gesagten nicht wieder.

      9. Abschluss

      Mit den Worten

      Das Hohe Lied ist gesungen, in den Hohen Hallen.
      Der Budn zwischen Midgard und Asgard ist erneuert!

      leite ich das Ende des Rituals ein.

      Anschließend verabschiede ich die anwesenden Gottheiten:

      Sif und Thor, ihr ward uns teure Gäste, wir danken für eure Gegenwart!


      Dann löse ich den Schutzkreis auf:

      Westr, und Mächte des Elementes Erde, wir danken für eure Wacht!

      Sudhri, und Mächte des Elementes Feuer, wir danken für eure Wacht!

      Austri, und Mächte des Elementes Luft, wir danken für eure Wacht!

      Nordhri, und Mächte des Elementes Wasser, wir danken für eure Wacht!



      Damit ist das Blót beendet, Dauer etwa 45 Minuten. Wir verlassen den Platz, die Blaue Stunde ist längst angebrochen, ich fühle mich unbeschreiblich!

      * * * * * * * * *

      Heute, mehr als zwei Wochen später, freue ich mich schon auf das nächste Mal, den Termin haben wir schon gefixt! Ich möchte ausdrücklich allen Mut machen, die gern das Gleiche tun würden: Traut euch einfach, es ist gar nicht so schwierig.

      Viele Grüße
      Raginharti
      Das Gott ist eine Vielheit.
      Es umfasst alles, es verbindet alles und es vereint alles.
      Heil Dir, Raginharti

      Danke für den schönen Bericht, man kann gut nachspüren, wie erhebend und erfüllend das Ganze für Euch gewesen sein muss.

      Segen und Gruß Dir und deiner Gruppe
      Streicher
      Neither country proverbs nor king's commands can keep me out of the woods today. (Lili, Legend)

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      Hallo Raginharti,

      das muss ein großartiges Ritual gewesen sein. Sehr erhebend und ganz bestimmt auch ein Genuß für die Götter.

      Ich hab zwar schon Rituale geschrieben und auch gehalten, aber ich war noch nie bei einem als Teilnehmer. Das ergbit sich für das Schamanentier das ich bin nicht wirklich. Die Rituale sind für andere, nicht für mich.

      Inzwischen habe ich Kontakte und könnte an einem druidischen Ritual teilnehmen. Aber irgendwas in mir sträubt sich noch. Vielleicht weil ich es gewohnt bin alleine mit den Geistern zu arbeiten. Vielleicht aber auch wenn man den Schamanen zum Ritual einläd kommt nicht nur der Schamane sondern gleich eine ganze Reihe an Verbündeten mit. Das kann schwierig werden alles auzubalancieren. Zum Schluß arbeite ich doch wieder und kann das Ritual nicht genießen. Aber zu lesen wie Du das Ritual leiten und gleichzeitig genießen konntest macht mir irgendwie Mut.

      Viele Grüße
      Wölfin
      Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

      Hamlet (I, 5)

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      Danke für die anerkennenden Worte, liebe Wölfin!

      Nun ja, so recht genießen konnte ich das Ritual eigentlich erst in der Rückschau. Den Beitrag hier habe ich aus mieinen Notizen zusammengestellt, die ich mir vor dem Ritual gemacht hatte und die ich danach mit den erlebten Details ergänzt habe. Erst dabei konnte ich meinen Empfindungen richtig nachspüren.

      Obwohl du viel mehr Erfahrung im Abhalten von Ritualen hast als ich, habe ich eine leise Ahnung, was die von der Teilnahme an den Ritualen Anderer abhält. Ich hätte großes Interesse daran, den gelebten kult anderer Gruppen und auch anderer heidnischer Traditionen zu erleben, aber ich wäre dabei nicht mehr so unbefangen und wahscheinlich viel zu analytisch.

      Aber, wir wissen ja: Für alles gibt es den richtigen Ort und die richtige Zeit. Wenn es soweit ist, wirst du es wissen!

      Viele Grüße
      Raginharti
      Das Gott ist eine Vielheit.
      Es umfasst alles, es verbindet alles und es vereint alles.