Heidnische Ausflüge - Ausflüge ins Heidnische

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      Heidnische Ausflüge - Ausflüge ins Heidnische

      DIE BLAUE FRAU

      Waren Anfang August ein paar Tage in Kärnten. Altes keltisches Land, gut verankert in meiner eigenen Biografie weil ich einerseits einen Teil meiner Familie dort hatte und viele Sommer als Kind in einem kleinen Ort am Fuße der Karawankenriesen verbracht und verabenteuert habe, andererseits weil ich viele Jahre später in Klagenfurt am Theater gespielt ( und gewohnt) und zwei größere musikalische Werke von mir dort auch dirigiert habe.

      Das ist lang her. Nun bin ich mit meiner Frau und unseren Mädchen über Lughnasad wieder in diesem südlichsten Bundesland Österreichs gewesen und hatte meine helle Freude nach so vielen Jahren wieder auf Burg Hochosterwitz zu sein, mit dem beeindruckenden Rundblick, den man sich über vierzehn Tore ergeht, den steilen Felsen hoch.

      Die Göttin meines Heimatlandes, die besonders in Kärnten an vielen Ecken auftaucht, heißt auch weiter nördlich in Niederösterreich, wo ich wohne, NOREIA. Sie ist zwar nicht sonderlich gut dokumentiert, - und das auch nur aus der Römerzeit als "Isis-Noreia" aber ich spüre sie als präsent und es ist stimmig sie bei ihrem alten, keltischen Namen zu nennen. Das sehr keltische Kärnten ist eines ihrer Kerngebiete und sie wurde nur zögerlich während der Mission von einer angeblich wundertätigen Nonne Namens Hemma als Landespatronin ersetzt.

      Es gibt in Kärnten viele alte Heiligtümer und adaptierte Opferplätze, mangels Zeit waren wir jedoch an keinem weiteren diesmal außer in Hochosterwitz, wo die Wehranlage des späten Mittelalters und der Renaissance nicht alle Spuren des Heiligen überdeckt hat.

      Neben ein paar netten Ausflügen hatte ich zwei Begegnungen, die aus meiner (heidnischen) Sicht inspiririerend waren.

      Die erste.
      Auf halber Höhe zur Burg werkt und wirkt auf dem Osterwitzer Berg vor einem einfachen Verkaufsstand und Zelt ein langbärtiger, mit einem verwitterten Hut bedeckter "Schrat", der in einem der Ecktürme sein Hab und Gut untergebracht hat. Er schnitzt und flicht und verkauft ganz einfache Holz und Ledererzeugnisse. Die handgemalten Hinweistafeln sprechen von "mittelalterlichem Handwerk". Er ritzt aber auch Runen und in seinem Türmchen stehen seltsame bunte Tinkturen und Ansätze, hängen Kräuterbündel von der Decke und stehen archaische Geräte umher. Ein paar meter weiter, im nächsten Eckturm, hat er einen "Frau Holle-Raum" eingerichtet, wo eine lebensgroße Frauengestalt zwischen allerlei magischen Dingen sitzt.
      Gegenüber liegt ein Kräutergarten. Mit Färberwau und Heilpflanzen, unmrahmt von einem einfachen Weidenflechtzaun.

      Anders als die belustigt oder irritiert an ihm vorbeiziehenden Wanderer wollte ich mit ihm sprechen. Ihn auf die Runen, den Garten die Frau Holle anreden. Doch er wandte sich ab nach meinem Gruß. Scheinbar uninteressiert an dem verständnislosen Haufen von Ausflüglern ging er weiter seiner Arbeit nach, den Blick in eine innere Ferne gerichtet, aus der ich ihn dann auch nicht aufstören wollte.

      Und doch. Ich hab mich selbst dort gesehen. Auf dem Berg. (Noch weiter weg von der Welt als er) Verbunden mit dem heiligen Land der Göttin, aus der Zeit gefallen - Kräuter mischend für die, die zu ihm kommen, Heilrunen schneidend - das könnte ich sein. Nie mehr vom Lande, auf dem ich lebe, in die Stadt müssen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten. Und mit meiner Familie in einer einfachen Hütte - weit weg vom Getriebe der Welt.
      Vielleicht hätte ich ihm das sagen wollen.

      Doch möglicherweise besser, nicht mit ihm gesprochen zu haben, denn dann wäre dieses Bild meiner idealisierten Vorstellung seines Lebens zerplatzt. Vielleicht.

      Die Zweite.
      Ich habe Noreia ausdrücklich begrüßt und über die Tage auch intensiv an sie gedacht. Das Alte schwingt stark in diesem Land und ich hatte auch das Gefühl ihrer ständigen Präsenz.

      Unweit unseres Quartieres war ich für das Frühstück eines Morgens ein paar Sachen holen und vor mir an der Kasse fiel mir eine Frau auf, die ich davor nicht bemerkt hatte. Sie war klein, zierlich und mit einem dunkelblauen, grobwollenen, fast bodenlangen Kleid angetan. Ich sah sie zunächst nur von hinten, doch das war schon stimmig genug. Sie hatte langes, zu einem Schweif gebundenes leuchtendweißes Haar, das in seltsamen Widerspruch zu ihrer schlanken und beinah jugendlichen Gestalt stand.

      Ich musste 250 Meter zu unserem Quartier zurückgehen und dabei einen Bahnschranken passieren. Eben noch hatte es geregnet, die Luft war frisch und würzig. Als ich zu erwähntem Bahnschranken kam, fand ich ihn geschlossen, sodass ich warten musste.
      Und davor stand, ebenfalls wartend, schmal und mit leuchtend weißem Haar, die Frau aus dem Geschäft.

      Langsam näherte ich mich ihr und als ich ihre Höhe erreicht hatte, fiel meine Blick auf eine Burganlage in Sichtweite, dessen Namen ich bis dato nicht herausfinden hatte können. Irgendetwas drängte mich, die blaue Frau anzusprechen, so sah ich zur Seite und fasste mir ein Herz: "Verzeihen Sie, darf ich Sie etwas fragen?"
      Nun erst dreht sie den Kopf zu mir und blickte mich an. Sie war, obwohl in die Jahre gekommen von glatter Haut. Ihr längliches Gesicht mit ebensolcher Nase war auf eine seltsame Art schön, obwohl es keinem gängigen Schönheitsideal entsprach. Es wurde von zwei tiefschwarzen Augen dominiert und ein freundllches, ja fast liebevolles Lächeln umspielte ihren Mund. Es kam mir zwar banal vor, aber ich fragte nach dem Namen der Burg.

      Sie lächelte weiter ihr wissendes, persönliches Lächeln und fragte mit leiser Stimme: "Sagen Sie, Wollen sie mit mir ins Gespräch kommen?" Ich hatte plötzlich den Drang zu bejahen, ihr Fragen über das Leben und das Universum zu stellen, da pfiff mich meine Programmierung zurück. Das hier war keine Anmache. "Nein,--" ich grinste verlegen, "wir kommen aus Niederösterreich und kennen uns hier nicht gut aus, und ich frag mich schon seit Tagen, was das dort oben für ein Gebäude ist." Sie sah mich an wie ein Mutter, deren kleiner Sohn soeben ein Gedicht für sie aufgesagt hatte, dann erklärte sie in ein paar Sätzen, was für ein Bauwerk dort auf dem Hügel stand und empfahl mir, hinzufahren, es sei ein Platz mit interressanten Skulpturen.

      Erst hier ging der Schranken auf.
      Ich bedankte und verabschiedete mich, dann beschleunigte ich den Schritt, um- soziokonform - nicht weiter lästig zu fallen.

      Als ich mich nach einigen Metern nochmal umdrehte, war die blau Frau - so erfunden das jetzt auch klingen mag, verschwunden.

      Vielelicht sei noch angmerkt, dass auch meine Frau von dieser Burganlage gelesen hatte und so ergab sich die Idee, hinzufahren. Allein die Wege führten alle ins Nichts, eine Umleitung die mitten in einer Kuhweide endete, ließ uns dann unverrichteter Dinge umkehren.

      Die blaue Frau sah ich nicht wieder.
      Neither country proverbs nor king's commands can keep me out of the woods today. (Lili, Legend)
      Hier noch ein paar Impressionen von Hochosterwitz (passend zum Ausflugsbericht)
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      Hallo lieber Streicher,

      vielen Dank für die schönen Bilder und die tolle Erzählung.

      Die Göttin............. wie schön. Ich frage mich was geschehen wäre hättest Du Deiner Programmierung nicht gehorcht. Aber manchmal geht's auch einfach nur darum sich zu zeigen damit zu sagen: "Ich bin da und ich höre dich. Ich bin in jedem Baum, jedem Strauch, jedem Busch und jeden Grashalm. Du findest mich im Gesang der Vögel und im Whispern der Blätter im Wind. Und ab und an .... da bin ich auch in einer Gestalt unterwegs die dir bekannt vorkommt."

      Danke für's Teilen dieses wundervollen Erlebnisses.

      Viele Grüße
      Wölfin
      Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

      Hamlet (I, 5)