Das Kreuz im Wald

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      Hallo Waldstreicher,

      für mich ist deine Frage sehr schwierig zu beantworten. Das Christentum ist für mich ein rotes Tuch. Ich habe sehr Schlimmes erlitten unter dem Zeichen des Kreuzes und bis heute werde ich regelmäßig vom fundamentalistisch-christlichen Teil meiner Familie missioniert und für meine spirituelle Weltsicht verachtet. Ich brauche all meine Toleranz und Geduld um mir immer wieder klar zu machen das ich nicht zu richten oder zu bewerten habe. Jedes Lebewesen geht den Pfad, den sich seine Seele ausgesucht hat.

      Einen solchen Kreuzweg in "meinem" Wald zu finden hätte wahrscheinlich zu einem mittleren Wutanfall geführt. Aber ich weiß auch was die Geister gesagt hätten wenn ich mich wieder selbst eingefangen hätte. Sie würden sagen:

      Wann immer ein Mensch einen Wald betritt betritt er unsere heiligen Stätten. Sie haben Kathedrahlen, wir die mächtigen Bäume mit ihren ausladenden Kronen. Wir sind uralt und doch täglich neu und irgendwann kommen sie alle zu uns. Dann bringen sie ihre Götter mit, errichten ihre heiligen Stätten auf unserem Boden und wenn sie beten dann sind wir es, die ihnen Kraft und Stärke geben, Hilfe uns Schutz. 'Sie mögen es nicht wissen aber sie spüren es tief in ihrem Inneren: Wir sind alle eins.

      Auf Grund meiner Geschichte ist's für mich schwer zu beurteilen ob die Schriftreligionen sich jetzt wieder zurückentwickeltn. Es kommt mir zumindest so vor das sie jetzt wieder härter zuschlagen. Auch scheint's mir das man als Heide nun öfters herausgefordert wird und es nicht immer reicht mit Toleranz zu antworten. Es geht härter zu und man muss deutlich Stellung beziehen. Meine spirituelle Weltsicht, mein Glaube, mein Weg, basta! Ende der Diskussion.

      Vieles vermischt sich. Da gehen die fundamentalen Christen mit den Rechten, den Aluhut-Trägern und Verschwörungstheoretikern, Klimaleugnern, usw. auf die Straße und alle haben mehr gemeinsam als sie glauben. Wenn man sich dann noch das allgemeine Corona-Chaos ansieht dann reichts einfach nicht mehr Licht und Liebe zu verströmen und zu lächeln. Es ruft dazu auf Stellung zu beziehen, vorzuleben was man für gut und richtig hält und bei aller Toleranz auch mal darauf hinzuweisen dass alles im Leben Konsequenzen hat und jeder für sein Tun verantwortlich ist. Das auf eine Gottheit abzuwälzen ist kein erwachsenes Verhalten. (Ok, ich glaube jetzt komm ich off topic. Aber wie gesagt: Ganz heißes Eisen das Thema und ich.)

      Liebe Grüße
      Wölfin
      Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

      Hamlet (I, 5)
      Liebe Sternenwölfin

      Freut mich, dass jemand auch meinen ersten Impuls teilt und versteht.
      Es geht ja nicht darum, intolerant oder gar missionierend wirken zu wollen, im Gegenteil. Friedlich ihre Religion ausübende Andersgläubige zu respektieren und sich auch mit ihnen auszutauschen, ist absolut lobens- und wünschenswert.
      Doch muss man auch Stellung beziehen können. (Sonst gibt es keinen Austausch)
      Denn am Ende des Tages ist man entweder Heide, oder kein Heide.
      Die Grenzlinie, jenseits derer sich die Weltanschauungen zu widersprechen beginnen, verläuft zwischen den Schrift- und den Naturreligionen.
      Auch wenn es tausend Ausprägungen des Heidentums gibt, innerhalb des eigenen Bereiches kann man recht leicht Konglomerate bilden und Überlappungen machen wenig aus.
      Über die Trennlinie hinweg geht das meines Erachtens kaum.
      Ich kann nicht Jesus Christus als weiteren Gott in mein keltisches Pantheon einbauen, oder Magie mithilfe des heiligen Ignatius wirken. Sorry, das widerspricht sich selbst.
      Freilich gibt es Heiden , die ursprünglich mal (oft auch mangels besserer Alternativen) Christen waren und sich eigentlich ganz wohl dort gefühlt haben, bis sie eines Tages gemerkt haben, dass ihnen etwas fehlt.
      Die haben es leichter mit dem Blick hinüber, als unsereiner, die mit dem römischen Glauben nie was anfangen konnten.

      Nach dem, was du schreibst, bist du der lebende Beweis dafür, dass grobe Intoleranz auf der anderen Seite immer noch besteht und gelebt wird. Mission, Inquisition und Exorzismus sind garnicht so historisch, wir oft gern angenommen.

      Daher als: Ja zum Dialog und Ja zur gegenseitigen Achtung, aber Nein zu Wischi Waschi-haltungen und Halbheiten. Man muss als rezenter Heide seinen Standpunkt auch selbstbewusst und frei vertreten können und dazu gehört auch, dass man gegen oder für etwas einsteht.

      Jetzt hätte ich fast "Amen" geschrieben ;)

      Bis bald
      Streicher
      Neither country proverbs nor king's commands can keep me out of the woods today. (Lili, Legend)
      Hallo Wölfin, hallo Streicher,

      jetzt will ich mal win bisschen Widerspruch üben, ich hoffe, es kommt bei euch richtig an. Ich suche nicht den Knflikt, sondern den Austausch!

      Sternenwoelfin wrote:

      Ich habe sehr Schlimmes erlitten unter dem Zeichen des Kreuzes und bis heute werde ich regelmäßig vom fundamentalistisch-christlichen Teil meiner Familie missioniert und für meine spirituelle Weltsicht verachtet.


      Es ist immer wieder bitter, vom Treiben religiöser Eiferer oder anderer Fanatiker zu hören oder zu lesen. Ich muss an dieser Stelle auf meinen obigen Beitrag Bezug nehmen: Wer körperliche, verbale oder anders geartete seelischen Gewalt ausübt um jemanden "auf Linie" zu bringen, handelt nicht religiös, sondern politisch. Prügelnde, hetzende und mobbende Christen wollen nicht das Heil ihres Opfers, sondern die Macht über es. Sie haben die Kernaussagen der von ihnen vorgeblich vertretenen Religion nicht verinnerlicht. Wenn man nach ihren Beweggründen fragt, kommen schnell Aussagen wie "Wir werden sonst von denen überrannt!" Mit Religion hat das nichts mehr zu tun, deshalb habe ich sie im Verdacht, Religion nur als Vehikel für in Wahrheit politische Ideen zu benutzen.

      Wenn das innerhalb der eigenen Familie geschieht, ist es in meinen Augen doppelt schlimm!


      Waldstreicher wrote:

      Ich kann nicht Jesus Christus als weiteren Gott in mein keltisches Pantheon einbauen, oder Magie mithilfe des heiligen Ignatius wirken. Sorry, das widerspricht sich selbst.


      Das mag für dich plausibel sein, aber historisch ist es ander belegt. Die spätantike hellenistische Kultur hat jüdisch-christliche Ideen tatsächlich in der Form aufgegriffen, dass Jesus von Nazareth als weiterer Gott im ihrem Pantheon aufgefasst wurde. Diese sehr uneinheitlichen Strömungen werden heute als Gnostizismus bezeichnet und werden von der seit dem Konziel von Nicea (die in den Jahren 324/325 unter der Leitung von Kaiser Constantinstattfan - also wieder ein Politikker...) entstandenen Amtskirche entschieden abgelehnt. Magische Handlungen, bei denen Engel oder Heilige als Boten zwischen den Magiern und Gott bzw. den Göttern fungierten, waren diesen Bewegungen nicht fremd. Diese magische Tradition wurde als Theurgie bezeichnet. Sie ist die unmittelbare Fortentwicklung einer viel älteren magischenTradition des Hellenismus, bei der ein als Geos bezeichneter Magier in magischen Ritualen einen bestimmten mit ihm verbundfenen Gott zum Einsatz brachte, ähnlich wie ein Schamane seine Hilfegeister.

      Mit anderen Worten: Für sprituelle Christen, die es schaffen sich von dem Lehrmonopol ihrer obersten Glaubensbehörde und nichts anderes sind die Amtskirchen heute noch - zu lösen, ist theoretisch vieles möglich. Da birgt das vermeintlich Alte unter Umständen viel Neues...


      Wie würde ich mit dem Kreuz im Wald umgehen? Wenn das riesige Kreuz zu geschmacklos ist, vielleicht füren sich die einzelnen Stationen des Kreuzwegs ja harmonischer in die Landschaft. Dann nimm doch eine kleine geschnitzte Rune oder einen geflochtenen Ährenkranz, lege sie der Maria zu Füßen und bitte um den Segen der Göttin, sie wird dich verstehen!

      Ich bin da ganz bei @Alvara: Echte Spiritualität überschreitet mühelos kulturelle Grenzen und ist immer gleich viel wert.

      Viele Grüße
      Raginharti
      Das Gott ist eine Vielheit.
      Es umfasst alles, es verbindet alles und es vereint alles.
      Hallo Raginharti

      Also gleich vorweg: Natürlich verstehe ich deinen Beitrag nicht als Angriff. Es ist gut, hier zu diskutieren und das wollen wir hiemit auch tun. Allein die Tatsache, dass meine Frau Katholikin ist, zeigt ja, dass ohne täglich gelebte Toleranz, hier auf beiden Seiten nichts ginge. Wir haben einander zwar dann und wann "auf der Schaufel," aber es wird nie ernsthaft über Religion gestritten.

      Mein Zitat:

      Waldstreicher wrote:

      ch kann nicht Jesus Christus als weiteren Gott in mein keltisches Pantheon einbauen, oder Magie mithilfe des heiligen Ignatius wirken. Sorry, das widerspricht sich selbst.


      ...war genauso gemeint, wie ich es geschrieben habe. Allein für mich gültig. Denn ich habe, als vielleicht nicht einfach gestrickter, aber dennoch "standorttreuer" Heide mit meinen Göttern mein Auslangen. Dort fühle ich mich zuhause, dort schlägt mein Herz. Es ist ein geschlossenes Biotop, in dem genau die Luft herrscht, die ich zum Atmen brauche.

      raginharti wrote:

      Wer körperliche, verbale oder anders geartete seelischen Gewalt ausübt um jemanden "auf Linie" zu bringen, handelt nicht religiös, sondern politisch.


      Das ist mal keine Frage, dass du da recht hast. Natürlich darf man Religion nicht mit Machtsystemen verwechseln.

      raginharti wrote:

      Die spätantike hellenistische Kultur hat jüdisch-christliche Ideen tatsächlich in der Form aufgegriffen, dass Jesus von Nazareth als weiterer Gott im ihrem Pantheon aufgefasst wurde.


      Das ist mir bekannt, und auch, dass während der Zeit der späteren Europamission viele Stämme die "Götter" des neuen Glaubens neben ihre eigenen gestellt haben. Doch das waren andere Zeiten. Zeiten in denn das grundsätzlich expansionsfreundliche Heidentum noch angenommen hatte, es handele sich um eine Bereicherung innerhalb des Geisteslebens. Solange bis das Christentum politisch wurde und sich den Ausschließlichkeitsanspruch holte.

      Das rezente Christentum mit all seinen Bildern, Konnotationen, Assoziationen und Dogmen ist (aus meiner Sicht) absolut nicht mehr integrierbar in die heidnische Weltsicht. Vielleicht wäre es möglich, die unantastbaren Wahrheiten die auch in der Lehre Jesu stecken von all dem dogmatischen und kanonischen Müll zu befreien und dann für diejenigen, die es wollen, auch in andere, pagane Religionen hinüberzuholen. Warum nicht?
      Dazu müsste man dann aber wirklich ins Urchristentum gehen. Denn schon die frühen Christengemeinden hatten mit ihrem Selbstbild der wahrhaften, asketischen, weltabgewandten Besserwisser etwas Überhebliches. Die Urbotschaft hingegen ist zweifellos respektwürdig und frei zugänglich, auch ohne dass man konvertieren muss. Und wenn es auf diese Art geschieht, dass man Jesus neben Wodan stellt, mag es für manche stimmig sein. Für mich ergibt das allerdings keinen Sinn, da mein Götterhimmel ausreichend bestückt ist und ich durch gutes Einvernehmen mit der Göttin auch keinen Mangel verspüre.

      Wer weiß, vielleicht sehe ich das in ein paar Jahren anders und werde Pfarrer. (Nein, Scherz beiseite...Haltungen können sich auch wandeln - nichts ist in Stein gemeißelt.)

      raginharti wrote:

      Mit anderen Worten: Für sprituelle Christen, die es schaffen sich von dem Lehrmonopol ihrer obersten Glaubensbehörde und nichts anderes sind die Amtskirchen heute noch - zu lösen, ist theoretisch vieles möglich. Da birgt das vermeintlich Alte unter Umständen viel Neues...


      Das wäre dann der umgekehrte Fall. Also Christ integriert heidnische Praktiken (Magie, Naturrituale, ..) in den Glaubensalltag. Das widerspräche natürlich sofort den Dogmen der institutionalisierten Version. Ich habe viele Gespräche mit katholischen Ordensleute geführt und egal ob sie stockvertrocknete Hardliner oder weltoffene Toleranzler waren, keiner hätte dem zugestimmt. Die Frage ist, ab wann ist man, auch außerhalb der päpstlichen Beobachtung noch Christ, und wann wird man zum Heiden? Wie vollzieht sich der Wandel? Wo ist die Grenze? Oder bleibt man beides nebeneinander? Alvara könnte dazu was sagen...sie hat den Wandel erlebt.

      Und schlussendlich:

      raginharti wrote:

      Dann nimm doch eine kleine geschnitzte Rune oder einen geflochtenen Ährenkranz, lege sie der Maria zu Füßen und bitte um den Segen der Göttin, sie wird dich verstehen!


      Das ist bis jetzt der Haupttenor der Antworten hier: Versöhnung, Friedensangebote, Integration. (Das ist das Sympathische an diesem Forum) Nur Sternenwölfin hat meinen ersten Impuls bis jetzt geteilt. Natürlich vertreten sie und ich- wenn ich das richtig verstanden habe, liebe Wölfin, am Ende ebenso die Haltung des Aussöhnung. Doch auch die kontroversielle, aufgrund derer wir zunächst mal eine Zeile lang zu kauen haben, wenn wir konfrontiert werden mit religiös verkleideter Selbstherrlchkeit. Bei Wikinger bin ich mir nicht ganz sicher, aber der redet meist nur das Nötigste, und auch das ist gut.
      Spannend jedenfalls, dass der Thread so langlebig ist, dafür , dass ich eigentlich nur einen Momentseindruck wiedergeben wollte.

      Interessant,welche Stellungnahmen noch dazu kommen.

      Frühsommerliche Grüße
      Euer Streicher
      Neither country proverbs nor king's commands can keep me out of the woods today. (Lili, Legend)
      Hallo ihr Lieben,

      ganz recht, Streicher, auch ich bin für Aussöhnung. Aber das muss von beiden Seiten gewünscht werden. Mit der Haltung religiös verkleideter Selbstherrlichkeit, die ein so großes Kreuz im Wald zeigt, wird's schwierig Aussöhnung zu finden.

      Es ist diese Haltung die einen Umgang mit z.B. den Christentum schwer macht. Diese Haltung gibt's schon lange. Die zeigt sich in all den Kirchen, Kapellen und Marteln die auf alten, heiligen Plätzen gebaut sind ebenso wie in diesem Kreuz in deinem Wald, Streicher. Da gibt's keinen Respekt vor anderern Menschen heiliger Stätten, kein Respekt vor den Wesensheiten des Ortes oder den Geistern der Region. Ohne gegenseitigen Respekt aber sehe ich keine Basis für Aussöhnung.

      Es gibt einen weiteren Aspekt im Thema Aussöhnung der noch viel weiter geht. Das ist die Aussöhnung der Menschenheit mit der Natur, mit allen Wesenheiten und Geistern hier auf unserem wundenschönem Planeten auf den hausen als gäbe es kein Morgen. Aber das ist ein anderes Thema.

      Liebe Grüße
      Wölfin
      Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

      Hamlet (I, 5)