Janus und Vesta im römischen Gebet

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

      Janus und Vesta im römischen Gebet

      Hallo!

      Ich habe eine Frage über die römische Religion. Ich habe gelesen, dass es Brauch war, römische Gebete mit Janus anzufangen und mit Vesta zu beenden. Nun ist meine Frage: Galt diese Regel bei allen Gebeten, egal an welche Gottheit (egal ob Lar Familiaris oder Iuppiter Optimus Maximus), oder nur bei Anrufungen mehrerer Götter?

      Vielen Dank!

      Artjom
      Hallo Artjom,

      Janus, als Hüter der Toren, Türen, Eingänge, als Gott der Anfänge und neuen Unternehmungen, wurde sowohl im öffentlichen Kult als auch in der Sacra Privata in Anrufungen / Gebete eingeschlossen, bzw. diese wurden mit seiner Anrufung eröffnet. Nach Orvid (Fasti I.173-4) sagt Janus, er solle stets als erstes angerufen werden, weil er es als Türhüter ermöglicht, jeden anderen Gott zu erreichen.

      Gleiches gilt für Vesta, die auch im privaten Bereich als Hüterin des Herdfeuers eine zentrale Rolle spielte. Sie wird im Ritual in der Sacra Privata, am heimischen Lararium, i.d.R. nicht figürlich verehrt, sondern durch die entzündete Flamme der Öllampe (oder Kerze) dargestellt. Da die Flamme in keinem Ritual fehlt, ist Vesta damit dabei.

      Gruß!
      Corvina
      Hallo Corvina,

      vielen Dank für deine schnelle und aufschlussreiche Antwort. Also auch wenn man zu den eigenen Laren, Penaten und Manen betete, oder an einem ländlichen Schrein zu den Nymphen und Ortsgeistern, schloss man Janus und Vesta im Gebet ein, weil Janus der "Türöffner" war und Vesta die "Kraft des Feuers"?

      Gruß,
      Artjom
      Mit Janus kann ich leider nicht helfen.

      Ich weiß aber von der Göttin Hestia, dass ihr das erste und das letzte Opfer bei einer Zeremonie zustand. Der Grund lag darin, dass sie die Erste war, die von Kronos verschlungen und als Letzte freigegeben wurde. So halte ich es mit den Opfern übrigens auch.

      Die Pythia in Delphi, verbrannte nach Betreten des Heiligtums einige Blätter vom heiligen Lorbeerbaum im Feuer der Hestia, bevor sie sich ihren seherischen Aufgaben widmete.

      Da Vesta die römische Entsprechung der Hestia ist, könnte man Rückschlüsse ziehen. Ich rate aber zur Vorsicht, da der Vestakult, nicht nur auf griechischen Wurzeln ruht, sondern seine Herkunft vor allem aus Italien hat. Die Gleichsetzung fand wohl erst später statt. Ähnlichkeiten sind dennoch erkennbar, denn die Konsuln opferten ihr zu Beginn der Dienstzeit und an deren Ende. Im Unterschied zu Griechenland, war der Vestakult in Rom Staatskult. Der Hestiakult ist nur an wenigen Orten nachweisbar und gehörte wohl vor allem in den privaten Haushalt.

      Da ich gerade unterwegs bin, kann ich auch in meinen Büchern im Moment nicht nachschlagen (Ob ich da etwas finde, weiß ich allerdings nicht.). Ich werde aber später mal versuchen mich schlau zu machen, denn die Frage finde ich schon sehr interessant.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.
      @Artjom, ja, auch im privaten Kult wurden (und werden) Janus und Vesta in Gebete und Anrufungen eingeschlossen. Beide sind (auch heute noch) fester Bestandteil bei Ritualen und Gebeten am heimischen Lararium.

      @Agnosco: ja, das stimmt - die Gleichsetzung der griechischen und römischen Vesta ist tatsächlich erst eine spätere republikanische Entwicklung. Die ursprüngliche, nicht anthropomorphe Vesta (die nur abstrahiert als Herdfeuer oder Flamme verkörpert wird), ist eine ur-italische Göttin und eine der ältesten Gottheiten (wie auch Janus, der gar keine griechische Entsprechung hat, der ebenfalls ein sehr alter, urrömischer Gott ist).

      Mit der Hellenisierung wurden die Götter menschlicher und auch die Darstellungsformen wurden bildlich und nahmen menschliche Züge an, so auch auch Vesta, die ab der späten Republik und durch die Kaiserzeit gerne als sitzende oder stehende, stets züchtig bekleidete oder sogar verhüllte Frau mit den Attributen Opferschale, Fackel, Zepter oder Schöpfkelle darstellt. Als Schutzpatronin der Bäcker findet man sie auch oft auf von Bäckern gestifteten Weihesteinen zusammen mit ihrem Kulttier, einem Esel (weil dieser zum Mahlen des Getreides eine wichtige Rolle spielte) und Getreideähren.

      Eine bewegte Lebensgeschichte, wie bei Hestia, die ja von ihrem Vater verschlungen wurde und eine Tochter des Kronos war, gibt es für Vesta nicht (wie häufig bei römischen Göttern, bei denen die Mythologie - anders als bei den Griechen - keine besondere Rolle spielte). Die Gleichsetzung von Vesta und Hestia, ist deshalb eher aus ihrer ähnlichen Funktion als keusche Hüterin der Flamme zu sehen, aber Vesta ist (anders als z.B. Apollo oder Merkur) keine reine von den Griechen übernommene Göttin, sondern eher eine Verschmelzung mit einer ohnehin existenten alten römischen Gottheit.

      Agnosco schrieb:

      Ich werde aber später mal versuchen mich schlau zu machen, denn die Frage finde ich schon sehr interessant.


      Das wäre nett, darauf freue ich mich schon :-).

      @Corvina: Wie, war Merkur/Mercurius nicht der Gott oder das Numen des (Getreide-)Handels?

      Darf man denn auch annehmen, dass Janus und Vesta, und überhaupt der Kult der Laren und Penaten auch in den römischen Provinzen Eingang fand?
      @Artjom, Merkur ist einer der komplexesten und vielseitigsten römischen Götter mit zahlreichen Zuständigkeiten, Attributen und Zuordnungen (die als Gottes des Handels ist sicher eine seiner prominentesten Funktionen), und es gibt auch zahlreiche Gleichsetzungen mit lokalen Gottheiten überall im römischen Reich.

      Was ich zum Ausdruck bringen wollte, ist nur, daß er kein eigener uralter, "urrömischer" Gott italischen Ursprungs ist (wie z.B. Janus), sondern unter griechischem Einfluß mit dem Gott Hermes gleichgesetzt wurde - und sich von dort aus stark weiterentwickelte und zahlreiche weitere Einflüsse und Zuständigkeiten in sich aufnahm, bis er zu einem der beliebtesten und weitverbreitetesten Götter des Römischen Reichs wurde.

      In den römischen Provinzen (also auch bei uns, im östlichen Gallien) wurde zwar der gallo-römische Cultus praktiziert, d.h. die hier praktizierte römische Religion hatte lokale Einflüsse und nahm auch lokale kultische Bräuche und Gottheiten in sich auf. Dennoch bewegte sie sich strikt im Rahmen der (sehr aufnahmefähigen) römischen Religion.

      Deshalb finden sich auch hier in unseren Breiten alle Aspekte des "römischen Mainstream", von der Verehrung der kapitolinischen Trias und Jupiter Optimus Maximus (gelegentlich lokal vermischt, z.B. als Jupiter Taranis und in Form der hier einzigartigen Jupiter-Gigantensäulen), über die anderen großen Götter wie Merkur, dem hier die keltische Kultgefährtin Rosmerta zur Seite gestellt wurde, Mars, der hier als Heilgott bzw. Beschützer der Gesundheit (als Lenus-Mars) oder als Schützer der Ernte und Felder (Mars-Intarabus) verehrt wurde, oder Apollo, der als Apollo-Grannus mit Kultgefährtin Sirona ebenfalls als Heil- und Quellgott auftauchte. Selbst "exotische" Gottheiten wie Isis und Serapis oder Mithras waren in unseren Breiten beliebt und wurden nach römischem Cultus verehrt. Janus und Vesta gehörten ebenso selbstverständlich zum Kult in unseren Breiten (bis hoch nach Britannien), wie alle anderen römischen Götter, auch wenn der lokale Bauer traditionell eher zu Lenus-Mars an die Mosel pilgerte, wenn er krank war, als zu Aesculapius im fernen Rom zu beten.

      Selbstverständlich wurde auch hier der Laren- und Penatenkult praktiziert; Kultecken- und Nischen in Gebäuden, Speisekammern, Herbergen und Vorratskellern in Landgütern sind gut überliefert. Dieser Kult war zentraler Bestandteil der Sacra Privata, nicht nur auf der italienischen Halbinsel, sondern überall, wo sich die römische Religion verbreitete.