Genetische Abstammung und die Geschichte Europas, im Licht der persönlichen Spiritualität

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      Artjom schrieb:

      Ich wollte nicht den Eindruck erwecken... ich wollte keinen verkehrten Eindruck erwecken.


      Hast du nicht, jedenfalls nicht bei mir. ^^

      Artjom schrieb:


      Ich habe nur eben diese Meinung, weil ich persönlich es sehr, sehr schwierig finde, Heide zu sein. Zumindest in Bezug auf die vorchristlichen Religionen Europas. Für die Stammes- oder Staatsreligionen fehlen Gemeinschaft und Tradition, für die Mysterienkulte fehlen Gemeinschaft und Mysterien.


      Ich glaube an den Punkt gelangen alle Neuheiden früher oder später. :|
      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus

      Artjom schrieb:

      Ich habe nur eben diese Meinung, weil ich persönlich es sehr, sehr schwierig finde, Heide zu sein. Zumindest in Bezug auf die vorchristlichen Religionen Europas. Für die Stammes- oder Staatsreligionen fehlen Gemeinschaft und Tradition, für die Mysterienkulte fehlen Gemeinschaft und Mysterien.

      Und zu sagen: ich glaube an die Götter, das reicht mir irgendwie nicht.


      Grundsätzlich zu diesem Punkt (die anderen Punkte lasse ich mal aussen vor):

      Ein Heidentum, welches anfängt, das Heidentum früherer Gesellschaften in Bräuchen und Sitten zu kopieren, kann nur ein billiger Abklatsch und ein Heidentum spielen sein.

      Heidentum ist wie jede religiöse Erscheinung immer ein Kind ihrer Zeit und greift die Bedürfnisse der Jetztzeit auf, welches sich vor allem in Sitten und Bräuchen widerspiegelt. Mit vielen heidnischen Bräuchen früherer Tage kann der Mensch im Heute nichts anfangen – es würde ihn in etlichen Punkten sogar verstören. Wenn man sich alleine den Umgang mit Tieren anschaut, die gerne in christlich-heidnischer Zeit bis in die 1930er Jahre als lebend eingemauerte Bauopfer oder lebend verbrannte Winteraustreiber endeten. Selbst eine Maus würde man sich heutzutage nicht mehr, wie es früher zu Petri Stuhl üblich war, an den Türpfosten nageln.

      Und spätestens mit dem aufkommenden Veganismus und dem Bewusstsein, dass übermäßige Tierhaltung ungesund für den Planeten ist, würde die in der Antike häufigen Stieropfer sehr fraglich werden lassen.

      Es ist daher lediglich von historischem Interesse, was die Ahnen denn alles so an Brauchtum veranstalteten. Für uns im Heute spielt das jedoch eine untergeordnete Rolle. Denn genauso, wie sich schon in alter Zeit Bräuche und Sitten veränderten und den jeweiligen Zeiten anpassten, muss das selbstverständlich auch für uns im Heute geschehen. Wir müssen UNSERE Bedürfnisse aufgreifen und unsere eigenen Traditionen entwickeln und pflegen, nicht alte kopieren.

      Entscheidend ist dabei, dass man eben das Verständnis und die Vorstellung des heidnischen als Grundlage nimmt. Die Vorstellung von Gottheiten, je nach Inspirationskultur Kreislaufgedanken statt Linearismus, Opfern statt beten, u.v.m.

      Selbst neuheidnische Erscheinungen wie eine „Göttin Ostara“, wo es ja schon eine wirkliche neuheidnische Tradition gibt – nämlich sich jedes Jahr darüber die Köpfe heisszureden, ist nicht „falsch“, auch wenn sie historisch nicht existent ist. Genauso sind nämlich in der Antike auch Gottheiten entstanden – aus einem Bedürfnis heraus. Heutzutage gibt es das Bedürfnis (anders als in rein landwirtschaftlichen Gesellschaften, die Frühling nicht kannten), eben diesen mit dem Frühlingserwachen, Licht und was weiß ich zu feiern. Und diesen Umstand zu vergöttlichen, und die Gottheit eben Ostara zu nennen.

      Das fällt sicher dem ein oder anderen schwer, zu akzeptieren. Dem muss man aber entgegenhalten, dass genau das eigentlich beste heidnische Tradition ist und nur dann „falsch“, wenn man daher geht und behauptet, es handelt sich um ein uuuuraltes heidnisch germanisches Fest, um seine eigene Tradition zu legitimieren. Das geht dann in den Bereich der Mystifizierung und demzufolge des groben Unfugs.

      Sprich also – um in deinem Heidentum heute sich wohl und zu Hause zu fühlen, kann nur so gelingen, indem du das machst, was die ollen Ahnen auch schon gemacht haben. Das Jetzt zu akzeptieren und sich dem zu stellen. Und den spirituellen Alltag mit deinen zeitgemäßen Traditionen, Sitten und Bräuchen zu füllen. Und das kann ganz schön spannend, vielseitig und ausfüllend sein, da brauchst du die Sitten und Bräuche der Goten oder Häduer nicht.

      Es ist ganz einfach, auch im Heute „Heide“ zu sein.

      Vailos schrieb:

      Mit vielen heidnischen Bräuchen früherer Tage kann der Mensch im Heute nichts anfangen – es würde ihn in etlichen Punkten sogar verstören. Wenn man sich alleine den Umgang mit Tieren anschaut, die gerne in christlich-heidnischer Zeit bis in die 1930er Jahre als lebend eingemauerte Bauopfer oder lebend verbrannte Winteraustreiber endeten.


      Ich würde da noch eine Ebene weiter gehen und so eine Opferpraxis nicht davon abhängig machen, ob die Menschen verstört (Menschen die kein Problem damit haben, Tiere zu ihrem blosen Genuss zu schlachten, aber ein Problem damit hätten, dass Tier zu schlachten, um ihre Wohnstätten sicher zu halten, sind meines Erachtens schon "gestört".), sondern davon, ob die Notwendigkeit eines Bauopfers noch besteht.
      Diese wurden gebracht, um die Entitäten, die bis dahin an dem Ort gesessen haben zu entschädigen, bzw. sie dazu zu gewinnen, das von Menschen gebaute Konstrukt (Deich, Haus, ect.) zu schützen. Sind diese Entitäten noch da, oder haben wir Menschen es inzwischen geschafft, die vom Bauort vertreiben? Wenn ja, braucht man auch kein Bauopfer zu bringen.

      Vailos schrieb:

      Sprich also – um in deinem Heidentum heute sich wohl und zu Hause zu fühlen, kann nur so gelingen, indem du das machst, was die ollen Ahnen auch schon gemacht haben. Das Jetzt zu akzeptieren und sich dem zu stellen. Und den spirituellen Alltag mit deinen zeitgemäßen Traditionen, Sitten und Bräuchen zu füllen. Und das kann ganz schön spannend, vielseitig und ausfüllend sein, da brauchst du die Sitten und Bräuche der Goten oder Häduer nicht.


      Aber du brauchst als Vertreter des keltischen Rekonstruktionismus doch die Sitten und Bräuche der Kelten, denn sonst wäre da ja nichts zu rekonstruieren, oder?
      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus
      Ein spannendes Thema.

      Ich denke nicht, dass die genetische Abstammung die Religion bestimmt. Das ist eine Sache des freien Willens, des Menschen.

      Genetisch ›reine‹ Menschen gibt es sowieso kaum noch. Vielleicht einige indigene Vöker, aber wo sonst?

      Im heutigen Tiunesien, lebten einst die Karthager, welche von den Phöniziern abstammten. Dann kamen die Römer aus Italien, und schließlich mit den Vandalen sogar ein germanisches Volk. Schließlich die Byzantiner, Araber, usw.

      Welcher Abstammung sind also die Tunesier?

      Wer das für sich genauer wissen möchte, kann einen Abstammungstest per DNA machen. Ich brauche das aber nicht, vor allem nicht, wegen meiner Spiritualität.

      Artjom schrieb:

      Und zu sagen: ich glaube an die Götter, das reicht mir irgendwie nicht.


      Da stimme ich Dir zu. Bei manchen Heiden habe ich den Eindruck, dass sie in eine bestimmte Richtung tendieren, aber eigentlich noch auf der Suche nach ihrer religiösen Heimat sind.

      Vailos schrieb:

      Ein Heidentum, welches anfängt, das Heidentum früherer Gesellschaften in Bräuchen und Sitten zu kopieren, kann nur ein billiger Abklatsch und ein Heidentum spielen sein.


      Da die meisten Bräuche, Gebete, Sitten, Riten, Zeremonien etc. nicht genau überliefert wurden, ist es unmöglich diese einfach nachzustellen. Selbst dort, wo es viele schriftliche Überlieferungen gibt, im Hellenismos und der Religio Romanum, ist eine vollständige Rekonstruktion nicht mehr möglich.

      Sicher ist es gut, wenn versucht wird, jenes Wissen zu retten und anzuwenden, das noch nicht verloren gegangen ist. Aber ansonsten denke ich, steht es den Gläubigen frei, ihre Religion nach ihrem Sinne und nach bestem Wissen und Gewissen, neu zu beleben.

      Es gab nie ›die eine richtige Art‹ die Religion zu praktizieren. Wie den auch? Ist Odin, etwa bei den Priestern erschienen und hat ihnen vorgeschrieben wie eine Zeremonie abzuhalten ist? Wahrscheinlicher ist, dass auch damals die Menschen ihre religiösen Bräuche selbst bestimmten, so wie sie glaubten, dass es den Göttern gefällt. Wieso sollte also ein Heide, der sich zum Glauben der Kelten bekennt, diese genau imitieren? Er kann dabei auch mit der Zeit gehen. Kann man ihm zum Vorwurf machen, dass er mit eigenen Inspirationen seinen Glauben neues Leben einhaucht? Es müssen ich nur einmal jene einig werden, die sich zu einer Religion bekennen. Auch früher gab es die grobe Linie, die alle beachteten, aber im Detail gab es auch (regionale) Unterschiede.

      Ein hervorragendes Beispiel dafür sind die Götter des Olymp, die in verschiedenster Funktion und Bedeutung verehrt wurden. Die Göttin Artemis wurde auf Delos viel anders verehrt, als in Ephesos. Einmal vor allem als Göttin der Jagd, aber auch als Artemis Ephesion, als Göttin der Fruchtbarkeit, als Geburtshelferin und Beschützerin der kleinen Kinder.

      Auch die Religion der Maya ist ein Beispiel, für den Wandel in der Zeit. Zum Missfallen der katholischen Kirche wird diese Religion immer noch praktiziert. Früher waren in dieser Religion Blutopfer von Menschen üblich, bis zu deren Tod. Heute wird dies nur noch symbolisch ausgeführt, mit kleinen Kultfiguren.

      Die Heiden unserer Breitengrade wollen doch heute auch keine Menschenopfer mehr vollziehen. Was also spricht gegen eine Neubelebung nach modernen Gesichtspunkten, in welche auch die alten Überlieferungen einfließen? Andere Religionen machen es vor, denn auch das Christentum hat sich in mancher Frage bereits gewandelt.
      Gnothi seauton ... und Du erkennst die Götter, und deinen Platz im Universum.

      Vailos schrieb:

      Heidentum ist wie jede religiöse Erscheinung immer ein Kind ihrer Zeit und greift die Bedürfnisse der Jetztzeit auf, welches sich vor allem in Sitten und Bräuchen widerspiegelt.


      Anders gesagt, die Teilnahme am Festkalender quasi?

      Ich habe im Zusammenhang mit alten heidnischen Kulten einmal gelesen, dass vieles, was uns profan erscheint wie ein Reigentanz z. B., für die Heiden durchaus etwas Religiöses sein konnte.

      Wenn ich das so lese, dann könnte man ja den CSD auch als eine Art Fruchtbarkeits-Prozession ansehen, da ja auch etwas Abstraktes, Personifiziertes da verehrt wird.

      Vailos schrieb:

      Denn genauso, wie sich schon in alter Zeit Bräuche und Sitten veränderten und den jeweiligen Zeiten anpassten, muss das selbstverständlich auch für uns im Heute geschehen.


      Sicherlich, sicherlich. Mir ging es auch nicht darum, dass alles genauso gemacht werden sollte, wie vor 1.000 oder vor 300-200 Jahren, als man dem Hausgeist (Volkskundlern zufolge) noch eine Schale mit Milch und Brot hingestellt hat. Aber ich finde das Beispiel von Agnosco über die Maya da ein sehr Schönes: Es werden eben keine echte Menschen mehr geopfert, nur noch symbolisch. Sogar bei den alten Römern wird das schon vermutet, dass da Strohpüppchen oder Wollknäuel in manchen Ritualen ältere Menschenopfer ersetzt haben sollten. Und Ähnliches wird ja auch von Gebildegebäck gesagt.



      Vailos schrieb:

      Wir müssen UNSERE Bedürfnisse aufgreifen und unsere eigenen Traditionen entwickeln und pflegen, nicht alte kopieren.


      Traditionen pflegen ist jedenfalls schon einmal ein gutes Stichwort. Ich wollte eigentlich auch nur wissen, ob es denn nur mir so geht, dass irgendwie bei den alten Heidentümern eben Tradition usw. eine größere Rolle als persönliche Überzeugung spielte?

      Vailos schrieb:

      Entscheidend ist dabei, dass man eben das Verständnis und die Vorstellung des heidnischen als Grundlage nimmt. Die Vorstellung von Gottheiten, je nach Inspirationskultur Kreislaufgedanken statt Linearismus, Opfern statt beten, u.v.m.


      Finde ich gut.

      Agnosco schrieb:

      Bei manchen Heiden habe ich den Eindruck, dass sie in eine bestimmte Richtung tendieren, aber eigentlich noch auf der Suche nach ihrer religiösen Heimat sind.


      Wem sagst Du das...

      Agnosco schrieb:

      Wieso sollte also ein Heide, der sich zum Glauben der Kelten bekennt, diese genau imitieren? Er kann dabei auch mit der Zeit gehen.


      Ich hätte jetzt spontan geantwortet, weil es im Glauben der Kelten vielleicht (genau wie bei Römern und Griechen/Athenern) genau darum geht: Dass die von den Vorfahren ererbten Rituale zu Ehren der Götter eben beachtet und gepflegt werden...

      Wobei ich nicht weiß, inwieweit Kelten eben auch diese Orthopraxie der Römer und Griechen kannten.

      Zumal es wahrscheinlich auch nicht einmal DIE Religion der Kelten gab, weil es DIE Kelten nicht gab, sondern es alles verschiedene Stämme waren, die alle ihren eigenen keltischen Dialekt sprachen und vielleicht gemeinsame Götter hatten, oder eben auch ganz eigene Götter...

      Ich weiß allerdings so gut wie gar nichts über Kelten, weil die hier bei uns (so weit ich weiß) nicht gesiedelt haben...

      Weil da sieht man ja im heutigen Heidentum auch Verschiedenes und wird gerade im germanischen und slawischen Raum gerne ein pangermanisches Pantheon bzw. ein panslawisches Pantheon präsentiert, bei denen dann jeweils nordgermanische und kontinentalgermanische bzw. westslawische und ostslawische Gottheiten zusammengenommen werden. Auf mich persönlich wirkt das alles andere, als die Pflege lokaler Bräuche... Auf mich wirkte das genauso befremdlich, wie angeblich eine sogenannte "Wüstenreligion"...

      Man weiß ja auch nicht einmal, inwieweit der 08/15-Heide die bekannten Götter des Pantheons nicht nur während der offiziellen Festlichkeiten verehrt hat und sich dann zu Hause eher an örtliche Geister oder an die eigenen Ahnen gewandt hat? Das macht es alles ein bisschen kompliziert.

      Artjom schrieb:

      Ich habe im Zusammenhang mit alten heidnischen Kulten einmal gelesen, dass vieles, was uns profan erscheint wie ein Reigentanz z. B., für die Heiden durchaus etwas Religiöses sein konnte.


      Wenn du mit "etwas Religiöses" meinst, dass sie sich dadurch erhofften, dass ihr Tun ein Einfluss auf was auch immer hatte und nicht nur dem eigenen Vergnügen diente, dann war dem sicher so. Da muss man ja nicht bis in die heidnische Zeit zurückgehen, die allgemeine Vorstellung gab es auch noch bis weit in die Neuzeit.

      Ich glaube das ist auch einer der Knackpunkt hier: Was erhofft der Neuheide von seiner Religion?

      Strebt er ein persönliches spirituelles Wachstum an? Dann sollte es ziemlich egal sein, wo die Weltsicht herkommt, von der er sich dabei Hilfe verspricht.

      Dient ihm die Religion als Selbstbestätigung und Selbstfindung, dann ist die Vorstellung, da einer in einer langen Kette von Ahnen zu sein, die auf dem selben Grund lebten, die selben Gene hatten, die selben Mächte anbeteten, die selben Kulte betrieben, wichtig.

      Die Durchschnittsgläubigen vor dem Christentum wollten mir ihrer Religon wohl eher folgendes: Überleben und gut leben, oder - wenns schon keine Hoffnung auf ein gutes Leben im Diesseits gab - dann wenigstens ein positives Nachleben.
      Ist eines von beiden heute ein Grund sich fürs Neuheidentum zu entscheiden? (Ich kenne niemanden, für den das so wäre.)

      Artjom schrieb:

      Ich wollte eigentlich auch nur wissen, ob es denn nur mir so geht, dass irgendwie bei den alten Heidentümern eben Tradition usw. eine größere Rolle als persönliche Überzeugung spielte?


      Ich denke, da wurde unterschieden. Du machst den allgemeinen Kult mit - was dich aber nicht davon abhielt, privat deine persönlichen Überzeugung auch in der Praxis zu pflegen. Vor den Monotheisten sah da wohl niemand ein Problem drin, solange dein Tun nicht die Gemeinschaft gefährdete (z.B. weil du dich an "dunkle Mächte" wandest oder sonst etwas tatst, was das Allgemeinwohl in Gefahr brachte.)

      Artjom schrieb:

      Ich hätte jetzt spontan geantwortet, weil es im Glauben der Kelten vielleicht (genau wie bei Römern und Griechen/Athenern) genau darum geht: Dass die von den Vorfahren ererbten Rituale zu Ehren der Götter eben beachtet und gepflegt werden...


      So wie du das formulierst, klingt das für mich wie Brauchtumspflege, was die da machten. "Wir tun das, weil man das hier nun mal so macht und schon immer gemacht hat!" :P Und das sie nicht etwa den Kult praktizierten, weil sie damit rechneten, dass das Tun oder Unterlassen irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte.

      Ich denke, die heidnischen Ethnien hatten kein Problem damit, mit der Tradition zu brechen, wenn ein neuer Kult oder neuer Gott ihnen mehr brachte/versprach als der vorige.(*) Sonst wäre es ja auch nie zu den vielen Synkretismen gekommen, die erfolgten, wenn mehrere Kulturen - in religiöser Hinsicht friedlich - aufeinander trafen. (Schönes Beispiel finde ich sind da die Römer, die in ihren festen Legionslagern natürlich immer einen Tempel für das Kapitolinische Trias hatten, in dem diesen und dem römischen Staat – personifiziert durch die vergöttlichten Kaiser – Ehrerbietung erwiesen wurde, ansonsten aber auch gerne weitere Tempel aufgenommen wurden, in denen die vor Ort zuständigen, also einheimischen Gottheiten angerufen wurden.)

      (*) Das Kultpersonal, das an Macht und Einfluss verlohren, und darum garantiert mit dem göttlichem Zorn drohte, wenn die Gläubigen abwanderten, mal außenvorgelassen. :D
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      Umo schrieb:

      Ich glaube das ist auch einer der Knackpunkt hier: Was erhofft der Neuheide von seiner Religion?


      Das ist eine sehr interessant Frage, die ich mir bisher nicht gestellt habe.
      Und wenn ich sie ehrlich beantworte, dann komme ich zu dem Schluss, dass ich nicht wirklich ein persönliches spirituelles Wachstum suche, weil ich ohnehin eine relativ nüchterne, manchmal geradezu allzu praktische Sicht auf die Dinge habe (genau wie mein Vater und seine Mutter/meine Großmutter - was ich bei diesen immer kritisiert habe, mache ich nun selbst...).

      Ich habe mich seit ich so ungefähr 11 oder 12 Jahre mit "Übernatürlichen" beschäftigt und auch mit alten und nicht so alten Kulturen. Und ich fand eben die Rituale und die Vorstellung, dass man durch Ausübung der richtigen Rituale Kontakt mit dieses "Unterirdischen" oder anderen ¨übernatürlichen" Wesen herstellen konnte, einfach nur faszinierend. Darüber hinaus fand ich einfach Rituale, wie die zum Beispiel auch im Aberglauben vorkommen (nicht unter eine Leiter hindurchgehen ein Ritual zu nennen, ist wohl schon etwas gewagt... das stammt sicherlich NICHT von den alten Wenden oder Prußen oder so ^^) großartig. Ja, das ist es eigentlich. Sie faszinieren mich und ich finde es irgendwie schön, mich daran zu halten. Nicht in erster Instanz, weil ich mir davon etwas erhoffe, obwohl ich gemerkt habe, dass wenn ich einmal damit angefangen habe, ich nicht mehr damit aufhören kann. Keine Ahnung, mir persönlich kommt es auch so vor, als sei unsere Welt durch den Konsumismus (und bei uns im Osten teilweise durch den Kommunismus) entritualisiert worden... was ja auch nicht stimmt: Beide, der Konsumismus und der Kommunismus haben/hatten ihre ganz eigenen Rituale und Prozessionen.

      Ich finde in Anbetracht dessen, was so noch an Brauchtum überliefert ist, es unhaltbar zu behaupten, (West-)Europa habe keine Kultur mehr. Vielleicht keine Leitkultur, aber lokal gibt es noch genug.

      Aber gut, das ist wirklich weit vom Spiritualität entfernt.



      Umo schrieb:

      So wie du das formulierst, klingt das für mich wie Brauchtumspflege, was die da machten. "Wir tun das, weil man das hier nun mal so macht und schon immer gemacht hat!" Und das sie nicht etwa den Kult praktizierten, weil sie damit rechneten, dass das Tun oder Unterlassen irgendwelche Konsequenzen gehabt hätte.


      Ja, das ist natürlich ein Unterschied. Brauchtumspflege macht man, weil es einen Spaß macht und vielleicht weil man sich für das kulturelle Erbe (nicht Erbgut, das war in einen meiner vorherigen Posts einfach ein Deutschfehler!) verantwortlich fühlt, aber sicherlich nicht, weil man echt noch daran glaubt, dass dadurch die nächste Ernte besser wird, das Vieh nicht erkrankt oder keiner ertrinkt.

      Umo schrieb:

      Ich denke, die heidnischen Ethnien hatten kein Problem damit, mit der Tradition zu brechen, wenn ein neuer Kult oder neuer Gott ihnen mehr brachte/versprach als der vorige.


      Ob sie mit der Tradition brechen würden, weiß ich nicht direkt. Zu einer Pro-Forma-Veranstaltung verkommen lassen, würde ich eher sagen. Gerade die Römer sind da interessant. Sie sind bekannt für ihren Synkretismus, den sie durch die Eroberung fremder Gebiete betrieben. Aber auch in der Stadt Rom selbst haben sich einige alte Kulte, die für die Römer aus der Kaiserzeit zum Beispiel schon sehr alt waren, überlebt und existierten mit anderen zusammen. Das fängt ja teilweise schon im Hauskult an, wo die Bedeutung von Penaten und Laren sich geradezu überschneidet, die Laren mal als Ortsgottheiten, dann wieder als Ahnengeister gedeutet werden (von den Römern selbst), wodurch sie sich auch mit den Manen berühren... Die dargestellte Schlange wird bald als Genius loci, bald als symbolische Potenz des Hausherren gedeutet... Ich denke, dass sich da auch vieles überschnitten hat und das man, aus Angst irgendeine Macht gegen sich aufzuhetzen, einfach alles behalten hat.

      Aber das ist natürlich nur eine von vielen heidnischen Städten. Andere Völker können durchaus mit alten Traditionen gebrochen haben.

      Artjom schrieb:

      Sie faszinieren mich und ich finde es irgendwie schön, mich daran zu halten.


      Dann verstehe ich nicht das Problem hier:

      Artjom schrieb:

      Für die Stammes- oder Staatsreligionen fehlen Gemeinschaft und Tradition, für die Mysterienkulte fehlen Gemeinschaft und Mysterien.


      Denn so wie ich dich verstanden haben, möchtest du doch (nur) persönliche Rituale entwickeln und praktizieren. Dafür brauchst du aber doch keine Gemeinschaft.
      (Oder habe ich dich da falsch verstanden, und du siehst das nicht als Problem für dich persönlich sondern nur die allgemeine Problematik des Neuheidentums?)

      Artjom schrieb:

      Zu einer Pro-Forma-Veranstaltung verkommen lassen, würde ich eher sagen.


      Eine Pro-Forma-Veranstaltung wäre es doch, wenn sie glauben würden, ihr Tun bewirke nichts.
      Eine Umdeutung oder neue Auslegung der Empfänger der Opfergaben heißt ja nicht zwangsweise, dass der Akt seine Bedeutung verloren hat.

      Als Pro-Forma-Akt würde ich eher das Abendmahl sehen bei den Orthodoxen, Römisch-Katholischen, Anglikanischen und Lutherischen einerseits, die von der Realpräsenz Gottes in der geweihten Hostie ausgehen und das Abendmahl als Sakrament sehen, im Gegensatz zu den Reformierten, Baptisten usw., für die die ganze Sache nur ein feierliches Sich-Erinnern ist, dem neben dem Erinnern allenfalls die Wirkung des Gruppenzusammenhalt-Stärkens zugesprochen wird.
      "Learn and learn, ask and ask, do not be ashamed." — Paracelsus

      Umo schrieb:

      Denn so wie ich dich verstanden haben, möchtest du doch (nur) persönliche Rituale entwickeln und praktizieren. Dafür brauchst du aber doch keine Gemeinschaft.
      (Oder habe ich dich da falsch verstanden, und du siehst das nicht als Problem für dich persönlich sondern nur die allgemeine Problematik des Neuheidentums?)


      Nein, Du hast mich nicht falsch verstanden. Nur das ich nicht unbedingt eigene Rituale entwickeln möchte, sondern gerne an älteren anknüpfen möchte. Quasi eine Tradition instand halten. Nicht unbedingt die der Wikinger oder Wenden, aber so lokales Brauchtum wäre ganz nett. Vailos hat oben die Bauopfer angesprochen. Natürlich würde es mir nicht im Traum einfallen, ein echtes Tier oder gar Kind irgendwo einzumauern, aber symbolisch zum Beispiel eine Figur aus Ton oder Teig. Und so gibt es ja auch noch andere Bräuche aus der Neuzeit. Inwiefern die nun als Heidnisch zu deuten sind, das ist dann wieder eine andere Frage...

      Meine "Kritik" oder eher Enttäuschung ob des Neuheidentums war, dass das anscheinend nur wenige Neuheiden zu begeistern scheint. Wenn es ihnen natürlich mehr darum geht, auf spiritueller Ebene zu wachsen, dann kann ich das natürlich verstehen und war das eben mein Denkfehler.

      Artjom schrieb:

      Nur das ich nicht unbedingt eigene Rituale entwickeln möchte, sondern gerne an älteren anknüpfen möchte.


      Das halte ich für nicht möglich, da wir einmal nicht wissen, was die Leute damals wirklich glaubten und dachten (da ja auch vieles com Christentum verfälscht ist), zweitens, weil wir unter anderen Bedingungen leben und drittens, weil

      Als Beispiel mit dem Bauopfer: Wir sind ja nicht mehr in der selben Situation wie z.B. die Germanen mit ihren Hallenhäusern, die die alle 50 Jahre an einem anderen Ort neu bauten, wenn das Holz des Ständerwerkes durchgefault war. Die konnten ein Orakel entscheiden lassen, an welcher Stelle, das neue Haus errichtet wurde, damit auch klar war, dass sie sich da nicht auf dem Ort eines Landgeistes breitmachten und den anpissten.
      Heute kann man seinen Baugrund nicht danach wählen, mal eben sein Pferd frei laufen zu lassen, und da wo du es am nächsten Morgen stehen siehst, da baust du dann dein Hause. Die wenigstens haben ein Pferd, könnten das frei am Rande der Stadt herumlaufen lassen dann Gelegenheit oder auch nur das Geld, da Baugrund zu kaufen, wo sie das Pferd am nächsten Tag grasend finden. Dummer weise müssen die meisten von uns doch in Mietwohnungen leben, und haben auf die Wahl des Bauplatzes und die Art des Hauses keinen Einfluss. (Ob da nun überhaupt ein Landgeist lebte oder sich ein hier noch verbliebener Hausgeist einzuziehen entschließt, rede ich gar nicht erst.)
      Alles was wir machen können, ist ein wenig "Feng Shui" zu adaptieren und unsere Wohnungen wenigstens ein wenig "spirituell" zu dekorieren.

      Artjom schrieb:

      Meine "Kritik" oder eher Enttäuschung ob des Neuheidentums war, dass das anscheinend nur wenige Neuheiden zu begeistern scheint.


      Absolut nicht! Nicht um sonst überschneidet sich die "Neuheidenszene" zum großen Teil mit Mittelaltermarktgängern, der LARP-Szene und anderen Gruppierungen die gerne "so tun als ob". Ich denke das Bedürfnis nach "Reenactment" - im wahrsten Sinne des Wortes - ist in der Heidenszene prozentual wesentlich höher als beim Rest der Bevölkerung.

      Da gibts z.B. ganze Threads mit Überlegungen, Fotos und Bauanleitungen für Winkel und Häuschen, die man Hausgeistern basteln kann, damit die sich im eigenen Haus einstellen oder wohlfühlen, um bei dem Thema "Hausgeist" zu bleiben.

      Ich habe nur den Eindruck dass viele in der Heidenszene nicht wahrhaben wollen, dass sie bei ihrem Ausleben des absolut nachvollziehbaren Bedürfnisses, den "Zauber zurück in die Welt" zu bringen, häufig eben nur so getan wird als ob. Es reicht ihnen meist nicht, und darum wird sich eingeredet, das da mehr passiert, mehr Sinn drinsteckt, usw.
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