Neues Selbstbewusstsein der Weiblichkeit? Unbewusstes Symbol gegen das Patriachale System?

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      Es ist so traurig wie bewundernswert, dass die kurdischen Frauen mit der Waffe in der Hand gegen den IS kämpfen (müssen). Und ich finde es absolut bestürzend, dass eine Frau in eine Situation kommen kann, in der sie sich lieber erschießt. (Es bringen sich übrigens auch nicht wenige Frauen um, die der IS-Gefangenschaft entkommen konnten oder freigekauft wurden, aber nicht mehr in ihr pariarchalisch geprägtes Leben zurückfinden/ausgestoßen sind.)
      Aber ich versteh nicht, warum der Hinweis jetzt unfair gegenüber "der Frauenrechtsdiskussion westlicher Prägung" sein soll. Was ist schlecht am Kampf gegen häusliche Gewalt oder für gerechte Bezahlung?
      Mich würde auch interessieren, ob diese kurdischen Kämpferinnen, die sich auf dem Schlachtfeld so viel Respekt verschaffen, diesen auch in zivile Strukturen tragen können. Vermutlich würde diese Frauen niemals wer schlagen, sexuell belästigen, zu einer Heirat oder Abtreibung zwingen oder es wagen ihnen eine Abtreibung zu verweigern, oder?
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.
      @Wetterleuchten

      Die YPG operiert in Syrien und im Irak gegen DAESH. Beide Länder sind nicht gerade für den Schutz der Frauenrechte bekannt, und auch nicht für eine liberale Abtreibungspolitik. Meines Wissens ist in beiden Ländern Abtreibung entweder extrem reglementiert (in etlichen islamischen Ländern ist das nicht mal bei Vergewaltigung erlaubt, da geht bestenfalls etwas wenn das Leben der Schwangeren in Gefahr ist wenn die Schwangerschaft nicht abgebrochen wird. ich habe es zwar jetzt nicht explizit für diese beiden Länder versucht raus zu finden, aber erst kürzlich einen entsprechenden Bericht aus Ägypten gelesen.) Oder sogar völlig verboten. Insofern würde ich annehmen dass auch diese Kämpferinnen eine Abtreibung wahrscheinlich mit Waffengewalt erzwingen müssten oder sich an Leute wenden müssten, die (womöglich unter hohen Risiken für die Schwangere wegen zweifelhafter Methoden und mieser medizinischer Ausstattung) sowas illegal anbieten. Ich unterstelle mal, dass da in vielen Fällen schon die Verfügbarkeit der Antibabypille ohne dafür selbst als Volljährige das Ok von Partner oder Vater zu brauchen, schon ein riesiger Schritt in Richtung weiblicher Selbstbestimmung wäre.

      Ich nehme nicht an, dass die Kämpferinnen in ihrem “Zivilleben“ (soweit das bei der derzeitigen Situation überhaupt existiert) so locker mit einem möglichen neuen Partner Kontakt haben können wie wir das hier in Europa gewohnt sind. Noch nicht mal für einen harmlosen gemeinsamen Kaffee oder Tee irgendwo in der Öffentlichkeit, geschweige denn in einer Situation die Intimitäten ermöglicht. Weder innerhalb der christlichen Minderheit der viele von ihnen angehören noch (oder besser erst recht nicht!)in der muslimischen Zuvilgesellschaft ihrer Heimatländer, in der sie durch ihre andere Religion und ihr Frausein doppelt zu einer Gruppe, die nicht alle MenschenRechte hat, gehören.

      Was mir in diesem Zusammenhang gerade auch einfällt: die inzwischen recht gut dokumentierte Tatsache, dass Frauen im und nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland, als für viele Aufgaben, die man damals traditionell als Männeraufgaben betrachtete, eben wegen Fronteinsatz nicht genug Männer vorhanden waren, Frauen heran gezogen wurden. Sowohl im öffentlichen Leben (Straßenbahnfahrerinnen, auch Sachbearbeiterinnen, Schichtleiterinnen in der Produktion,wasweißich) als auch im privaten (wenn der Mann im Krieg war, traf eben die Frau als Familienoberhaupt Entscheidungen) erlebten diese Frauen aber sehr häufig, dass sie von ihrem aus den Krieg zurück gekehrten Partner geradezu entmündigt wurden, oder dass ihnen im Beruf bei nächst bester Gelegenheit ihre Kompetenzen genommen wurden, wenn ein Mann dafür verfügbar war. Auch wenn der sich nicht wirklich mit der Aufgabe auskannte oder als Invalide mit massiven körperlichen (von seelischen wurde wohl weniger geredet, obwohl es die sicher auch gab) Einschränkungen zurück gekehrt war, die diesen Mann eigentlich bestenfalls als Stellvertreter oder Sachbearbeiter auf gleiche Hierarchie Ebene, aber sicher nicht als Vorgesetzten der Frau, die diesen Job unter Kriegsbedingungen oft mehrere Jahre sehr gut erledigt hatte, geeignet scheinen liess. Ich nehme also an, dass auch die YPG Frauen nur da respektiert und ernst genommen werden, wo es tatsächlich eine Kampfsituation gibt.

      Einen Nachklang solcher Dinge habe ich vor kurzer Zeit noch in meiner Nachbarschaft erlebt. Ein selbständiger Handwerker dessen Frau ihm Jahrzehnte das Büro geschmissen hatte, die privaten und geschäftlichen Bankkonten verwaltet hatte etc gab mit fast 70 sein Geschäft auf, und das erste was ihm angesichts seiner nun endlich verfügbaren Zeit einfiel, war anzufangen seiner Frau dass Haushaltsgeld vor-und nachzurechnen, und ihr zu erklären welcher Betrag seiner Meinung nach für den Wocheneinkauf angemessen sei. Sie war natürlich und zu Recht völlig empört, dass er plötzlich mit ihr umging, als hätte sie von Geld und vernünftigem Haushalten keine Ahnung, und sogar versucht hat, ihr in das rein zu reden, was er früher als Weiberkram abqualifiziert hat. Sie hat geschimpft, dass sie ihm wohl nur gut genug dafür gewesen sei solange er sein Handwerk für seine vordringliche Aufgabe hielt. Aber sie sei weder Lückenbüßer noch Fußabtreter.
      Das ist eben das überraschende, daß selbst interessierte Menschen im Westen nicht eigentlich wissen, daß es sich bei dem Rojava-Projekt der syrischen Kurden um ein sozialistisch-revolutionäres Projekt handelt, mit dem Endziel das gesamte Gesellschaftssystem des Mittleren Ostens zu verändern. Das bedroht direkt die patriarchalen Regime dieser Region und bildet für diese Regime die eigentliche Gefahr der Kurdenarmee. Getragen wird dieser Kampf politische durch die PYD „Partei der Demokratischen Union"

      Dabei kämpfen erstmals wertekonservative Rechte und sozialistische Linke im gleichen Schützengraben. Die "Westerners" oder "Cowboys" (rund 1800 aus allen Ländern rund um den Globus) beteiligen sich am Freiheitskampf eines heroischen Volkes, die Linke Internationale (2500 hauptsächlich aus Lateinamerika aber auch rund 80 Deutsche Kommunisten und Sozialisten) beteiligt sich am Kampf für die sozialistische Vision.

      In diesem Kampf geht es um viel mehr als um den Kampf gegen Isis oder die Selbstverwaltung kurdischer Siedlungsgebiete, es geht um die Zukunft des Mittleren Ostens, und dabei integral um die Befreiung der Frau. Wenn es ihnen gelingt, ihre Ideologie in den von ihnen besetzten arabischen Gebieten unter der Jugend zu verbreiten, kann das einen Lawine geben - und es beginnt zu wirken. Erdogan und die Saudis werden Hölle und Teufel in Bewegung setzen, um das zu verhindern - Ein Sieg der PYD hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Region

      Link zu einem Artikel darüber
      isku.blackblogs.org/1308/der-weg-zur-freiheit-ist-die-ypj/
      civaka-azad.org/die-frauen-der…fach-vom-himmel-gefallen/
      Du bekommst das "like", weil du den Fokus hier auf einen wichtigen, interessanten und durchaus hoffnungsvollen Aspekt in diesem unsäglichen Blutbad lenkst, nicht weil ich deine Euphorie teile. Würde ich gerne, fällt mir aber schwer.

      artjulain schrieb:

      Das ist eben das überraschende, daß selbst interessierte Menschen im Westen nicht eigentlich wissen, daß es sich bei dem Rojava-Projekt der syrischen Kurden um ein sozialistisch-revolutionäres Projekt handelt, mit dem Endziel das gesamte Gesellschaftssystem des Mittleren Ostens zu verändern. Das bedroht direkt die patriarchalen Regime dieser Region und bildet für diese Regime die eigentliche Gefahr der Kurdenarmee. Getragen wird dieser Kampf politische durch die PYD „Partei der Demokratischen Union"

      Das "Nichtwissen" potentiell Interessierter mag u.a. daran liegen, dass die ganze Geschichte eher "unübersichtlich" ist, weil Krieg ist und jeder dort sich die Hände blutig macht/machen muss, jede Seite begeht Kriegsverbrechen, jede Seite lässt Minderjährige kämpfen, jede Seite muss zivile Werte wie z, B. Bildung (die für einen emanzipierte Gesellschaft enorm wichtig ist) den "Erfordernissen des Krieges" unterordnen. Und weil die eigentliche Arbeit erst beginnen kann wenn Frieden ist. Aber gewiss hätte das Projekt Rojava Unterstützung durch demokratische Kräfte in Europa z.B. verdient. Schon alleine deshalb, weil "Europa" ja angeblich Fluchtursachen bekämpfen will.
      Ich bin vor geraumer Zeit mal über einen längeren Artikel zum Thema Rojava gestolpert. planet-franken-online.de/rojava/rojava.html Der zweite Teil ist der Bericht eines Professors, der ein Gastsemester an der Universität von Qamischli unterrichtete. Da wird dieser Zwiespalt den ich oben meinte, ein wenig sichtbar, da bekommt man eine Ahnung davon, welche enorme gesellschaftliche und politische Aufgabe in der Region zu bewältigen ist. Sicher kann man da aber auch sehen, dass es Menschen gibt, die bereit sind das zu leisten, wenn man sie lässt, keine Frage.

      Dabei kämpfen erstmals wertekonservative Rechte

      Solche wie Scheich "Ich habe nicht darum gebeten, die Macht mit einer Frau zu teilen. Sie haben mich überredet." Hadi? Wenn der mal nicht hintenrum sein eigenes Süppchen kocht und nur darauf wartet, bis er wieder die "normale patriarchalische Ordnung" herstellen kann.
      sozialistische Linke im gleichen Schützengraben. Die "Westerners" oder "Cowboys" (rund 1800 aus allen Ländern rund um den Globus) beteiligen sich am Freiheitskampf eines heroischen Volkes, die Linke Internationale (2500 hauptsächlich aus Lateinamerika aber auch rund 80 Deutsche Kommunisten und Sozialisten) beteiligt sich am Kampf für die sozialistische Vision.

      Das klingt ein wenig nach Spanien 1936. Und woran's damals gescheitert ist, dürfte bekannt sein. Mangelnde Unterstützung durch etablierte Demokratien meine ich auch hier zu sehen, aber immerhin ist eine stalinistische Säuberung nicht in Sicht, oder doch? Wie steht eigentlich Putin zu Rojava? Und wollen gewisse arabische Staaten dem IS genausowenig auf die Füße treten, wie damals die Europäer Hitler (und Franco)?


      In diesem Kampf geht es um viel mehr als um den Kampf gegen Isis oder die Selbstverwaltung kurdischer Siedlungsgebiete, es geht um die Zukunft des Mittleren Ostens, und dabei integral um die Befreiung der Frau. Wenn es ihnen gelingt, ihre Ideologie in den von ihnen besetzten arabischen Gebieten unter der Jugend zu verbreiten, kann das einen Lawine geben - und es beginnt zu wirken. Erdogan und die Saudis werden Hölle und Teufel in Bewegung setzen, um das zu verhindern - Ein Sieg der PYD hätte unabsehbare Folgen für die gesamte Region

      Denke ich auch. Nur sind Lawinen schwer kontrollierbar, ihr Eigenleben hat die unangenehme Eigenschaft alles zu überrollen, ungeachtet der Absichten und Ziele der Überrollten. Den Scherbenhaufen wegräumen und die Wunden heilen wird Generationen in Anspruch nehmen.
      Schatz fahr vorsichtig, hinter uns is Stau.