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Die Welt der Ägypter Wer waren Isis und Osiris? Wie ehrt man diese Götter heute? All diese und noch mehr Fragen sollen hier diskutiert werden.

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Alt 27.01.2007, 08:16   #1 (permalink)
Ägyptomanin
 
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Alter: 27
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Mythen und ihre Bedeutung

Hi ihr!

Ich dachte mir, wir können hier vielleicht noch einen Thread aufmachen zum Thema Mythologie.

Da stellt sich natürlich erstmal die Frage: Was sind Mythen?
So, wie ich persönlich das in einem ägyptischen Kontext interpretiere sind Mythen alle Texte in denen die Verhältnisse in der Welt mit Hilfe einer Geschichte erklärt werden. Geschichten, in denen das Handeln der Götter in einer Weise erzählt wird, die für Menschen nachvollziehbar ist.
Mythen geben Antworten auf unbeantwortbare Fragen, sie wollen unbegreifliches begreifbar machen.
Mythen sind nicht 'wahr' in einem wörtlichen Sinne, aber sie sind wahr in einem spirituellen Sinne.
Oder wie seht ihr das?

Nächster Punkt: welche Mythen gibt es?
Es kursieren im Internet die wildesten stories, die als ägyptische Mythologie verkauft werden, man sollte da nur solche ernst nehmen, die einen Quellentext angeben, finde ich.
In Wirklichkeit ist die Auswahl an längeren mythologischen Texten relativ begrenzt. Solche Mythen wurden in Ägypten selten als eigenständige Texte aufgeschrieben, meistens sind sie Teil von Ritualanweisungen oder Zaubersprüchen: Der Mythos wird zuerst als eine Art 'Präzedenzfall' wiedergegeben, dann folgt ein Spruch oder ein Ritual, die ihn für eine konkrete Situation magisch wirksam machen sollen.
Beispiel: Die Geschichte von Isis, die ihren Sohn Horus heilt ist eigentlich nur eine Einleitung für einen Spruch, mit dem ein Mensch geheilt werden soll.

Die ältesten mythologischen Texte sind wohl die Pyramidentexte, mit ihren 'Nachfolgern', den Sargtexten und den Totenbüchern - das sind Sammlungen von Zaubersprüchen, die den Toten im Jenseits helfen sollen, aber sie enthalten auch viele mythologische Begebenheiten und Anspielungen.
Die sog. Unterweltsbücher aus den Königsgräbern des Neuen Reiches erklären ausführlich den Sonnenlauf und die Verhältnisse in der Jenseitswelt.
Weitere Mythen stammen aus sog. 'magischen Papyri', in denen Zaubersprüche und Rituale aufgelistet waren.
Andere sind nur aus ganz einzelnen Quellen bekannt, wie etwa das "Denkmal memphitischer Theologie", der in Stein gemeißelte Schöpfungsmythos des Ptah, oder der lange und gut erhaltene Text über den Streit zwischen Horus und Seth (Der vielleicht eine Satire war oder das Regiebuch für ein Theaterstück).
Andere ägyptische Mythen sind aus griechischen oder römischen Quellen bekannt - berühmtestes Beispiel wohl Plutarchs 'De Iside et Osiride'. Bis zur Entzifferung der Hieroglyphen prägten allein diese Texte das Bild von der ägyptischen Mythologie.

So, das ist alles was mir grade zur Einführung so einfällt


liebe grüße

Ma'en
__________________
"Sei nicht eingebildet auf dein Wissen und verlasse dich nicht darauf, dass du ein Weiser seist,
sondern besprich dich mit dem Unwissenden so gut wie mit dem Weisen."
Ptahhotep
Ma'en ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.01.2007, 08:20   #2 (permalink)
Ägyptomanin
 
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Beiträge: 66
So, und hier ist auch gleich das erste konkrete Beispiel, der Mythos vom Sonnenauge, auf Englisch meist 'Destruction of Mankind' genannt.
Thoron und Solina, wenn eure ihre Beiträge dazu auch noch aus dem alten Forum rüberholt?

Okay, damit haben wir schon drei Versionen der Geschichte von Sachmet hier gepostet!
Ist auch keine Wunder, es ist meiner Meinung nach eine der coolsten Mythen altägyptens, und die Ägypter hatten von vielen Geschichten auch immer verschiedene Versionen nebeneinander.

Interessant finde ich da vor allem die möglichen Interpretationen und Konzepte, die sich aus so einer Geschichte ergeben.(ich halte mich da übrigens immer an den Text aus dem 'Buch von der Himmelskuh' welches in einigen Königsgräbern des neuen Reiches niedergeschrieben ist.)

Meine Auffassung der Sache ist ja so:
Am Anfang haben wir eine Art ursprüngliche, sehr statische Welt, in der Götter und Menschen noch gemeinsam auf der Erde lebten. Dann aber wurde Re alt: der Status quo ist nicht mehr zu halten. Konsequenz: es kommt zu Unruhen, einige Menschen planen einen Aufstand.
Was macht der Sonnengott? Klar, er beruft erstmal eine Ratsversammlung ein. (Ägyptische Götter besprechen Probleme grundsätzlich erst mal in einem Rat oder einer Gerichtsverhandlung. Die ältesten Bürokraten der Geschichte halt )
Dann kommt ein Dialog mit Nun. Nun wird als Vater des Re bezeichnet, man könnte also annehmen er sei der eigentlich höherrangige. Aber einmal spricht Nun den Re explizit an als "Mein Sohn Re, der älter ist als der, der ihn erschaffen hat".
Wie kann jemand älter sein als sein Vater?
Ich sehe das so: Nun ist der Urozean, die Ursuppe, die vor der Schöpfung schon da war, voller Potential aber ohne Form. Re dagegen ist der eigentliche Schöpfer, der Handelnde, der die Welt geformt hat. Das macht ihn zum größeren Gott und zum eigentlichen Vater der Götter.
Jedenfalls beschließt Re schließlich gegen die Menschen vorzugehen und schickt sein Auge aus, um sie zu strafen. Hathor.
Warum schickt er nicht Seth?
Weil es Seth noch nicht gibt. Re ist hier noch der irdische König, er fährt noch gar nicht in der Sonnenbarke herum. Seth ist noch gar nicht geboren. (Es kommen zwar Geb und Nut zur Ratsversammlung, aber deren Kinder werden nicht erwähnt!)
Warum gerade Hathor? Es gibt doch auch noch andere Göttinnen, die als 'Auge des Re' bezeichnet werden?
Weil laut diesem Text meine Mama Hathor die allercoolste ist - wörtlich: "Es gibt keine Auge, welches vor ihm ist, es soll herabkommen als Hathor"

Tja, dann kommt die eigentliche Sache mit Hathor und Sachmet. Ich zitiere:
"Es ging nun diese Göttin indem sie die Menschen tötete auf dem Land.
Da sagte die Majestät dieses Gottes (gemeint ist Re): 'Willkommen in Frieden, Hathor, die gehandelt hat für den, der handelte, als ich zu ihr gekommen bin.'
Da sagte diese Göttin:'So wahr du für mich lebst (eine Schwurformel), als ich machtvoll wahr unter den Menschen, da war es angenehm für mein Herz'
Da sagte die Majestät des Re:'Ich will machtvoll sein gegen sie als einer, der sie verringert'
So entstand Sachmet, ein Gemisch (wörtlich 'Maische') der Nacht, um durch ihr Blut zu waten von Herakleopolis aus."

Wie genau ist also Sachmet entstanden?
Zunächst hat ja Hathor ihre Aufgabe erfüllt und Re begrüßt sie bei ihrer Rückkehr mit "Komm in Frieden"
Dann aber erklärt Hathor, dass ihr das Töten Spass gemacht hat, und Re scheint dies zunächst zu bekräftigen.
Wurde Sachmet also durch die Absicht und den Ausspruch des Re geschaffen, als er sagte 'Ich will machtvoll sein gegen sie'?
Nach ägyptischer Vorstellung kann ein Gott Dinge erschaffen, in dem er ihnen in durch eine Handlung oder einen Ausspruch einen Namen gibt: Das hier verwendete Wort, das ich als 'machtvoll' wiedergebe, ist 'sechem', 'Sachmet' ist davon die substantivierte weibliche Form, übersetzt als 'Die Mächtige' oder'weibliche Macht'.
Ich denke, Re erschafft Sachmet in einem spontanen Moment der Freude über seinen Erfolg: Er bekräftigt die Macht des Sonnenauges und dadurch gerät sie außer Kontrolle. Das ist für mich das Wesen der Sachmet: die Personifikation göttlicher Kraft: Herrlich, schrecklich, leidenschaftlich und unaufhaltsam.
(eher OT: ich erkenne ja auch in der Tarot-Karte "die Kraft" immer die Sachmet wieder. Mag wohl auch an der Frau und dem Löwen auf der Karte liegen )

Nun aber folgt die Geschichte, wie Re Bier brauen lässt, um die Göttin zu besänftigen: Offensichtlich sieht er keinen anderen Weg, sie aufzuhalten, als durch List. Auf seinen Befehl hört Sachmet also nicht mehr, obwohl Re sich inzwischen umentschieden hat: "Wie schön sind sie(die Menschen)! Ich will die Menschen vor ihr beschützen."
Und das gelingt ihm auch:
"Es stand früh auf die Majestät des Re, noch in tiefer Nacht, um zu veranlassen, dass der Schlaftrunk ausgegossen werde. Da waren die Felder 3 Handbreit hoch überschwemmt durch die Macht der Majestät dieses Gottes.
Das Kommen dieser Göttin am Morgen: Sie fand diese Überflutung, da war ihr Gesicht schön dadurch.
Dann war sie beim trinken, indem es angenehm war für ihr Herz.
So kam sie, indem sie trunken war, und sie erkannte die Menschen nicht.
Dann sagte die Majestät des Re zu dieser Göttin: 'Willkommen in Frieden, Freundliche!'"

Das ursprüngliche Problem ist aber noch nicht gelöst: Re ist immer noch als und müde und kann die Erde nicht länger beherrschen.
Da setzt sich Re auf den Rücken der Nut, die als Himmelskuh beschrieben wird, und sie hebt ihn hoch, so dass er von da an fern ist von den Menschen.
Der Text erzählt in den weiteren Absätzen, wie Re zahlreiche Regelungen trifft und Dinge entstehen lässt: Er lässt die Jenseitswelt entstehen, er veranlasst, dass es Seuchen und Krieg gibt (diese Textstellen sind aber nicht so klar zu deuten, warum genau er das tut und wie das vor sich geht); er setzt Thoth als seinen Stellvertreter ein und es wird die Entsehung verschiedener mythologischer Gestalten und Orte erklärt.

Wie ist dieser Mythos nun insgesamt zu interpretieren?
Ich sehe ihn ja als eine Art zweite Schöpfung, mit Paralellen zu Sintflutgeschichten und der Sache mit dem Paradies:
Am Anfang ist die Schöpfung sehr schön und alle leben zusammen, aber die Welt ist auch statisch und unbeweglich. Und Re altert: Die Schöpfung in ihrem damaligen Zustand hat keine Fähigkeit zur Regeneration.
Und so kommt es denn zu Nachbesserungen: Die Menschen bestrafen für ihren Aufstand ändert nichts am Grundproblem. Re muss die menschliche und die göttliche Sphäre trennen, erst als er in der Sonnenbarke über den Himmel reist entsteht der Tag-Nacht Zyklus, und damit auch die tägliche Regeneration und Wiedergeburt der Sonne.
Jetzt erst entsteht die Welt, wie wir sie kennen: Nicht perfekt, die Menschen sind von den Göttern getrennt, sie machen auf der Welt weitgehend ihr eigenes Ding und haben mit einer Menge Schwierigkeiten zu kämpfen.
Aber diese nachgebesserte Schöpfung ist eben auch stabiler als der Urzustand, denn Re kann sich jetzt regenerieren, jeder Morgen ist eine Wiedergeburt. Aus einem statischen, von Verfall bedrohten Zustand wird ein zyklischer. (Dies spiegelt sich auch in den zwei ägyptischen Worten für 'Ewigkeit': Djet repräsentiert das ewig unwandelbar andauerne, Neheh den ewigen Zyklus von Werden und Vergehen, Tod und Geburt)

Was ich an diesem, und überhaupt an den meisten ägyptischen Mythen so mag, ist, dass die Dinge eben nicht perfekt sind. Die Götter sind mächtig und wollen gute und schöne Dinge schaffen, aber sie sind weder allmächtig noch unfehlbar: Sie machen Fehler, müssen sich beraten, ändern ihre Meinung, müssen nachbessern und Notlösungen finden.
Denn hej: so ist nun mal die Welt in der wir leben: Wunderschön, ein herrliches, genau austariertes System (man sehe sich Ökosysteme an, und die pure Schönheit in Natur und Kunst) - aber nicht perfekt. Es gibt Tod und Vergehen, es gibt Konflikt und Übel. Die Götter können den Tod und das Böse nicht einfach ausradieren, aber sie können die Schöpfung so einrichten, dass das Leben und die Ma'at eine echte Chance haben, bestehen zu bleiben.

Ich will in dem Zusammenhang nur noch mal auf den Thread Teestunde zur Schöpfung verweisen.
Ekletia, der könnte dich besonders interessieren, er gibt nämlich einen grundsätzlichen Einblick in das Wesen altägyptischer Theologie, und wie man sie in einem modernen Kontext verstehen kann.


liebe grüße

Ma'en
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Ptahhotep
Ma'en ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.01.2007, 11:42   #3 (permalink)
Mey
Wiccander
 
Benutzerbild von Mey
 
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Alter: 44
Beiträge: 143
[QUOTE=Ma'en;7651]
Mythen sind nicht 'wahr' in einem wörtlichen Sinne, aber sie sind wahr in einem spirituellen Sinne. Oder wie seht ihr das?

Das sehe ich ähnlich, jedoch m.E. entstand/entsteht ein Mythos durch ein Fünktchen Wahreit oder Begebenheiten. Die sollen Halt und Zuversicht geben, aber auch zur Vorsicht animieren. -ganz grob gesagt-

Teilweise nutzt man sie, teilweise nimmt man sie zur Kenntnis, teilweise schmunzelt man darüber, man nimmt sie ernst, man macht sich keinen Kopf,
man überliefert sie, man interpretiert sie, ect.

Ein Mythos lebt solange man an ihm festhält und ihn weitergibt. Viele sind vergessen und untergegangen, viele verändert.

Dieses Thema ist super umfangreich. Das kann ein mächtiger Thread werden, wenn man sich einmal eingelesen und sich verbissen hat.

*gespanntbin*
Mey
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