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| Weltenreisende Registriert seit: 21.01.2007 Ort: NRW Alter: 43
Beiträge: 601
| Barbara Lieber nach Tübingen Es ist Herbst 1966. Hedwig sitzt gedankenverloren im Zug nach Tübingen. Sie macht sich Gedanken, über die Menschen, die sie in Hamburg zurückgelassen hatte: „ Wie werden die Kinder damit klar kommen, dass sie nun wochenlang nicht zu Hause ist? Werden das Aupairmädchen und die Haushaltshilfe mit den 3 Kindern klar kommen? Nur gut, dass die zwei Ältesten schon außer Haus und nur noch die drei Mädchen, 10, 14 und 15 Jahre alt, daheim waren. Und Peter, ihr Mann, wird er die Situation ertragen, ohne zu oft „durchzugreifen“ (wie er es nennt) bei den Kindern?“ Hedwig seufzt. Aber es ging eben nicht anders. Sie musste fahren. Zu peinlich war die Schmach, mit 47 Jahren noch mal mit dem 6. Kind schwanger zu sein. Was hatte die nun 19-jährige Tochter freudig gerufen, als sie am Telefon ihre Schwangerschaft beichten wollte und sagte: „Wir bekommen Familienzuwachs.“? „Was??? Bekommen die Hunde Welpen??“ Ein leicht bitterer Zug machte sich um Hedwigs Mund bemerkbar. Nur gut, dass wir alle Humor haben in der Familie, dachte sie. Sie konnte sich noch gut daran erinnern, als sie das 5. Kind bekam. An die vorwurfsvollen, oder auch mitleidigen Blicke der Nachbarn, wenn sie mit dem Säugling im Kinderwagen, der 4- und der 5-jährigen in Kindersitzen oben drauf und der 10-ährigen an der Hand, manchmal noch mit dem 14-ährigen Sohn im Schlepptau, durch die Straßen ging. So hatte sie sich das nicht vorgestellt, als sie mit Peter geplant hatte, viele Kinder zu bekommen. Sie hatte nicht geahnt, dass man dazu so viel Selbstbewusstsein brauchen würde, wusste sie doch genau, dass sie davon ohnehin eigentlich nichts hatte. Und nun? Das 6. Kind! Natürlich war das nicht geplant. Sie hatte gedacht, „es“ wäre vorbei! Mit 47! Du meine Güte! Da hatte sie sich entschieden, für die letzen Wochen der Schwangerschaft lieber nach Tübingen zu ihrer Freundin zu reisen. Die war außerdem Hebamme und hatte schon die anderen Entbindungen mit ihr durchgestanden. Es war besser so. So würde wenigstens keiner sehen, wie sie mit diesem furchtbar dicken Bauch durch die Gegend gehen würde. Sie würde die entgeisterten Fragen der Menschen nicht hören müssen. „Ach? Noch ein sechstes? Nein, wie schön!“ Sie konnte förmlich den gekünstelten Ton und das Unverständnis hören und erschauerte. Nein, da wollte sie lieber die letzten Wochen im „Exil“ verbringen. Die Entbindung sollte auch dort stattfinden und dann würde sie einfach mit dem Säugling nach Hause kommen, das wäre weniger auffällig, wo doch schon so viele Kinder im Haus umhersprangen... 2 Monate später war es soweit. Hedwig bekam ihr sechstes Kind. Es war ein Mädchen, gesund und kräftig. Peter und ihr 23-jähriger Ältester kamen sie als Delegation der Familie besuchen. Dem Großen war es peinlich, im Warteraum des Krankenhauses selber für ein werdender Vater gehalten zu werden. Er schaute sich den neuen Schreihals an, aber eine rechte Beziehung hatte er nicht zu ihr. Vater war natürlich stolz. In seinem Alter und wieder ein gesundes Kind! Sie nannten die Kleine Barbara. Barbara, die „barbarische“, die Fremdartige, Fremde. Hedwig kam gut klar mit Barbara, hatte sie doch schon reichlich Erfahrungen gesammelt mit Säuglingen und Kindern. Ihr konnte da so leicht keiner mehr etwas vormachen! Auch das Baby nicht! Wenn die schrie, sagte Hedwig: „Ich lasse sie immer schreien. Hunger kann sie keinen haben, ich habe sie gefüttert. Und ordentlich schreien ist eben so etwas wie eine gute Gymnastik für das Kind, so pumpt sie wenigstens mal richtig Luft in die Lungen.“ Damit die Schreierei nicht zu sehr auf die Nerven fiel und auch weil das Wetter ja gut war und die frische Luft der Kleinen beim Schreien sicherlich gut tat, stellte sie den Kinderwagen oft auf die Terrasse und ließ die Kleine dort das Schreien und die Luft genießen. Die Einzige im Haushalt, die immer Anteil nahm, am Schreien der kleinen Barbara, war Hella, die Bernhardiner-Hündin. Hella wachte Tag und Nacht an der Wiege der kleinen Barbara und achtete sorgsam darauf, dass kein Unbefugter an die Kleine käme. Besonders unheimlich war es ihr, wenn „der Mann“, Barbaras Vater, den sie Peter nannten, am Wochenende nach Hause kam und dann die Kleine aus der Wiege nehmen wollte. Die ganze Woche war der nicht da! Und dann kam er einfach und wollte „ihr“ Baby haben? Sie hatte nicht den Mut, sich ihm wirklich entgegenzustellen, denn sie wusste, das er schlug. Nicht nur sie, auch die anderen Kinder hatten schon so manches Mal Schläge bezogen, wenn sie etwas nicht so machten, wie er es für richtig hielt. So versuchte sie immer wieder, den Mann von der Wiege fern zu halten. Immer wieder stellte sie sich zwischen ihn und die Wiege und versuchte ihn abzudrängen. Leider hatte sie keinen Erfolg und konnte nur wachsam daneben sitzen, wenn „der Mann“ die kleine Barbara auf dem Arm hielt. |
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| Interdimensionaler Zwölfender Registriert seit: 12.02.2007 Ort: Aus dem wunderschönen Ruhrgebiet ~
Beiträge: 727
| Schwarze Wölfin, wie schön du schreibst, meine Augen suchen die nächste Zeile.. Maja
__________________ ~ Mache dich nicht klein und hilflos, sondern groß und stark ~ |
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| | #4 (permalink) |
| Weltenreisende Registriert seit: 21.01.2007 Ort: NRW Alter: 43
Beiträge: 601
| Wunderbare Augenblicke Die ersten Jahre, an die Barbara sich später erinnerte, vergingen inmitten ihrer Geschwisterschar, den Hunden und ihrer Mutter. Der Vater war Arzt und arbeitete in einer anderen Stadt. Er war nur an den Wochenenden zu Hause. In der Woche waren die Kinder mit Hedwig allein und genossen ein relativ unreglementiertes Leben. Wenn es aber zu bunt wurde, begann Hedwig zu drohen: „Wartet nur, bis der Vater heimkommt! Dem werde ich erzählen, was passiert ist!“ Die älteren Geschwister erstarrten unter diesem Fluch, wussten sie doch, dass dieses keine lehre Drohung war. Barbara sollte erst später lernen, was sie zu bedeuten hatte. In den ersten Jahren jedenfalls war sie immer hellauf begeistert, wenn der Vater nach Hause kam. Eine wundervolle Besonderheit war, dass Barbara ganz alleine, ohne die Geschwister, am Morgen zu den Eltern ins Bett durfte. Der Vater war ein Langschläfer und bis er soweit war, wirklich aufzustehen, durfte Barbara zwischen Hedwig und Peter im Bett spielen. Ach wie herrlich konnte man aus den Decken und Kissen die Gehege von „Hagenbeck’s“, dem Hamburger Zoo nachbauen! Wie aufregend war es, im „Löwengehege“ als kleiner Löwe neben dem schlafenden Vater zu liegen und zu brummen und maunzen, bis der König der Tiere erwachte. Ohja! Und wie lustig und gleichzeitig unbeschreiblich aufregend war es, sich in gespielter Panik zu retten, wenn der alte Löwe erwachte und unter großem Gebrüll mit einem Scheinangriff das Löwenjunge überwältigte, um dann herzhaft mit ihm zu schmusen! Eines Tages geschah das Unfassbare: Nicht genug damit, dass Barbara nicht mehr im vertrauten Heim spielen und die umliegenden Wälder unsicher machen durfte und statt dessen in den Kindergarten musste, gleichzeitig wurde Barbara auch noch aus dem elterlichen Schlafzimmer verbannt. Sie verstand die Welt nicht mehr. Warum wurde sie auf einmal verbannt? Warum durfte sie auch nicht mehr einfach in das Schlafzimmer spazieren, ohne dass sich der nackte Vater wie ertappt hinter den Schränken versteckte und warum wurde sie sofort mit strengen Worten hinausgeschickt? Hatte sie etwas falsch gemacht? War sie böse? Barbara konnte sich diese Wendung nicht erklären. Und dann auch noch dieser schreckliche Kindergarten! Man musste immer mit den anderen spielen und immer das, was die Erzieher vorschlugen. Barbara hatte keine Lust mir Bauklötzen im dunklen Zimmer zu spielen, war sie es doch gewöhnt, durch die Wälder zu streifen. Barbara hasste es auch, länger als notwendig von der alten Hella getrennt zu sein. Hella war ihr verfallen mit Haut und Haaren. Sie war schon alt und blind, aber sie liebte „ihr“ Baby immer noch wie am ersten Tag. Und wenn „ihr“ Baby befahl, sie solle sich setzten oder legen, tat sie das mit Wonne, weil sie wusste, dass Barbara sogleich ihre Hände und ihr Gesicht in ihr weiches, langes Fell vergraben würde. Ach! Es gab keine besseren Augenblicke, als diese Momente reiner Zärtlichkeit! Barbara war nur ein kleines Stück größer als die Hündin, aber sie konnte mit Hella durch die Wege spazieren, die eine Hand am Halsband, fast wie mit einem Pferd. Eines Tages geschah es dann: Hella starb an Altersschwäche. Barbara war verzweifelt über das Verschwinden ihrer besten Spielkameradin. Niemand in der Familie erklärte ihr, was geschehen war. Es gab keine Erklärung und Fragen in diese Richtung wurden abgewimmelt. Und Barbara blieb ratlos und allein. Erst Jahre später, als Barbara das Rechnen erlernt hatte und besser Bescheid wusste über die Lebensdauer von Hunden, begriff sie, was da wohl vorgefallen war. Es gab in Barbaras Leben darauf folgend eine lange Reihe von Hunden. Jeder mit seinem eigenen Charme und seiner eigenen Art. Doch sollte es 36 Jahre dauern, bis Barbara wieder ihr Herz so an einen Hund hängte, wie damals an Hella. |
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