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Alt 17.10.2007, 22:56   #1 (permalink)
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Göttliche Pflanzen: Heilkräuter in der germanischen Tradition

Nach germanischem Verständnis enthalten Pflanzen (und Steine) die leibhaftige Gegenwart der Götter. Heilkräuter „sind von Göttern an einsamer heiliger Stätte geschaffen, aus dem Blut unschuldiger gesprossen, von Vögeln herangetragen“, heißt es bei Jacob Grimm in der „Deutschen Mythologie“.

Zwar wissen wir nicht, wie es in grauer Vorzeit zur Begegnung der Götter mit den Pflanzen kam, doch die volkstümlichen Namen mancher Heilkräuter lassen gewisse Rückschlüsse auf eine mythische Verbindung mit den Göttern zu.

So gibt es beispielsweise Pflanzennamen, die auf den Gott Donar verweisen: Die Hauswurz, die auf Dächern wachsend den Blitzschlag abwenden soll, hieß Donnerbart, die Fetthenne wurde Donnerkraut genannt, der Erdrauch hieß Donnerflug und das Männertreu bezeichnete man als Donnerdistel. Der Gundermann, eine alte germanische Heilpflanze, die auch gegen Zauber schützen sollte, hieß Donnerrebe.

Nach dem Himmels-, Kriegs- und Versammlungsgott Ziu oder Thyr ist der Seidelbast benannt, der u.a. auch Ziolinta hieß (Zio = Gott, Linta = Bast). Die giftige Zauberpflanze gehörte zu den heiligen Pflanzen der germanischen Götterwelt. Die Pflanzenteile wurden als heilendes Gift auf Haut und Wunden gelegt. Eine andere Verwendungsmöglichkeit gab 1612 der Inquisitor Pierre de Lancre an: „Mit der Rinde, dem Mark und den Samen des Seidelbastes und mit Kröten bereitet man zum Sabbat ein sehr wirksames Gift.“ Diese Aussage lässt nach Christian Rätsch auch an eine schamanische Nutzung in heidnischer Zeit denken.

Der Name des Kriegsgottes Zio = Ziu = Tyr findet sich in Thyrihialm (ebenso Thorhialm oder Thorhat). Gemeint ist damit der Helm oder Hut der Götter Tyr oder Thôrr – die Pflanze, die wir heute als Sturmhut oder Eisenhut kennen (die giftigste Pflanze Europas!), die später in christlicher Zeit auch als „Teufelswurz“ bezeichnet wurde. Die helmförmige Blüte des Eisenhut wurde den beiden kriegerischen Göttern zugeordnet, die nach mythischem Verständnis mit der Pflanze selbst identisch waren – und eben diese Identität begründete die Zauberkräfte der Pflanze.

Die „Eberpflanzen“ wie beispielsweise Eberwurz (Silberdistel), Eberraute und Eberesche haben ebenfalls einen klaren Bezug zu den germanischen Göttern. Über die Eberesche berichtet Jacob Grimm, der Geist des Kriegsgottes Thôrr sei auf den Strauch übergegangen, als der Gott sich in einem Strom an ihm festhielt; auf diese Weise sei der Strauch ein Teil des Gottes geworden. Die Eberraute, so schreibt Christian Rätsch, stand bei den Germanen im Zusammenhang mit Freyr und seiner Schwester Freyja; ihnen war auch der Eber als Tier heilig.

Die Mistel spielte nicht nur bei den Kelten, sondern auch bei den Germanen eine wichtige Rolle. Ein Mistelzweig tötete Balder, den Sohn des Odin und der Frigg – und so wurde die Mistel fast zwangsläufig als hochheiliges und wundertätiges Kraut verehrt. „Ein Mistelzweig öffnete die Pforten der Unterwelt und schützte vor Zauberei und Krankheit“, heißt es in einem alten Buch über vergleichende Volksmedizin. „Bei den germanischen Völkern durfte sie in keinem Zaubertranke fehlen.“ Weil die Sonne (Balder) vom Winter (der Mistel) getötet wird, war die Mistel das pflanzliche Symbol für die Wintersonnenwende – was einige der heutigen Weihnachtsbräuche erklärt.

Es gibt sicher noch eine ganze Reihe weiterer Beispiele für „göttliche Heilpflanzen“ - worum es mir hier aber im wesentlichen geht, ist die Schlussfolgerung:

Bei unseren Vorfahren, d.h. in unserer eigenen einheimischen Tradition, hatte die Heilwirkung von Pflanzen ursprünglich nichts mit der Pflanze als solcher oder gar ihren biochemischen Inhaltsstoffen zu tun, sondern war Ausdruck einer göttlichen Kraft, die auf den Kranken überging und seine Gesundheit (womit nicht nur Symptomfreiheit gemeint ist) wieder herstellte.

Was heilte, war nicht die Pflanze selbst, sondern das Göttliche, das in ihr zum Ausdruck kam, und genau diese Vorstellung findet sich auch in vielen anderen Heiltraditionen, deren Wurzeln ähnlich weit in die Vergangenheit zurückreichen. Ob es vielleicht gerade das ist, was uns heute an diesen Traditionen so fasziniert?

Quellen:

Günther Stille: Kräuter, Geister, Rezepturen. Eine Kulturgeschichte der Arznei, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2004

Christian Rätsch: Der heilige Hain. Germanische Zauberpflanzen, heilige Bäume und schamanische Rituale, AT Verlag, 2. Aufl. Baden und München 2006
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